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Frau Sorge

Hermann Sudermann: Frau Sorge - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Sorge
authorHermann Sudermann
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24168-9
titleFrau Sorge
pages3-237
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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17

Der Sommer verging, mit seinen Nebelgewändern kam der Herbst über die Heide geschlichen. – Rote Sonnenstrahlen wanderten müde am Waldesrande vorbei, und die Erika senkte ihr purpurfarbenes Haupt. – Um diese Zeit begann auf dem Heidehof, der stiller dagelegen als je bisher, ein seltsames Tönen. Wie Hammerschlag und Glockenklang zugleich hallte es weit über die Heide in streng abgemessenen Takten, bald schriller, bald dumpfer, aber nie ohne melodischen Nachklang, der langsam in den Lüften verzitterte.

Die Bewohner des Dorfes blieben verwundert auf der Straße stehen. Einer fragte: »Was mag bei Meyhöfers los sein?«

Und der andere sagte: »Es klingt fast, als hätt' er sich eine Schmiede gebaut.«

»Sein Glück wird er nicht schmieden«, sagte ein Dritter, und lachend gingen sie auseinander.

Der Vater, der wie gewöhnlich gähnend und mürrisch in seinem Winkel saß, war beim ersten Klange hoch emporgefahren und hatte die Zwillinge gerufen, daß sie ihm Rede ständen. Allein die wußten auch nichts weiter, als daß heute in der Frühe ein Handwerker mit Feilen und Hämmern und Lötzeug aus der Stadt gekommen sei, mit dem Paul, allerhand Pläne und Zeichnungen in der Hand, eine lange Unterredung gehabt habe. Sie liefen schleunigst nachzusehen, und was sie fanden – – –:

Hinter dem Schuppen stand die schwarze Suse, mit einem Holzgerüst umkleidet, wie eine Dame in ihrer Krinoline, und auf dem Gerüst kletterten Paul und der Handwerker eifrig umher, klopften, guckten und schroben an den Nieten.

Verwundert schauten die Zwillinge einander an, denn sie ahnten, daß hier etwas Großes sich vorbereite, doch dem Vater Kunde zu bringen, hielten sie nicht für nötig; sie erinnerten sich, daß zwei kleine Briefchen, die sie geschrieben hatten, durch das Dienstmädchen eilig und geheimnisvoll zum Postamte befördert werden mußten. Paul aber stand hoch oben auf dem rundlichen Leibe der schwarzen Suse, an den schlanken Schlot gelehnt, und schaute sehnsuchtsvoll nach dem Moore hin, wie ein Kolumbus, der eine neue Welt entdecken will.

Der erste Schritt des kühnen Weges war getan. – In den langen, schlaflosen Nächten, die dem Tode der Mutter folgten, wenn der Schmerz mit ehernen Pranken seine Seele umklammerte, dann hatte er vor dem klagenden Bilde der Verblichenen sich in seine Bücher hineingeflüchtet. Wie ein Maulwurf grub er sich seine Wege durch die dunkeln Theorien, und wenn der Kopf ihm sauste, wenn der Leib ihm erschlaffen wollte von der aufreibenden Geistesarbeit, dann rief er sich zu: »Ihre letzte Hoffnung soll nicht zuschanden werden.« – Dann streckten sich seine Glieder, den Kopf durchfuhren Blitze der Energie, und weiter und weiter ging's in rastlosem Schaffen, bis der Wirrwarr des eisernen Rätsels sich in ein Spiel von Harmonie verwandelte, bis jeder Hebel ein Muskel, jede Röhre ein Äderchen ward, ersonnen nach weisestem Plane, wie der Menschenleib von dem Geiste des ewigen Schöpfers.

Wochen und Monde gingen darüber hin. So ganz vertiefte sich sein Sinn in Erkenntnisdurst und Schaffensdrang, daß alles, was ihn sonst bewegte, schattenhaft in die Ferne schwand. Das Bild der Mutter wurde stiller und friedlicher und begann zu lächeln; wie von unsichtbaren Geistern getragen, häufte die Ernte sich in der Scheuer, und als eines Tages das letzte Bündlein Hafer vor dem Schober abgeladen wurde, da schlug er sich mit der Hand vor den Kopf wie ein Träumender und sagte: »Mir ist's, als hätt' ich gestern nur die erste Ähre gesehn.«

Je mehr aber seine Erkenntnis sich ründete und reifte, desto höher schwoll in seiner Seele die Angst um das Gelingen. Als er nach einem Schlosser schrieb, hatte er ein Herzklopfen wie ein Kandidat vor dem Examen. Sein Tun scheute das Licht, als wär's ein Frevel, denn er fürchtete das Ausgelachtwerden. Erst das Klopfen des tastenden Hammers rief die Kunde in die Welt.

Der fremde Meister mußte mit am Herrentische niedersitzen, und der Vater gab ihm seine Mißbilligung dadurch zu erkennen, daß er ihm den Gruß verweigerte und allerhand von Narren und Schmarotzern in den Teller hineinmurmelte.

Allein niemand kehrte sich danach, und die Arbeit nahm ruhig ihren Fortgang.

Nach Pauls Weisungen wurde die Maschine auseinandergenommen und bis in ihre kleinsten Teile hinein geprüft. Die Fehler, die ein Techniker vom Fach auf den ersten Blick erkannt haben würde, mußten diese beiden Männer erst mühsam suchen und einander klarmachen. Oft gab es stundenlange Dispute zwischen ihnen wie in einer Ratsversammlung.

Einmal fragte der Meister ungeduldig: »Warum zum Teufel haben Sie das Ding in keine Reparaturwerkstatt geschickt?«

Paul erschrak. Freilich, das war ein Gedanke! Heute schien er ihm nagelneu, und doch war er ihm früher schon oft zu Sinn gekommen. Aber er hatte ihm niemals Raum geben mögen, er schien ihm zu keck, zu lächerlich – auch hatte er zu große Angst, daß man ihm die schwarze Suse als unverbesserlich zurückschicken werde. Es ging ihm wie jenem Weib aus dem Volke, das ihren Mann lieber selbst zu Tode kurieren wollte, als daß es sich von einem Arzt sagen ließe: »Er ist unrettbar.«

Wenn es dunkel geworden war und der Meister samt den Knechten Feierabend gemacht hatte, pflegte er noch ein Stündchen auf der Werkstätte herumzustöbern, ohne Zweck und Ziel eigentlich, nur weil er die schwarze Suse nicht verlassen wollte. Am liebsten hätte er bis zum Morgen als Nachtwächter neben ihr gestanden. Gerne mochte er hierbei eine Zeichnung oder ein paar seiner Bücher unter den Arm nehmen, ebenfalls ohne Zweck, denn es war ja finster – er wollte nur alles hübsch beieinander haben. Das geschah in der größten Heimlichkeit, denn niemand hatte eine festere Überzeugung davon, daß Paul ein vollkommener Narr war, als Paul selber.

Eines Abends, als er im Dunkeln nach einem Buche kramte, das er mit hinunternehmen könnte, fiel ihn in dem hintersten Winkel seiner Schublade etwas Längliches, Rundes in die Hand, das fein in Seidenpapier gehüllt war.

Er fühlte in der Finsternis, wie er errötete. Es war Elsbeths Flöte. Wie war es nur möglich, daß er ihrer und der Geberin so selten gedacht hatte? Das Schattenreich seines Schmerzes hatte die lichte Gestalt verschlungen, die ihm an jenem dunkelsten der Tage zum letztenmal erschienen, nun war sie ihm über allem Sorgen und Mühen selber zum Schatten geworden. Im ersten Momente vermochte er kaum, sich ihre Züge vor die Seele zu rufen, erst allgemach erstand ihr Bild aufs neue in seinem Innern.

Er nahm die Flöte statt des Buches unter den Arm, schlich sich hinter den Schuppen und setzte sich auf den Dampfkessel. – Neugierig tastete er an den Klappen herum, er setzte auch das Mundstück an die Lippen, aber er wagte nicht einen Ton hervorzubringen, denn er wollte niemanden aus dem Schlafe stören.

»Es wäre wohl schön«, sagte er vor sich hin, »wenn ich allerhand liebliche Melodien blasen und dabei an Elsbeth denken könnte. Ich würde mich dann wieder einmal mit ihr aussprechen können und wissen, daß ich auch für mich selber auf der Welt bin! Aber bin ich denn für mich selber auf der Welt?« fragte er, indem er sinnend eine Kurbel erfaßte. »Wie diese Kurbel sich dreht und dreht, ohne zu wissen, warum, und für sich selber nichts ist wie ein totes Stück Eisen, so muß ich mich auch drehen und drehen und nicht fragen: warum? – – Es soll ja Menschen auf der Welt geben, die das Recht haben, für sich selber zu leben und die Welt nach ihren Wünschen zu bilden, aber die sind anders geartet wie ich, die sind schön und stolz und kühn, und um sie herum scheint immer die Sonne. Die dürfen sich auch die Freude erlauben, ein Herz zu haben und nach diesem Herzen zu handeln. Aber ich – ach, du lieber Gott!« Er hielt inne und besah in trübseligem Staunen die Flöte, deren Klappen in mattem Lichte durch die Dämmerung schimmerten.

»Wenn ich so einer wäre«, fuhr er nach einer Weile fort, »dann würde ich ein berühmter Musiker geworden sein – ich weiß wohl, da drinnen sind viele Melodien, die noch kein anderer gepfiffen hat – und wenn ich mein Ziel erreicht hätte, dann würde ich Elsbeth geheiratet haben – und Vater würde reich und Mutter glücklich geworden sein. Nun aber ist die Mutter gestorben – der Vater ein armer Krüppel – Elsbeth wird einen anderen nehmen – und ich seh' mir die Flöte an und kann sie nicht blasen.«

Er lachte laut auf, und dann rutschte er nach dem Vordergrunde hin, so daß er den Schornstein erreichen konnte. Er streichelte ihn und sagte: »Aber diese Flöte, die will ich spielen lernen, daß es 'ne Freude ist.«

Wie er so da saß, war's ihm, als hörte er vom Garten her halbunterdrücktes Kichern und Geflüster. Er lauschte. Kein Zweifel. Dort koste ein Liebespärchen oder gar mehr als eines, denn es tönten die verschiedensten Stimmen durcheinander wie aus einem Spatzenhäuflein.

»Die Mägde halten sich Liebhaber, wie mir scheint«, sagte er, »denen will ich den Weg weisen.«

Er holte sich eine Peitsche, die an der Stalltür hing, und kletterte leise über den hinteren Gartenzaun, um den fremden Katern den Weg zu verlegen.

Da plötzlich blieb er wie versteinert stehn, seine Augen quollen hervor, und der Peitschenstiel zitterte in seinen Händen. Er hatte die Stimmen der Schwestern erkannt.

Er lehnte sich an einen Baumstamm und lauschte.

»Läßt er euch jetzt in Ruh?« fragte eben einer der Liebhaber im Flüsterton.

»Er hat jetzt zuviel mit seiner Maschine zu tun«, erwiderte die Stimme Gretens, »selbst seine ungesalzenen Predigten erspart er uns...«

»Ihr habt euch doch nie viel daraus gemacht?«

Grete kicherte. »Er ist ja trotz seiner Würde doch bloß ein dummer Junge. Und von Liebe versteht er gar nichts. Solange ich denken kann, schleicht er um die Elsbeth Douglas herum, aber glaubst du, daß er schon je gewagt hat, ein Auge zu ihr aufzuschlagen? Die wird sich natürlich schön bedanken, so 'nen Schmachtlappen zu nehmen – da ist ihr Vetter, der Leo, schon ein ganz anderer Kerl.«

Das Herz drohte ihm stillezustehen, doch er lauschte weiter.

»Ich begreif nicht, warum ihr ihm überhaupt pariert«, sagte die Stimme des Liebhabers, »wir haben ihn stets durchgehauen und dann laufenlassen, und zum Dank dafür hat er uns um Verzeihung gebeten. So 'nem Hans Hasenfuß muß man einfach die Zähne zeigen.«

»Na warte, du Aufhetzer!« dachte Paul, der nun wußte, wen er vor sich hatte.

Grete aber erwiderte eifrig: »Pfui du, das hat er nicht um uns verdient. Er liebt uns so sehr, daß wir uns eigentlich schämen müßten, ihn zu betrügen; was er uns an den Augen absehen kann, schenkt er uns, und ich möchte darauf schwören, daß er nur aus lauter Liebe immer so traurig ist. Da läßt man sich hin und wieder eine Moralpredigt schon gefallen, besonders, wenn man sich hinterher doch nicht daran kehrt.«

»Gut, daß ich das weiß«, dachte Paul und schlich sich im Halbkreise um sie herum, bis er zu der Laube kam, in welcher das andere Pärchen hauste.

Dort ging es bedeutend stiller zu, nur von Zeit zu Zeit tönte ein Kuß oder ein Kichern aus dem Blätterdunkel. Dann hörte er Käthens Stimme: »Und warum hast du jüngsten Sonntag soviel mit Mathilden getanzt?«

»Das ist eine scheußliche Verleumdung«, erwiderte der andere der Brüder. »Welches Lästermaul hat dir das zugetragen?«

»Pfarrers Hedwig hat's mir erzählt!«

»Das ist mir auch die Rechte – neidisch ist sie auf dich, das ist die ganze Geschichte. Wie sie mich jüngsten Sonntag angeschaut hat – ich glaubte, mein Haar müßt' ansengen.«

»Ah, die Falsche!«

»Na, gräm dich nicht drum! Falsch seid ihr alle! Meine kleine süße Lerche, mein Sonnenschein, mein Strudelkopf – leg den Kopf auf meinen Schoß – ich will dich zausen.«

»So?«

»Nein, du liegst auf meiner Uhrkette! So ist's recht! – Sing mir was!«

»Wovon soll ich singen?«

»Von Liebe!«

»Erst verdien's dir – du Strolch!«

Drauf wurde es für eine Weile still, dann begann Käthe leise zu trällern:

»Im Flieder sang die Nachtigall
Bis morgens um halb drei,
Da sprang mit einem leisen Schall
Mein Fensterlein entzwei. – –

Ich lief, das Unglück zu besehn,
Des Morgens um halb drei,
Da fand ich eine Leiter stehn
Und einen Mann dabei – lalala!«

»Sing doch weiter!«

»Ach nein! Eigentlich ist es unanständig.«

»Warum fingst es denn an?«

Sie kicherte und schwieg.

»Sing was anderes!«

»Bevor ich singe, gib mir 'nen Kuß!« Ein kurzes Ringen, dann seine Stimme:

»Was, erst willst du und dann sträubst du dich, du Katze?«

»Hier bin ich!«

»Laß los – Donner – du kratzt!«

»Nimmst du 'ne andere, kratz' ich dir die Augen aus!«

»Weiter nichts?«

»Nein, ich hungere mich tot. Zu meinem Begräbnis mußt du auch kommen. Hu, das wird schön werden! – Paß mal aber auf, ich kenn 'nen schönen Vers:

Weißt du, wie lieb ich dich hab? – –
Es steht auf der Heide ein einsames Grab,
Drin schläft ein toter Sängersmann,
Dem hat's die Liebe angetan.
Er schläft und schläft im dunkeln Haus
Und schläft seine Liebe doch nimmer aus.
Beim Heidegrab um Mitternacht
Da warte, bis er aufgewacht.
Der kennt das Singen, der kennt das Küssen,
Der wird es wissen. – – –

Ist das nicht hübsch?«

»Sehr hübsch! Von wem hast du das, Katze?«

»Ich fand's einmal in einem Arienbuch, das der Mutter gehörte! Ich glaub' gar, sie hat's selber gemacht.«

Paul hatte während dieses ganzen Gesprächs in qualvoller Betäubung dagestanden, doch als er den Namen der Mutter vernahm, da übermannte ihn der Zorn, und er schlug mit seiner Peitsche über die Köpfe des Pärchens dahin, daß die welkenden Blätter der Laube laut raschelnd umherstoben.

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