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Frau Sorge

Hermann Sudermann: Frau Sorge - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Sorge
authorHermann Sudermann
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24168-9
titleFrau Sorge
pages3-237
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Drei Tage später sollte das Begräbnis stattfinden.

Wie Paul vorausgesehen, hatte der Vater es sich nicht nehmen lassen, eine große Festivität zu veranstalten. An alle seine Freunde in der Stadt hatte er Einladungen gesandt, auf schönem Glanzpapier mit fingerbreitem Trauerrande. – Seinem Schmerze hatte er darin in schönen, wohlgewählten Worten Ausdruck gegeben, auch nirgends versäumt, seinen Namenszug mit einem weitausgreifenden Schnörkel zu versehen.

Am Wachtabend, als die Leiche eben aufgebahrt worden, trafen die beiden Brüder ein. Sie waren seit vielen Jahren nicht daheim gewesen, und Paul hätte sie beinahe nicht wiedererkannt. Gottfried, der Gymnasiallehrer, ein würdiger Mann mit strengem Gesichtsausdruck und dem Ansatz zu einem Bäuchlein, führte eine junge, schwarzbeflorte Dame am Arm, seine Braut, die mit verwundertem Blicke die niedrigen, ärmlichen Räume maß und sich bemühte, eine ebenso freundliche wie schmerzbewegte Miene zu zeigen, da ihre Lage beides von ihr verlangte... Max, der Kaufmann, kam hintendrein. Er sah ein wenig locker aus, sein kecker Schnurrbart wollte sich vergebens in die Gemütsverfassung eines frischverwaisten Sohnes hineinzwängen, und seine Trauer äußerte sich weniger in Schmerz als in Unbehagen.

Beide Brüder umarmten den Vater feierlich, und die fremde junge Dame neigte sich hernieder und küßte ihm erst die Hand und dann die Stirne. – Alsdann begrüßten sie die Zwillinge, die in ihren Trauerkleidern frischer und lieblicher dreinschauten denn je. – Paul, der an der Türe stand und verlegen seine Mütze drehte, hatten sie übersehen.

Endlich fragte Gottfried: »Wo ist unser Bruder?« Da trat er schüchtern vor und reichte ihm die Hand...

Drei Augenpaare maßen ihn prüfend...

»Wär' ich doch erst draußen!« dachte er, und sobald es anging, machte er sich in dem Stalle zu schaffen.

Gottfried folgte ihm dorthin. Paul erschrak, als er ihn kommen sah, denn er wußte nicht, was er mit dem vornehmen Mann reden sollte.

»Lieber Bruder«, sagte jener, »ich habe eine Bitte an dich. Kannst du meiner Braut nicht ein freundlicheres Logis verschaffen? Sie fühlt sich ein wenig beengt in der Kammer der Mädchen.«

»Ich werde ihr mein Giebelzimmer einräumen«, sagte Paul.

»Du würdest mich zu Dank verpflichten, wenn du es tätest.«

Dann richtete er noch etliche Fragen an ihn über die Leiden der Mutter, über den Viehstand und über die Hypotheken, die auf dem Grundstück lasteten.

»Ihr Armen«, sagte er, »habt wohl manche Sorgen gehabt. Aber hast du es dir auch angelegen sein lassen, die letzten Tage unserer seligen Mutter so viel als möglich zu erleichtern?«

Paul versicherte, er hätte getan, was in seinen Kräften stand.

»Das freut mich«, erwiderte der Bruder in strengem Tone. »Es wäre eine schwere Pflichtversäumnis gewesen, wenn du es unterlassen hättest. – Und nun komm, laß uns gemeinsam vor die Leiche der Verklärten treten, damit sie vom Himmel herab die Ihren all beieinander schaue.«

Er bot Paul die Hand und zog ihn in das Zimmer, in welchem die Mutter friedlich zwischen Blumen und Lichtern ruhte und wo die andern schon versammelt waren.

Paul blieb beklommen in der Tür stehn. Er hätte viel darum gegeben, hätte er für einen Augenblick mit der Toten allein sein können, da es aber nicht anging, schlich er sich leise hinaus und schaute von draußen durch das Fenster, wo die fremden Gaffer aus dem Dorfe standen, als wäre er einer von ihnen...

Eine Weile später kam Max zu ihm und führte ihn vertraulich beiseite.

»Ich habe eine Bitte an dich, lieber Junge«, sagte er, »die Kehle ist mir ganz ausgetrocknet vom Wegstaub und vom Weinen. Kannst du mir nicht einen Schluck Bier verschaffen?«

Paul erwiderte, es wären wohl zwei volle Achtel da, die sollten aber erst morgen zur Begräbnisfeier angesteckt werden.

»Gib mir nur immer den Kran«, antwortete Max, »ich verstehe mich darauf. Das Bier im Achtel wird morgen so frisch sein wie heute.«

Und als Paul ihm seinen Willen getan, drehte er ihm den Rücken und ging von dannen.

Um elf Uhr wurden die Kerzen am Sarge ausgelöscht man begab sich zur Ruhe.

Paul fand, daß kein Bett mehr für ihn übrig war, und kletterte auf den Heuboden, wo er die Nacht über grübelnd aufrecht saß...

Um zehn Uhr morgens fanden sich die ersten Gäste ein, und zwar solche, die weder zugesagt hatten noch überhaupt erwartet wurden. Als Paul sie kommen sah, war sein erster Gedanke: »Hab' ich auch genug Essen und Trinken besorgt?«, und je mehr Wagen auf den Hof gerollt kamen, je mehr wildfremde Männer den Seinen die schwarzbehandschuhten Hände entgegenstreckten, desto höher schwoll seine Angst, desto lauter klangen die Worte ihm ins Ohr:

»Es wird nicht reichen!«

Der Vater hatte heute wieder einmal seinen großen Tag. Er saß in seinem Tragsessel wie auf einem Throne – seine beiden ältesten Söhne wie Vasallen um sich her – und ließ sich in seinem Schmerze bewundern.

Wenn ein neuer Gast auf ihn zutrat, preßte er die dargebotene Rechte mit seinen beiden Händen, als ob er derjenige wäre, welcher zu kondolieren hätte, neigte gramvoll das Haupt und sprach mit schmerzerstickter Stimme abgebrochene Worte, wie: »Ja, sie ist dahin! – Hin ist hin! – – Es gibt keinen Balsam für die Wunden des Herzens! – Möge der Himmel an ihr gutmachen, was die Erde verschuldete«, und dergleichen mehr.

Dazwischen rief er zu Paul: »Mein Sohn, du sorgst nicht für Wein! – Mein Sohn, Herr Wegmann wünscht eine Zigarre! – Mein Sohn, denke daran, daß unsere Gäste sich erlaben.«

Paul lief von einem zum andern, gleich einem Kellner, zählte voll Angst die Flaschen, die sich mit rapider Hast verringerten, und beneidete die Schwestern, die sich in ihren schönen, schwarzen Kleidern ruhig in eine Ecke setzen und von Herzen ausweinen durften, während die fremde Schwägerin sie tröstete. – An die Trauerkleider hatte er in seiner Berechnung gar nicht gedacht, und es war ein Glück, daß der Kaufmann sie ihm gutschrieb, sonst hätten die Schwestern sich nicht sehen lassen dürfen.

Er selbst sah in seinem unscheinbaren grauen Anzug gar nicht wie ein Leidtragender aus, und die meisten der Gäste, die ihn nicht kannten, gingen ruhig an ihm vorüber und nahmen nur Notiz von seiner Existenz, wenn er ihnen Wein und Zigarren anbot.

Auf dem Hofe hatte sich eine Anzahl fremder Frauen eingefunden, welche die Mutter ihres stillen, schlichten Wesens halber liebgehabt hatten und sich dem Zuge anschließen wollten, ohne daß sie zur Trauergesellschaft gehörten.

Der Feldherrnblick des Vaters hatte sie alsbald entdeckt.

»Paul, mein Sohn«, rief er, »geh hinaus und nötige die Damen ins Trauerhaus.«

Zögernd folgte Paul dem Befehle, denn er wußte nicht, wie er die Einladung in Worte kleiden sollte. Als er auf die Schwelle trat, fiel sein erster Blick auf Elsbeth, die in einfachem Trauerkleide unter den Frauen des Dorfes stand und einen Kranz von weißen Rosen trug. Und als sie ihn sah, füllten sich ihre Augen mit Tränen.

Für einen Augenblick war ihm zumute, als sollte er den Kopf in die Falten ihres Kleides pressen, um sich dort auszuweinen, aber daneben standen die andern und starrten ihn an. Er machte eine linkische Verbeugung und sagte: »Der Vater läßt bitten – ob Sie die Tote nicht sehen möchten.«

Die Frauen schoben sich langsam in das Innere, nur Elsbeth zögerte noch.

»Kommst du nicht auch herein?« fragte er.

»Mein armer, lieber Paul,« sagte sie und ergriff seine Hand.

Er schloß die Augen und taumelte zwei Schritte zurück.

»Komm doch«, sagte er, sich wieder fassend, »sieh sie dir an, sie hat dich ja immer so liebgehabt.«

»Paul, mein Sohn, wo bist du?« hallte die Stimme des Vaters aus dem Innern.

»Paul«, sagte sie stockend unter quellenden Tränen, »du sollst nicht verzagen, es gibt noch andere, die dich – liebhaben.«

»O ja«, sagte er, »ich weiß wohl – aber komm – ich muß Wein einschenken.«

Sie seufzte tief auf, dann ging sie schüchtern hinter ihm drein und mischte sich wieder unter die fremden Frauen.

»Paul, komm' her!« winkte der Vater, der sich heute in seine alte Macht zurückzuträumen schien, und als Paul den Kopf zu ihm niederbeugte, flüsterte er ihm ins Ohr:

»Ich höre, der Wein ist alle? Was heißt das? Willst du uns blamieren?«

»Ich glaub' es sind noch ein paar Flaschen da«, antwortete Paul.

»Sorg, daß sie reichen, bis der Pfarrer kommt; den Frauen mußt du aber auch ein Glas geben, hörst du?«

»O käme doch der Pfarrer bald!« seufzte Paul und mühte sich ab, die Gläser nur halb voll zu schenken.

Und endlich war der Pfarrer da. Die Gesellschaft drängte sich ihm nach in das Zimmer, in welchem die Tote aufgebahrt lag. – Der ganze Raum war gebadet in Sonnenglanz, und durchbrochene Lichter, die ihren Weg durch das leise sich neigende Lindengeästel genommen hatten, spielten lustig auf dem marmorbleichen Angesicht.

Paul half den Stuhl des Vaters an das Kopfende des Sarges tragen, dann zog er sich in einen stillen Winkel zurück, wo er die Trauergesellschaft im Rücken hatte und sich ein wenig ausruhen konnte, denn er war müde vom vielen Herumlaufen.

Aber man ließ ihn nicht zu sich selber kommen. »Wo ist der jüngste Sohn?« fragte der Pfarrer, der die ganze Familie um sich versammelt haben wollte.

»Paul, mein Kind, wo bist du?« rief der Vater.

Da mußte er hervortreten und erhielt seinen Platz dicht hinter dem Sargende, neben dem Stuhle des Vaters.

Durch die Trauergesellschaft ging ein Murmeln, und einige sahen sich bedenklich an, als wollten sie sagen: »Also, das ist auch ein Sohn? – Dann haben wir ja einen Verstoß begangen.«

Auch dem Pfarrer war das Spiel der Sonnenlichter aufgefallen, und er nahm es zum Thema seiner Rede. Wohl glänze unsere Erdensonne hell und freudenhaft, aber das sei noch gar nichts – das sei die pure Finsternis, verglichen mit dem himmlischen Sonnenschein. Alsdann pries er die Tote und pries auch die Hinterbliebenen, vornehmlich den treuen Gatten und die beiden ältesten Söhne als die stolzen Grundpfeiler des Hauses; nicht minder fiel für Paul ein Brocken ab als den Kämmerer, den sein Herr getreu gefunden bis zum Tode.

Schade nur, daß er von dem honigsüßen Lobe nichts vernahm! Ganz gedankenlos starrte er vor sich hin. Sein Blick heftete sich auf die seidene Schleife, welche von der Haube der Mutter emporragte und die sich leise bewegte, wenn der Windzug, der durch die fuchtelnden Arme des Pfarrers entstand, darüber hinstrich. – So glich sie einem weißen Schmetterlinge, der die Fittiche regt, um sich in die Lüfte zu erheben.

Dann wurde ein Choral gesungen und der Deckel auf den Sarg gehoben. – In diesem Augenblick ertönte aus den hinteren Reihen ein markerschütternder Schrei: »Mutter, Mutter!«

Erschrocken und verwundert wandten sich alle um. Elsbeth Douglas war es, die ihn ausgestoßen. Nun lag sie ohnmächtig in den Armen ihrer Nachbarin.

Paul verstand sie wohl. Sie hatte des Augenblicks gedacht, da man der eigenen Mutter den schwarzen Deckel über das tote Antlitz legen würde. Und er schwor sich zu, ihr alsdann treu und tröstend zur Seite zu stehen. Auch der Vater schaute auf, und in seinen Zügen malte sich deutlich die Frage: »Ist die auch hier?«

Elsbeth wurde in ein Nebenzimmer gebracht, und zwei der Frauen blieben bei ihr, bis sie sich erholt haben würde. Der Sarg aber schwankte, hoch emporgehoben, durch die Tür hinaus, bis er auf dem Leichenwagen Ruhe fand.

Paul griff nach seiner Mütze. Da drängte sich Gottfried an seine Seite und steckte ihm etwas Schwarzes, Weiches in die Hand.

»Binde dir wenigstens diesen Flor um den Arm«, flüsterte er ihm zu.

»Weshalb?«

»Man könnte glauben, daß du keine Trauer tragen wolltest.«

Paul erschrak bei diesem Gedanken und tat, wie ihm geheißen. Hinterher grämte er sich, daß er sich von seinem Bruder hatte beschämen lassen müssen, und erst viel später wurde ihm klar, wer von ihnen beiden die größere Trauer getragen.

Der Friedhof lag einsam mitten auf der Heide. Drei einzeln stehende Fichtenbäume verkündeten ihn weit hinaus, und am Rande des Walles, der ihn umgab, blühten dichte Dornenhecken. Dorthin ging der traurige Zug. Die Söhne folgten gleich hinter dem Sarg, der Vater mit den Zwillingen weiter hinten in einem Wägelchen.

Paul starrte vor sich nieder; dachte an den Sand, in dem er watete... an den Wein... an Elsbeth... an Vaters Tragestuhl... und an den Erikakranz, der sich halb vom Sarge gelöst hatte und hinterdreinhing. Er nahm sich vor, wohl aufzupassen, daß er nicht mit in die Gruft hinabgesenkt würde.

Am Grabe fühlte er nichts wie ein heftiges Brennen in den Schläfen, und während der Pfarrer den Segen sprach, fiel ihm plötzlich ein, daß er statt des Weines ganz ruhig hätte Bier verschenken können. Alsdann mußte er auf die Zwillinge achtgeben, die in ihrem Schmerze Dummheiten machten und dem Sarge nachspringen wollten. Er nahm sie in seine Arme, küßte sie und hieß sie den Kopf an seine Schultern legen. Sie taten es, schlossen die Augen und atmeten wie im Schlafe.

Als die ersten Erdschollen auf den Sarg niederkollerten, hatte er ein widriges Gefühl, als rolle man in seinem Kopfe Kegelkugeln in die Runde, und als der Hügel in fahler Nacktheit sich zu erheben begann, dachte er: »Hier muß morgen schon grüner Rasen drum herum...«

Die Menge verlief sich, der Vater wurde zu seinem Wagen zurückgetragen, und die drei Söhne machten sich zu Fuß auf den Heimweg. Max und Gottfried sprachen in leisem, feierlichem Tone von ihren frühesten Erinnerungen an die Verblichene, Paul aber schwieg stille und dachte: »Gott sei Dank, daß ich sie unter der Erde hab'!«

Noch immer raste die krankhafte Geschäftigkeit in seinem Hirn, noch immer hatte er nicht begriffen, nicht begreifen wollen – – – doch als er nun den Hof betrat, der mit seinem schindelgedeckten Stalle und seinen Brandspuren grau und trostlos vor ihm lag, da kam es plötzlich mit der Gewalt eines Blitzstrahls wie eine funkelnagelneue Erkenntnis über ihn: »Die Mutter ist fort!«

Er drehte sich um, griff mit den Händen in die Luft, und wie vom Blitze getroffen sank er zu Boden...

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