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Frau Sorge

Hermann Sudermann: Frau Sorge - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Sorge
authorHermann Sudermann
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24168-9
titleFrau Sorge
pages3-237
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Mit lautem Aufschrei fuhren sie alle empor. – Kaum hatten die Brüder ihn erkannt, als sie Miene machten, auf und davon zu gehen, aber die Mädchen klammerten sich wimmernd an sie an. Sie suchten Schutz vor dem eigenen Bruder.

»Hierher!« rief er ihnen zu. – Da ließen sie von ihren Geliebten ab und flohen zueinander, um sich gegenseitig zu decken.

Die beiden Erdmanns wichen immer weiter zurück.

»Ihr bleibt hier!« schrie er.

»Was willst du von uns?« sagte der Ältere, der seine Frechheit zuerst wiedergewann.

»Rede sollt ihr mir stehen.«

»Du weißt ja, wo wir zu finden sind«, sagte der Jüngere und zupfte seinen Bruder am Rockschoß, daß er mit ihm Reißaus nähme. Aber in diesem Augenblick hatte ihn Paul an der Brust gepackt...

»Laß los«, rief er.

»Ihr kommt mit ins Haus.«

»O nein, lieber nicht«, sagte der Ältere.

»Ich weiß gar nicht, was du von uns willst«, sagte der Jüngere, dem unter dem eisernen Griff von Pauls Fäusten nicht wenig bange ward. »Wir lieben deine Schwestern – mit dir haben wir nichts zu tun.«

»Und wenn ihr sie liebt, wißt ihr denn nicht, wo die Tür ist, durch die ihr kommen konntet, um sie zu werben? Ihr Räuber, die ihr seid!«

In diesem Augenblicke hatte Ulrich den Bruder aus Pauls Fäusten gerissen, und ehe er zur Besinnung kommen konnte, flohen sie beide in wilder Hetze durch den Garten, sprangen über den Zaun und verschwanden in dem Dunkel der Heide. Ganz betäubt wandte er sich um und sah die Schwestern hinter einem Baumstamm kauern.

»Kommt!« sagte er, nach dem Hause hinweisend, und schluchzend folgten sie ihm.

Als sie in ihre Kammer schlüpfen wollten, sagte er, die Tür des Wohnzimmers öffnend: »Hier hinein.« Zitternd duckten sie sich in einen Winkel, denn sie wußten nicht, welche Strafe er ihnen zudiktieren würde.

Er zündete selbst ein Licht an, ergriff das Familienalbum und nahm ein Bild heraus.

»Jetzt kommt in die Kammer.« – Zwei reuige Schäfchen, schlichen sie hinter ihm drein.

»Wer ist das?« fragte er in seinem strengsten Tone, auf das Bild hinweisend. Es war ein Jugendporträt der Mutter, fast ganz verlöscht von der Länge der Jahre. Aber sie erkannten es wohl, fielen händeringend vor dem Bette auf die Knie und schluchzten gottsjämmerlich in die Kissen hinein...

Und dann gestanden sie ihm alles. Es war schlimmer, als er je geahnt hätte. – – – – – –

Ein fürchterliches Schweigen entstand. Paul trat ans Fenster und sah in die Nacht hinaus.

»Gott sei Dank, daß du tot bist, Mutter«, sagte er, die Hände faltend.

Da weinten sie laut auf, rutschten auf den Knien zu ihm hin und wollten ihm die Hände küssen. – Er streichelte ihre Haare. Er liebte sie viel zu sehr.

»Kinder, Kinder!« sagte er und sank auf einem Stuhl zusammen, nicht minder hilflos als sie. – –

»Schelt uns, Paul«, schluchzte Käthe.

»Nein, schlag uns lieber«, bat Grete, »wir haben es verdient.«

Er rieb sich die Stirn. Ihm war noch alles wie ein böser Traum. – »Wie hat das nur geschehen können?« murmelte er. »Hab' ich so schlecht auf euch aufgepaßt?«

»Sie haben – gesagt, sie – wollten uns – heiraten!« preßte Käthe hervor. »Wenn's Trauerjahr – vorüber ist, soll Hochzeit sein«, fügte Grete hinzu.

»Und haben sie das gesagt, so werden sie's auch!« rief er, sich selber Trost zuredend. – »Kniet nicht, Kinder, kniet vor dem lieben Gott, ihr habt's nötig. – Dies Bild wird von heute ab allnächtlich auf eurem Nachttisch stehen. – Ob ihr dann noch den Mut haben werdet, auf dem Wege der Schande zu gehen? Gute Nacht.«

Sie stürzten ihm nach und flehten ihn an, er möchte bei ihnen bleiben, sie hätten solche Furcht; aber er machte sich leise von ihnen los und schritt in seine Giebelstube empor, wo er im Dunklen vor sich hin brütete. Er schämte sich so sehr, daß er glaubte, das Tageslicht nicht wieder ertragen zu können...

Am andern Morgen ließ er den Meister rufen und lohnte ihn aus. Der wackere Mann sah ihm ganz erschrocken ins Gesicht. »Aber jetzt, Herr Meyhöfer, da alles im besten Zuge ist?« sagte er.

»Ja, im besten Zuge«, murmelte er nachdenklich vor sich hin. Zum Unglück die Schande – der Meister hatte recht.

»Es ist etwas in die Quere gekommen«, sagte er dann, »was mir die Lust am Arbeiten verleidet. – Lassen wir's vorläufig, und wenn es Zeit ist, werd' ich Sie wieder abholen.«

Der Vater beklagte sich bitter über die nächtliche Störung. »Was hattest du denn im Garten 'rumzutoben?« fragte er. »Ich hörte deine Stimme!«

»Es waren Apfeldiebe da«, erwiderte Paul.

Die Zwillinge hatten verweinte Augen und wagten nicht, die Blicke vom Boden zu erheben.

»So also sehen zwei Gefallene aus«, dachte Paul und gab sich das Versprechen, streng wie ein Gefangenenwärter zu ihnen zu sein. Aber als er sie zum ersten Mal anherrschte und sie ihm von unten herauf mit schmerzlich demütigen Blicken so recht magdalenenhaft in die Augen schauten, da wandelte ihn ein großes Mitleid an, so daß er sie weinend in seine Arme schloß und sagte: »Seid stille, Kinder, 's wird alles gut werden.«

Er hegte die Überzeugung, daß die beiden Erdmanns den Tag nicht vorübergehen lassen würden, ohne auf dem Heidehof vorzusprechen. »Ihr Gewissen wird sie treiben«, sagte er sich. So fest baute er darauf, daß er nach dem Mittagessen den Vater, der in seiner Trägheit ein rechter Schmierfink geworden war, dringend aufforderte, sich einen neuen Rock anzuziehen, da wichtiger Besuch zu erwarten sei. Der Vater fügte sich mürrisch und war hernach doppelt ungehalten, als er fand, daß die große Arbeit umsonst gewesen war.

»Sie werden morgen kommen«, sagte sich Paul beim Schlafengehen, »sie haben heute die Courage nicht gehabt.«

Aber auch der folgende Tag verging, ohne daß jemand sich gemeldet hätte, und so verging die ganze Woche.

Paul rannte wie verstört im Haus umher. Alle zehn Minuten sah man ihn am Hoftor stehen und auf die Heide hinausschauen, so daß die Knechte einander heimlich in die Hüften stießen und Allotria begannen...

»Es ist schade«, sagte er sich, »daß ich noch so unschuldig bin und in Liebessachen nicht die mindeste Erfahrung habe, sonst würde ich schon wissen, was mir obliegt.« Eine qualvolle Angst begann seiner Herr zu werden, und schlaflos wälzte er sich auf seinem Lager.

»Ich muß ihnen die Sache erleichtern«, sagte er eines Morgens, ließ das gelbe Korbwägelchen anspannen, das er unlängst auf einer Auktion erstanden, und fuhr nach Lotkeim, dem Gut der Erdmanns, hinüber, welches sie seit dem Tode ihrer Eltern gemeinsam bewirtschafteten.

Das Herz krampfte sich ihm zusammen in Scham und Ingrimm, als er nun gleich wie ein Bittender das Heimwesen derer betrat, die ihm im Leben schon so viel Böses bereitet hatten. Viel fehlte nicht, so wäre er hinter dem Tor noch einmal umgedreht, aber seine Faust griff fester in die Zügel, und seine Lippen murmelten: »Auf dich kommt es nicht an.«

Er fuhr über den grünbewachsenen Hof, auf dem stellenweise hohes Dornengesträuch wucherte und der von weitläufigen, aber stark verwilderten Wirtschaftsgebäuden umgeben war, und hielt vor dem Wohnhaus, dessen Fensterläden schwarzweiße Ringe trugen, wahrscheinlich, weil sie zeitweise als Schießscheiben benutzt wurden.

»Eine Ehre ist es nicht, seine Schwestern hierher zu verheiraten, aber viel Ehre können sie auch nicht mehr verlangen«, dachte er, indem er das Pferd an das Treppengeländer band, denn keine Menschenseele war zu sehen, die ihm den Zügel hätte abnehmen können, nur aus einer fernen Scheune klang der Viertakt der Dreschflegel.

In demselben Augenblick, da er den Hausflur betrat, war es ihm, als hörte er ein leises Stimmengewirr und das Auf- und Zuschlagen der Hintertüren. Dann ward es plötzlich still.

Er betrat ein Wohnzimmer, in welchem die Reste eines Frühstücks auf dem Tisch standen und das noch von Zigarrenqualm erfüllt war. Eine Weile stand er wartend. Dann schob sich eine alte, dürre Frauensperson mit verlegenem Grinsen durch die Tür des Nebenzimmers.

»Die Herrens sind nicht zu Hause«, sagte sie, ohne seine Frage abzuwarten, »sie sind frühmorgens weggefahren und werden so bald nicht wiederkommen.«

»Tut nichts, ich werde warten!«

Die Alte erhob ein großes Geschwätz, das Warten sei vollkommen unnütz, ihre Heimkunft ließe sich nie im voraus bestimmen, sie blieben oft die ganze Nacht auswärts und dergleichen mehr. Währenddessen glaubte er zu vernehmen, daß ein Wagen im raschesten Tempo vom Hof herunterrasselte. Erschrocken sprang er auf und trat ans Fenster, denn er glaubte, sein Pferd sei durchgegangen; als er es aber ruhig an der Stelle fand, an der er es gelassen, stieg ein Verdacht in ihm auf, ein Verdacht, den er noch eine Minute vorher entrüstet zurückgewiesen hätte.

Die alte Haushälterin wagte nicht, ihm die Tür zu weisen, und unbehelligt, freilich auch ohne Speis' und Trank, saß er wartend auf seinem Platz bis zum Abend. – Als es finster geworden war, trat er mutlos und gedemütigt den Rückweg an.

Am andern Morgen kam er wieder – auch jetzt vergebens. Am dritten Tag fand er das Hoftor fest verriegelt. Ein nagelneues Schloß hing in den Haspen. Es schien eigens für ihn angeschafft.

Da konnte er keinen Zweifel mehr hegen, daß die Brüder ihm absichtlich aus dem Wege gingen. »Sie scheuen sich, mir ins Auge zu sehen«, sagte er sich, »ich will ihnen schreiben.«

Aber als er die Feder ansetzte, um ihr freundliche, versöhnliche Worte abzupressen, da überkam ihn ein solcher Ekel über sein würdeloses Tun, daß er sie auf der Tischplatte zerstampfte und stöhnend im Zimmer umherlief.

»Ich muß erst Kraft schöpfen gehen«, sagte er und schlich lautlos zu der Kammer der Mädchen. Die saßen am Fenster, sprachen kein Wort und starrten mit blassen Gesichtern in die Weite – dann ließ die eine das Köpfchen gegen die Schulter der anderen sinken und sagte leise und traurig:

»Sie werden nicht mehr kommen!«

»Sie haben Angst vor ihm«, seufzte die Schwester.

Und darauf sanken sie wieder in ihr Brüten zurück.

»So«, sagte er, tief aufatmend, dieweil er in sein Zimmer zurückschlich, »ich wußte ja, daß dies helfen würde.« Darauf nahm er einen neuen Bogen und schrieb einen schönen Brief, worin er den Brüdern auseinandersetzte, daß er ihnen nicht mehr zürne, daß er ihnen alles verzeihen wolle, wenn sie den Schwestern die verlorene Ehre wiedergäben.

»Morgen werden sie da sein«, sagte er mit einem Seufzer der Erleichterung, als er das Schreiben in den Briefkasten warf. – Den Rest des Tages irrte er auf der Heide umher, denn er wagte keinem Menschen ins Angesicht zu sehen, so schämte er sich. –

Aber die Erdmänner kamen nicht. – –

Es war am Weihnachtsabend kurz vor dem Dunkelwerden. Tief eingeschneit lag die Heide, und von dem grauen Himmel rieselten neue Flockenmassen, da sah Paul, wie die Schwestern heimlich Hut und Mantel nahmen und zur Hintertür entwischen wollten.

Er eilte ihnen nach und fragte: »Wohin?«

Da fingen sie zu weinen an, und Käthe sagte: »Bitte, bitte, frag uns nicht.« Er aber fühlte eine unheimliche Angst in sich erwachen, und sie an den Armen ergreifend, sagte er: »Ich bleibe hinter euch, wenn ihr mir nicht gesteht.«

Da preßte Grete schluchzend hervor: »Wir gehn zu Mutters Grab.«

Ein Grauen überlief ihn, daß sie – so die heilige Stätte betreten sollten, aber er hütete sich wohl, es ihnen zu zeigen. »Nein, Kinder«, sagte er, ihre Wangen streichelnd, »das duld' ich nicht, es würde euch zu sehr erregen, auch liegt der Schnee sehr tief auf der Heide, und es wird gleich dunkel werden.«

»Aber einer muß doch draußen gewesen sein«, sagte Käthe schüchtern, »heute zum Weihnachtsabend.«

»Du hast recht, Schwester,« erwiderte er, »ich werde selber gehn. Bleibt ihr beim Vater und zündet ihm ein paar Lichter an. So Gott will, bring' ich euch Trost mit heim.«

Sie ließen sich zureden und gingen ins Haus zurück. – Er aber zog sich einen warmen Rock an, setzte sich die Mütze auf und schritt in die Dämmerung hinaus.

»Schließt ihr heute die Tore zu«, sagte er, bevor er den Hof verließ, denn er hatte eine dumpfe Ahnung, daß er erst spät in der Nacht heimkehren würde. Und wenn er sich im Schneegestöber umhertriebe. – –

Lautlos lag die weiße Heide... Tief im Schoße des Schnees ruhten die welken Blumen, und wo sonst ein Wacholderbusch gestanden, erhob sich nun ein weißes Häuflein, anzuschauen wie ein Maulwurfshügel. Selbst die Stämme der Krüppelweiden trugen eine weiße Decke, doch nur an der Seite, von welcher her der Wind sie angeweht.

Mühsam schritt er auf der eingeschneiten Heide dahin, bei jedem Tritt bis über die Knöchel versinkend. In den Lüften zog hin und da mit dumpfem Flügelschlag eine Krähe, schwer gegen das Schneegestöber ankämpfend.

Kein Weg, kein Steg war zu sehen... Die einsamen drei Fichten, die in der Ferne wie schwarze Phantome gen Himmel ragten, waren das einzige Zeichen, nach dem sein Fuß sich richten konnte. Der goldgelbe Streif, der für wenige Momente am Rande des Horizonts aufgeflammt war, erlosch; tiefer sanken die Schatten, und als Paul den Wall des Kirchhofs erreicht hatte, der wie eine gespenstische Mauer sich vor ihm auftürmte, war es vollends dunkel geworden, doch verbreitete der frisch gefallene Schnee einen ungewissen Dämmerschein, so daß er das Grab der Mutter alsbald zu finden hoffte. –

Die Pforte war verschneit, verweht; nirgends ein Eingang zu entdecken.

So tastete er denn mühsam an der Hecke entlang, von der hie und da ein schwärzliches Ästlein seine dornigen Spitzen aus der weißen Hülle hervorstreckte, bis sein Arm tiefer in den Schnee hineinsank, ohne Widerstand zu finden.

Dort wühlte er sich einen Weg in das Innere hinein.

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