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Frau Sorge

Hermann Sudermann: Frau Sorge - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Sorge
authorHermann Sudermann
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24168-9
titleFrau Sorge
pages3-237
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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13

Als er am andern Morgen erwachte, fand er die Mutter neben seinem Bette sitzen. »Du schon auf?« fragte er verwundert.

»Ich hab' nicht schlafen können«, sagte sie mit ihrer leisen Stimme, die immer klang, als bäte sie um Entschuldigung für das, was sie sagte.

»Warum nicht?« fragte er.

Sie antwortete nicht, aber sie streichelte sein Haar und lächelte ihn traurig an, da wußte er, daß die Zwillinge geschwatzt hatten, daß der Gram um ihn es war, der sie nicht ruhen ließ.

»Es war nicht so schlimm, Mutter«, sagte er tröstend, »sie haben sich ein bißchen über mich lustig gemacht, weiter nichts...«

»Die Elsbeth auch?« fragte sie mit großen ängstlichen Augen.

»Nein, die nicht«, erwiderte er, »aber« – er schwieg und drehte sich nach der Wand.

»Aber?« fragte die Mutter.

»Ich weiß nicht«, erwiderte er, »aber es ist ein ›aber‹ dabei.«

»Du tust ihr vielleicht Unrecht«, sagte die Mutter, »und sieh, dies hat sie dir durch die Mädchen geschickt.« Sie zog einen länglichen Gegenstand aus der Tasche, der sorgsam in Seidenpapier gehüllt war. Darin lag eine Flöte, aus schwarzem Ebenholz gedreht, mit glänzend silbernen Klappen versehen.

Paul wurde rot vor Scham und Freude, aber die Freude verflog, und als er das Instrument eine Weile angesehen hatte, sagte er leise: »Was fang' ich nun damit an?«

»Du wirst darauf spielen lernen«, erwiderte die Mutter mit einem Anflug von Stolz.

»Es ist zu spät«, erwiderte er mit traurigem Kopfschütteln, »ich hab' jetzt anderes vor.« – Ihm war, als ob er genötigt würde, etwas Verstorbenes wieder aus dem Grabe hervorzuzerren. – –

»Na, du scheinst dich gestern schön blamiert zu haben«, sagte der Vater, als er mit ihm am Kaffeetisch zusammentraf.

Er lächelte still in sich hinein, und der Vater brummte etwas von Mangel an Ehrgefühl.

Die Zwillinge hatten große, verträumte Augen, und wenn sie einander ansahen, flog ein seliges Leuchten über ihr Gesicht. Die wenigstens waren glücklich. – –

Die Wochen vergingen. – Die Ernte kam unversehrt in die Scheuern – dank Pauls unermüdlicher Fürsorge. Es war ein gesegnetes Jahr, wie es seit langem nicht gewesen. Der Vater aber rechnete bereits, wie er den Ertrag am besten für seine Torfspekulation verwenden könnte.

Er schwadronierte in der alten Weise weiter, und je weniger Herr Douglas nun von sich hören ließ, desto mehr prahlte er in den Kneipen von dem Segen seiner Teilnehmerschaft.

Da er sich einmal aufs Schwindeln eingelassen hatte, so mußte er jede Lüge durch eine neue überbieten. – Mochte Herr Douglas noch so langmütig sein, der Unfug, der mit seinem Namen getrieben wurde, mußte ihm schließlich zu arg werden.

Es war an einem Vormittag in den letzten Tagen des August, als Paul, der mit Michel Raudszus zusammen auf dem Hofe arbeitete, die hohe Gestalt des Nachbarn über die Felder direkt auf den Heidehof zukommen sah.

Er erschrak – das konnte unmöglich etwas Gutes bedeuten.

Herr Douglas reichte ihm freundlich die Hand, aber unter seinen eisgrauen, buschigen Brauen blitzte es unheilverheißend.

»Ist der Vater zu Hause?« fragte er, und seine Stimme klang gereizt und grollend.

»Er ist im Wohnzimmer«, erwiderte Paul beklommen, »wenn Sie erlauben, begleit' ich Sie zu ihm.«

Der Vater sprang beim Anblick des unerwarteten Gastes ein wenig verlegen von seinem Stuhle auf; aber er faßte sich sogleich, und in seinem bramarbasierenden Tone begann er: »Ah, gut, daß Sie hier sind, Herr..., ich habe dringend mit Ihnen zu reden.«

»Ich mit Ihnen nicht minder!« erwiderte Herr Douglas, sich mit seiner massigen Gestalt dicht vor ihm aufpflanzend. »Wie kommen Sie dazu, lieber Freund, meinen Namen zu mißbrauchen?«

»Ich – Ihren Namen – Herr – was erlauben – Paul, geh hinaus!«

»Mag er nur drin bleiben«, erwiderte Douglas, sich nach Paul umwendend.

»Er soll aber hinaus, Herr!« schrie der Alte. »Ich bin doch wohl noch Herr in meinem Hause, Herr?«

Paul verließ das Zimmer.

In dem dunkeln Hausflur fand er die Mutter, welche die Hände gefaltet hatte und mit stieren Blicken nach der Türe sah. Bei seinem Anblick brach sie in Tränen aus und rang die Hände. –

»Er wird uns noch den einzigen Freund verscherzen, den wir auf Erden haben«, schluchzte sie, und dann sank sie in seinen Armen zusammen, krampfhaft aufzuckend, wenn die scheltenden Stimmen der Männer lauter an ihr Ohr drangen.

»Komm fort, Mutter«, bat er, »es regt dich zu sehr auf, und helfen können wir doch nicht.«

Willenlos ließ sie sich von ihm in ihr Schlafzimmer ziehen.

»Gib mir ein bißchen Essig«, bat sie, »sonst fall' ich um.«

Er tat, wie sie ihn geheißen, und während er ihr die Schläfe einrieb, sprach er mit überlauter Stimme auf sie ein, damit sie das Schreien der Männer nicht hörte.

Plötzlich wurden Türen geworfen – – eine Weile ward es still – unheimlich still –, dann ertönte das Klirren einer Kette und der wutheisere Ruf des Vater:

»Sultan – pack an!«

»Um Gottes willen, er hetzt den Hund auf ihn«, schrie er und stürzte auf den Hof hinaus.

Er kam gerade noch zur Zeit, um zu sehen, wie Sultan, ein großer, bissiger Rüde, Douglas an den Nacken sprang, während der Vater mit einer hochgeschwungenen Peitsche hinterdreinrannte.

Michel Raudszus hatte die Hände in die Hosen gepflanzt und sah zu.

»Vater, was tust du?« schrie er, riß ihm die Peitsche aus der Hand und wollte dem Hunde nach, aber ehe er die Gruppe der Ringenden erreichen konnte, lag die Bestie, von der mächtigen Faust des Riesen erstickt, am Boden und streckte alle viere von sich.

Douglas rann das Blut an den Armen und am Rücken herunter. Sein Zorn schien ganz und gar verraucht. Er blieb stehen, wischte sich mit dem Taschentuche die Hände ab und sagte mit gutmütigem Lächeln:

»Das arme Vieh hat daran glauben müssen.«

»Sie sind verwundet, Herr Douglas«, rief Paul, die Hände faltend.

»Er hat mein Genick für 'ne Kalbskeule angesehn«, sagte er. »Kommen Sie ein Endchen mit und helfen Sie mir, mich abwaschen, damit meine Weiber sich nicht zu sehr erschrecken.«

»Vergeben Sie ihm«, flehte Paul, »er wußte nicht, was er tat.« –

»Wirst du zurück, du Bengel«, schrie die Stimme des Vaters vom Hofe her, »willst wohl mit dem wortbrüchigen Kerl gemeinsame Sache machen?«

In den Fäusten des Nachbarn zuckte es, aber er bezwang sich, und mit einem gewaltsamen Lächeln sagte er:

»Gehen Sie zurück – der Sohn soll bei dem Vater bleiben.«

»Ich will aber gutmachen...«, stammelte Paul.

»Der Schwindler, der Halunke!« tönte es aus dem Hintergrunde.

»Gehen Sie zurück«, sagte Douglas mit zusammengebissenen Zähnen, »schaffen Sie Ruh – sonst geht's ihm an den Leib!«

Dann fing er mit vollen Backen an, einen Marsch zu pfeifen, damit der das Schimpfen nicht höre, und schritt breitbeinig von dannen...

Der Alte tobte wie ein Wahnsinniger auf dem Hofe herum, warf Steine vor sich her, schwang einen Wagenschwengel in der Luft und stieß mit den Füßen nach rechts und nach links.

Als er Paul begegnete, wollte er ihn bei der Kehle fassen, aber in diesem Augenblicke stürzte mit gellendem Schrei die Mutter aus der Tür und warf sich dazwischen. Sie umklammerte Paul mit beiden Armen, sie wollte auch etwas sagen, aber die Angst vor ihrem Manne lähmte ihre Zunge. Nur ansehen konnte sie ihn.

»Weibsgesindel«, rief dieser, verächtlich die Achsel zuckend, und wandte sich ab, aber da er seine Wut an irgend jemandem auslassen mußte, so schritt er auf Michel Raudszus zu, der sich eben gemütlich zur Arbeit wandte.

»Du Hund, was gaffst du hier?« schrie er ihn an.

»Ich arbeit', Herr«, erwiderte dieser und sah ihn unter den schwarzen Brauen hervor mit stechendem Blicke an.

»Was hält mich ab, du Hund, daß ich dich zu Brei zermalme?« schrie der Alte, ihm die Fäuste vor die Nase haltend.

Der Knecht duckte sich, und in diesem Augenblicke fuhren ihm beide Fäuste seines Herrn ins Gesicht. Er taumelte zurück – aus seinem finsteren Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen –, ohne einen Laut von sich zu geben, griff er nach einer Axt. – – –

Aber in diesem Augenblicke fiel ihm Paul, der mit steigender Angst der Szene zugeschaut hatte, von hinten in den Arm, rang ihm die Waffe aus der Hand und warf sie in den Brunnen.

Der Vater wollte dem Knecht aufs neue an die Brust, aber rasch entschlossen packte ihn Paul um den Leib, und obwohl der alte Mann mit Händen und Füßen um sich schlug, trug er ihn, alle Kräfte zusammennehmend, auf seinen Armen in das Wohnzimmer, dessen Tür er von außen hinter ihm verschloß.

»Was hast du dem Vater getan?« wimmerte die Mutter, die diesem Gewaltakt, starr vor Entsetzen, zugeschaut hatte, denn daß der Sohn sich an dem Vater vergreifen könnte, war ihr vollkommen unfaßbar. Ihr Blick glitt scheu an ihm empor, und klagend wiederholte sie:

»Was hast du mit dem Vater getan?«

Paul beugte sich zu ihr nieder, küßte ihr die Hand und sagte: »Sei still, Mutter, ich mußt' ihm ja das Leben retten.«

»Und jetzt hast du ihn eingesperrt? Paul – Paul!«

»Bis Michel fort ist, muß er drinbleiben«, erwiderte er, »mach ihm nicht auf – es geschieht sonst ein Unglück.«

Dann schritt er auf den Hof hinaus. Der Knecht lehnte, seinen schwarzen Bart kauend, an der Stalltür und schielte tückisch nach ihm hin.

»Michel Raudszus!« rief er ihm zu.

Der Knecht kam näher. Die Adern auf seiner Stirn waren zu blauen Strähnen angeschwollen. Er wagte nicht, ihn anzusehen.

»Dein überschüssiger Lohn beträgt 5 Mark 40 Pfennig. Hier hast du sie. – In fünf Minuten mußt du den Hof verlassen haben.«

Der Knecht warf ihm einen Blick zu, so unheimlich finster, daß Paul erschrak bei dem Gedanken, diesen Menschen so lange ahnungslos neben sich geduldet zu haben. Er hielt ihn fest im Auge, denn er glaubte jeden Augenblick von ihm angefallen zu werden. Aber schweigend wandte der Knecht sich ab, ging nach dem Stalle, wo er sein Bündel schnürte, und zwei Minuten später schritt er zum Hoftore hinaus. – Er hatte während der ganzen fürchterlichen Szene nicht einen Laut von sich gegeben.

»So – jetzt zum Vater«, sagte Paul, fest entschlossen, alle Schläge und Schimpfreden ruhig über sich ergehen zu lassen.

Er schloß die Tür auf und erwartete, den Vater auf sich losstürzen zu sehen.

Derselbe saß in einer Sofaecke, ganz in sich zusammengefallen, und starrte vor sich nieder. Er rührte sich auch nicht, als Paul auf ihn zutrat und abbittend sagte:

»Ich tat's nicht gern, Vater, aber es mußte sein.«

Nur einen scheuen Seitenblick warf er ihm zu, dann sagte er bitter: »Du kannst ja tun, was du willst... ich bin ein alter Mann, und du bist der Stärkere.«

Dann sank er wieder in sich zusammen.

Seit diesem Tage war Paul der Herr im Hause.

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