Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Fontane >

Frau Jenny Treibel

Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Jenny Treibel
authorTheodor Fontane
year1998
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02638-3
titleFrau Jenny Treibel
pages5-255
created19981229
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel

Unter den Letzten, die, den Vorgarten passierend, das commerzienrätliche Haus verließen, waren Marcell und Corinna. Diese plauderte nach wie vor in übermütiger Laune, was des Vetters mühsam zurückgehaltene Verstimmung nur noch steigerte. Zuletzt schwiegen beide.

So gingen sie schon fünf Minuten nebeneinander her, bis Corinna, die sehr gut wußte, was in Marcell's Seele vorging, das Gespräch wieder aufnahm. »Nun, Freund, was gibt es?«

»Nichts.«

»Nichts?«

»Oder wozu soll ich es leugnen, ich bin verstimmt.«

»Worüber?«

»Ueber Dich. Ueber Dich, weil Du kein Herz hast.«

»Ich? Erst recht hab' ich ...«

»Weil Du kein Herz hast, sag' ich, keinen Sinn für Familie, nicht einmal für Deinen Vater ...«

»Und nicht einmal für meinen Vetter Marcell ...«

»Nein, den laß aus dem Spiel, von dem ist nicht die Rede. Mir gegenüber kannst Du thun, was Du willst. Aber Dein Vater. Da läßt Du nun heute den alten Mann einsam und allein und kümmerst Dich so zu sagen um gar nichts. Ich glaube, Du weißt nicht einmal, ob er zu Haus ist oder nicht.«

»Freilich ist er zu Haus. Er hat ja heut' seinen ›Abend‹, und wenn auch nicht alle kommen, etliche vom hohen Olymp werden wohl da sein.«

»Und Du gehst aus und überlässest alles der alten guten Schmolke?«

»Weil ich es ihr überlassen kann. Du weißt das ja so gut wie ich; es geht alles wie am Schnürchen, und in diesem Augenblick essen sie wahrscheinlich Oderkrebse und trinken Mosel. Nicht Treibel'schen, aber doch Professor Schmidt'schen, einen edlen Trarbacher, von dem Papa behauptet, er sei der einzige reine Wein in Berlin. Bist Du nun zufrieden?«

»Nein.«

»Dann fahre fort.«

»Ach, Corinna, Du nimmst alles so leicht und denkst, wenn Du's leicht nimmst, so hast Du's aus der Welt geschafft. Aber es glückt Dir nicht. Die Dinge bleiben doch schließlich, was und wie sie sind. Ich habe Dich nun bei Tisch beobachtet ...«

»Unmöglich, Du hast ja der jungen Frau Treibel ganz intensiv den Hof gemacht, und ein paar Mal wurde sie sogar rot ...«

»Ich habe Dich beobachtet, sag' ich, und mit einem wahren Schrecken das Übermaß von Koketterie gesehen, mit dem Du nicht müde wirst, dem armen Jungen, dem Leopold, den Kopf zu verdrehen ...«

Sie hatten, als Marcell dies sagte, gerade die platzartige Verbreiterung erreicht, mit der die Köpnickerstraße, nach der Inselbrücke hin, abschließt, eine verkehrslose und beinahe menschenleere Stelle. Corinna zog ihren Arm aus dem des Vetters und sagte, während sie nach der anderen Seite der Straße zeigte: »Sieh', Marcell, wenn da drüben nicht der einsame Schutzmann stände, so stellt' ich mich jetzt mit verschränkten Armen vor Dich hin und lachte Dich fünf Minuten lang aus. Was soll das heißen, ich sei nicht müde geworden, dem armen Jungen, dem Leopold, den Kopf zu verdrehen? Wenn Du nicht ganz in Huldigung gegen Helenen aufgegangen wärst, so hättest Du sehen müssen, daß ich kaum zwei Worte mit ihm gesprochen. Ich habe mich nur mit Mr. Nelson unterhalten, und ein paar Mal hab' ich mich ganz ausführlich an Dich gewandt.«

»Ach, das sagst Du so, Corinna, und weißt doch, wie falsch es ist. Sieh', Du bist sehr gescheit und weißt es auch; aber Du hast doch den Fehler, den viele gescheite Leute haben, daß sie die anderen für ungescheiter halten als sie sind. Und so denkst Du, Du kannst mir ein X für ein U machen und alles so drehen und beweisen, wie Du's drehen und beweisen willst. Aber man hat doch auch so seine Augen und Ohren und ist also, mit Deinem Verlaub, hinreichend ausgerüstet, um zu hören und zu sehen.«

»Und was ist es denn nun, was der Herr Doctor gehört und gesehen haben?«

»Der Herr Doctor haben gehört und gesehen, daß Fräulein Corinna mit ihrem Redekatarakt über den unglücklichen Mr. Nelson hergefallen ist ...«

»Sehr schmeichelhaft ...«

»Und daß sie – wenn ich das mit dem Redekatarakt aufgeben und ein anderes Bild dafür einstellen will – daß sie, sag' ich, zwei Stunden lang die Pfauenfeder ihrer Eitelkeit auf dem Kinn oder auf der Lippe balanciert und überhaupt in den feineren akrobatischen Künsten ein Äußerstes geleistet hat. Und das alles vor wem? Etwa vor Mr. Nelson? Mit nichten. Der gute Nelson, der war nur das Trapez, daran meine Cousine herumturnte; der, um dessentwillen das alles geschah, der zusehen und bewundern sollte, der hieß Leopold Treibel, und ich habe wohl bemerkt, wie mein Cousinchen auch ganz richtig gerechnet hatte; denn ich kann mich nicht entsinnen, einen Menschen gesehen zu haben, der, verzeih' den Ausdruck, durch einen ganzen Abend hin so ›total weg‹ gewesen wäre wie dieser Leopold.«

»Meinst Du?«

»Ja, das mein' ich.«

»Nun, darüber ließe sich reden ... Aber sieh' nur ...«

Und dabei blieb sie stehen und wies auf das entzückende Bild, das sich – sie passierten eben die Fischerbrücke – drüben vor ihnen ausbreitete. Dünne Nebel lagen über den Strom hin, sogen aber den Lichterglanz nicht ganz auf, der von rechts und links her auf die breite Wasserfläche fiel, während die Mondsichel oben im Blauen stand, keine zwei Hand breit von dem etwas schwerfälligen Parochialkirchturm entfernt, dessen Schattenriß am anderen Ufer in aller Klarheit aufragte. »Sieh' nur,« wiederholte Corinna, »nie hab' ich den Singuhrturm in solcher Schärfe gesehen. Aber ihn schön finden, wie seit kurzem Mode geworden, das kann ich doch nicht; er hat so etwas Halbes, Unfertiges, als ob ihm auf dem Wege nach oben die Kraft ausgegangen wäre. Da bin ich doch mehr für die zugespitzten, langweiligen Schindeltürme, die nichts wollen, als hoch sein und in den Himmel zeigen.«

Und in demselben Augenblicke, wo Corinna dies sagte, begannen die Glöckchen drüben ihr Spiel.

»Ach,« sagte Marcell, »sprich doch nicht so von dem Turm und ob er schön ist oder nicht. Mir ist es gleich, und Dir auch; das mögen die Fachleute miteinander ausmachen. Und Du sagst das alles nur, weil Du von dem eigentlichen Gespräch los willst. Aber höre lieber zu, was die Glöckchen drüben spielen. Ich glaube, sie spielen: ›Üb' immer Treu' und Redlichkeit‹.«

»Kann sein, und ist nur schade, daß sie nicht auch die berühmte Stelle von dem Canadier spielen können, der noch Europens übertünchte Höflichkeit nicht kannte. So was Gutes bleibt leider immer unkomponiert, oder vielleicht geht es auch nicht. Aber nun sage mir, Freund, was soll das alles heißen? Treu' und Redlichkeit. Meinst Du wirklich, daß mir die fehlen? Gegen wen versünd'ge ich mich denn durch Untreue? Gegen Dich. Hab' ich Gelöbnisse gemacht? Hab' ich Dir etwas versprochen und das Versprechen nicht gehalten?«

Marcell schwieg.

»Du schweigst, weil Du nichts zu sagen hast. Ich will Dir aber noch allerlei mehr sagen, und dann magst Du selber entscheiden, ob ich treu und redlich oder doch wenigstens aufrichtig bin, was so ziemlich dasselbe bedeutet.«

»Corinna ...«

»Nein, jetzt will ich sprechen, in aller Freundschaft, aber auch in allem Ernst. Treu und redlich. Nun, ich weiß wohl, daß Du treu und redlich bist, was beiläufig nicht viel sagen will; ich für meine Person kann Dir nur wiederholen, ich bin es auch.«

»Und spielst doch beständig eine Komödie.«

»Nein, das thu' ich nicht. Und wenn ich es thue, so doch so, daß jeder es merken kann. Ich habe mir, nach reiflicher Überlegung, ein bestimmtes Ziel gesteckt, und wenn ich nicht mit dürren Worten sage ›dies ist mein Ziel‹, so unterbleibt das nur, weil es einem Mädchen nicht kleidet, mit solchen Plänen aus sich herauszutreten. Ich erfreue mich, Dank meiner Erziehung, eines guten Teils von Freiheit, einige werden vielleicht sagen von Emanzipation, aber trotzdem bin ich durchaus kein emanzipiertes Frauenzimmer. Im Gegenteil, ich habe gar keine Lust, das alte Herkommen umzustoßen, alte, gute Sätze, zu denen auch der gehört: ein Mädchen wirbt nicht, um ein Mädchen wird geworben.«

»Gut, gut; alles selbstverständlich ...«

»... Aber freilich, das ist unser altes Eva-Recht, die großen Wasser spielen zu lassen und unsere Kräfte zu gebrauchen, bis das geschieht, um dessentwillen wir da sind, mit anderen Worten, bis man um uns wirbt. Alles gilt diesem Zweck. Du nennst das, je nachdem Dir der Sinn steht, Raketensteigenlassen oder Komödie, mitunter auch Intrigue, und immer Koketterie.«

Marcell schüttelte den Kopf. »Ach, Corinna, Du darfst mir darüber keine Vorlesung halten wollen und zu mir sprechen, als ob ich erst gestern auf die Welt gekommen wäre. Natürlich hab' ich oft von Komödie gesprochen und noch öfter von Koketterie. Wovon spricht man nicht alles. Und wenn man dergleichen hinspricht, so widerspricht man sich auch wohl, und was man eben noch getadelt hat, das lobt man im nächsten Augenblick. Um's rund heraus zu sagen, spiele so viel Komödie, wie Du willst, sei so kokett, wie Du willst, ich werde doch nicht so dumm sein, die Weiberwelt und die Welt überhaupt ändern zu wollen, ich will sie wirklich nicht ändern, auch dann nicht, wenn ich's könnte; nur um eines muß ich Dich angehen, Du mußt, wie Du Dich vorhin ausdrücktest, die großen Wasser an der rechten Stelle, das heißt also vor den rechten Leuten springen lassen, vor solchen, wo's paßt, wo's hingehört, wo sich's lohnt. Du gehst aber mit Deinen Künsten nicht an die richtige Adresse, denn Du kannst doch nicht ernsthaft daran denken, diesen Leopold Treibel heiraten zu wollen?«

»Warum nicht? Ist er zu jung für mich? Nein. Er stammt aus dem Januar und ich aus dem September; er hat also noch einen Vorsprung von acht Monaten.«

»Corinna, Du weißt ja recht gut, wie's liegt und daß er einfach für Dich nicht paßt, weil er zu unbedeutend für Dich ist. Du bist eine aparte Person, vielleicht ein bißchen zu sehr, und er ist kaum Durchschnitt. Ein sehr guter Mensch, das muß ich zugeben, hat ein gutes, weiches Herz, nichts von dem Kiesel, den die Geldleute sonst hier links haben, hat auch leidlich weltmännische Manieren und kann vielleicht einen Dürer'schen Stich von einem Ruppiner Bilderbogen unterscheiden, aber Du würdest Dich tot langweilen an seiner Seite. Du, Deines Vaters Tochter, und eigentlich noch klüger als der Alte, Du wirst doch nicht Dein eigentliches Lebensglück wegwerfen wollen, bloß um in einer Villa zu wohnen und einen Landauer zu haben, der dann und wann ein paar alte Hofdamen abholt, oder um Adolar Krola's ramponierten Tenor alle vierzehn Tage den ›Erlkönig‹ singen zu hören. Es ist nicht möglich, Corinna; Du wirst Dich doch, wegen solchen Bettels von Mammon, nicht einem unbedeutenden Menschen an den Hals werfen wollen.«

»Nein, Marcell, das letztere gewiß nicht; ich bin nicht für Zudringlichkeiten. Aber wenn Leopold morgen bei meinem Vater antritt – denn ich fürchte beinah', daß er noch zu denen gehört, die sich, statt der Hauptperson, erst der Nebenpersonen versichern – wenn er also morgen antritt und um diese rechte Hand Deiner Cousine Corinna anhält, so nimmt ihn Corinna und fühlt sich als Corinne au Capitole

»Das ist nicht möglich; Du täuschest Dich, Du spielst mit der Sache. Es ist eine Phantasterei, der Du nach Deiner Art nachhängst.«

»Nein, Marcell, Du täuschest Dich, nicht ich; es ist mein vollkommener Ernst, so sehr, daß ich ein ganz klein wenig davor erschrecke.«

»Das ist Dein Gewissen.«

»Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber so viel will ich Dir ohne weiteres zugeben, das, wozu der liebe Gott mich so recht eigentlich schuf, das hat nichts zu thun mit einem Treibel'schen Fabrikgeschäft, oder mit einem Holzhof und vielleicht am wenigsten mit einer Hamburger Schwägerin. Aber ein Hang nach Wohlleben, der jetzt alle Welt beherrscht, hat mich auch in der Gewalt, ganz so wie alle anderen, und so lächerlich und verächtlich es in Deinem Oberlehrers Ohre klingen mag, ich halt' es mehr mit Bonwitt und Littauer als mit einer kleinen Schneiderin, die schon um acht Uhr früh kommt und eine merkwürdige Hof- und Hinterstubenatmosphäre mit ins Haus bringt, und zum zweiten Frühstück ein Brötchen mit Schlackwurst und vielleicht auch einen Gilka kriegt. Das alles widersteht mir im höchsten Maße; je weniger ich davon sehe, desto besser. Ich find' es ungemein reizend, wenn so die kleinen Brillanten im Ohre blitzen, etwa wie bei meiner Schwiegermama in spe ... ›Sich einschränken‹, ach, ich kenne das Lied, das immer gesungen und immer gepredigt wird, aber wenn ich bei Papa die dicken Bücher abstäube, drin niemand hineinsieht, auch er selber nicht, und wenn dann die Schmolke sich abends auf mein Bett setzt und mir von ihrem verstorbenen Manne, dem Schutzmann, erzählt, und daß er, wenn er noch lebte, jetzt ein Revier hätte, denn Madai hätte große Stücke auf ihn gehalten, und wenn sie dann zuletzt sagt: ›Aber Corinnchen, ich habe ja noch gar nicht 'mal gefragt, was wir morgen essen wollen? ... Die Teltower sind jetzt so schlecht und eigentlich alle schon madig, und ich möchte Dir vorschlagen, Wellfleisch und Wruken, das aß Schmolke auch immer so gern‹ – ja, Marcell, in solchem Augenblicke wird mir immer ganz sonderbar zu Mut, und Leopold Treibel erscheint mir dann mit einem Mal als der Rettungsanker meines Lebens, oder wenn Du willst, wie das aufzusetzende große Marssegel, das bestimmt ist, mich bei gutem Wind an ferne, glückliche Küsten zu führen.«

»Oder wenn es stürmt, Dein Lebensglück zum Scheitern zu bringen.«

»Warten wir's ab, Marcell.«

Und bei diesen Worten bogen sie, von der Alten Leipzigerstraße her, in Raule's Hof ein, von dem aus ein kleiner Durchgang in die Adlerstraße führte.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.