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Frau Doktor Breuer

Helene von Mühlau: Frau Doktor Breuer - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHelene von Mühlau
titleFrau Doktor Breuer
publisherStern Bücher Verlag
correctorreuters@abc.de
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8.

Wieder war einer von jenen wundervollen Sommerabenden, an denen die Luft wie milde Wellen über die Erde streift, heraufgezogen; auf einen warmen, schwülen Tag war er gefolgt, und wieder floß das weiße Vollmondlicht auf die Erde nieder wie in silbernen Strömen, und Magdalene saß in ihrem Zimmer vor ihrem schönen Instrument, aber die Hände lagen still auf den Tasten, und die Blicke waren ins Weite, in eine Unendlichkeit hinein gerichtet.

Es kam jetzt öfters über sie, daß eine Gedankenflut sie überwältigte, daß sie ganze Welten erstehen sah, von denen sie nichts wußte, daß sie Menschen reden hörte, die sie nicht kannte, und daß reine, große Wahrheiten ihr aufgehen wollten.

Ob das die ersehnte Annäherung an die Geisteswelt ihres Mannes oder ob es nur die Folge der vielen einsamen Stunden in diesem stillen Hause war? Sie wußte es nicht, aber sie glaubte, daß es gut so sei und gab sich ihrer Gedankenwelt mit tiefer Inbrunst hin.

An diesem Abend geschah nun etwas, was bisher noch nicht geschehen war, solange sie hier draußen wohnten. Dr. Breuer stand plötzlich neben seiner Frau – so plötzlich, daß sie einen leisen Schrei ausstieß, denn sie hatte ihn nicht kommen hören, und es schien ihr so unfaßbar, daß er wirklich hier oben in ihrem Zimmer neben ihr stand, daß sie ihm eine ganze Weile mit einem Ausdruck von Angst und Zweifel ins Gesicht sah.

Um Breuers Mund ging ein leises, fast verlegenes Lächeln.

»Ich habe Lust auszugehen, Magdalene. Komm!«

Ihr Staunen ward noch größer, aber es war ein freudiges Staunen, und während Breuer langsam die Treppe hinabging, flog sie in ihr Schlafzimmer, nahm einen Hut aus dem Schrank, und ihre Hände zitterten dabei, und irgendeine große Freude begann in ihr aufzuwachen.

Draußen im Garten und auf der Straße war es so weiß, daß man glauben konnte, durch eine Schneelandschaft zu wandern, dazu die weiche und doch abendliche kühle Luft und tiefe Stille ringsumher.

Magdalene wagte nicht, das Wort an ihren Mann zu richten; er hatte ihr sehr ernst seinen Arm geboten, und die Augen blickten über sie selbst und wie es schien, auch über die Landschaft hinweg. Die jäh erwachte Freude ward stiller in ihr, und ein kleines Grauen trat an deren Stelle.

Wenn er so schweigsam, mit fast finsterer Miene neben ihr her ging, mußten die Gedanken ihn stark beschäftigen, mußte er in einem Zustand solcher Hilflosigkeit sein, daß er allein nicht mehr mit sich zurecht kam und einen Menschen brauchte, der still über sich ergehen ließ, was sein aufgewühltes Innere aus sich heraus klagen oder stöhnen oder brüllen mußte.

Er nahm den Weg zum See, auf dessen Wassern das Mondlicht einen blitzenden Tanz aufführte, ein wenig beunruhigend in seinem irrlichtergleichen Aufleuchten, aber doch seltsam schön und phantastisch anzusehen.

Dr. Breuer blieb eine Weile stehen, sah erst zum nächtlichen Himmel hinauf und dann in das Wasser hinein und dann zog er seine Frau weiter.

»Ich will dir den Grund dieser Abendpromenade erklären,« sagte er. »Ich habe nun zweimal schon, jedesmal in der Vollmondperiode, eine merkwürdige Entdeckung an mir gemacht. Es muß irgendeine Anregung, oder sagen wir auch Aufregung von dem weißen Gesellen da oben auf mich übergehen. Es kommen mir Gedanken, deren Herkunft ich mir nicht erklären kann. Sie kommen wie aus anderen Welten zu mir herab; ich kann sie eine Weile lang verfolgen, empfinde sie als groß, fast unfaßbar in ihrer Neuheit und Eigenart – will sie feststellen, auf das Papier zwingen, und fort sind sie – genau, wie wenn ich hier in das Wasser blicke, eine kleine Welle in überhellem Glanze aufblitzen und dann wieder ins Nichts zurückschwinden sehe.

Dabei zittert mir Herz und Hand, und im Kopf spielen die Gedanken ein wildes Nachlaufspiel. Das ist mir bisher noch nicht zur Erkenntnis gekommen, und nun muß ich ja gestehen, daß wir in der Stadt nicht viel von hellen Mondnächten zu sehen bekamen. Hier draußen aber, wo man seinem Spiele preisgegeben ist, ich meine dem Spiele dieses geheimnisvollen Narren dort oben, den die Menschen anzuschwärmen und anzudichten pflegen, hier ist mir diese Erscheinung nun zum zweiten Male ausgefallen, und ich will der Sache auf den Grund gehen, indem ich mich nicht vor ihm fürchte, wie ich es bislang tat unter dem Schutz der Fensterläden, sondern ich will Auge in Auge ihm gegenüberstehen und sehen, was er mir anhaben kann!« Durch Magdalenens Seele lief das Grauen, das sie oft beschlich, wenn sie die Vorboten eines Sturmes bei ihrem Mann gewahrte.

»Und wahrlich, Magdalene, ich glaube, ich kann völlig beruhigt nach Hause gehen, denn ohne mit der Wimper zu zucken, vermag ich es, in dieses blöde, tausend- und millionenfach abkonterfeite Gesicht dessen da oben zu blicken, sehe, daß er ein völlig harmloser Geselle ist, der seinen Dienst tut wie jeder Nachtwächter, und der es nicht vermag, geheimnisvolle Mächte auf die Menschen auszuüben.

Aber sieh, diese Weiße dort über dem schwarzen Walde – sieh dieses Schimmern und Fließen, dieses Zerreißen und Wiederzusammendrängen; es ist ein grandioses Naturschauspiel – aber es ist nicht dämonisch, nicht geheimnisvoll – es ist eine Tatsache, wie Regen und Schnee, und Hagel und Sonne.«

»Es ist schön – ist überwältigend schön!« sagte Magdalene leise.

Breuer lachte spöttisch.

»Da haben wir die Schwärmerin! Magdalene, wann wird die Zeit kommen, da du zu denken anfängst und die Gefühle über Bord wirfst!«

»Ich glaube nie!« sagte Magdalene leise und doch fest. »Es ist für mich eine Notwendigkeit, Martin – ich muß diese stille, gute Welt haben, die man nur fühlen, aber nicht erdenken kann!«

»Ich wußte es, daß du nicht hinaufzuziehen bist!« Er sprach diese Worte hoffnungslos. »Aber hat es nicht auch für dich Zeiten gegeben, Martin, in denen du deinem Gefühle lebtest und ihm nachgabst – damals ... «

»Ach, du willst mich an jene erste Zeit erinnern, als ich dir sagte, daß ich dich liebte und dich besitzen müsse. Und dann habe ich dir durch Jahre gepredigt, daß der Mensch über seine Wünsche hinwegkommen müsse, und daß es ›Liebe‹ in dem Sinne, wie die Menschen in der Allgemeinheit davon zu sprechen pflegen, nicht gibt. ›Liebe‹ kann immer nur abstrakt sein, kann sich nur auf Dinge beziehen, die über uns stehen. Alles andere ist ein Besitzenwollen, um nach kurzer Zeit enttäuscht zu sein, denn alles, was wir dauernd besitzen, muß eines Tages seinen Reiz verlieren.

Wenn ich dir also vor Jahren, wie ich das gern zugebe, von ›Liebe‹ sprach, so lebte ich damals noch selbst in jenem Irrtum, in dem die Allgemeinheit lebt, und über den ich heute, kraft angestrengter Denkarbeit, hinausgekommen bin. Du gefielst mir, Magdalene, irgend etwas in deinem Wesen, was vornehmer, stiller, eigenartiger war, als ich es sonst bei weiblichen Personen wahrgenommen hatte, hielt mich fest und hält mich auch heute noch. Aber heute würde ich das nicht mehr mit ›Liebe‹ bezeichnen – auch nicht mehr mit dem Drang des Besitzenwollens. Ich weiß heute, daß es nichts auf Erden gibt, das wir nicht entbehren könnten, wenn es so sein müßte. Es ist alles Einbildung. Ein jeder Mensch ist Einzelwesen, nur für sich geschaffen, und alle Paarung ist Unfug. Besonders die sogenannte Paarung aus ›Liebe‹.

Liebe im wahren und idealen Sinne hat vielleicht Christus gehabt, wenn er sich für die Sünden der Menschheit opferte. ›Liebe‹ ist Güte, ist Sichselbstopfern, ist allerhöchste Entsagung, während die Menschen unter ›Liebe‹ das Besitzenwollen verstehen, und zwar das Besitzenwollen im allerrohesten Sinne. Entsagen, Magdalene! An den Schätzen dieser Welt vorübergehen und sich sagen: Ich brauche euch nicht. Ihr berührt mich nicht. Verstehst du das?«

Magdalene hing an seinem Arm, still und traurig. Sie war es gewohnt, daß er in einer Weise sprach, die sie nicht verstand, daß er ihr Herz verwundete, und sie war es auch gewohnt dazu zu schweigen. An diesem Abend wagte sie seltsamerweise eine Entgegnung:

»Martin,« sagte sie, »so oft, ja, ich weiß nicht, wie oft schon sprichst du mir von der Entsagung der Menschen, von einer großen und notwendigen Bedürfnislosigkeit allen irdischen Dingen gegenüber, und da – nein, du darfst nicht böse werden – aber ich muß daran denken, wie leidenschaftlich du selbst doch oft nach dem Besitz irgendeiner Sache, die dich reizt, strebst. Martin, sei bitte nicht böse, aber denke doch nur an dieses Haus hier, sagtest du nicht, nachdem du es gesehen hattest: Ich muß es besitzen, und ließest alle Bedenken, alle Schwierigkeiten an deinem Wunsch und Willen, zu besitzen, scheitern?« Er sah sie einen Augenblick staunend an ob ihres Mutes, dann kam das überlegene Lächeln wieder.

»Das war der Wunsch nach materiellem Besitz, um einer geistigen Sache zu dienen! Im übrigen hast du von deinem Standpunkt aus gesehen recht. Ich habe zweimal in meinem Leben vor diesem Zwang des Besitzenmüssens gestanden, und beide Male bin ich bald nachher zu der Erkenntnis gekommen, daß ich einer großen Selbsttäuschung unterlegen war. Weder mein körperliches noch mein geistiges Sein hätte eine Störung erlitten, wenn mein Wunsch unerfüllt geblieben wäre. Diese beiden Fälle und die Gegenstände, auf die sie sich bezogen, kennst du: das eine Mal warst du es, das andere Mal war es dieses Haus hier. Erschrick nur nicht, über das, was ich dir sagen werde und wappne dich nicht mit dem sogenannten Weibesstolz, der nur Huldigungen, aber keine Wahrheiten verträgt. Beide Male habe ich einen Irrtum begangen, denn ich gehöre zu jenen, die überhaupt nicht besitzen dürfen, weder einen Menschen noch eine Sache. Beides zieht aus der rein geistigen Sphäre, in der zu leben ich als meinen Beruf und meine Pflicht erkannt habe, hinab. Aber nicht allein deshalb, Magdalene – nicht meiner selbst wegen darf ich nicht besitzen, sondern auch um derer willen, die das Objekt meiner Wünsche und meiner Begierde sind, dürfte ich es nicht.

Warum? fragst du. Weil das, was du Güte nennst, von mir nicht ausgehen kann, weil ich nichts zu geben habe von dem, was die Menschen unter Wohlbefinden verstehen. Du und das Haus! Ja, Magdalena, sag es mir ohne Angst und ohne Bedenken, verstehe ich es, das was mein ist, zu beglücken, lebensfähig zu erhalten? Nein, nicht wahr? Sei offen, Magdalene, gib es zu, du leidest unter mir, aber du bist brav und tapfer und treu und ringst darum, zu mir zu gelangen, auch das geistige Leben mit mir zu teilen und bist darüber schmal und blaß geworden. Du fürchtest mich, obwohl du weißt, daß mein Zorn immer in mir selber stecken bleibt. Ich weiß und sehe das alles, Magdalene, aber ich kann es nicht ändern. Und das Haus! Ja, an jenem Tag, da ich es sah, da lag es da wie ein schlummerndes Kind, weiß und rein und einsam, und sprach zu mir und lockte mich und täuschte mir vor: Hier findest du Frieden, hier kommst du zur Erfüllung deiner Berufung!

Und heute? Heute schweigen alle Stimmen, die sich damals erhoben haben. Heute ist es mir dasselbe, ob ich hier oder in der dunklen Stadtwohnung sitze, und der einzige Gewinn, den ich aus diesem neuen Irrtum gezogen habe ist der, daß ich wieder ganz auf mich selbst und meine alten Grundsätze zurückgeführt worden bin, daß ich mir sagen muß: Einsamkeit, Bedürfnislosigkeit, ungestörtes Ringen um das Größte! Alles andere ist Rauch und Asche – so heißt es doch irgendwo!

Und nun laß uns nach Hause gehen, Magdalene, der Zweck dieser abendlichen Wanderung ist erfüllt; ich habe einen vermeintlichen Feind zur Rede gestellt und habe gesehen, daß er mir nichts anhaben kann. Sieh, wie er auf dem Wasser schwimmt – wie die Luft unter seiner Einwirkung erzittert!«

Sie standen wieder am Wasser, die Frau bleicher noch als sonst, mit einem Ausdruck hoffnungslosester Traurigkeit in den Augen, während um des Doktors Mund ein zufriedenes Lächeln spielte. Plötzlich aber wandten beide erschrocken den Kopf; sie hatten Schritte gehört, Schritte und Stimmen und dann, noch ehe sie sich besinnen konnten, waren da wirklich zwei lebende Wesen ganz nahe bei ihnen – auch ein Mann und eine Frau und ebenso wie sie Arm in Arm – und jetzt fast unmittelbar neben ihnen am Wasser stehend.

Mit einem scheuen Blick sah Magdalene in das Gesicht der Frau, und die Frau sah ebenfalls in ihr Gesicht, und beide erkannten sich, und zum namenlosen Schrecken der Frau Doktor Breuer ging ein frohes Leuchten durch die Züge der Frau Pastor Lerch, und sie unterbrach die große, weiße Stille, indem sie ausrief: »Nein, wer hätte das gedacht! Da ist sie ja, unsere liebe Frau Dr. Breuer; ich habe gerade meinem Manne wieder einmal von Ihnen vorgeschwärmt. Ach, und auf diese Weise lernen wir denn auch Ihren Herrn Gemahl kennen. Erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen Mann vorstelle!«

Der Pastor Lerch hatte seinen Hut gezogen, reichte Magdalene die Hand und verbeugte sich leicht vor dem Doktor.

Breuers Gesicht hatte sich verfinstert, er erwiderte den Gruß, neigte leicht den Kopf vor der Pastorin und ließ deren Redeschwall weiterfließen.

Der Pastor stand für einen Augenblick unentschlossen vor der Unnahbarkeit des Doktors, dann trat er neben ihn und wies auf die mondbeschienene Landschaft:

»Was darf ich bei Ihnen voraussetzen?« fragte er, »ist es die Schönheit der Natur, die Sie an unseren See gelockt hat, oder haben Sie Studienzwecke verfolgt? Wenn das letztere der Fall wäre, so würden wir denselben Zweck verfolgen; ich bin hierher gekommen, um an Hand eines Buches, das ich studierte, die Stellung eines Sternes aufzusuchen. Meine Frau indessen schilt darüber und will, daß ich mit ihr das Loblied unseres bleichen Freundes da oben singe. Nun, sie hat ja jetzt vielleicht eine mitfühlende Seele in Ihrer Frau Gemahlin gefunden. Die Frauen haben das vor uns voraus, daß sie sich schnell einigen, wenn es gilt, das Schöne zu bewundern, und schön ist solch eine sommerliche Vollmondnacht. Das muß man gelten lassen, auch wenn man kein eigentlicher Schwärmer ist.«

Um Doktor Breuers Lippen war ein etwas verzweifeltes Lächeln gekommen und wieder vergangen; er sah sich den Mann, den er nicht kannte und nicht zu kennen gewünscht hatte, an und konnte in diesem guten und auch klugen Gesicht nichts entdecken, was ihn direkt abgestoßen hätte. Eine Antwort aber fand er nicht und hielt es vielleicht nicht für der Mühe wert, nach einer solchen zu suchen, und so war es an dem Pastor, wenn er keine peinliche Pause entstehen lassen wollte, das Gespräch weiterzuführen.

Er tat das, indem er sein astronomisches Handbüchlein aufschlug und indem er es so hielt, daß der Doktor mit ihm hineinsehen konnte.

»In meinen Mußestunden beschäftige ich mich mit Vorliebe mit der Astronomie,« erklärte er, »es ist wohl die einzige Wissenschaft, die ganz erfreulich ist und niemals zu einem toten Punkt führt!«

Breuer lachte sein überlegenes Lächeln.

»Ich meine, es gibt keine Wissenschaft, die so viel tote Punkte für uns hat, wie gerade die Astronomie!« sagte er. »Und erfreulich nennen Sie sie! Ich muß sagen, daß es für mich stets unerfreulich ist, wenn ich mich mit Dingen beschäftige, die mich immer wieder auf die engsten Grenzen unseres Daseins zurückführen, mich immer wieder gewaltsam niederzwingen in das armselige Reich, das mein Verstand zu begreifen befähigt ist! Und wem nützen wir damit? Wem kann es helfen, wenn wir den Sternen da oben Namen geben und Lehren über sie aufstellen, von deren Richtigkeit sich niemals ein menschlicher Geist überzeugen kann! Nichts als Mutmaßungen – Phantastereien!«

Der Pastor hatte unwillkürlich sein Handbuch zugeschlagen und blickte in das bleiche, feingeschnittene, nervöse Gesicht seines Begleiters.

»Wenn Sie es von diesem Standpunkt aus auffassen, ja, was soll ich dann zur Verteidigung dieser Wissenschaft vorbringen? Doch höchstens, daß uns nicht nur auf diesem Felde des Forschen- und Ergründenwollens unsere Grenzen gezogen sind, sondern daß es in anderen Zweigen der Wissenschaft mehr oder weniger genau so aussieht! Nehmen wir die Philosophie oder auch die Theologie, geht es nicht auch da überall nur bis zu einem gewissen Punkt, hinter dem dann das große, gebietende Halt steht? Und wenn ich vorhin von der Astronomie behauptete, sie sei erfreulich, weil man da nicht gleich auf einen toten Punkt kommt, so meinte ich damit, daß man niemals genug davon bekommen kann, daß nie der Tag oder die Stunde kommen wird, in der man sich sagen muß: Nun hab' ich alles, was hier zu erfahren ist, erschöpft, bin ermüdet davon! Und es handelt sich ja auch nicht allein darum, das Vorhandensein einiger Sterne oder Sterngruppen festzustellen und ihnen Namen zu geben, sondern es werden uns Gebiete und Ausblicke eröffnet, die nachher eigentlich zu jedem Gebiet unserer anderen Wissenschaften hinüberleiten. Es ist ein Studium ohne Ende, das eigentlich hier im Anblick des besternten Himmelszeltes nur einen primitiven Anfang nimmt. Wäre meine Zeit nicht etwas knapp bemessen, so möchte ich aus den unzähligen Notizen, die ich mir bereits gesammelt habe, ein zusammenhängendes Werk aufbauen, aber das wird mir so im Nebenberuf nicht gelingen. Zu einem Werke darüber, wie es mir vorschwebt, würde die ganze und ungeteilte Kraft eines Menschen gehören!«

Er sagte all das, ohne darauf zu achten, ob er in dem Doktor einen Zuhörer fand oder nicht, und als er jetzt in das undurchdringliche Gesicht vor ihm sah, wußte er in der Tat nicht, ob er in die Luft gesprochen hatte. Aber Breuer hatte doch zugehört und war im tiefsten Innern erstaunt.

»Man soll immer das tun, wozu man die größte Berufung fühlt!« sagte er endlich, »und vor allem, man soll das tun, was nicht irgendein anderer ebensogut verrichten könnte, als man selbst. Wenn Sie also das Gefühl haben, der Menschheit etwas Neues und Bedeutendes durch ein Werk, das das Resultat Ihrer Studien bildet, geben zu können, so müßten Sie das unter allen Umständen tun und müßten Ihren Pastorenberuf an einen anderen abtreten. Stellungslose oder amtlose Theologen gibt es mehr als gut ist, und Sie würden also durch Niederlegung Ihres Amtes als Geistlicher einem Anderen eine Freude bereiten; Menschen, die ein astronomisch-philosophisches Werk oder wie Sie es nennen wollen, schreiben können, gibt es wahrscheinlich nur wenige. Also haben Sie für meine Auffassung keine Wahl, sondern müßten unverzüglich das Nötige dazu in die Wege leiten.«

Er sagte das sehr bestimmt im Ton einer Autorität und übersah die Bestürzung, die sich in des Pfarrers Gesicht zeigte.

»Nun?« fragte er, als die Antwort ausblieb.

Pastor Lerch ließ ein leises Lachen hören.

»Ja, wer das könnte! Wer einfach Herr der Verhältnisse wäre und es in seiner Macht hätte, das Nützliche mit dem Angenehmen zu vertauschen!« »Aber ich bitte Sie!« sagte Breuer. »Was sind das für Worte: wer Herr der Verhältnisse wäre! Die Verhältnisse dürfen doch nicht unser Herr sein, sondern wir müssen sie regieren, müssen sie uns so schaffen und gestalten, wie es für unsere Bestimmung notwendig ist. Fühle ich, daß ich imstande bin, Werte zu schaffen, die unvergänglich und von höchster bleibender Bedeutung sind, so gibt mir dieses Gefühl das Recht, alles, was sich mir störend in den Weg stellen will, niederzutreten, um mir freie Bahn, zur Erlangung meiner Berufung und meiner dadurch entstandenen Pflichten zu machen. Wer das nicht tut, versündigt sich gegen sein besseres Ich – das ist meine Ansicht!«

»Ja, ja, gewiß,« gab der Pastor zu, »das ist alles sehr richtig, Herr Doktor, aber es ist doch eben in den meisten Fällen unausführbar. Und in meinem speziellen Fall muß ich zweierlei Dinge anführen, die gegen das, was Sie da eben vorschlugen, stimmen. Erstlich weiß ich nicht, ob mein bescheidenes Werk der Menschheit wirklich zum Nutzen und zum Frommen dienen würde, denn es ist schon sehr viel über Astronomie geschrieben worden, und leider ist es nur ein sehr geringer Teil der Menschheit, der ein wirkliches Interesse auf diesem Gebiete an den Tag legt. Aber ganz abgesehen davon, und hiermit komme ich zum zweiten Punkt, der sich feindlich gegen meinen Lieblingsplan erhebt: man lebt doch auch sein bürgerliches Leben, hat doch die Pflicht, sich selbst und die, für die man die Verantwortung übernommen hat, vor Not und Sorgen zu schützen. Wie könnte ich es mit meinem Gewissen vereinigen, meiner Frau zu sagen: von Morgen ab bin ich nicht mehr der, der ich war. Ich fühle, daß ich mehr kann, als Pastor sein, also lege ich mein Amt nieder und werde Schriftsteller; einen Erfolg kann ich dir nicht versprechen, also mache dich auf alle Möglichkeiten, die die Zukunft dir bringen kann, gefaßt!

So etwas geht doch nicht, nicht wahr? Entweder muß ich ein begüterter Mann sein, der sich sagen kann: meine Couponschere tut schon allein ihre Pflicht, und meiner Frau kann es gleichgültig sein, ob ich mir meinen Unterhalt erpredige oder ob meine Zinsen ihn mir bringen, oder aber ich müßte ein gewissenloser Patron sein, dem es an Ehrgefühl und Moral gebricht, denn es gehört doch nun einmal mit zu den Grundsätzen einer moralischen Lebensauffassung, daß ein jeder sucht, sich von anderen unabhängig zu erhalten, soweit es in seinen Kräften steht.

Und noch ein dritter Faktor! Man hat doch seinen Beruf dereinst aus Liebe zur Sache ergriffen und kann ihn nicht einfach wie ein lästiges Kleidungsstück von sich werfen, um ein anderes, was einem im Augenblick besser gefällt, anzuziehen! Verzeihen Sie, daß ich Ihnen das in einer so langatmigen Rede auseinandersetzte. Man spricht oft so etwas aus, um sich selbst einmal wieder zu überzeugen!«

Breuers Mienen waren sehr finster geworden; er blieb bei seinem Grundsatz: »Das Bedeutende, das Ueberragende hat seine Gesetze für sich. Wie viele unserer Größten sind Hungers gestorben – und wenn das auch nicht buchstäblich aufzufassen ist, so ist es doch Tatsache, daß Unzählige ihr bürgerliches Leben, ihre Sicherheit, ihre Ruhe, alles, was der alltägliche Mensch als Lebenszweck einschätzt, daran gegeben haben, nur um ihrer Idee willen.«

Der Pfarrer sah vor sich hin.

»Es sind die großen Berufenen, von denen Sie sprechen. Die ganz Durchglühten, die Gottbegnadeten. Ja, für sie, das gebe ich zu, bestehen diese besonderen Gesetze zu Recht! Sie sind Märtyrer ihres Geistes, ihrer Besonderheit. Hut ab vor ihnen und vor all dem an ihnen, wovor die Menge sich bekreuzigt. Aber sehen Sie, zu diesen gehört der arme Pfarrer Lerch, der hier vor Ihnen steht, nicht. Der ist im Grunde nichts weiter als ein armer Alltagsmensch mit viel Liebe für seine Gemeinde und für die Menschheit im allgemeinen, aber doch nichts weiter als ein Alltagsmensch, der sich ein paar Steckenpferde angeschafft hat, um doch etwas Besonderes zu haben. Früher waren es Sammlungen aus Tier-, Pflanzen- und Mineralreich, und heute ist es der schöne gewaltige Sternenhimmel! Ja, ja, vielleicht nichts weiter als Selbstbetäubung, obwohl man sich doch im Grunde ganz behaglich auf dieser schönen Erde fühlt. Aber manchmal möchte man aus sich heraus, manchmal ist es einem, als dürfe man nicht so einfach aus diesem Leben scheiden ohne etwas zu hinterlassen, was denen, die nach uns kommen, von Nutzen sein kann. Ach, daß man nur ein kleiner armseliger Sproß jener gewaltigen Leiter sein durfte, die zur Erkenntnis, zur Vervollkommnung führt!«

Er sah jung und sehr bewegt aus, während er so sprach, und die letzten Worte hatten auch von Breuers Gesicht die etwas spöttische Ueberlegenheit gewischt. »Ja, ein Sproß an der riesengroßen Leiter!« sagte er und war im Begriff, weiteres hinzuzufügen, aber da tauchte das Gesicht der Pastorin zwischen ihm und dem Geistlichen auf, und dieses Gesicht sah aus einem dunklen Kopftuch heraus vom Silberglanz des Mondes beschienen, so unglaublich erdenfroh, so banal vergnügt und sogar etwas triumphierend aus, daß dem Doktor alles, was er im Augenblick vielleicht von guten Regungen in sich verspürt hatte, wieder abhanden kam.

Er sah sich nach seiner Frau um, die etwas im Hintergrunde geblieben war und mit einem verträumten Ausdruck in den Augen über den fernen, schwarzen Wald hinaus in die grandiose weiße Unendlichkeit blickte.

»Nein, Herr Doktor,« sagte die Pastorin, »nein, welch liebe, einzige, entzückende Frau nennen Sie Ihr eigen. Ich bin doch sonst nicht so, mein Mann kann Ihnen das beweisen, daß ich mich im Augenblick gleich heftig für einen Menschen erwärme, aber Ihre liebe Frau hat es mir angetan! Nur zu ernst ist sie, viel zu ernst, oder vielleicht sogar schwermütig!«

Der Pastor legte seine Hand leicht auf ihren Arm und zog sie näher zu sich heran; er hatte einen Zug von leise aufsteigendem Unwillen im Gesicht des Doktors bemerkt und gab der Frau ein Zeichen zum Schweigen.

Breuer zog den Hut, fremd, kühl, unnahbar.

»Komm, Magdalene!« Und – kaum, daß noch ein einigermaßen verbindlicher Abschied möglich war, so sehr drängte alles an ihm, von diesen Menschen, die gegen seinen Willen seinen Weg gekreuzt hatten, fortzukommen.

Schweigend ging er, die wieder in ihre ängstliche Besorgnis versunkene Frau am Arm, die Seepromenade dahin, schweigend auch durch die stillen, weißen Straßen.

Auf Magdalenens Seele lag schwer und beklemmend das Gefühl einer Schuld gegen ihn, das niederdrückende Gefühl, eine gute Stunde in eine böse verwandelt zu haben; sie war doch in Wirklichkeit vollkommen unschuldig an dem, was geschehen war und wußte nicht, warum sie leiden mußte unter Dingen, die sie nicht ändern, nicht verhindern konnte. Müde, wie gebrochen war ihre Haltung und der Schritt war wie der eines Menschen, der zur Stätte, an der geopfert werden soll, geführt wird.

Ja, so fühlte sie sich, und ganz ähnliche Gefühle hatte noch ein anderer, der sie des Weges daherkommen sah, vom Silberlicht des Mondes überflossen, jung und doch alt, zart und gebrechlich und doch verurteilt eine sehr schwere Bürde zu tragen!

Der das fühlte und dachte, war der Major Schwertes, der auf seinem Balkon hinter der Klematishecke saß, und der noch lange, nachdem das Breuersche Ehepaar verschwunden war, da sitzen blieb und über Welt und Menschen angestrengt nachgrübelte.

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