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Frau Jenny Treibel

Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Jenny Treibel
authorTheodor Fontane
year1998
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02638-3
titleFrau Jenny Treibel
pages5-255
created19981229
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Anderthalb Wochen waren um, und noch hatte sich im Schmidt'schen Hause nichts verändert; der Alte schwieg nach wie vor, Marcell kam nicht und Leopold noch weniger, und nur seine Morgenbriefe stellten sich mit großer Pünktlichkeit ein; Corinna las sie schon längst nicht mehr, überflog sie nur und schob sie dann lächelnd in ihre Morgenrocktasche, wo sie zersessen und zerknittert wurden. Sie hatte zum Troste nichts als die Schmolke, deren gesunde Gegenwart ihr wirklich wohlthat, wenn sie's auch immer noch vermied, mit ihr zu sprechen.

Aber auch das hatte seine Zeit.

Der Professor war eben nach Hause gekommen, schon um elf, denn es war Mittwoch, wo die Klasse, für ihn wenigstens, um eine Stunde früher schloß. Corinna sowohl wie die Schmolke hatten ihn kommen und die Drückerthür geräuschvoll ins Schloß fallen hören, nahmen aber beide keine Veranlassung, sich weiter um ihn zu kümmern, sondern blieben in der Küche, d'rin der helle Julisonnenschein lag und alle Fensterflügel geöffnet waren. An einem der Fenster stand auch der Küchentisch. Draußen, an zwei Haken, hing ein kastenartiges Blumenbrett, eine jener merkwürdigen Schöpfungen der Holzschneidekunst, wie sie Berlin eigentümlich sind: kleine Löcher zu Sternblumen zusammengestellt; Anstrich dunkelgrün. In diesem Kasten standen mehrere Geranium- und Goldlacktöpfe, zwischen denen hindurch die Sperlinge huschten und sich in großstädtischer Dreistigkeit auf den am Fenster stehenden Küchentisch setzten. Hier pickten sie vergnügt an allem herum, und niemand dachte daran, sie zu stören. Corinna, den Mörser zwischen den Knien, war mit Zimmetstoßen beschäftigt, während die Schmolke grüne Kochbirnen der Länge nach durchschnitt und beide gleiche Hälften in eine große braune Schüssel, eine sogenannte Reibesatte, fallen ließ. Freilich zwei ganz gleiche Hälften waren es nicht, konnten es nicht sein, weil natürlich nur eine Hälfte den Stengel hatte, welcher Stengel denn auch Veranlassung zu Beginn einer Unterhaltung wurde, wonach sich die Schmolke schon seit lange sehnte.

»Sieh', Corinna,« sagte die Schmolke, »dieser hier, dieser lange, das ist so recht ein Stengel nach dem Herzen Deines Vaters ...«

Corinna nickte.

»Den kann er anfassen wie 'ne Maccaroni und hochhalten und alles von unten her aufessen ... Es ist doch ein merkwürdiger Mann ...«

»Ja, das ist er!«

»Ein merkwürdiger Mann und voller Schrullen, und man muß ihn erst ausstudieren. Aber das merkwürdigste, das ist doch das mit den langen Stengeln, un daß wir sie, wenn es Semmelpudding un Birnen giebt, nicht schälen dürfen un daß der ganze Kriepsch mit Kerne und alles drin bleiben muß. Er is doch ein Professor un ein sehr kluger Mann, aber das muß ich Dir sagen, Corinna, wenn ich meinem guten Schmolke, der doch nur ein einfacher Mann war, mit so lange Stengel un ungeschält un den ganzen Kriepsch drin gekommen wär', ja, da hätt' es 'was gegeben. Denn so gut er war, wenn er dachte ›sie denkt woll, das is gut genug,‹ dann wurd er falsch un machte sein Dienstgesicht un sah aus, als ob er mich arretieren wollte ...«

»Ja, liebe Schmolke,« sagte Corinna, »das ist eben einfach die alte Geschichte vom Geschmack und daß sich über Geschmäcker nicht streiten läßt. Und dann ist es auch wohl die Gewohnheit und vielleicht auch von Gesundheits wegen.«

»Von Gesundheitswegen,« lachte die Schmolke. »Na, höre, Kind, wenn einem so die Hacheln in die Kehle kommen un man sich verschluckert un man mitunter zu 'nem ganz fremden Menschen sagen muß: ›Bitte, kloppen Sie mir 'mal en bißchen, aber hier ordentlich ins Kreuz,‹ – nein, Corinna, da bin ich doch mehr für eine ausgekernte Malvasier, die 'runter geht wie Butter. Gesundheit! ... Stengel un Schale, was da von Gesundheit is, das weiß ich nich ...«

»Doch, liebe Schmolke. Manche können Obst nicht vertragen und fühlen sich geniert, namentlich wenn sie, wie Papa, hinterher auch noch die Sauce löffeln. Und da giebt es nur ein Mittel dagegen: Alles muß d'ran bleiben, der Stengel und die grüne Schale. Die beiden, die haben das Adstringens ...«

»Was?«

»Das Adstringens, d. h. das, was zusammenzieht, erst bloß die Lippen und den Mund, aber dieser Prozeß des Zusammenziehens setzt sich dann durch den ganzen inneren Menschen hin fort, und das ist dann das, was alles wieder in Ordnung bringt und vor Schaden bewahrt.«

Ein Sperling hatte zugehört und wie durchdrungen von der Richtigkeit von Corinna's Auseinandersetzungen, nahm er einen Stengel, der zufällig abgebrochen war, in den Schnabel und flog damit auf das andere Dach hinüber. Die beiden Frauen aber verfielen in Schweigen und nahmen erst nach einer Viertelstunde das Gespräch wieder auf

Das Gesamtbild war nicht mehr ganz dasselbe, denn Corinna hatte mittlerweile den Tisch abgeräumt und einen blauen Zuckerbogen darüber ausgebreitet, auf welchem zahlreiche alte Semmeln lagen und daneben ein großes Reibeisen. Dies letztere nahm sie jetzt in die Hand, stemmte sich mit der linken Schulter dagegen, und begann nun ihre Reibethätigkeit mit solcher Vehemenz, daß die geriebene Semmel über den ganzen blauen Bogen hinstäubte. Dann und wann unterbrach sie sich und schüttete die Bröckchen nach der Mitte hin zu einem Berg zusammen, aber gleich danach begann sie von neuem, und es hörte sich wirklich an, als ob sie bei dieser Arbeit allerlei mörderische Gedanken habe.

Die Schmolke sah ihr von der Seite her zu. Dann sagte sie: »Corinna, wen zerreibst Du denn eigentlich?«

»Die ganze Welt.«

»Das is viel ... un Dich mit?«

»Mich zuerst.«

»Das is recht. Denn wenn Du nur erst recht zerrieben un recht mürbe bist, dann wirst Du wohl wieder zu Verstande kommen.«

»Nie.«

»Man muß nie ›nie‹ sagen, Corinna. Das war ein Hauptsatz von Schmolke. Un das muß wahr sein, ich habe noch jedesmal gefunden, wenn einer ›nie‹ sagte, dann is es immer dicht vorm Umkippen. Un ich wollte, daß es mit Dir auch so wäre.«

Corinna seufzte.

»Sieh', Corinna, Du weißt, daß ich immer dagegen war. Denn es is ja doch ganz klar, daß Du Deinen Vetter Marcell heiraten mußt.«

»Liebe Schmolke, nur kein Wort von dem

»Ja, das kennt man, das is das Unrechtsgefühl. Aber ich will nichts weiter sagen un will nur sagen, was ich schon gesagt habe, daß ich immer dagegen war, ich meine gegen Leopold, un daß ich einen Schreck kriegte, als Du mir's sagtest. Aber als Du mir dann sagtest, daß die Commerzienrätin sich ärgern würde, da gönnt' ich's ihr un dachte, ›warum nich? warum soll es nich gehn? Un wenn der Leopold auch blos ein Wickelkind is, Corinnchen wird ihn schon aufpäppeln und ihn zu Kräften bringen.‹ Ja, Corinna, so dacht' ich un hab' es Dir auch gesagt. Aber es war ein schlechter Gedanke, denn man soll seinen Mitmenschen nich ärgern, auch wenn man ihn nich leiden kann, un was mir zuerst kam, der Schreck über Deine Verlobung, das war doch das richtige. Du mußt einen klugen Mann haben, einen, der eigentlich klüger ist, als Du – Du bist übrigens gar nich 'mal so klug – un der 'was Männliches hat, so wie Schmolke, un vor dem Du Respekt hast. Un vor Leopold kannst Du keinen Respekt haben. Liebst Du'n denn noch immer?«

»Ach, ich denke ja gar nicht dran, liebe Schmolke.«

»Na, Corinna, denn is es Zeit, un denn mußt Du nu Schicht damit machen. Du kannst doch nich die ganze Welt auf den Kopp stellen un Dein un andrer Leute Glück, worunter auch Dein Vater un Deine alte Schmolke is, verschütten un verderben wollen, blos um der alten Commerzienrätin mit ihrem Puffscheitel und ihren Brillantbommeln einen Tort anzuthun. Es is eine geldstolze Frau, die den Apfelsinenladen vergessen hat un immer blos ötepotöte thut un den alten Professor anschmachtet un ihn auch »Wilibald« nennt, als ob sie noch auf'n Hausboden Versteck mit einander spielten un hinterm Torf stünden, denn damals hatte man noch Torf auf'm Boden, un wenn man 'runter kam, sah man immer aus wie'n Schornsteinfeger, – ja, sieh' Corinna, das hat alles seine Richtigkeit, un ich hätt' ihr so 'was gegönnt, un Ärger genug wird sie woll auch gehabt haben. Aber wie der alte Pastor Thomas zu Schmolke un mir in unsrer Traurede gesagt hat: ›Liebet Euch untereinander, denn der Mensch soll sein Leben nich auf den Haß, sondern auf die Liebe stellen,‹ (dessen Schmolke un ich auch immer eingedenk gewesen sind) – so, meine liebe Corinna, sag' ich es auch zu Dir, man soll sein Leben nich auf den Haß stellen. Hast Du denn wirklich einen solchen Haß auf die Rätin, das heißt einen richtigen?«

»Ach, ich denke ja gar nicht daran, liebe Schmolke.«

»Ja, Corinna, da kann ich Dir bloß noch 'mal sagen, dann is es wirklich die höchste Zeit, daß 'was geschieht. Denn wenn Du ihn nicht liebst und ihr nicht haßt, denn weiß ich nich, was die ganze Geschichte überhaupt noch soll.«

»Ich auch nicht.«

Und damit umarmte Corinna die gute Schmolke, und diese sah denn auch gleich an einem Flimmer in Corinna's Augen, daß nun alles vorüber und daß der Sturm gebrochen sei.

»Na, Corinna, denn wollen wir's schon kriegen, un es kann noch alles gut werden. Aber nu gieb die Form her, daß wir ihn einthun, denn eine Stunde muß er doch wenigstens kochen. Un vor Tisch sag' ich Deinem Vater kein Wort, weil er sonst vor Freude nich essen kann ...«

»Ach, der äße doch.«

»Aber nach Tisch sag ich's ihm, wenn er auch um seinen Schlaf kommt. Und geträumt hab' ich's auch schon un habe Dir nur nichts davon sagen wollen. Aber nun kann ich es ja. Sieben Kutschen und die beiden Kälber von Professor Kuh waren Brautjungfern. Natürlich, Brautjungfern möchten sie immer alle sein, denn auf die kuckt alles, beinah' mehr noch als auf die Braut, weil die ja schon weg ist; un meistens kommen sie auch bald 'ran. Un bloß den Pastor konnt' ich nich recht erkennen. Thomas war es nich. Aber vielleicht war es Souchon, bloß daß er ein bißchen zu dicklich war.«

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