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Gutenberg > Hermann Sudermann >

Frau Sorge

Hermann Sudermann: Frau Sorge - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Sorge
authorHermann Sudermann
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24168-9
titleFrau Sorge
pages3-237
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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1

Gerade als das Gut Meyhöfers sich unter dem Hammer befand, wurde Paul, sein dritter Sohn, geboren.

Das war freilich eine schwere Zeit!

Frau Elsbeth mit ihrem vergrämten Gesicht und ihrem wehmütigen Lächeln lag in dem großen Himmelbette, neben sich die Wiege des Neugeborenen, ließ die Augen unruhig umherschweifen und horchte auf jegliches Geräusch, das vom Hofe und aus den Wohnzimmern in ihre traurige Wochenstube drang. – Bei jedem verdächtigen Laut fuhr sie empor, und jedesmal, wenn eine fremde Männerstimme sich hören ließ oder ein Wagen mit dumpfem Rollen dahergefahren kam, fragte sie, in heller Angst die Pfosten des Bettes umklammernd:

»Ist's soweit? Ist's soweit?«

Niemand gab ihr Antwort. Der Arzt hatte streng befohlen, jede Aufregung von ihr fernzuhalten, aber er hatte nicht bedacht, der gute Mann, daß dieses ewige Hangen und Bangen sie tausendmal härter quälen mußte als die schrecklichste Gewißheit.

Eines Vormittags – am fünften Tage nach der Geburt – hörte sie ihren Mann, den sie in dieser bösen Zeit kaum einmal zu Gesicht bekommen, mit schwerem Fluchen und Seufzen im Nebenzimmer auf und nieder gehen. – Auch ein Wort konnte sie verstehen, ein einziges Wort, das er immer aufs neue wiederholte, das Wort: »Heimatlos!«

Da wußte sie: Es war soweit.

Sie legte die matte Hand auf das Köpfchen des Neugeborenen, der mit einem ernsthaften Gesicht still vor sich hin dröselte, und weinte in die Kissen hinein. Nach einer Weile sagte sie zu der Dienstmagd, welche den Kleinen wartete:

»Bestell dem Herrn, ich möchte ihn sprechen.«

Und er kam. – Mit seinen dröhnenden Schritten trat er vor das Bett der Wöchnerin und sah sie an mit einem Gesicht, das in seiner erzwungenen Unbefangenheit doppelt verzerrt und verzweifelt dreinschaute.

»Max«, sagte sie schüchtern, denn sie hatte immer Angst vor ihm, »Max, verheimliche mir nichts – ich bin ja ohnehin auf das Schlimmste gefaßt.«

»Bist du?« fragte er mißtrauisch, denn er erinnerte sich an die Warnung des Arztes.

»Wann müssen wir hinaus?«

Als er sah, daß sie so ruhig dem Unglück ins Auge schaute, glaubte er fürder nicht nötig zu haben, ein Blatt vor den Mund zu nehmen, und wetternd brach er los:

»Heute – morgen – ganz wie es dem neuen Herrn gefällt! – Nur durch seine Barmherzigkeit sind wir noch hier – und wenn es ihm so paßt, können wir diese Nacht auf der Straße logieren.«

»So schlimm wird es nicht sein, Max«, sagte sie, mühsam ihre Fassung bewahrend, »wenn er erfährt, daß erst vor ein paar Tagen ein Kleines eingekehrt ist...«

»So – ich soll wohl betteln gehen bei ihm – was?«

»Oh, nicht doch. Er tut's von selbst. Wer ist es denn?«

»Douglas heißt er – stammt aus dem Insterburgischen trat sehr breitspurig auf, der Herr, sehr breitspurig – hätt' ihn am liebsten vom Hof gejagt.«

»Ist uns was übriggeblieben?« Sie fragte es leise und zögernd und sah dabei auf den Neugeborenen nieder, hing doch von der Antwort vielleicht sein junges, schwaches Leben ab.

Er brach in ein hartes Lachen aus. »Ja, ein Trinkgeld – volle zweitausend Taler.«

Sie seufzte erleichtert auf, denn ihr war zumute gewesen, als hörte sie schon das fürchterliche »Nichts« von seinen Lippen schwirren.

»Was sollen uns zweitausend Taler«, fuhr er fort, »nachdem ihrer fünfzig in den Sumpf geschmissen sind? Soll ich etwa in der Stadt eine Gastwirtschaft aufmachen oder mit Knöpfen und Bändern handeln? Du hilfst vielleicht noch mit, indem du in vornehmen Häusern nähen gehst, und die Kinder verkaufen Streichhölzchen auf den Straßen – hahaha!«

Er wühlte sich in den schon graumelierten, buschigen Haaren und stieß dabei mit dem Fuße gegen die Wiege, daß sie heftig hin- und herschwankte.

»Wozu ist das Wurm nun geboren?« murmelte er düster, dann kniete er neben der Wiege nieder, begrub die winzigen Fäustchen in den Höhlungen seiner großen roten Hände und redete zu seinem Kinde: »Wenn du gewußt hättest, Junge, wie schlecht und niederträchtig diese Welt ist, wie die Unverschämtheit darin siegt und die Rechtlichkeit zugrunde geht, du wärst wahrhaftig geblieben, wo du warst. – Was wirst du für ein Schicksal haben? – Dein Vater ist ein Stück Vagabund, ein Abgewirtschafteter, der sich mit Weib und drei Kindern auf der Straße herumtreibt, bis er einen Ort gefunden hat, wo er sich und die Seinen vollends zugrunde richtet...«

»Max, sprich nicht so – du brichst mir das Herz«, rief Frau Elsbeth weinend und streckte die Hand aus, um sie auf den Nacken des Mannes zu legen, aber diese Hand sank kraftlos hernieder, ehe sie ihr Ziel erreichte.

Er sprang empor – »Du hast recht – genug mit dem Jammern! – Freilich, wenn ich jetzt allein wäre, ein Junggeselle wie in den früheren Tagen, dann ging ich nach Amerika oder in die russischen Steppen, dort wird man reich – ja, dort wird man reich –, oder ich spekulierte an der Börse – heute Hausse, morgen Baisse –, hei, da ließe sich Geld verdienen, aber so – gebunden, wie man ist...«, er warf einen kläglichen Blick auf Weib und Kind, dann wies er mit der Hand zum Hofe hinaus, von wo die lachenden Stimmen der zwei Älteren hereintönten.

»Ja, ich weiß wohl, daß wir dir jetzt eine Last sein müssen«, sagte die Frau demütig.

»Rede mir nicht von Last!« erwiderte er polternd. »Was ich sagte, war nicht bös gemeint. Ich hab' euch lieb – und damit basta! Es fragt sich jetzt nur, wohin? Wäre wenigstens dieses Neugeborene nicht, so ließen sich die Wechselfälle eines ungewissen Daseins eine Zeitlang ertragen. Aber nun – du krank – das Kind der Pflege bedürftig – zu guter Letzt bleibt uns nichts übrig, als irgendein Bauerngut zu kaufen und die zweitausend Taler als Anzahlung zu geben. Heißa, das kann ein Leben werden – ich mit dem Bettelsack, du mit dem Ranzen – ich mit dem Spaten, du mit dem Milcheimer...«

»Das wäre noch nicht das Schlimmste«, sagte die Frau leise.

»Nein?« er lachte bitter. – »Na, dir kann geholfen werden. Da ist zum Beispiel Mussainen zu verkaufen, das klägliche Moorgrundstück draußen auf der Heide.«

»Oh, warum gerade das?« sagte sie zusammenschauernd.

Er verliebte sich sofort in seinen Gedanken.

»Ja, das hieße den Kelch bis auf die Hefe leeren. Im Angesichte stets die verflossene Herrlichkeit – denn du mußt wissen, das Herrenhaus vom Helenenthal glänzt dort geradewegs in die Fenster – ringsum Moor und Brachland an die zweihundert Morgen – vielleicht ließe sich manches urbar machen – Pionier der Kultur könnte man werden. Und was würden die Leute dazu sagen? Der Meyhöfer ist ein ganzer Kerl – würden sie sagen; er schämt sich seines Unglücks nicht, ja er betrachtete es gewissermaßen mit Ironie. Pah, wahrhaftig! Ironisieren soll man sein Unglück – das ist die einzig erhabene Weltbetrachtung – pfeifen darauf soll man! – – Und er stieß einen gellenden Pfiff aus, so daß die kranke Frau im Bette emporfuhr.

»Verzeih, mein Liebchen«, bat er, ihre Hand streichelnd, plötzlich in der rosigsten Stimmung, »aber hab' ich nicht recht? – Pfeifen soll man darauf. Solange man nur das Bewußtsein hat, ein redlicher Mann zu sein, kann man jedes Ungemach mit einer gewissen Wollust ertragen. Wollust ist das richtige Wort. – Das Grundstück ist jeden Tag zu verkaufen, denn der Besitzer hat sich vor kurzem in eine reiche Wirtschaft hineingeheiratet und läßt das alte Gerümpel nun vollends brachliegen.«

»Überleg's dir erst, Max«, bat die Frau in heller Angst.

»Was soll das Zaudern helfen?« erwiderte er heftig. »Diesem Herrn Douglas dürfen wir nicht zur Last liegen, etwas Besseres können wir mit unseren lumpigen 2000 nicht beanspruchen – also frisch zugegriffen...«

Und ohne daß er sich die Zeit nahm, der kranken Frau Lebewohl zu sagen, eilte er von dannen.

Wenige Minuten später hörte sie seinen Einspänner zum Hoftore hinausrollen.

Am Nachmittag desselben Tages wurde ihr ein fremder Besuch gemeldet. – Eine schöne, vornehme Dame sei in einer glänzenden Equipage auf den Hof gefahren und begehre der kranken Herrin eine Wochenvisite abzustatten.

Wer es denn sei? – Sie habe ihren Namen nicht nennen wollen.

»Wie seltsam!« dachte Frau Elsbeth, aber da sie in ihrem Kummer ein wenig an himmlische Sendungen zu glauben begann, so sagte sie nicht nein.

Die Tür öffnete sich. Eine schlanke, zart gebaute Gestalt mit feinen, weichen Gesichtszügen trat schwebenden Schrittes an das Bett der Wöchnerin. Sie ergriff ohne weiteres eine ihrer Hände und sagte mit einer sanften, leise verschleierten Stimme.

»Ich habe meinen Namen verschwiegen, liebe Frau Meyhöfer, denn ich fürchtete, nicht angenommen zu werden, wenn ich ihn vorher nannte. Und am liebsten möchte ich auch jetzt ungekannt bleiben. Ich muß leider annehmen, daß Sie mich nicht mehr mit Wohlwollen betrachten werden, wenn Sie wissen, wer ich bin.«

»Ich hasse keinen Menschen auf der Welt«, erwiderte Frau Elsbeth, »geschweige denn einen Namen.«

»Ich heiße Helene Douglas«, sagte die Dame leise und drückte die Hand der Kranken fester.

Frau Elsbeth fing sofort an zu weinen, die Besucherin aber, als ob sie eine alte Freundin gewesen wäre, schlang den Arm um ihren Hals, küßte sie auf die Stirn und sagte mit ihrer leisen, tröstlichen Stimme: »Seien Sie mir nicht gram. Das Schicksal hat es gewollt, daß ich Sie in diesem Hause verdränge, aber schuld habe ich nicht daran. Mein Mann hat mir eine Überraschung bereiten wollen, denn der Name dieses Gutes stimmt mit meinem Vornamen überein. Meine Freude war sofort verschwunden, als ich hörte, unter welchen Verhältnissen er es erworben und wie gerade Sie, liebe Frau Meyhöfer, in dieser doppelt schweren Zeit haben leiden müssen. Da zwang es mich denn, mein Herz zu erleichtern, indem ich Sie persönlich um Verzeihung bäte für den Kummer, den ich Ihnen bereitet habe und noch bereiten werde, denn Ihre Leidenszeit ist ja noch nicht vorüber.«

Frau Elsbeth hatte, als ob dies so sein müßte, den Kopf an der Fremden Schulter gelegt und weinte still vor sich hin.

»Und vielleicht kann ich Ihnen auch ein wenig nützen«, fuhr diese fort, »mindestens dadurch, daß ich einen Teil Bitterkeit von Ihrer Seele nehme. Wir Frauen pflegen uns besser zu verstehen als die harten, heftigen Männer einander. Die gemeinsamen Leiden, die auf uns lasten, führen uns näher. Und vor allen Dingen eins: Ich habe mit meinem Manne gesprochen und bitte Sie in meinem und in seinem Namen, dieses Haus so lange als Eigentum zu betrachten, als es Ihnen irgend beliebt. Wir bringen den Winter meistens in der Stadt zu und haben zudem noch ein zweites Gut, das wir durch einen Verwalter bewirtschaften lassen wollen. Sie sehen also, daß Sie uns in keiner Weise stören und höchstens einen Gefallen erweisen, wenn Sie noch ein halbes Jahr und darüber hier schalten und walten wie bisher.«

Frau Elsbeth dankte nicht, aber der tränenfeuchte Blick, den sie zu der Fremden erhob, war Dank genug.

»Jetzt seien Sie wieder heiter, liebste Frau«, fuhr diese fort, »und wenn Sie für die Zukunft Rat und Hilfe brauchen, bedenken Sie, daß hier jemand ist, der viel an Ihnen gutzumachen hat. – Und welch ein prächtiges Kind« – sie wandte sich nach der Wiege hin –, »ein Junge oder ein Mädel?«

»Ein Junge«, sagte Frau Elsbeth mit einem schwachen Lächeln.

»Findet er schon Geschwister in dieser Welt? – Aber was frag' ich! Die beiden strammen kleinen Kerle draußen, die mich am Wagen empfingen – darf ich sie näher kennenlernen? – Nein, hier nicht«, wehrte sie hastig ab – »es könnte Sie noch mehr erregen. Später! Später! – Vorerst interessiert uns dieser kleine Weltbürger.«

Sie beugte sich über die Wiege und nestelte das Wickelzeug zurecht.

»Er macht schon eine ganz altkluge Miene«, sagte sie scherzend.

»Die Sorge hat an seiner Wiege gestanden«, erwiderte Frau Elsbeth leise und schwermütig, »daher hat er das alte Gesicht.«

»Oh, nicht abergläubisch sein, meine Beste«, erwiderte die Besucherin. »Ich habe mir sagen lassen, daß Neugeborene in ihren Zügen oft etwas Greisenhaftes tragen. Das verliert sich bald.«

»Gewiß haben auch Sie Kinder?« fragte Frau Elsbeth.

»Ach, ich bin ja eine so junge Frau!« – erwiderte die Besucherin und errötete dabei. »Kaum sechs Monate verheiratet. – Aber –«, und sie errötete noch tiefer.

»Gott stehe Ihnen bei in Ihrer schweren Stunde«, sagte Frau Elsbeth, »ich werde für Sie beten.«

Das Auge der Fremden wurde feucht. »Dank, tausend Dank«, sagte sie. »Und lassen Sie uns Freundinnen sein! Ich bitte Sie recht herzlich! – Wissen Sie was? Nehmen Sie mich zur Patin für diesen Ihren Jüngsten und erweisen Sie mir den gleichen Liebesdienst, wenn der Himmel mich segnet...«

Die beiden Frauen drückten sich stumm die Hände. Ihr Freundschaftsbund war geschlossen...

Als die Besucherin sie verlassen hatte, sah Frau Elsbeth mit einem scheuen, traurigen Blick in die Runde. »Es war noch eben so hell, so sonnig hier«, murmelte sie, »und ist jetzt wieder so dunkel geworden.«

Nach einer kleinen Weile kamen die beiden Ältesten trotz der Abwehr der Wärterin mit hellem Jubel in das Krankenzimmer gestürzt. Ein jeder hielt eine Zuckertüte in der Faust.

»Das hat uns die fremde Dame geschenkt«, jauchzten sie.

Frau Elsbeth lächelte. »Pst, Kinder«, sagte sie, »ein Engel ist bei uns gewesen.«

Die beiden kleinen Burschen machten ängstliche Augen und fragten: »Mama, ein Engel?«

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