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Gutenberg > Hermann Sudermann >

Frau Sorge

Hermann Sudermann: Frau Sorge - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Sorge
authorHermann Sudermann
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24168-9
titleFrau Sorge
pages3-237
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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20

»Was mag der Vater da haben?« sagte Frau Käthe Erdmann zu Frau Grete Erdmann, die beide des Wegs dahergefahren kamen, um die Heimat zu besuchen und bei dieser Gelegenheit dem Bruder das Herz auszuschütten.

Der Alte stand geduckt in einem Winkel hinter der Scheune und machte sich in den Strohhaufen zu schaffen, die dort aufgeschichtet lagen. Als er den Wagen rasseln hörte, hielt er erschrocken inne und rieb sich die Hände wie einer, der sich Mühe gibt, unbefangen zu erscheinen.

Die beiden Schwestern sahen sich an, und Grete meinte: »Man müßte Paul einen Wink zukommen lassen.«

Oh, sie waren sehr vernünftig geworden, die beiden Wildlinge, innen nicht minder wie außen; ihre wirren braunen Locken drückten sich glattgekämmt an den Ohren vorbei, und die glühenden Augen trugen einen müden Schimmer, als wüßten sie nun, wie's tut, wenn man in stiller Kammer sich satt weint. Frau Käthe hatte freilich auch drei stramme Jungen, bei Frau Grete zeigten sich gar schon Hoffnungen auf etwas viertes, und jeder weiß:

Mutterschaft macht müde!

Paul arbeitete draußen im Moor, aber der Vater kam mit verschmitztem Lachen daher, und seine Krücke schwenkend, rief er: »Lauf ich nicht wieder wie'n Junger?«

Frau Käthe sprach ihre Bewunderung aus, und Frau Grete stimmte ihr bei.

»Es geht wie geschmiert«, lachte er, »vorgestern hab' ich sogar einen Spaziergang nach Helenenthal gemacht.«

Erstaunt, fast erschrocken sahen sie ihn an, denn er war seit seinem Auszug nicht mehr dort gewesen.

»Wie hat man dich empfangen?« fragte Frau Grete.

»Wer? Wie? – Ach, ihr dachtet wohl, ich hätt 'ne Nachbarsvisite gemacht? Ihr seid mir die Rechten! Eher ging ich bei eurem Hofhund zu Gaste und fräß ihm die Hammelknochen weg!«

»Aber was tatest du denn dort?«

»Durchs Hoftor hab' ich geguckt und hab' nach der Uhr gesehen und bin dann wieder heimgegangen. Wie lange, glaubt ihr wohl, daß ich brauche, um hinzukommen –? Ratet einmal!«

Sie hatten keine Ahnung.

»Anderthalb Stunden, akkurat wie ein Schnelläufer... Freilich« – er schaute sinnend vor sich hin –, »wenn man noch was trägt, kann's an die zweie dauern.«

»Und bloß, um das auszurechnen, bist du...?«

»Bloß deshalb, mein Schatz, bloß deshalb!« Und seine Augen funkelten unheimlich.

Alsdann setzte man sich in die Veranda, welche Paul nach dem Muster des weißen Hauses vor der Tür hatte errichten lassen. Die alte Haushälterin, welche früher den Erdmanns die Wirtschaft geführt und nach der Heirat von dort zum Heidehof übergesiedelt war, mußte in die Küche wandern, um Kaffee zu kochen und Waffeln zu backen, und da der Vater mit seinen Töchtern nichts Besseres zu reden wußte, so schimpfte er auf Paul und die Schwiegersöhne. Er tat es heute weniger aus Liebe zur Sache, wie aus alter Gewohnheit, seine Gedanken schienen ganz woanders zu weilen, und während er sprach, rückte er mit unheimlicher Geschäftigkeit auf seinem Stuhl hin und her.

»Laß uns hineingehen!« sagte Käthe. »Wir müssen uns ein wenig in der Wirtschaft umsehen, auch fliegen wir hier beinahe auf, so weht uns der Wind unter die Röcke.«

»Es wird Sturm geben zur Nacht«, meinte Grete. Und dann plötzlich wandten beide sich erschrocken um, denn das Lachen, das der Alte hören ließ, hatte so gar seltsam geklungen.

»Laß es nur Sturm geben«, meinte er, ein wenig verlegen, »das schadet rein gar nichts. Gibt's bei euch in der Ehe nicht auch manchmal Sturm?«

In Käthes Antlitz blitzte es auf wie von alter Schelmerei, aber Grete zog die Mundwinkel herunter, als wollte sie weinen. Bei ihr schien der letzte noch nicht ganz verwunden.

»Ja, es wird früh Herbst dieses Jahr«, meinte sie mit einem Anfall von Melancholie.

Der Alte blies »Wenn die Schwalben heimwärts ziehn«, und Käthe meinte:

»Laß es Herbst werden, die Scheunen sind ja voll.«

»Gott sei Dank«, kicherte der Alte, »sie sind voll.«

Die Schwestern hatten sich umschlungen und schauten, die Stirnen gegen die Scheiben gelehnt, auf den sonnbeglänzten Hof hinaus, auf welchem die Sandwolken in hohen Tromben zum Himmel wirbelten...

Mit Dunkelwerden kam Paul nach Hause, schwarz wie ein Mohr, denn der Torfstaub, der vom Winde umhergetrieben wurde, hatte sich ihm in Bart und Antlitz festgesetzt.

Er reichte den Schwestern stumm die Hand, blickte ihnen scharf in die Augen und sagte: »Hernach werdet ihr mir klagen.«

Grete sah Käthe an, und Käthe sah Grete an, dann lachten sie plötzlich hell auf, ergriffen ihn bei beiden Schultern und tanzten mit ihm in der Stube herum.

»Ihr werdet euch schwarz machen, Kinder«, sagte er.

»Mein Liebster ist ein Schornsteinfeger«, trällerte Grete, und Käthe sang den zweiten Vers: »Mein Liebster ist aus Mohrenland.«

Darauf küßten sie ihn und liefen vor den Spiegel, um zu sehen, ob der Kuß abgefärbt hatte.

Als er hinausgegangen war, sich zu säubern, meinte Grete: »Drollig, er braucht einen bloß anzusehen, und alles ist wieder gut.«

Und Käthe fügte hinzu: »Aber er selber ist heute schweigsamer als je.«

»Paul, sei gut!« schmeichelten sie, als sie alle zusammen beim Abendbrottisch saßen. »Wir dürfen nur alle Jubeljahr einmal hierher...! Mach uns ein freundlich Gesicht.«

»Habt ihr vergessen, welch ein Tag heute ist?« erwiderte er, indem er ihre Haare streichelte.

Sie erschraken, denn sie dachten zuerst an den Todestag der Mutter, aber erleichtert atmeten sie auf – der fiel ja in die Johanniszeit.

»Nun?« fragten sie.

»Heute vor acht Jahren brannte unsere Scheune!«

Alle schwiegen – nur der Vater grollte und lachte in sich hinein.

 

Es fing an, finster zu werden, über die Heide her glomm noch ein glühroter Streif, der einen Feuerschein über den weißgedeckten Tisch hinwarf... An den Fensterläden rüttelte der Sturm.

Gut, daß die Haushälterin jetzt ins Zimmer trat. Eine geschwätzige Alte, die stets mit Neuigkeiten aufzuwarten wußte.

»Na, Frau Jankus, was gibt's Gutes?« rief Käthe ihr entgegen, froh, den Alp der Erinnerung loszuwerden.

»Oh, Madamchen«, rief die alte Person, »wissen Se's denn noch nich? – In der Kirche geht's heute hoch her. Das ganze Dorf windet Kränze – über dem Altar haben se 'ne Jirlande angebracht von lauter Remontantenrosen, und zu beiden Seiten stehn die scheensten Olejanderbeime.«

»Was ist denn los?«

»Hochzeit ist los! Das Fräulein Douglas macht morgen Hochzeit!«

Die beiden Schwestern schraken zusammen, warfen sich einen raschen Blick zu und schauten dann auf Paul. – Der aber drehte eine Brotkrume zwischen den Fingern und tat, als ob ihn die Geschichte nicht im mindesten anginge.

Die Schwestern warfen sich einen neuen Blick zu und nickten verständnissinnig. Dann ergriffen sie in gleichem Impuls seine beiden Hände.

»Kinder, ihr zerreißt mich ja!« sagte er mit einem schwachen Lächeln.

»So, dann gibt's ja heute Polterabend drüben?« fragte der Vater, der plötzlich sehr lebendig geworden war.

»Wahrscheinlich, wahrscheinlich«, antwortete die Wirtschafterin. »Vorhin sah ich 'nen Haufen von Kindern vorübergehn, die waren ganz beladen mit alten Töpfen und sonstigem Gekrassel.«

»Bei unserer Hochzeit haben sie's glimpflich gemacht«, meinte Grete, und beide Schwestern sahen sich an und lächelten träumerisch.

»Das trifft sich ja prächtig«, raunte der Alte und rieb sich die Hände.

»Warum prächtig?« fragte Paul.

»Ach, ich meine nur so... Zufall – derselbe Tag, wo sie unsere Scheune niederbrannten. Sag mal – du, Paul, du warst ja wach – was war wohl die Uhr, als du die Flamme aufsteigen sahst?«

»Eins kann es gewesen sein.«

»Na, du mußt's ja wissen. Was du in Helenenthal eigentlich zu suchen hatt'st, ist mir zwar noch heute unklar, aber es ist gut – ganz gut so –, ich weiß nun ganz genau, um wieviel Uhr es war!«

»Dann weißt du was Recht's«, sagte Grete lachend.

»Weiß ich auch!« erwiderte er trotzig. »Wirst schon sehn, mein Töchterchen, wirst schon sehn!«

Käthe wollte der Schwester zur Hilfe kommen, aber Paul winkte ihnen heimlich zu, daß sie den Alten in Ruhe ließen.

Bald darauf nahmen die Schwestern Abschied.

»Du wolltest Paul ja sagen, daß der Vater hinter der Scheune Heimlichkeiten hat«, sagte Käthe, als sie beide auf dem Wagen saßen.

»Ja, richtig!« erwiderte diese, ließ den Kutscher halten und winkte Paul zu sich heran. Aber der Alte, der in seinem Mißtrauen überall hinzuhorchen pflegte, drängte sich dazwischen, und so mußte es unterbleiben.

Als Paul bei seinem allabendlichen Rundgang in die Küche kam, gewahrte er, wie der Vater mit der Wirtschafterin um einen irdenen Topf unterhandelte.

»Wozu brauchen Sie den Topf, Herr Meyhöfer?« fragte die Alte.

»Ich will auch Polterabend feiern gehen, Frau Jankus!« erwiderte er mit einem hohlen Gelächter. »Vielleicht schenken sie mir dort was vom Hochzeitskuchen.«

Die Alte wollte sich schier zuschanden lachen, und der Vater humpelte mit seinem Topf in das Schlafzimmer, dessen Tür er sorgfältig hinter sich verschloß...

Das Haus war zur Ruhe gegangen, nur Paul trieb sich noch auf dem dunkeln Hof umher.

»Also morgen macht sie Hochzeit«, sagte er, die Hände faltend, »wenn ich ein guter Christ wäre, müßte ich nun für ihr Glück ein Vaterunser beten... Aber so ein schlapper Geselle bin ich doch noch lange nicht... Ich glaub', ich hab' sie mal sehr liebgehabt, mehr lieb, wie ich selber wußte... Wie mag es nur gekommen sein, daß ich ihr so fremd geworden bin?« Er sann und sann, konnte aber zu keinem rechten Schluß kommen.

Der Mond ging über der Heide auf – eine große, blutrote Scheibe, die einen ungewissen Glanz über den Hof hinbreitete... Der Sturm schien sich verstärkt zu haben... Er pfiff in den Ecken und brauste durch die Wipfel...

»Wenn heute eine Feuersbrunst ausbräche, so würde sie mit der Scheune wohl nicht zufrieden sein«, dachte Paul, und dabei fiel ihm ein, daß er dem Agenten ein Monitum schicken müßte, damit er die Versicherung beschleunige. »Denn man kann nicht wissen, was über Nacht geschieht... Ich will schlafen gehn«, schloß er seine Überlegungen, »morgen ist auch ein Tag und – ein Hochzeitstag dazu.«

Auf Zehenspitzen schlich er sich in sein Schlafzimmer, das er sich neben dem des Vaters eingerichtet hatte, um hilfreich beispringen zu können, wenn dem alten Mann irgend etwas passierte. Er zündete kein Licht an, denn der höhersteigende Vollmond schien bereits hell in das Gemach.

»Ob du wohl heute noch einschlafen wirst?« dachte er eine Stunde später. – Die Schatten der sturmbewegten Blätter tanzten auf der Bettdecke einen wilden Reigen, und zwischendurch tanzten die Mondlichter wie weiße Flämmchen.

»In jener Johannisnacht schien der Mond ebenso hell«, dachte er, und dabei fiel ihm ein, wie weiß das Nachtkleid Elsbeths unter dem dunkeln Mantel hervorgeleuchtet hatte.

»Das war doch die schönste Nacht in meinem Leben«, murmelte er mit einem Seufzer, und darauf beschloß er einzuschlafen und zog sich zur Bekräftigung die Bettdecke über die Ohren...

Eine Weile darauf war es ihm, als hörte er im Nebenzimmer den Vater leise aufstehen und zur Tür hinaushumpeln... Deutlich hörte er, wie die Krücke auf den Steinfliesen des Hausflurs klapperte. »Er wird wohl gleich wiederkommen«, dachte er, denn es geschah öfters, daß der Vater in der Nacht noch einmal aufstand. Hierauf überfiel ihn ein unruhiger Halbschlaf, in welchem allerhand schreckhafte Träume einander jagten. Als er vollends wieder erwachte, stand der Mond schon hoch am Himmel, kaum daß noch ein Strahl ins Zimmer fiel. Doch Garten und Hof lagen gebadet in seinem Licht.

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