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Frau Sorge

Hermann Sudermann: Frau Sorge - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Sorge
authorHermann Sudermann
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24168-9
titleFrau Sorge
pages3-237
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Paul stand nun hinter der Bank und wußte nicht, was beginnen. Es geschah zum ersten Male, seitdem er erwachsen war, daß er sich in fremder Gesellschaft befand. Sein Blick fiel auf Elsbeth, welche, den Kopf auf die Ellbogen gestützt, sich nach ihm umschaute.

»Mir willst du wohl gar nicht guten Tag sagen?« fragte sie mit leiser Schelmerei.

Das vertrauliche »du« machte ihm Mut. Er streckte ihr die Hand entgegen und fragte, wie es ihr ergangen die ganze lange Zeit.

Ein trüber Schein flog über ihr Gesicht. »Nicht gut«, sagte sie leise, »aber davon später, wenn wir allein sind.«

Sie rückte ein wenig zur Seite und sagte: »Komm!« Und als er sich neben sie setzte, streifte sein Ellbogen ihren Nacken. Da ging ein Schaudern durch seinen Leib, wie er es nie im Leben gefühlt hatte.

Leo Heller reichte ihm über den Tisch weg die Hand und sagte lachend: »Auf gute Freundschaft, Sie Musterknabe, Sie!«

»Ich bin leider nicht wert, daß man mich zum Muster nähme«, erwiderte er in seiner Unschuld.

»Dann seien Sie glücklich – ich auch nicht. – Nichts ist mir ekelhafter als so ein Musterknabe...«

»Warum nannten Sie mich denn so?«

Leo sah ihn verblüfft an. »Ach, Sie scheinen alles für Ernst zu nehmen«, sagte er dann.

»Verzeihen Sie – ich bin so wenig an Scherz gewöhnt«, erwiderte er, und die Schamröte stieg ihm ins Gesicht. Wie er sich hierbei nach Elsbeth wandte, bemerkte er, daß sie ihm mit eigentümlich tiefem, ernstem Blicke in die Augen schaute. Da stieg ein jähes Glücksgefühl in seiner Seele auf. Er ahnte, daß hier jemand war, der ihn nicht für dumm und lächerlich hielt, der seine Natur verstand und die Gesetze, nach denen sie wirkte.

Während die dreie stillschwiegen, fuhr der Vater am anderen Ende des Tisches fort, Herrn Douglas den Plan seiner Aktiengesellschaft auseinanderzusetzen.

»Und wenn Sie Vertrauen zu mir haben, Herr! – Aber nein, das brauchen Sie nicht einmal – ich will sagen, wenn Sie Ihr eigen Glück nicht leichtsinnig verscherzen wollen – man soll seinem Glücke nicht im Wege stehen, Herr! – Wenn Sie nur ein Quentchen Unternehmungsgeist in sich verspüren – o dann, ja dann –! Sie wissen, Hunderttausende sind hier zu verdienen, das Moor ist unerschöpflich – wozu wollen Sie andere an Ihrer Stelle reich werden lassen, Herr? Vorwärts – durch Nacht zum Licht, heißt meine Devise – ich will streben und kämpfen bis zum letzten Atemzug – nicht mein eigenes Interesse ist es, was hier auf dem Spiele steht, mir erscheint es als eine Frage der ganzen Menschheit! Es gilt, diese wüsten Ländereien der Kultur zu gewinnen, es gilt, diesem ganzen Distrikte neues Lebensblut zuzuführen, es gilt, die Armut dieser Strecken in Wohlstand umzuwandeln – Wohltäter der Menschheit gilt es zu werden, Herr!«

Und in diesem Tone schwadronierte er weiter.

Dann plötzlich rückte er Douglas ganz nah auf den Leib, und als wollte er ihm die Pistole auf die Brust setzen, schrie er:

»Wollen Sie also partizipieren, Herr?«

Douglas fing einen Blick seiner Frau auf, die heimlich nach Frau Elsbeth hinwies und ihm dabei bittend zublinzelte, dann sagte er, halb belustigt, halb ärgerlich: »Meinetwegen.«

Paul schämte sich wieder, denn er las auf dem Gesichte von Douglas, daß es sich für ihn um weiter nichts handelte als den Scherz, ein paar hundert Taler zum Fenster hinauszuwerfen. Er wußte selbst nur allzu gut, daß kein vernünftiger Mensch die Pläne seines Vaters ernst nehmen konnte.

»Hast du unsere Mädchen nicht gesehen, Paul?« fragte die Mutter, die nun nicht minder beklommenen Mutes schien als er.

Nein, er hatte sie nirgends gesehen.

»So geh – schau dich nach ihnen um – sie sind zum Tanzplatz gegangen – sag ihnen, sie möchten nicht zu sehr jagen – sie erkälten sich sonst.«

Paul erhob sich.

»Ich werde dich begleiten«, sagte Elsbeth.

»Darf ich nicht auch mitkommen, Cousinchen?« fragte Vetter Leo.

»Bleib du nur hier«, erwiderte sie leichthin, worauf er erklärte, sich vor Gram den Tod geben zu müssen.

»Ein lustiger Vogel«, sagte Paul mit einem Seufzer des Neides, als er neben ihr durch das Gedränge schritt.

»Ja aber mehr auch nicht«, erwiderte sie.

»Hast du ihn gern?«

»Gewiß – sehr. –

Sie wird ihn doch heiraten, meditierte Paul.

Ringsum schrie und johlte die Menge. Ein Lampion war in Flammen aufgegangen, und eine Schar junger Burschen bemühte sich, dasselbe von der Schnur herunterzureißen. Flammende Papierfetzen flogen in die Luft, und der flüssige Stearin spritzte in die Runde.

Elsbeth legte ihren Arm in den seinen und schmiegte den Kopf an seine Schulter. Wiederum durchrieselte ihn jener wonnige Schauer, den er sich nicht zu erklären vermochte.

»So – jetzt bin ich geborgen«, sagte sie flüsternd. »Komm hernach in den Wald, Paul, ich habe dir so viel zu erzählen – dort sind wir ungestört.«

Und wie sie das sagte, wurde ihm ganz angst vor lauter Freude. Nun waren sie am Tanzplatz angelangt. Die Trompeten lärmten, und die Tänzer wirbelten in die Runde.

»Wollen wir auch tanzen?« fragte sie lächelnd.

»Ich kann ja nicht«, erwiderte er.

»Schadet nichts«, sagte sie, »in solchen Fällen ist ja Leo da. –

Die törichten Träume fielen ihm ein, die er heute unter dem Wacholderbusch geträumt hatte. – »So geht's mit allem, was ich mir ausmale«, dachte er.

»Ich hab' noch ein Buch von dir, Elsbeth«, sagte er dann.

»Ich weiß, ich weiß«, erwiderte sie, indem sie lächelnd zu ihm aufschaute.

»Verzeih, daß ich –«

»Was bist du für ein Kleinkrämer!« scherzte sie. »Leo hat mir inzwischen meine ganze Bibliothek zunichte gemacht und verlangt nun, ich soll sie ihm ersetzen – er habe nichts mehr zu lesen.« Leo – und immer wieder Leo! –

»Hast du viel Schönes herausgelesen?« fragte sie dann.

»Ich konnte einmal alles auswendig.«

»Und jetzt?«

»Jetzt, ach du lieber Gott! – Ich habe an so viel Alltägliches zu denken – es paßt nicht mehr in meinen Kopf«

»In meinen auch nicht, Paul! Das macht, wir haben zu viel vom Leben erfahren – die Poesie ist uns verlorengegangen.«

»Dir auch?«

Sie seufzte. »Die arme Mutter!« sagte sie dann.

»Was ist's?«

»Sieh, seit fünf Jahren bin ich nun Krankenpflegerin«, sagte sie, »da gibt es manche trübe Stunde, und wenn die Nachtlampe brennt und die Augen einem schmerzen vom vielen Wachen und draußen der Sturm an den Läden rüttelt – da kommen einem mancherlei Gedanken über Leben und Sterben, über Liebe und Verlassenheit – na, kurz und gut – da macht man sich im Kopf sein eigen Liederbuch zurecht und liest nicht mehr in fremden. – Aber komm heraus aus dem Lärm – ich möcht' dich so viel fragen – und man versteht hier ja kaum sein eigen Wort.«

»Sogleich«, sagte er, »ich will nur erst...«

Seine Augen glitten spähend über den Platz, da hörte er hinter sich eine lachende Männerstimme sagen: »Du – sieh mal dort die beiden mannstollen kleinen Kröten.«

Unwillkürlich wandte er sich um und bemerkte die Brüder Erdmann, die er seit Jahren nicht zu Gesicht bekommen hatte. Sie waren inzwischen auf der Ackerbauschule gewesen und große Herren geworden.

»Mit denen wollen wir ulken«, sagte der andere. Darauf schlüpften sie lachend in den Kreis der Tanzenden.

Gleich darauf bemerkte Paul auch seine Schwestern. Der braune Lockenwald hing ihnen wirr ins Gesicht, ihre Wangen flammten, ihr Busen wogte, und ihre Augen blickten verliebt und verwildert.

»Wie glücklich sie aussehen – die holden Geschöpfe«, sagte Elsbeth.

Paul hielt ihnen eine kleine Strafpedigt – sie achteten seiner kaum, sondern guckten mit einem girrenden Kichern an seinen Schultern vorüber. Und als er sich umwandte, gewahrte er die beiden Erdmänner, die sich hinter dem Podium der Musikanten verborgen hatten und von dort aus verstohlene Zeichen machten.

Die Zwillinge waren ihm unterdessen entschlüpft, und auch die Erdmänner verschwanden.

»Komm hier fort«, sagte Elsbeth.

Er bejahte, blieb war wie angewurzelt stehen.

»Was hast du?« fragte sie.

Er wischte sich mit der Hand über die Stirn – das böse Wort, das er gehört, wollte ihm nicht aus dem Kopfe gehen.

Die Schwestern waren jung – übermütig – unerfahren – niemand bewachte sie – wie, wenn sie sich etwas vergäben – wenn sie – eiskalt rieselte es ihm über den Leib.

Und er – der sich geschworen, ihnen ein treuer Wächter zu sein, er ging hier seinen Freuden nach, er...

»Komm zum Walde«, bat Elsbeth noch einmal.

»Ich kann nicht«, stieß er hervor...

Verwundert sah sie ihn an.

»Ich muß – die Schwestern – niemand ist bei ihnen – sei nicht böse –«

»Führ mich zum Tisch zurück«, sagte sie.

Er tat es. Beide sprachen kein Wort mehr.

Fünf Minuten später überraschte er die Schwestern, wie sie Arm in Arm mit den Erdmännern nach dem Walde entschlüpfen wollten.

»Wohin?« fragte er, zwischen sie tretend.

Sie schlugen verlegen die Augen nieder, und Käthe stammelte: »Wir – wollten ein bißchen spazierengehen... –

Die Brüder Erdmann stimmten einen Biedermeierton an, schüttelten ihm herzhaft die Hand und wünschten dringend die Freundschaft der Jugendjahre zu erneuern. – Hinterher zeigten sie ihm die Fäuste.

»Ihr geht jetzt zur Mutter«, sagte er zu den Zwillingen, und als sie zu schmälen begannen, zog er sie an den Armen mit sich fort... Der Tisch war zur Hälfte leer... Die Familie Douglas hatte das Fest verlassen.

Da ging er in den Wald und dachte darüber nach, was er Elsbeth wohl alles hätte sagen können. – Aber es sollte ja nicht sein – – es kam immer was dazwischen.

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