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Frau Sorge

Hermann Sudermann: Frau Sorge - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Sorge
authorHermann Sudermann
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24168-9
titleFrau Sorge
pages3-237
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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9

Fünf Jahre vergingen – fünf Jahre voll Sorgen und Mühen. Paul ließ sich das Leben gar sauer werden, er schaffte von morgens früh bis in die Nacht hinein, seine fleißige Hand lag auf jeglichem Werke, und was er anfaßte, gedieh. Aber er merkte es kaum, denn allstündlich ging sein Geist sorgend in die Zukunft.

Seine Stirn trug zu allen Stunden die gleichen Falten, sein Auge schaute mit dem gleichen gedankenschweren, grüblerischen Ausdruck vor sich nieder, gleichsam ins Innere hinein, und oft vergingen Tage, ohne daß er bei Tisch und bei der Arbeit ein einzig Wort gesprochen hätte.

Er trug die Überzeugung, daß im Grunde sein Schaffen ein hoffnungsloses war. Auf des Vaters Dank hatte er niemals rechnen können, und er lernte leicht, ihn verschmerzen, aber was er schwerer lernte, war, sich geduldig fügen, wenn des Vaters Laune in einer Stunde zerstörte, was er mühsam durch Wochen hin aufgebaut hatte.

Wenn der Vater von seinen Reisen heimkam, so geschah es nicht selten, daß er ihn vor den Ohren der Knechte einen Pinsel, einen Dummkopf schalt und sich bitter beklagte, die Wirtschaft in so unfähigen Händen zurücklassen zu müssen, wenn die Pflicht – niemand wußte, welche Pflicht dies war – ihn in die Ferne rief.

Paul schwieg alsdann, denn tief in seinem Herzen ruhte das Gebot: »Du sollst Vater und Mutter ehren« – »den Vater um der Mutter willen«, so hatte er es umgemodelt – aber sein Auge glitt mit einem düster spähenden Blicke von einem der Knechte zum andern, und wen er lächeln oder in heimlicher Schadenfreude des Nachbarn Ellbogen streifen sah, den entließ er am folgenden Morgen.

Einen unter den Knechten gab es, der fast die ganze Zeit über auf dem Heidehof gearbeitet hatte. Er hieß Michel Raudszus und war litauischer Herkunft. Er bewohnte auf der Heide, unweit von Helenenthal, eine armselige, verfallene Kate, deren Wände mit Torf belegt waren, damit sie der Sturm nicht umfegte. Er hatte ein verwahrlostes Weib, welches schon zweimal im Gefängnis gesessen hatte und die Kinder zum Betteln anhielt.

Er war ein schweigsamer, finsterer Gesell, der seine Arbeit musterhaft verrichtete und ohne ein Wort des Murrens von dannen ging, wenn man ihn nicht mehr brauchte, aber pünktlich zur Stelle war, wenn es von neuem Arbeit gab.

Paul hatte ihn anfangs nicht leiden mögen, denn sein wortkarges, einsames Wesen und seine scheuen, düsteren Mienen hatten auf ihn einen unheimlichen Eindruck gemacht, aber dann war's ihm plötzlich eingefallen, daß er selber sich nicht viel anders betrüge, und seit dieser Stunde hatte er ihn in sein Herz geschlossen.

Der Vater seinerseits schien einen gewissen Respekt vor ihm zu haben, denn obwohl er, wenn er betrunken war, die Knechte durchzuprügeln pflegte, hatte er ihn noch niemals angerührt. – Es war, als ob der Blick, den der Mensch unter seinen buschigen Brauen hervor ihm zuwarf, ihn im Zaume hielte.

Dieser Knecht war Pauls treuester Gehilfe. Ihm konnte er selbst den Marktverkauf des Getreides anvertrauen, und stets wußte er die höchsten Preise zu erhandeln. – – –

Auf dem stillen Heidehofe hatte sich in diesen fünf Jahren langsam und unmerklich eine große Veränderung vollzogen. Mehr und mehr verloren sich die Spuren der Armut, seltener und seltener kehrte die Not bei Tische ein. – Im Garten zeigten sich zierliche Blumenrabatten, in langen Reihen standen die Schoten- und die Spargelstauden, und der brüchige Bretterzaun war längst durch einen neuen ersetzt worden. – Die Herde wuchs alljährlich um zwei oder drei wertvolle Kühe, und der Milchwagen, der allmorgendlich nach der Stadt fuhr, brachte am Ersten manchen schönen Groschen heim.

Daß trotzdem von einem beginnenden Wohlstand keine Rede sein konnte, daran war nur der Vater schuld, der den größten Teil der Einkünfte verspekulierte, wenn er sie nicht durch die Gurgel jagte. Hinter seinem Rücken hatte Paul es möglich gemacht, daß wenigstens für die Geschwister allmonatlich ein paar Taler erübrigt wurden.

Die Brüder brauchten mehr Geld denn je. Max hatte das Staatsexamen gemacht und absolvierte nun unentgeltlich sein Probejahr bei einem Gymnasium; und Gottfried, der Kontorist, war alljährlich etliche Monate außer Stellung. Die beiden schrieben Bittbriefe in allen möglichen Tonarten, von der jovialen Forderung: »Pump mir mal sofort 30 Taler«, bis zum herzzerreißenden Flehen: »Wenn Du nicht willst, daß ich zugrunde gehen soll, so habe Erbarmen« usw.

Paul verbrachte manche schlaflose Nacht über dem Sinnen, wie ihnen zu helfen, und nicht selten geschah es, daß er sich das Geld an seinem eigenen Leibe absparte.

Einmal hatte ihm Gottfried geschrieben, daß er gänzlich abgeledert sei und notwendig einen Sommeranzug brauche. Paul wollte sich gerade einen Sonntagsrock machen lassen, denn sein alter war ihm ausgewachsen; seufzend packte er das Geld, das er dafür bestimmt hatte, in ein Kuvert und schickte es dem Bruder, ließ aber in dem Begleitbriefe etwas davon einfließen, daß es mit seiner eigenen Garderobe nicht minder übel bestellt sei. Der Bruder zeigte sich großmütig, er schickte ihm vierzehn Tage später ein Paket mit Kleidern und einen Brief, in dem es hieß: »Ich schicke Dir anbei einen abgelegten Anzug von mir. Du in Deiner anspruchslosen Stellung wirst ihn wohl noch verwerten können.«

Auch den Zwillingen hatte Paul eine glänzendere Zukunft ermöglicht, als die gedrückten Verhältnisse des Hauses es erwarten ließen. Er hatte dahin gewirkt, daß die Pfarrerin, eine ehemalige Gouvernante, sie in die Privatschule aufnahm, welche sie für die Töchter wohlhabender Besitzersfamilien aus der Umgegend errichtet hatte.

Das Schulgeld war nicht das Schlimmste dabei – auch die Bücher und Hefte ließen sich wohl auftreiben –, aber schwer, sehr schwer war es, die nötige Garderobe instand zu halten, denn sein Stolz litt es nicht, daß die Schwestern hinter ihren Freundinnen zurückblieben und etwa als Bettlerkinder von ihnen betrachtet würden. Er selbst hatte das Gefühl, über die Achsel angesehen zu werden, allzusehr an sich kennengelernt, um es den Schwestern zu gönnen. An der Mutter fand er selbst für diese weiblich gearteten Sorgen keinen Rückhalt mehr. Sie war nun durch die steten Scheltreden ihres Mannes so sehr verängstigt, daß sie nicht mehr den Mut fand, einen Fetzen Band auf eigene Verantwortung einzukaufen. »Was du tust, mein Sohn, wird gut sein«, sagte sie; und Paul fuhr zur Stadt und ließ sich von dem Manufakturisten und der Schneiderin betrügen.

Die Zwillinge blühten empor, sorglos und übermütig, ohne eine Ahnung davon, welch ein Trauerspiel sich in ihrer nächsten Nähe abspielte.

In ihrem zehnten Jahre prügelten sie sich mit den Jungen des Dorfes herum, im zwölften gingen sie mit ihnen auf den Birnendiebstahl, und im fünfzehnten ließen sie sich von ihnen Veilchensträuße schenken...

Sie galten nun weit und breit als die schönsten Mädchen der Gegend. Paul wußte das wohl und war nicht wenig stolz darauf, aber was er nicht wußte, war, daß sie sich hinter dem Gartenzaune Stelldichein gaben und daß die Hälfte ihrer Konfirmationsbrüder sich rühmen durfte, ihre süßen, roten Lippen geküßt zu haben. –

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