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Frau Doktor Breuer

Helene von Mühlau: Frau Doktor Breuer - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorHelene von Mühlau
titleFrau Doktor Breuer
publisherStern Bücher Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060720
projectid402dc521
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21.

Die Pastorin Lerch saß mit ihrem Mann am runden Tisch im Wohnzimmer; sie stickte an einer kleinen Decke, und der Pastor war in ein astronomisches Werk vertieft.

Hin und wieder seufzte die Pastorin, und wenn sie einmal von ihrer Arbeit aufblickte, sah man, daß ihre Augen in diesen letzten Tagen viel geweint hatten.

Pastor Lerch hatte den Kopf in die Hand gestützt; er sah auf eine Sternenkarte und suchte ein besonderes Bild heraus. Dabei fiel ihm jener abendliche Sternenhimmel ein, an dem er Magdalene Breuer zum erstenmal gesehen hatte, und seine Gedanken schweiften dann weit, weit von dem Inhalt des Buches, das er in der Hand hielt, ab.

»Daß du ihre große Opferfreudigkeit und ihre übergroße Bescheidenheit wiederholt in deiner Rede angebracht hast, das war gut und schön!« sagte die Pastorin plötzlich, legte ihre Arbeit fort und schob ihre Hand in die ihres Mannes. Die Tränen flossen ihr wieder aus den Augen. »Wenn man doch je und je herausbekommen könnte, was es eigentlich war, was sie in den Tod getrieben hat!« sagte sie mit einer Stimme, aus der echter, tiefer Schmerz herausklang.

»Die Angst um den Doktor, der zwei Tage fortgeblieben war, kann es nicht gewesen sein, und das glaube ich auch nicht. Die Bedienungsfrau hat mir schon ein paarmal erzählt, daß Magdalene ganz erstaunlich ruhig gewesen sein soll über sein Ausbleiben. Und hat ja auch recht behalten, daß sie sich nicht darüber aufregte. Der Doktor ist in die Stadt gefahren und hat einfach nicht daran gedacht, seiner Frau eine Nachricht zu schicken. Und so etwas ist ja auch schließlich kein Grund, um sich das Leben zu nehmen, im Gegenteil, wenn ich mir vorstellte, du wärest für zwei Tage verschwunden, dann würde ich wohl Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um zu erfahren, wo du wärest, aber gerade zu so einer Zeit würde ich doch nicht ins Wasser gehen, sondern würde mir sagen: womöglich ist ihm etwas zugestoßen und er braucht dich nötiger, als er dich je zuvor gebraucht hat!

Nein, darüber bin ich mir im klaren; aus Angst und Aufregung über sein Fortbleiben ist sie nicht in den See gegangen!«

»Es ist ja auch durchaus nicht erwiesen, ob ein freiwilliger Tod gesucht wurde. Sie ist über den zugefrorenen See gegangen und kam an jene Stelle, an der das Eis noch nicht trug, da ist sie denn eingesunken.« Auch sein Gesicht war tiefernst und die Stimme nicht ganz fest.

»Nein,« sagte die Pastorin, »nein und zehnmal nein! Das lasse ich mir nicht einreden. Daß du in deiner Rede an ihrem Grab die Sache als einen Unglücksfall darstelltest, das war gut und richtig und mußte so sein. Aber in Wirklichkeit glaubt doch niemand daran. Schon allein der Umstand, daß sie zu später Abendstunde noch an den See ging, ist doch sicher sehr unnatürlich.«

»Vielleicht wollte sie doch zu Frau Ralling!« warf der Pastor ein.

Der Pastorin Gesicht verfinsterte sich.

»Tag und Nacht grübele ich darüber nach!« sagte sie. »Ob es nicht doch Eifersucht gewesen ist?! Ihr Männer versteht das nicht so, aber das verwindet keine Frau so leicht, wenn ihr Mann so offenkundig sein Gefallen an einer anderen zeigt. Sieh mal, wir zwei sind doch schon ein altes Ehepaar, aber wenn ich mir vorstelle, daß du in einer Gesellschaft dich in dieser Weise mit einer gefallsüchtigen, nicht einmal feinen Frau abgäbest, so dein Gefallen an ihr zeigtest, ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich das ertrüge. Ich sehe Magdalene noch genau vor mir, wie sie damals unten in der guten Stube neben dem Major Schwertes saß, mit einem Gesicht, bleich wie ein Leinentuch, und mit Augen wie ein erschrockenes Kind! Nein, so etwas erträgt keine Frau ohne weiteres, und ich bin wirklich aufs äußerste erstaunt, daß Magdalene nachher der Frau Ralling einen Besuch gemacht und sie zum Tee eingeladen hat. Aber ich habe es nun von mehreren Seiten gehört! Gott im Himmel, sie ist wahrhaftig ein Engel gewesen; ich glaube, sie wäre fähig gewesen, ihrem Mann auch dieses Opfer zu bringen – ihm zu erlauben, daß – ach – man kann so etwas gar nicht aussprechen!

Aber das kann ich dir sagen, es war ein Glück, daß Frau Ralling heute nur aus der Entfernung an der Beerdigung teilnahm, daß sie nicht die Dreistigkeit hatte, mit ans Grab zu kommen. Ich glaube, ich hätte nicht anders gekonnt, sondern hätte sie fortschicken müssen!«

Sie weinte wieder heftig und der Pastor strich ihr über die Hand.

»Was nützt uns all dies Denken und Grübeln?« sagte er sanft. »Willst du nicht versuchen, dich an den Gedanken zu gewöhnen, daß doch und trotz allem ein Unglücksfall und kein Selbstmord vorliegt?«

»Nein, das kann ich nicht! Das geht mir gegen die Natur und gegen den Verstand. Und ich werde auch nicht ruhig werden, bis ich weiß, was sie in den Tod getrieben hat. Du sagst, sie habe ihren Mann mit einer übermenschlichen Liebe geliebt, obwohl der Doktor mit all seinen Launen und seinem selbstherrlichen Wesen das nicht verdient hat, daß eine Frau so für ihn empfand. Das muß ich immer wieder sagen, und wenn er nun wirklich in seinem Leben noch einmal zu großer Berühmtheit kommen sollte, dann muß er sich sagen, daß er über die Leiche seiner Frau hinweggegangen ist. Wenn er dann noch ein volles Glück an irgend etwas empfinden kann, dann ist er für meine Begriffe ein ganz gewissenloser, kalter Mensch. Heute am Grab schien er ja wirklich sehr erschüttert zu sein, und die Bedienungsfrau, die vor dem Abendbrot hier war, um mir eine Schüssel, die ich Magdalene einmal mit Kuchen geschickt hatte, zurückzubringen, die hat mir ja gesagt, daß er erst wie ein Wahnsinniger durchs Haus gerannt wäre und dann nach der Beerdigung vor einem Jugendbildnis Magdalenens gekniet und immer ihren Namen gerufen habe. Aber das ist doch nun eigentlich auch wieder überspannt, und ich habe immer gefunden, daß ein Schmerz, der sich so toll und ungebärdig äußert, gewöhnlich bald wieder vorüber ist, während ein wirklich echter Schmerz doch meist den Menschen ganz still macht!«

Der Pastor nickte nur, und Frau Lerch fuhr fort: »Ganz furchtbar leid tat mir der Direktor Dietholm, ihr Vater. Das ist ein wirklich vornehmer Mann, sowohl in seinem Aeußeren wie auch in seiner Denkungsart. Tausend Mark hat er dir für die Armen gegeben, das ist vornehm und gütig! Siehst du, bei dem war der Schmerz wahrhaft tief und wahrscheinlich unheilbar. Ich habe selten einen großen, starken Mann so zusammengebrochen gesehen, wie er es war. Als er die Schaufeln Erde auf ihren Sarg warf, zitterte seine Hand so heftig, daß ich glaubte, man müsse ihm zu Hilfe kommen. Sein Gesicht war aschfahl, und er biß sich auf die Lippen, daß sie bluteten. Mein Gott, sie war das einzige Kind seiner ersten Frau, und Magdalene hat mir einmal erzählt, daß er sie unsagbar geliebt hätte!«

Der Pastor versuchte seine Aufmerksamkeit wieder dem Buche zuzuwenden, aber die Frau hinderte ihn daran.

»Aber über eines kann ich gar nicht hinwegkommen,« fuhr sie fort, »nämlich darüber, daß der Major Schwertes gestern abgereist ist und nicht an der Beerdigung teilgenommen hat! Am Tag des Unglücks soll er doch zweimal bei Magdalene gewesen sein, da hätte er nun für mein Gefühl doch seine Reise um einen Tag verschieben und mit zur Beerdigung gehen können.

Ach, du glaubst nicht, wie oft ich über diese beiden nachdenken muß, über den Major und über Magdalene. Sie waren doch beide meine Sorgenkinder. Immer hat mir der eine Gedanke vorgeschwebt, über den du vielleicht lächeln wirst, nämlich der Gedanke: Wenn diese zwei doch zusammengehören könnten! Ganze Romane habe ich mir darüber ausgedacht und immer hatte ich das Gefühl, daß das zwischen diesen beiden ein ganz seltenes Glück gegeben hätte. Sie hatten etwas Verwandtes, waren beide zu gut für die gewöhnliche Menschheit! Ja, auch der Major ist zu gut, obwohl er oft so grimmig aussehen kann. Im Herzen ist weich und gut, das sagt selbst seine Haushälterin, die übrigens kündigen will, weil ihr so ein einsamer Winter hier draußen doch zu lang wird. Sie glaubt auch, daß der Major über kurz oder lang das Haus wieder verkauft und fortzieht. Die Berge sind ihm hier nicht hoch genug, er war ja früher jedes Jahr in der Schweiz oder in Tirol und machte Hochtouren! Hörst du noch zu?« fragte sie, als der Pastor den Kopf in die Hand stützte und wieder auf seine Sternenkarte sah.

»Ja,« sagte er leise.

»Der Doktor Breuer wird doch wahrscheinlich auch nicht hierbleiben! Was soll er auch allein hier? So einer gehört in die große Stadt, wo niemand auf ihn achtet, – denn hier hat er sich eigentlich doch unmöglich gemacht!«

Sie wartete eine Weile auf eine Erwiderung.

»Du antwortest ja gar nicht mehr!« sagte sie ein wenig gereizt.

»Was soll ich antworten?« fragte er wehmütig. »Meine Gedanken sind bei der Toten. Möge ihr die Erde leicht sein! Du sagtest vorhin: Sie war wie ein Engel, und daher mag die Vision kommen, die ich jetzt vor Augen habe. Ich sehe sie schweben, weiß und leicht, eine Strahlenglorie um das Haupt, das Gesicht verklärt, die Augen voll von jener übergroßen Liebe, die in unsere Welt hier unten nicht hineinpaßt! Ihr ist wohler als uns!«

Die Pastorin schluchzte laut auf. »Magdalene,« sagte sie, »Magdalene, ja ihr ist wohler als uns!« Der Kopf sank auf ihre Arme und Pastor strich ihr leise über das graue Haar.«

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