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Frau Jenny Treibel

Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Jenny Treibel
authorTheodor Fontane
year1998
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02638-3
titleFrau Jenny Treibel
pages5-255
created19981229
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Es war um die neunte Stunde, daß die alten Treibel's dies Gespräch führten, ohne jede Vorstellung davon, daß um eben diese Zeit auch die auf ihrer Veranda das Frühstück nehmenden jungen Treibel's der Gesellschaft vom Tage vorher gedachten. Helene sah sehr hübsch aus, wozu nicht nur die kleidsame Morgentoilette, sondern auch eine gewisse Belebtheit in ihren sonst matten und beinah vergißmeinnichtblauen Augen ein Erhebliches beitrug. Es war ganz ersichtlich, daß sie bis diese Minute mit ganz besonderem Eifer auf den halb verlegen vor sich hinsehenden Otto eingepredigt haben mußte; ja, wenn nicht alles täuschte, wollte sie mit diesem Ansturm eben fortfahren, als das Erscheinen Lizzi's und ihrer Erzieherin, Fräulein Wulsten, dies Vorhaben unterbrach.

Lizzi, trotz früher Stunde, war schon in vollem Staate. Das etwas gewellte blonde Haar des Kindes hing bis auf die Hüften herab; im Übrigen aber war alles weiß, das Kleid, die hohen Strümpfe, der Überfallkragen, und nur um die Taille herum, wenn sich von einer solchen sprechen ließ, zog sich eine breite rote Schärpe, die von Helenen nie »rote Schärpe«, sondern immer nur »pinkcoloured scarf« genannt wurde. Die Kleine, wie sie sich da präsentierte, hätte sofort als symbolische Figur auf den Wäscheschrank ihrer Mutter gestellt werden können, so sehr war sie der Ausdruck von Weißzeug mit einem roten Bändchen drum. Lizzi galt im ganzen Kreise der Bekannten als Musterkind, was das Herz Helenens einerseits mit Dank gegen Gott, andrerseits aber auch mit Dank gegen Hamburg erfüllte, denn zu den Gaben der Natur, die der Himmel hier so sichtlich verliehen, war auch noch eine Mustererziehung hinzugekommen, wie sie eben nur die Hamburger Tradition geben konnte. Diese Mustererziehung hatte gleich mit dem ersten Lebenstage des Kindes begonnen. Helene, »weil es unschön sei« – was übrigens von Seiten des damals noch um sieben Jahre jüngeren Krola bestritten wurde – war nicht zum Selbstnähren zu bewegen gewesen, und da bei den nun folgenden Verhandlungen eine seitens des alten Commerzienrats in Vorschlag gebrachte Spreewälderamme mit dem Bemerken »es gehe bekanntlich so viel davon auf das unschuldige Kind über« abgelehnt worden war, war man zu dem einzig verbleibenden Auskunftsmittel übergegangen. Eine verheiratete, von dem Geistlichen der Thomasgemeinde warm empfohlene Frau hatte das Aufpäppeln mit großer Gewissenhaftigkeit und mit der Uhr in der Hand übernommen, wobei Lizzi so gut gediehen war, daß sich eine Zeitlang sogar kleine Grübchen auf der Schulter gezeigt hatten. Alles normal und beinah' über das Normale hinaus. Unser alter Commerzienrat hatte denn auch der Sache nie so recht getraut, und erst um ein Erhebliches später, als sich Lizzi mit einem Trennmesser in den Finger geschnitten hatte (das Kindermädchen war dafür entlassen worden), hatte Treibel beruhigt ausgerufen: »Gott sei Dank, so viel ich sehen kann, es ist wirkliches Blut.«

Ordnungsmäßig hatte Lizzi's Leben begonnen, und ordnungsmäßig war es fortgesetzt worden. Die Wäsche, die sie trug, führte durch den Monat hin die genau korrespondierende Tageszahl, so daß man ihr, wie der Großvater sagte, das jedesmalige Datum vom Strumpf lesen konnte. »Heut ist der zehnte.« Der Puppenkleiderschrank war an den Riegeln numeriert, und als es geschah (und dieser schreckliche Tag lag noch nicht lange zurück), daß Lizzi, die sonst die Sorglichkeit selbst war, in ihrer, mit allerlei Kästen ausstaffierten Puppenküche Gries in den Kasten gethan hatte, der doch ganz deutlich die Aufschrift »Linsen« trug, hatte Helene Veranlassung genommen, ihrem Liebling die Tragweite solchen Fehlgriffs auseinanderzusetzen. »Das ist nichts Gleichgültiges, liebe Lizzi. Wer Großes hüten will, muß auch das Kleine zu hüten verstehen. Bedenke, wenn Du ein Brüderchen hättest, und das Brüderchen wäre vielleicht schwach, und Du willst es mit Eau de Cologne bespritzen, und Du bespritzest es mit Eau de Javelle, ja, meine Lizzi, so kann Dein Brüderchen blind werden, oder wenn es ins Blut geht, kann es sterben. Und doch wäre es noch eher zu entschuldigen, denn beides ist weiß und sieht aus wie Wasser; aber Gries und Linsen, meine liebe Lizzi, das ist doch ein starkes Stück von Unaufmerksamkeit oder, was noch schlimmer wäre, von Gleichgültigkeit.«

So war Lizzi, die übrigens zu weiterer Genugthuung der Mutter einen Herzmund hatte. Freilich, die zwei blanken Vorderzähne waren immer noch nicht sichtbar genug, um Helenen eine recht volle Herzensfreude gewähren zu können, und so wandten sich ihre mütterlichen Sorgen auch in diesem Augenblicke wieder der ihr so wichtigen Zahnfrage zu, weil sie davon ausging, daß es hier dem von der Natur so glücklich gegebenen Material bis dahin nur an der rechten erziehlichen Aufmerksamkeit gefehlt habe. »Du kneifst wieder die Lippen so zusammen, Lizzi; das darf nicht sein. Es sieht besser aus, wenn der Mund sich halb öffnet, fast so wie zum Sprechen. Fräulein Wulsten, ich möchte Sie doch bitten, auf diese Kleinigkeit, die keine Kleinigkeit ist, mehr achten zu wollen ... Wie steht es denn mit dem Geburtstagsgedicht?«

»Lizzi giebt sich die größte Mühe.«

»Nun, dann will ich Dir Deinen Wunsch auch erfüllen, Lizzi. Lade Dir die kleine Felgentreu zu heute Nachmittag ein. Aber natürlich erst die Schularbeiten ... Und jetzt kannst Du, wenn Fräulein Wulsten es erlaubt (diese verbeugte sich), im Garten spazieren gehen, überall wo Du willst, nur nicht nach dem Hof zu, wo die Bretter über der Kalkgrube liegen. Otto, Du solltest das ändern; die Bretter sind ohnehin so morsch.«

Lizzi war glücklich, eine Stunde frei zu haben, und nachdem sie der Mama die Hand geküßt und noch die Warnung, sich vor der Wassertonne zu hüten, mit auf den Weg gekriegt hatte, brachen das Fräulein und Lizzi auf, und das Elternpaar blickte dem Kinde nach, das sich noch ein paarmal umsah und dankbar der Mutter zunickte.

»Eigentlich,« sagte diese, »hätte ich Lizzi gern hier behalten und eine Seite Englisch mit ihr gelesen; die Wulsten versteht es nicht und hat eine erbärmliche Aussprache, so low, so vulgar. Aber ich bin gezwungen, es bis morgen zu lassen, denn wir müssen das Gespräch zu Ende bringen. Ich sage nicht gern etwas gegen Deine Eltern, denn ich weiß, daß es sich nicht schickt, und weiß auch, daß es Dich bei Deinem eigentümlich starren Charakter (Otto lächelte) nur noch in dieser Deiner Starrheit bestärken wird; aber man darf die Schicklichkeitsfragen, ebenso wie die Klugheitsfragen, nicht über alles stellen. Und das thäte ich, wenn ich länger schwiege. Die Haltung Deiner Eltern ist in dieser Frage geradezu kränkend für mich und fast mehr noch für meine Familie. Denn sei mir nicht böse, Otto, aber wer sind am Ende die Treibel's? Es ist mißlich, solche Dinge zu berühren, und ich würde mich hüten, es zu thun, wenn Du mich nicht geradezu zwängest, zwischen unsren Familien abzuwägen.«

Otto schwieg und ließ den Theelöffel auf seinem Zeigefinger balancieren, Helene aber fuhr fort: »Die Munk's sind ursprünglich dänisch, und ein Zweig, wie Du recht gut weißt, ist unter König Christian gegraft worden. Als Hamburgerin und Tochter einer Freien Stadt will ich nicht viel davon machen, aber es ist doch immerhin was. Und nun gar von meiner Mutter Seite! Die Thompson's sind eine Syndikatsfamilie. Du thust, als ob das nichts sei. Gut, es mag auf sich beruhen, und nur so viel möcht' ich Dir noch sagen dürfen, unsre Schiffe gingen schon nach Messina, als Deine Mutter noch in dem Apfelsinenladen spielte, draus Dein Vater sie hervorgeholt hat. Material- und Colonialwaren. Ihr nennt das hier auch Kaufmann ... ich sage nicht Du ... aber Kaufmann und Kaufmann ist ein Unterschied.«

Otto ließ alles über sich ergehen und sah den Garten hinunter, wo Lizzi Fangball spielte.

»Hast Du noch überhaupt vor, Otto, auf das, was ich sagte, mir zu antworten?«

»Am liebsten nein, liebe Helene. Wozu auch? Du kannst doch nicht von mir verlangen, daß ich in dieser Sache Deiner Meinung bin, und wenn ich es nicht bin und das ausspreche, so reize ich Dich nur noch mehr. Ich finde, daß Du doch mehr forderst, als Du fordern solltest. Meine Mutter ist von großer Aufmerksamkeit gegen Dich und hat Dir noch gestern einen Beweis davon gegeben; denn ich bezweifle sehr, daß ihr das unsrem Gast zu Ehren gegebene Diner besonders zu paß kam. Du weißt außerdem, daß sie sparsam ist, wenn es nicht ihre Person gilt.«

»Sparsam,« lachte Helene.

»Nenn' es Geiz; mir gleich. Sie läßt es aber trotzdem nie an Aufmerksamkeit fehlen, und wenn die Geburtstage da sind, so sind auch ihre Geschenke da. Das stimmt Dich aber alles nicht um, im Gegenteil, Du wächst in Deiner beständigen Auflehnung gegen die Mama und das alles nur, weil sie Dir durch ihre Haltung zu verstehen giebt, daß das, was Papa die »Hamburgerei« nennt, nicht das höchste in der Welt ist, und daß der liebe Gott seine Welt nicht um der Munk's willen geschaffen hat ...«

»Sprichst Du das Deiner Mutter nach oder thust Du von Deinem Eignen noch 'was hinzu? Fast klingt es so; Deine Stimme zittert ja beinah.«

»Helene, wenn Du willst, daß wir die Sache ruhig durchsprechen und alles in Billigkeit und mit Rücksicht für hüben und drüben abwägen, so darfst Du nicht beständig Öl ins Feuer gießen. Du bist so gereizt gegen die Mama, weil sie Deine Anspielungen nicht verstehen will und keine Miene macht, Hildegard einzuladen. Darin hast Du aber unrecht. Soll das Ganze blos etwas Geschwisterliches sein, so muß die Schwester die Schwester einladen; das ist dann eine Sache, mit der meine Mama herzlich wenig zu thun hat ...«

»Sehr schmeichelhaft für Hildegard und auch für mich ...«

»... Soll aber ein andrer Plan damit verfolgt werden, und Du hast mir zugestanden, daß dies der Fall ist, so muß das, so wünschenswert solche zweite Familienverbindung ganz unzweifelhaft auch für die Treibel's sein würde, so muß das unter Verhältnissen geschehen, die den Charakter des Natürlichen und Ungezwungenen haben. Lädst Du Hildegard ein und führt das, sagen wir einen Monat später oder zwei zur Verlobung mit Leopold, so haben wir genau das, was ich den natürlichen und ungezwungenen Weg nenne; schreibt aber meine Mama den Einladungsbrief an Hildegard und spricht sie darin aus, wie glücklich sie sein würde, die Schwester ihrer lieben Helene recht, recht lange bei sich zu sehen und sich des Glücks der Geschwister mitfreuen zu können, so drückt sich darin ziemlich unverblümt eine Huldigung und ein aufrichtiges sich Bemühen um Deine Schwester Hildegard aus, und das will die Firma Treibel vermeiden.«

»Und das billigst Du?«

»Ja.«

»Nun, das ist wenigstens deutlich. Aber weil es deutlich ist, darum ist es noch nicht richtig. Alles, wenn ich Dich recht verstehe, dreht sich also um die Frage, wer den ersten Schritt zu thun habe.«

Otto nickte.

»Nun, wenn dem so ist, warum wollen die Treibel's sich sträuben, diesen ersten Schritt zu thun? Warum, frage ich. So lange die Welt steht, ist der Bräutigam oder der Liebhaber der, der wirbt ...«

»Gewiß, liebe Helene. Aber bis zum Werben sind wir noch nicht. Vorläufig handelt es sich noch um Einleitungen, um ein Brückenbauen, und dies Brückenbauen ist an denen, die das größere Interesse daran haben.«

»Ah,« lachte Helene. »Wir, die Munks ... und das größere Interesse! Otto, das hättest Du nicht sagen sollen, nicht weil es mich und meine Familie herabsetzt, sondern weil es die ganze Treibelei und Dich an der Spitze mit einem Ridicül ausstattet, das dem Respekt, den die Männer doch beständig beanspruchen, nicht allzu vorteilhaft ist. Ja, Freund, Du forderst mich heraus, und so will ich Dir denn offen sagen, auf Eurer Seite liegt Interesse, Gewinn, Ehre. Und daß ihr das empfindet, das müßt ihr eben bezeugen, dem müßt ihr einen nicht mißzuverstehenden Ausdruck geben. Das ist der erste Schritt, von dem ich gesprochen. Und da ich 'mal bei Bekenntnissen bin, so laß mich Dir sagen, Otto, daß diese Dinge, neben ihrer ernsten und geschäftlichen Seite, doch auch noch eine persönliche Seite haben, und daß es Dir, so nehm' ich vorläufig an, nicht in den Sinn kommen kann, unsre Geschwister in ihrer äußeren Erscheinung miteinander vergleichen zu wollen. Hildegard ist eine Schönheit und gleicht ganz ihrer Großmutter Elisabeth Thompson (nach der wir ja auch unsere Lizzi getauft haben) und hat den chic einer Lady; Du hast mir das selber früher zugestanden. Und nun sieh Deinen Bruder Leopold! Er ist ein guter Mensch, der sich ein Reitpferd angeschafft hat, weil er's durchaus zwingen will, und schnallt sich nun jeden Morgen die Steigbügel so hoch wie ein Engländer. Aber es nutzt ihm nichts. Er ist und bleibt doch unter Durchschnitt, jedenfalls weitab vom Cavalier, und wenn Hildegard ihn nähme (ich fürchte, sie nimmt ihn nicht), so wäre das wohl der einzige Weg, noch etwas wie einen perfekten Gentleman aus ihm zu machen. Und das kannst Du Deiner Mama sagen.«

»Ich würde vorziehen, Du thätest es.«

»Wenn man aus einem guten Hause stammt, vermeidet man Aussprachen und Scenen ...«

»Und macht sie dafür dem Manne.«

»Das ist etwas anderes.«

»Ja,« lachte Otto. Aber in seinem Lachen war etwas Melancholisches.

* * *

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