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Frau Inger auf Oestrot

Henrik Ibsen: Frau Inger auf Oestrot - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
authorHenrik Ibsen
booktitleGedichte
titleFrau Inger auf Oestrot
publisherS. Fischer Verlag
seriesHendrik Ibsen sämtliche Werke - Volksausgabe in fünf Bänden
volumeBand 1
editorJulius Elias, Paul Schlenther
year1907
translatorEmma Klingenfeld
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectid5966446a
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Vierter Akt

Der Rittersaal wie zuvor, nur der Eßtisch ist weggetragen.

Björn, der Kammerdiener, geht Inger und Olaf Skaktavl durch die zweite Tür links mit brennendem Armleuchter voran. Inger hat einige Papiere in der Hand.

Inger zu Björn. Und Du bist gewiß, daß meine Tochter den Ritter hier im Saale gesprochen hat?

Björn indem er den Leuchter auf den Tisch links stellt. Ganz gewiß. Ich bin ihr begegnet, just als sie in den Gang hinaus trat.

Inger. Und da schien sie Dir aufgeregten Gemüts zu sein? Nicht wahr?

Björn. Sie sah bleich und verstört aus. Ich fragte, ob sie krank sei; aber statt meine Frage zu beantworten, sagte sie: »Geh zu meiner Mutter und melde ihr, daß der Ritter noch vor Tagesanbruch von hinnen zieht; bitte sie, falls sie Briefe oder Botschaft für ihn haben sollte, ihm keinen unnötigen Aufenthalt zu verursachen.« Und dann fügte sie noch etwas hinzu, das ich nicht genau verstehen konnte.

Inger. Hast Du gar nichts verstanden?

Björn. Es war mir, als sagte sie: »Fast glaub' ich, daß er schon zu lange auf Oestrot gewesen ist.«

Inger. Und der Ritter? Wo ist er jetzt?

Björn. Wahrscheinlich auf seiner Kammer im Torflügel.

Inger. Es ist gut. Ich habe alles bereit, was ich ihm mitzugeben wünsche. Geh hinein und sag' ihm, daß ich ihn hier im Saal erwarte.

Björn rechts ab.

Olaf. Wißt Ihr was, Frau Inger, – ich bin freilich in solchen Sachen so blind wie ein Maulwurf; es scheint mir aber doch, als ob – – hm!

Inger. Nun?

Olaf. – als ob Nils Lykke Eurer Tochter gut wäre.

Inger. Dann seid Ihr gerade nicht so blind – müßte ich mich doch sehr irren, wenn Ihr nicht recht hättet. Habt Ihr nicht bemerkt, wie begierig er beim Nachtmahl auf jedes Wörtchen lauschte, wenn ich von Eline erzählte?

Olaf. Er vergaß Speise und Trank.

Inger. Und unsere geheimen Geschäfte dazu.

Olaf. Ja, und was noch mehr sagen will, – die Papiere vom Kanzler.

Inger. Und aus alledem schließt Ihr wohl –?

Olaf. Aus alledem schließ' ich zunächst, daß Ihr, die Ihr Nils Lykke kennt und wißt, welchen Ruf er genießt, zumal wenn es sich um schöne Frauen handelt –

Inger. – ihn gern wieder draußen sähe?

Olaf. Ja, und je eher, je lieber.

Inger lächelnd. Nein, – im Gegenteil, Olaf Skaktavl!

Olaf. Was heißt das?

Inger. Wenn es sich verhält, wie wir beide glauben, so darf Nils Lykke um keinen Preis Oestrot so bald wieder verlassen.

Olaf sieht sie mißbilligend an. Seid Ihr schon wieder auf krummen Wegen, Frau Inger? Was führt Ihr da im Schilde? Wollt Ihr Eure Macht zu unserm Schaden vergrößern –?

Inger. O, über diese Kurzsichtigkeit, die Euch alle so unbillig macht gegen mich! Ihr glaubt doch wohl nicht, ich wollte Nils Lykke zu meinem Eidam wählen? Wenn das in meiner Absicht läge – würd' ich mich dann weigern, Teil zu nehmen an den Dingen, die sich jetzt in Schweden vorbereiten, und die Nils Lykke und der ganze dänische Anhang zu unterstützen bereit scheinen?

Olaf. Aber wenn es nicht Euer Wunsch ist, Nils Lykke zu Euch herüber zu ziehen, – was habt Ihr dann mit ihm vor?

Inger. Das will ich Euch mit wenig Worten erklären. In einem Brief an mich hat Nils Lykke es als ein Glück gepriesen, wenn er in unsere Sippe kommen könnte; und ich will so ehrlich sein, zu bekennen, daß ich wirklich einen Augenblick über diese Sache nachgedacht habe.

Olaf. Nun, seht Ihr wohl!

Inger. Nils Lykkes Verbindung mit meinem Hause wäre das wirksamste Mittel, viele Uneinige hier im Lande zu versöhnen.

Olaf. Mich dünkt, die Verheiratung Eurer Tochter Merete mit dem Grafen Vincent Lunge hätte Euch bewiesen, wie solche Mittel wirken. Kaum hatte Herr Lunge festen Fuß gefaßt bei Euch, als er Güter und Gerechtsame an sich riß –

Inger. Ach, ich weiß das, Olaf Skaktavl! Aber zuweilen durchkreuzen so mancherlei Gedanken meinen Kopf. Ich kann mich keinem völlig anvertrauen, nicht einmal Euch. Oft weiß ich nicht, was für mich das Rechte ist. Und doch – zum zweitenmal einen dänischen Ritter zu meinem Eidam zu machen, das ist ein Ausweg, den ich nur in der äußersten Not beschreiten würde, und – der Himmel sei gepriesen! – so weit ist es noch nicht gekommen!

Olaf. Ich bin so klug wie zuvor, Frau Inger. – Warum wollt Ihr Nils Lykke auf Oestrot zurückhalten?

Inger mit leiser Stimme. Weil ich einen tiefen, tiefen Groll gegen ihn habe. Nils Lykke hat mich blutiger gekränkt, als je ein Mensch mich kränkte. Ich kann Euch nicht sagen, was es ist; aber ich habe nicht Ruhe, bis ich Rache an ihm genommen habe. Versteht Ihr mich nicht? – Gesetzt, Nils Lykke wäre meiner Tochter gut; ich halte das nicht für so undenkbar. Ich werde ihn bestimmen, hier zu bleiben. Er wird Eline näher kennen lernen; sie ist klug und schön –. Ha, wenn er dann mit heißer Liebe im Herzen vor mich hinträte und um ihre Hand bäte – dann ihn fortzujagen wie einen Hund, fortzujagen mit Spott, mit Hohn, mit Verachtung und laut durchs ganze Land zu rufen, Nils Lykke hatte vergebens auf Oestrot zu werben versucht – ich sag' Euch, ich gäbe zehn Jahre meines Lebens, wenn ich diese Stunde erlebte!

Olaf. Hand aufs Herz, Inger Gyldenlöve, – das also habt Ihr mit ihm vor?

Inger. Das und nichts anderes – so wahr Gott lebt! Ihr dürft mir trauen, Olaf Skaktavl, ich mein' es ehrlich mit meinen Landsleuten. Aber ich bin zu wenig mein eigner Herr. Es gibt Dinge, die geheim bleiben müssen, wenn ich nicht zu Tode getroffen werden soll. Doch bin ich erst von dieser Seite sicher, dann sollt Ihr erfahren, ob ich vergessen habe, was ich an Knut Alfsöns Bahre geschworen habe.

Olaf schüttelt ihre Hand. Dank für das, was Ihr mir da gesagt habt! Ich möchte so ungern schlecht von Euch denken. – Doch was Euer Vorhaben mit dem Ritter betrifft, so dünkt mich, Ihr wagt ein gefährliches Spiel. Wenn Ihr Euch nun verrechnet hättet? Wenn Eure Tochter –? Sagt man doch, daß kein Weib diesem geschmeidigen Teufel zu widerstehen vermag.

Inger. Meine Tochter? Ihr glaubt, sie würde –? Nein, seid unbesorgt. Ich kenne Eline besser. Alles, was sie zu seinem Preis gehört, das hat sie mit Haß gegen ihn erfüllt. Ihr habt ja mit Euren eignen Ohren vernommen –

Olaf. Allerdings – doch Weibersinn ist ein gar unsicherer Baugrund. Ihr solltet Euch doch vorsehen.

Inger. Das will ich auch; ich werde auf beide ein wachsam Auge haben. Und sollt' es ihm dennoch gelingen, sie in seinem Garn zu fangen, so brauch' ich ihr nur ein Wort ins Ohr zu flüstern, und –

Olaf. Und?

Inger. – und sie wird ihn fliehen wie einen Sendung des höllischen Versuchers. – Still, Olaf Skaktavl! Da kommt er. Seid jetzt besonnen.

Nils Lykke kommt aus der ersten Tür rechts.

Nils Lykke geht höflich auf Inger zu. Meine edle Herrin hat mich rufen lassen.

Inger. Durch meine Tochter hab' ich erfahren, daß Ihr uns noch in dieser Nacht verlassen wollt.

Nils Lykke. Leider. Mein Geschäft auf Oestrot ist ja erledigt.

Olaf. Nicht, bis ich meine Papiere bekommen habe.

Nils Lykke. Ganz recht. Fast hätt' ich von meinem Geschäft das Wichtigste vergessen. Aber das ist auch die Schuld unsrer edlen Wirtin. Bei Tisch wußte sie ihre Gäste so klug und angenehm zu unterhalten –

Inger. Daß Ihr vergessen habt, weshalb Ihr gekommen seid? Das freut mich; denn gerade dies war meine Absicht. Ich dachte, soll mein Gast, Nils Lykke, sich heimisch auf Oestrot fühlen, so muß er –

Nils Lykke. Was, edle Frau?

Inger. – vor allen Dingen seinen Auftrag vergessen und alles, was seiner Sendung voranging.

Nils Lykke zu Olaf, indem er das Paket hervorzieht und es ihm reicht. Die Papiere vom Kanzler Peter. Ihr werdet darin vollständige Aufklärungen über unsre Anhänger in Schweden finden.

Olaf. Das ist gut.

Er setzt sich an den Tisch links, wo er das Paket öffnet und durchblättert.

Nils Lykke. Und nun, Frau Inger – nun wüßt' ich nicht, was es hier noch für mich zu tun gäbe.

Inger. Sofern uns einzig und allein Staatsgeschäfte zusammengeführt haben, habt Ihr freilich recht. Doch möcht' ich das kaum glauben.

Nils Lykke. Ihr meint?

Inger. Ich meine, nicht ausschließlich als dänischer Reichsrat oder als Verbündeter des Kanzlers kam Nils Lykke mich zu besuchen. – Sollt' ich irren, wenn ich mir einbildete, daß Ihr in Dänemark manches gehört haben könntet, was Euch neugierig machte, die Herrin von Oestrot näher kennen zu lernen?

Nils Lykke. Es sei fern von mir zu leugnen –

Olaf in den Papieren blätternd. Sonderbar! Kein Brief.

Nils Lykke. – Inger Gyldenlöves Ruf ist zu weit verbreitet, als daß ich nicht schon längst begehrt haben sollte, sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen.

Inger. Ich dacht' es. Aber reicht dann eine Stunde, beim Nachtmahl vertändelt, aus? – Durch das, was zwischen uns war, wollen wir einen Strich zu machen versuchen. Es möchte dem Nils Lykke, den ich kenne, gelingen, einen Schleier über das zu breiten, was ein Nils Lykke beging, den ich nicht gekannt habe. Verlängert doch Euren Aufenthalt um einige Tage, Herr Reichsrat! Olaf Skaktavl darf ich nicht zureden. Hat er doch seine geheimen Geschäfte in Schweden. Jedoch was Euch betrifft – Ihr habt gewiß alles so hübsch vorbereitet, daß Eure Anwesenheit kaum vonnöten sein wird. Glaubt mir, es wird Euch die Zeit bei uns nicht lang werden. Wenigstens wollen ich und meine Tochter alles aufbieten, Euch ein recht inniges Behagen zu verschaffen.

Nils Lykke. Ich zweifle weder an Eurer, noch an Eurer Tochter freundlichen Gesinnung gegen mich. Davon hab' ich vollgültige Beweise empfangen. Aber Ihr werdet gewiß überzeugt sein, daß meine Gegenwart anderswo unumgänglich nötig ist, wenn ich trotz alledem erkläre, meinen Aufenthalt auf Oestrot unmöglich verlängern zu können.

Inger. Wirklich nicht? – Ei, Herr Reichsrat, wenn ich boshaft wäre, könnt' ich fast glauben, daß Ihr nach Oestrot gekommen seid, um mit mir eine Lanze zu brechen, und daß es Euch, nachdem Ihr verloren habt, nicht angenehm ist, länger auf dem Kriegsschauplatz unter den Zeugen Eurer Niederlage zu verweilen.

Nils Lykke. Eure Deutung möchte nicht ganz unbegründet sein; aber so viel ist gewiß, daß ich die Schlacht noch nicht für verloren gebe.

Inger. Das mag nun sein, wie es will; wenn Ihr noch einige Tage bei uns bleibt, dann könnt Ihr die Scharte gewiß noch wieder auswetzen. Seht doch selbst, wie schwankend und unentschlossen ich am Scheidewege stehe – wie ich sogar meinen gefährlichen Angreifer zu überreden suche, das Feld nicht zu räumen. – Nun, offen gesagt, die Sache ist die: Eure Verbindung mit den Mißvergnügten in Schweden kommt mir ein wenig – ja, wie soll ich es nur nennen? – ein wenig wunderlich vor, Herr Reichsrat! Ich sag' Euch das ohne Umschweife, lieber Herr. Der Gedanke, der den Rat des Königs bei diesem heimlichen Schritt geleitet hat, dünkt mich zwar sehr gescheit, aber er widerspricht doch sehr dem Verhalten Eurer Landsleute während der vergangenen Jahre. Darum darf es Euch nicht kränken, wenn mein Vertrauen in Eure Zusagen noch nicht so fest ist, daß ich Gut und Leben in Eure Hände legen möchte.

Nils Lykke. Zu diesem Endzweck würde ein längerer Aufenthalt auf Oestrot auch nicht von Nutzen sein; denn ich will keinen weitern Versuch machen, Euch in Eurem Entschluß zu erschüttern.

Inger. Dann beklag' ich Euch von ganzem Herzen. Ja, Herr Reichsrat, – wohl steh' ich als unberatene Witwe hier; aber Ihr könnt mir aufs Wort glauben, und ich weissage Euch: es werden Euch Dornen erwachsen aus Eurer Fahrt nach Oestrot.

Nils Lykke mit einem Lächeln. Weissagt Ihr das, Frau Inger?

Inger. Gewiß! Was wird man wohl sagen, lieber Herr? Die Menschen sind ja heutzutage solche Lästerzungen. Mehr als ein Spottvogel wird Schmähweisen auf Euch dichten; ehe noch ein halbes Jahr vergangen ist, werdet Ihr in der Leute Munde sein; man wird auf der Landstraße stehen bleiben und Euch nachblicken. »Seht«, wird man sagen, »seht, da reitet Herr Nils Lykke, der hinauf nach Oestrot zog, um Inger Gyldenlöve zu fangen, und der in seiner eignen Schlinge hängen geblieben ist.« – Na, na, nicht so ungeduldig, Herr Ritter! Das ist ja nicht meine Ansicht; aber alle schlimmen und boshaften Menschen werden so urteilen – und deren gibt es leider mehr als genug. Schlimm ist das, aber wahr und gewiß: Spott wird Euer Lohn sein, Spott, daß ein Weib gescheiter war als Ihr. »Listig wie ein Fuchs schlich er nach Oestrot«, wird man sagen, »beschämt wie ein Hund kroch er wieder von dannen.« – Und noch eins: glaubt Ihr nicht, der Kanzler und seine Freunde werden Euern Beistand verschmähen, wenn es ruchbar wird, daß ich mich nicht unter Eurer Fahne zu kämpfen getraue?

Nils Lykke. Ihr sprecht wohlbedacht, edle Frau. Und um mich nicht dem Spott auszusetzen, – ferner, um nicht die Unterstützung der lieben Freunde in Schweden zu verwirken, so bin ich genötigt, –

Inger rasch. – Euren Aufenthalt auf Oestrot zu verlängern?

Olaf, der gelauscht, leise. Jetzt geht er in die Falle!

Nils Lykke. Nein, meine edle Frau – ich bin genötigt, mich noch in dieser Stunde mit Euch zu einigen.

Inger. Und falls Euch das nun nicht glücken sollte?

Nils Lykke. Es wird glücken.

Inger. Ihr scheint Eurer Sache sicher zu sein.

Nils Lykke. Was gilt die Wette, daß Ihr auf meinen und des Kanzlers Vorschlag eingeht?

Inger. Hof Oestrot gegen Eure Schuhschnallen!

Nils Lykke schlägt sich an die Brust und ruft: Olaf Skaktavl – hier seht Ihr den Herrn von Oestrot!

Inger. Herr Reichsrat –!

Olaf erhebt sich vom Tisch. Was nun?

Nils Lykke zu Inger. Eure Wette nehm' ich nicht an; denn im nächsten Augenblick werdet Ihr mir gern Oestrot schenken und noch mehr dazu, um Euch aus der Schlinge zu ziehen, in der Ihr sitzt, nicht ich.

Inger. Euer Spaß, Herr, fängt an recht lustig zu werden.

Nils Lykke. Er wird noch lustiger – wenigstens für mich. – Ihr pocht darauf, mich überlistet zu haben, droht mir, Hohn und Spott der Welt auf mich zu laden. Ah, Ihr solltet Euch hüten, meine Rachelust zu nähren; denn mit zwei Worten kann ich Euch in die Knie, vor meine Füße niederzwingen.

Inger. Haha! Hält plötzlich inne, wie von einer Ahnung ergriffen. Und diese zwei Worte, Nils Lykke? Diese zwei Worte –

Nils Lykke. – sind das Geheimnis von Eurem und Sten Stures Sohn.

Inger mit einem Schrei. Barmherziger Gott –!

Olaf. Inger Gyldenlöves Sohn? Was sagt Ihr?

Inger halb in den Knien vor Nils Lykke. Gnade! O, seid barmherzig –!

Nils Lykke hebt sie auf. Kommt zu Euch und laßt uns besonnen miteinander reden.

Inger mit leiser Stimme und halb wie geistesabwesend. Habt Ihr's gehört, Olaf Skaktavl? Oder war es nur ein Traum? Habt Ihr gehört, was er sagte?

Nils Lykke. Es war kein Traum, Frau Inger.

Inger ringt die Hände. Und Ihr wißt es! Ihr! – Ihr! Aber wo habt Ihr ihn denn? Wo habt Ihr ihn? Was wollt Ihr mit ihm machen? Schreit auf: Tötet ihn nicht, Nils Lykke! Gebt ihn mir wieder! Tötet ihn mir nicht!

Olaf. Ah, jetzt fang' ich an, zu begreifen –

Inger. Und diese Angst –; dieses lastende Entsetzen, – ich hab' es Jahr um Jahr mit mir herumgetragen! – Und nun soll alles, alles zusammenbrechen, und ich soll diese Not und Qual erdulden! Herr, mein Gott! Ist das recht von dir ? Hast du darum ihn mir gegeben? Sie ringt mit Anspannung aller Kräfte nach Fassung. Nils Lykke, sagt mir eins: wo habt Ihr ihn? Wo ist er?

Nils Lykke. Bei seinem Pflegevater.

Inger. Noch immer bei seinem Pflegevater! O dieser unbarmherzige Mann –! Immer hat er ihn mir vorenthalten! Aber es darf nicht länger so bleiben! Helft mir, Olaf Skaktavl!

Olaf. Ich?

Nils Lykke. Das wird nicht vonnöten sein, wofern Ihr nur –

Inger. Hört mich, Herr Reichsrat! Was Ihr wißt – Ihr sollt es ganz und gar wissen, und Ihr auch, alter treuer Freund! – Nun wohl denn! Ihr habt mich an den unglückseligen Tag gemahnt, da Knut Alfsön bei Oslo erschlagen wurde; Ihr habt mich an das Gelübde gemahnt, das ich tat, als ich vor der Leiche stand unter Norwegens bravsten Männern. Ich war zu jener Zeit kaum erwachsen; aber ich fühlte Gottes Kraft in mir, und ich meinte, was später gar viele meinten, daß Gott der Herr selbst sein Zeichen auf meine Stirn gedrückt und mich erkoren hatte, allen voran für Land und Reich zu streiten. – War das Hochmut? Oder war es eine Offenbarung von oben? Ich hab' es nie ganz ergründen können. Aber wehe dem, auf den eine große Tat gelegt ist. – Ich darf sagen, ich habe sieben Jahre lang ehrlich gehalten, was ich gelobt hatte. In Not und Bedrängnis hab' ich treu zu meinen Landsleuten gestanden. Alle meine Gespielinnen saßen als Hausfrauen und Mütter ringsum im Lande. Ich allein durfte keinem Freier Gehör schenken – keinem. Ihr wißt es am besten, Olaf Skaktavl! – Da sah ich Sten Sture zum ersten Male. Einen schönern Mann hatt' ich nie gesehen bisher.

Nils Lykke. Jetzt wird mir alles klar! Sten Sture kam um jene Zeit in geheimer Sendung nach Norwegen. Wir Dänen durften nicht wissen, daß er Euren Freunden gewogen war.

Inger. Als schlichter Knecht verkleidet, lebte er einen Winter mit mir unter einem Dache. – In jenem Winter dacht' ich weniger und weniger an des Reiches Wohlfahrt. – – Einen so schönen Mann hatt' ich nie gesehen. Und ich war schon fünfundzwanzig Jahre alt geworden – –. Im nächsten Herbst kam Sten Sture wieder; und als er abermals von dannen zog, nahm er in aller Heimlichkeit einen Säugling mit sich fort. Ich fürchtete nicht die bösen Zungen der Menschen, aber es hätte unsrer Sache geschadet, wäre es ruchbar geworden, daß Sten Sture mir so nahe stand. – Das Kind wurde zu Kanzler Peter hingetan zur Auferziehung. Ich wartete auf bessre Zeiten, die bald kommen würden. Nie kamen sie. – Zwei Jahre später verheiratete sich Sten Sture in Schweden, und als er starb, hinterließ er eine Witwe –

Olaf. – und mit ihr einen gesetzlichen Erben seines Namens und seiner Gerechtsame.

Inger. Einen Brief um den andern schrieb ich dem Kanzler und flehte ihn an, mir mein Kind zurückzugeben! Aber er weigerte sich stetig. »Schließt Euch fest und unverbrüchlich uns an,« antwortete er, »so sende ich Euern Sohn nach Norwegen – eher nicht!« Wie konnt' ich das wagen? Wir Mißvergnügten waren damals von vielen ängstlichen Gemütern im Lande scheel angesehen. Hätten sie von der Sache Wind bekommen – o, ich weiß! – sie hätten dem Kind, um die Mutter lahm zu legen, dasselbe Schicksal bereitet, das König Christian erdulden sollte, und dem er nur durch die Flucht entging. – Aber auch abgesehen davon waren die Dänen nicht untätig. Sie ließen es nicht an Drohungen noch an Versprechungen fehlen, um mich auf ihre Seite hinüberzudrängen.

Olaf. Begreiflicherweise. Aller Blicke waren auf Euch gerichtet, wie auf die Flagge, der sie nachsegeln sollten.

Inger. Da kam Herluf Hydefads Aufstand. Gedenkt Ihr jener Zeit noch, Olaf Skaktavl? War es nicht, als sei ein sonniger Frühling über das Land gekommen? Mächtige Stimmen mahnten mich, hervorzutreten – aber ich wagte es nicht. Ich saß unschlüssig – fern vom Kampf – auf meinem einsamen Hof. Oft war mir, als ob Gott der Herr selbst mich riefe; aber dann kam wieder jene tödliche Angst und lähmte mir den Willen. »Wer wird siegen?« Seht, das war die Frage, die unaufhörlich vor meinen Ohren klang. – Nur ein kurzer Frühling war's, der damals über Norwegen anbrach. Herluf Hydefad und sehr viele mit ihm wurden in den Monaten, die folgten, aufs Rad geflochten. Mich konnte niemand zur Rechenschaft ziehen. Und doch blieben verblümte Drohungen von Dänemark nicht aus. Wie? wenn man um das Geheimnis wüßte? Ich konnte es mir zuletzt nicht anders denken, als daß man darum wüßte. – In dieser qualvollen Zeit kam Reichshofmeister Gyldenlöve herauf nach Oestrot und begehrte meine Hand. Laßt eine geängstigte Mutter sich an meine Stelle versetzen –! Einen Monat später war ich des Reichshofmeisters Ehefrau, – und heimatlos in den Herzen meiner Landsleute. – – Dann kamen stille Jahre. Keiner erhob sich mehr. Die Herren konnten uns bedrücken und bedrängen, so tief und schwer sie wollten. Zuzeiten faßte mich Ekel vor mir selbst. Denn was hatte ich zu schaffen? Nichts andres, als in Angst zu leben, verhöhnt zu werden und Töchter zur Welt zu bringen. Meine Töchter! Gott mag mir vergeben, wenn ich kein Mutterherz für sie hatte! Der Ehefrau Pflichten wurden mir zum Frondienst – wie könnt' ich also meine Töchter lieben? O, mit meinem Sohn war das etwas anderes! Er war das Kind meiner Seele, war das Einzige, was mich an jene Zeit erinnerte, da ich Weib und nichts als Weib gewesen. – Und ihn hatten sie mir genommen! Er wuchs unter Fremden auf, die vielleicht die Saat des Verderbens säten in sein Inneres! Olaf Skaktavl, – hätte ich, gleich Euch, in Winter und Wetter, verfolgt und geächtet, durchs Hochgebirg wandern müssen, und hätt' ich mein Kind in meinen Armen gehabt, – glaubt mir, ich hätte nicht getrauert und geweint so, wie ich um ihn weinte und klagte von seiner Geburt an bis zu dieser Stunde!

Olaf. Hier meine Hand. Ich hab' Euch zu hart gerichtet, Frau Inger. Verfügt wieder über mich wie sonst. Ich will Euch gehorchen. – Ja, bei allen Heiligen! – ich weiß, was es heißt, um sein Kind leiden.

Inger. Eures erschlugen die Gewalthaber. Aber was ist der Tod gegen jahrelange ruhelose Angst!

Nils Lykke. Nun wohl – in Eurer Macht steht es, diese Angst zu enden. Versöhnt die streitenden Parteien, dann wird es keiner beifallen, sich Euer Kind als Pfand Eurer Treue anzueignen.

Inger für sich. Das ist des Himmels Rache – – Blickt ihn an. Kurz und gut, was fordert Ihr?

Nils Lykke. Erstens fordere ich, daß Ihr das Volk nördlich vom Dovrefjeld unter die Waffen ruft, um die Mißvergnügten in Schweden zu unterstützen.

Inger. Und weiter –?

Nils Lykke. – daß Ihr dahin wirkt, daß der junge Graf Sture in seines Stammes Rechte als Beherrscher Schwedens eingesetzt wird.

Inger. Er? Ihr fordert, daß ich –?

Olaf leise. Das ist der Wunsch vieler Schweden. Auch uns wäre damit gedient.

Nils Lykke. Ihr bedenkt Euch, edle Frau? Ihr, die Ihr um die Sicherheit Eures Sohnes bebt – was könnt Ihr Bessres wünschen, als seinen Halbbruder auf dem Thron zu sehen?

Inger gedankenvoll. Wohl wahr, – wohl wahr –

Nils Lykke betrachtet sie scharf. Es müßte denn ein andrer Anschlag im Werke sein –

Inger. Was meint Ihr?

Nils Lykke. Daß Inger Gyldenlöve danach trachtet – Königsmutter zu werden.

Inger. Nein, nein! Gebt mir mein Kind zurück, so könnt Ihr die Kronen geben, wem Ihr wollt. – Doch wißt Ihr auch, ob Graf Sture gewillt ist –?

Nils Lykke. Davon kann er selbst Euch überzeugen.

Inger. Er selbst? Und wann?

Nils Lykke. In dieser Stunde.

Olaf. Wieso?

Inger. Was sagt Ihr?

Nils Lykke. Mit einem Wort: Graf Sture ist auf Oestrot.

Olaf. Hier?

Nils Lykke zu Inger. Es ward Euch vielleicht hinterbracht, daß ich mit einem Gesellen durch das Burgtor geritten bin? Der Graf war mein Gefährte.

Inger leise. Ich bin in seiner Macht. Hier bleibt keine Wahl. Sie sieht ihn an und sagt: Gut, Herr Reichsrat, – Ihr sollt die Versicherung meines Beistandes haben.

Nils Lykke. Schriftlich?

Inger. Wie Ihr begehrt.

Sie geht zu dem Tische links hinüber, setzt sich und nimmt Schreibzeug aus der Schublade.

Nils Lykke bei Seite, am Tische rechts. Endlich ist der Sieg mein!

Inger bedenkt sich einen Augenblick, wendet sich dann plötzlich zu Olaf Skaktavl und flüstert: Olaf Skaktavl, – nun weiß ich gewiß – Nils Lykke ist ein Verräter!

Olaf leise. Wie? Ihr glaubt –?

Inger. Er sinnt auf Betrug.

Sie legt das Papier zurecht und taucht die Feder ein.

Olaf. Und doch wollt Ihr schriftlich eine Versicherung abgeben, die Euren Untergang herbeiführen kann?

Inger. Still! Laßt mich gewähren! Nein, wartet und hört mal zuerst – –

Sie spricht im Flüsterton mit ihm.

Nils Lykke leise, indem er sie beobachtet. Ja, beratschlagt nur, soviel Ihr wollt! Jetzt ist alle Gefahr vorbei. Mit ihrer schriftlichen Zusage in der Tasche kann ich sie zu jeder Stunde verklagen. Noch in dieser Nacht soll heimlich ein Bote zu Jens Bjelke –. Ich sage keine Lüge, wenn ich ihm versichere, daß der junge Graf Sture nicht auf Oestrot ist. Und morgen, wenn der Weg frei ist – nach Drontheim mit dem Junker. Dann zu Schiff mit ihm als Gefangenen nach Kopenhagen. Sitzt er da erst im Turm, dann können wir Frau Inger jede Bedingung vorschreiben, die uns paßt. Und ich –? Ja, dann, denk' ich, wird der König die Sendung nach Frankreich in keines andern Hände legen als in die meinen.

Inger flüstert fortwährend mit Olaf . Nun, Ihr habt mich also verstanden?

Olaf. Vollkommen. So sei es denn gewagt nach Eurem Willen!

Er geht rechts durch die zweite Tür ab.

Nils Stenssön kommt durch die erste Tür rechts, ohne von Inger bemerkt zu werden, die schon zu schreiben begonnen hat.

Nils Stenssön mit gedämpfter Stimme. Herr Ritter, – Herr Ritter!

Nils Lykke zu ihm gewendet. Unvorsichtiger! Was wollt Ihr hier? Hab' ich Euch nicht gesagt, Ihr solltet da drinnen warten, bis ich Euch riefe?

Nils Stenssön. Wie könnt' ich das? Nun, da Ihr mir anvertraut habt, daß Inger Gyldenlöve meine Mutter ist, nun dürst' ich mehr denn je danach, sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen – – O, das ist sie! Wie stolz und edel! So hab' ich sie mir immer vorgestellt. Seid unbesorgt, lieber Herr, – ich werde mich nicht verraten. Seit ich um das Geheimnis weiß, fühl' ich mich gewissermaßen älter und besonnener. Ich will fürder nicht stürmisch und leichtfertig sein; ich will sein wie andre edle Junker. – Sagt mir doch – weiß sie, daß ich hier bin? Habt Ihr sie vorbereitet?

Nils Lykke. Ja, freilich hab' ich das, aber –

Nils Stenssön. Nun?

Nils Lykke. – sie will Euch nicht als ihren Sohn anerkennen.

Nils Stenssön. Sie will mich nicht anerkennen? Aber sie ist doch meine Mutter. – O, wenn nichts andres im Wege ist – er nimmt einen Ring, den er an einer Schnur um den Hals trägt – dann zeigt ihr diesen Ring. Ich hab' ihn von klein auf getragen. Darüber wird sie schon Bescheid wissen.

Nils Lykke. Versteckt den Ring, Mensch! Versteckt ihn, sag' ich! – Ihr versteht mich nicht. Frau Inger zweifelt keineswegs, daß Ihr ihr Kind seid; aber – ja, seht Euch um – seht diesen Reichtum; seht die mächtigen Ahnen und Gesippen, deren Bilder prangend alle Wände bedecken von oben bis unten; seht endlich sie selbst, dieses stolze Weib, das gewohnt ist, als erste Edelfrau im Reiche zu gebieten. Meint Ihr, es könnte ihr lieb sein, einen armen, dummen Burschen den Leuten vor die Augen zu führen und zu sagen: »Seht her, das ist mein Sohn!«

Nils Stenssön. Ja, Ihr habt gewißlich recht. Ich bin arm und dumm; ich habe ihr nichts zu bieten im Vergleich zu dem, was ich begehre. O, niemals hab' ich mich von meiner Armut bedrückt gefühlt bis zu dieser Stunde! Aber, sagt mir! Was glaubt Ihr, muß ich tun, um ihr Herz zu gewinnen? Sagt es mir, lieber Herr; Ihr müßt es doch wissen!

Nils Lykke. Ihr sollt Land und Krone erwerben. Aber ehe Euch dies geglückt ist, hütet Euch wohl, ihre Ohren durch die leiseste Hindeutung auf Eure Abkunft oder Ähnliches zu verletzen! Frau Inger wird tun, als hielte sie Euch für den wirklichen Grafen Sture, bis Ihr Euch einst würdig macht, ihr Sohn zu heißen.

Nils Stenssön. O, so sagt mir aber –!

Nils Lykke. Still! Still!

Inger erhebt sich und reicht Nils Lykke das Papier. Hier, Herr Ritter, – habt Ihr meine Zusage.

Nils Lykke. Ich danke Euch.

Inger indem sie Nils Stenssön bemerkt. Ah, – dieser junge Mann ist –

Nils Lykke. Ja, Frau Inger, das ist Graf Sture.

Inger beiseite, indem sie Nils Stenssön verstohlen betrachtet. Zug für Zug – ja, bei Gott! Das ist Sten Stures Sohn! Sie tritt näher und sagt mit kalter Höflichkeit: Seid willkommen unter meinem Dach, Herr Graf! In Eurer Hand liegt es, ob wir in Jahresfrist diese Begegnung segnen sollen oder nicht.

Nils Stenssön. In meiner Hand? O, gebietet mir, was ich tun soll! Glaubt mir, ich habe Mut und guten Willen –

Nils Lykke horcht unruhig. Was ist das für ein wilder Lärm, Frau Inger? Da will wer herein. Was hat das zu bedeuten?

Inger mit erhobener Stimme. Das sind die Geister, die erwachen.

Olaf Skaktavl, Ejnar Huk, Björn, Finn mit vielen Bauern und Knechten durch den Hintergrund rechts.

Bauern und Knechte. Heil Euch, Frau Inger Gyldenlöve!

Inger zu Olaf Skaktavl. Habt Ihr ihnen gesagt, was im Werke ist?

Olaf. Alles, was sie zu wissen brauchen, habe ich ihnen gesagt.

Inger zu der Menge. Ja, meine treuen Knechte und Bauern, jetzt sollt Ihr Euch waffnen, so gut Ihr nur könnt! Was ich vorhin Euch versagt habe, das sei Euch jetzt in vollstem Maße gewährt. Und hier stelle ich Euch den jungen Grafen Sture vor, den künftigen Herrscher Schwedens, – und Norwegens, wenn Gott es haben will.

Die Menge. Heil ihm! Heil Graf Sture!

Allgemeine Bewegung. Bauern und Knechte suchen sich Waffen aus und rüsten sich mit Brustpanzern und Stahlhelmen, alles unter großem Lärm.

Nils Lykke leise und unruhig. »Die Geister erwachen«, sagte sie? Zum Schein nur hab' ich den Dämon des Aufruhrs heraufbeschworen. Verdammt, wenn er mir über den Kopf wachsen sollte!

Inger zu Nils Stenssön. Von mir empfangt Ihr die erste Hilfeleistung, – dreißig berittene Bauern, die Euch folgen und Euch beschirmen sollen. Glaubt mir, – noch ehe Ihr die Grenze erreicht, werden sich viele Hunderte unter mein und Euer Banner geschart haben. Und so zieht denn mit Gott!

Nils Stenssön. Dank, – Inger Gyldenlöve! Dank! Und seid versichert, Ihr sollt Euch niemals – des Grafen Sture zu schämen haben. Wenn Ihr mich wiederseht, dann habe ich Land und Krone errungen.

Nils Lykke für sich. Ja, wenn sie Dich wiedersieht!

Olaf zu den Bauern. Die Pferde warten, ihr guten Bauern. Seid Ihr bereit –?

Die Bauern. Ja, ja, ja!

Nils Lykke unruhig zu Inger. Wie denn? Es ist doch nicht etwa Eure Absicht, schon in dieser Nacht –?

Inger. Noch in dieser Stunde, Herr Ritter!

Nils Lykke. Nein, nein, unmöglich!

Inger. Es ist, wie ich sage!

Nils Lykke leise zu Nils Stenssön. Gehorcht ihr nicht!

Nils Stenssön. Wie kann ich anders ? Ich will; ich muß!

Nils Lykke. Es ist aber Euer sicheres Verderben –

Nils Stenssön. Gleichviel! Sie hat alle Macht über mich –

Nils Lykke befehlend. Und ich?

Nils Stenssön. Mein Wort halt' ich; verlaßt Euch drauf! Das Geheimnis soll nicht über meine Lippen kommen, bis Ihr selbst mir die Zunge löst. Aber sie ist meine Mutter!

Nils Lykke beiseite. Und Jens Bjelke, der an dem Wege lauert. Verdammt, er schnappt mir die Beute unter den Händen weg – Zu Inger. Wartet bis morgen!

Inger zu Nils Stenssön. Graf Sture, – gehorcht Ihr mir oder nicht?

Nils Stenssön. Zu Pferde!

Er geht in den Hintergrund.

Nils Lykke beiseite. Der Unglückliche! Er weiß nicht, was er tut. Zu Inger. Nun, wenn es denn sein soll – lebt wohl!

Er verbeugt sich rasch und will gehen.

Inger hält ihn zurück. Nein, halt! Nicht so, Herr Ritter, – nicht so!

Nils Lykke. Was meint Ihr?

Inger mit gedämpfter Stimme. Nils Lykke, – Ihr seid ein Verräter! Still! Laßt niemand merken, daß Unruhe im Lager der Häuptlinge herrscht. Mit einer teuflischen List, die zu durchschauen ich nicht imstande bin, habt Ihr das Vertrauen des Kanzlers Peter gewonnen, habt Ihr mich zu offener Empörung gezwungen – nicht um unsre Sache zu stützen, nein, um Eure eignen Pläne zu fördern, was für welche das nun auch sein mögen. Ich kann nicht mehr zurück. Aber glaubt deshalb nicht, Ihr hättet gesiegt! Ich werde Euch unschädlich zu machen wissen –

Nils Lykke legt unwillkürlich die Hand ans Schwert. Frau Inger!

Inger. Seid ruhig, Herr Reichsrat! Es geht Euch nicht ans Leben. Aber Ihr kommt nicht aus Oestrots Toren, ehe der Sieg unser ist.

Nils Lykke. Tod und Verderben!

Inger. Jeder Widerstand ist unnütz. Ihr entkommt nicht von hier. Verhaltet Euch darum ruhig; das ist das Klügste, was Ihr tun könnt.

Nils Lykke für sich. Ah, – ich bin überlistet! Sie ist schlauer gewesen als ich. Ein Gedanke schießt ihm durch den Kopf. Ob ich aber wohl –?

Inger leise zu Olaf Skaktavl. Folgt Graf Stures Trupp bis zur Grenze. Dann begebt Euch unverweilt zum Kanzler Peter und bringt mir mein Kind. Jetzt hat er keinen Grund mehr, mir vorzuenthalten, was mein eigen ist. Da Olaf Skaktavl gehen will, fügt sie hinzu: Halt! Ein Erkennungszeichen –. Wer den Ring Sten Stures trägt, der ist der Rechte!

Olaf. Bei allen Heiligen! Ihr sollt ihn haben!

Inger. Dank, Dank, mein treuer Freund!

Nils Lykke zu Finn, den er unbemerkt zu sich herangerufen, und mit dem er im Flüsterton gesprochen hat. Also, – versuche Dich hinauszuschleichen. Laß Dich von keinem erwischen. Eine Viertelmeile von hier liegen die Schweden im Hinterhalt. Melde ihrem Anführer, daß Graf Sture tot ist. Jener junge Mensch darf nicht angetastet werden. Sag' das dem Befehlshaber. Sag' ihm, daß das Leben des Junkers mir Tausende wert ist.

Finn. Es soll geschehen.

Inger, die Nils Lykke unterdessen beobachtet hat. Fahrt denn alle mit Gott! Auf Nils Lykke deutend. Dieser edle Ritter da kann sich nicht entschließen, seine Freunde auf Oestrot so rasch wieder zu verlassen. Er will hier bei mir warten, bis die Siegesbotschaft kommt.

Nils Lykke beiseite. Teufel!

Nils Stenssön ergreift seine Hand. Glaubt mir, – Ihr sollt nicht lange zu warten haben.

Nils Lykke. Es ist gut; es ist gut. Beiseite. Noch ist nichts verloren, wenn meine Botschaft nur Jens Bjelke zeitig erreicht –

Inger zu Ejnar Huk, indem sie auf Finn deutet. Und der da wird unter sicherer Bewachung ins Burgverließ gesteckt.

Finn. Ich?

Ejner und die Knechte. Finn?!

Nils Lykke leise. Nun ist mein letzter Anker geborsten.

Inger gebieterisch. Ins Burgverließ!

Ejnar Huk, Björn und zwei Knechte führen Finn links ab.

Alle Anderen, Nils Lykke ausgenommen, stürmen rechts hinaus. Auf, zu Pferd, – zu Pferd! Heil Inger Gyldenlöve!

Inger tritt, indem sie den Hinauseilenden folgt, dicht an Nils Lykke heran. Wer ist der Sieger?

Nils Lykke allein. Wer? Ja, wehe Dir! Der Sieg ist teuer erkauft. Ich wasche meine Hände. Nicht ich bin's, der ihn mordet. – Aber bei alledem entschlüpft mir meine Beute. Und der Aufruhr wächst und breitet sich aus! – Ah, es war ein verwegenes, ein wahnwitziges Spiel, auf das ich mich hier eingelassen habe! Er lauscht am Fenster. Da reiten sie rasselnd zum Tor hinaus. Nun wird es hinter ihnen zugemacht; – und ich stehe hier als Gefangener. – Keine Möglichkeit zu entkommen! In der nächsten halben Stunde fallen die Schweden über ihn her. Er hat dreißig gutbewaffnete Reiter mit sich. Es wird auf Tod und Leben gehen.– – Wenn er dennoch lebend in ihre Hände fiele? – Wäre ich nur frei, ich könnte die Schweden einholen, noch eh' sie die Grenze erreichen, und sie müßten ihn mir ausliefern. Er geht ans Fenster im Hintergrund und sieht hinaus. Verdammt. Wachen überall. Sollte es gar keinen Ausweg geben? – Er geht rasch auf und ab; plötzlich bleibt er stehen und lauscht. Was ist das? Gesang und Saitenspiel. Ja, sie ist's, die singt. Es scheint aus Jungfrau Elines Kammer zu kommen. Also noch auf – – Ein Gedanke durchzuckt ihn. Eline! Ach, wenn das ginge! Wenn das sich machen ließe –. Und warum sollte es sich nicht machen lassen? Bin ich nicht mehr ich selbst? Im Liede heißt es:

»Da seufzt jede Jungfrau in Herzensglut:
O wäre Nils Lykke mir hold und gut!«

Und sie –? – – Eline Gyldenlöve soll mich retten!

Er geht rasch, doch behutsam, durch die erste Tür links ab.

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