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Frau Doktor Breuer

Helene von Mühlau: Frau Doktor Breuer - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorHelene von Mühlau
titleFrau Doktor Breuer
publisherStern Bücher Verlag
correctorreuters@abc.de
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19.

In Dr. Breuers Gehirn hatten sich die Worte der Frau Ralling: »Sie werden Sklave Ihrer Arbeit bleiben müssen! Sie gehören trotz allem und allem zu den Berufenen!« tief eingegraben. Sie schmerzten ihn, brannten wie ein Feuer in ihm.

Was war diese Arbeit, an die er selbst seit langem nicht mehr glaubte, für ihn geworden? War die noch das Heiligtum, zu dem er sie vor sich selbst und vor den andern erhoben hatte, oder war sie nicht längst ein Fluch für ihn geworden? Hatte einen Narren, einen Tyrannen, einen unglückseligen Zwittermenschen aus ihm gemacht! Und ließ ihn nun nicht mehr los! Hielt ihn fest und würde nie – niemals Ruhe und Frieden in sein Leben einziehen lassen!

Wer half ihm? Wer würde ihn verstehen, wenn er in Wirklichkeit das tun wollte, was er in ironischen Worten vor der blonden Frau, die so kühl und objektiv mit ihm gesprochen, ausgedrückt hatte? Kein Mensch wahrscheinlich! Magdalene vielleicht und würde doch enttäuscht sein, würde ihn mit Augen ansehen, deren Blick er nicht ertragen könnte!

Der Major? Der Pastor?

Das waren beides Männer, denen er Komödie vorgespielt hatte, und die ihn, wenn er plötzlich in seiner geistigen Nacktheit vor ihnen stände, wahrscheinlich sehr mitleidvoll ansehen würden!

Freunde hatte er nicht; Verwandte waren ihm längst fremd geworden, weil sie Scheu und Angst vor ihm hatten.

Er war einsam auf der Welt, für die Not seiner Seele war kein verstehender Freund vorhanden.

Einmal tauchte die Gestalt des Doktors Dietholm vor ihm auf, dieses Mannes, den er »Vater« nannte, und auf den er doch herabsehen mußte. Die Worte, die er vor Frau Ralling ausgesprochen hatte, fielen ihm wieder ein: »Ich könnte ja zu meinem Schwiegervater gehen und ihm sagen: Helfen Sie mir zu einem vernünftigen Leben!« Er mußte auflachen!

»Spießbürger! Krämerseele!« sagte er und lief in der kalten, mondhellen Nacht auf unbekannten Wegen und wußte wieder nicht, ob ihn fror oder ob ihm warm war, ob er hungrig oder ob es Müdigkeit war, was ihn nötigte, von Zeit zu Zeit stehenzubleiben und sich an irgendeinem Baum festzuhalten.

Er wäre gern nach Hause gegangen, aber das Wiedersehen mit Magdalene flößte ihm Furcht ein. Er hatte sie verraten; die Frau mit dem flimmernden Haar hatte sie vor ihm in Schutz nehmen müssen, weil er sie in den Schmutz gezogen hatte.

Immer wieder stand die Gestalt des Dr. Dietholm vor ihm auf.

Warum sah er eigentlich auf den herab? Hatte er diese grimmige Verachtung für ihn im Herzen?

Weil der für sich selber arbeitete? Weil der gut essen und trinken und in einem vornehmen Hause wohnen wollte? Weil der also nur zum Selbstzweck auf der Welt war?

Wie oft hatte er das Magdalene vorgehalten, wenn die immer wieder versuchte, ihren Vater in Schutz zu nehmen!

Nun fiel ihm auf einmal ein, daß er ja auch von Dietholms Geld lebte, daß er also genau so gut wie Dietholm selbst von der Arbeit, von dem Schweiß des Volkes lebte.

Nur mit dem einen Unterschied, daß er sich als Ziel seines Lebens etwas Großes gesetzt hatte, etwas, was für Generationen Nutzen und Segen bringen sollte!

Er mußte lachen! Vorsatz – guter Wille – große Worte! Acht Jahre Arbeit und Quälerei und weiter von der Vollendung entfernt als je zuvor in all diesen Jahren!

Nein, es ging nicht! Es würde nie zu Ende kommen – und wenn er es gewaltsam zu einem Abschluß brachte, dann war es Stümperwerk, an dem die Menschen vorübergingen, das vielleicht belächelt wurde – von ein paar Zeitungskritikern den Todesstoß erhielt, bevor es noch zu leben begonnen hatte.

Dr. Breuer fror und hungerte nun doch, und er hatte Sehnsucht nach Magdalene – nach seinem Zimmer – nach dem Arbeitstisch. Er befand sich in irgendeinem Dorf, das er nicht kannte – sah die erhellten Fenster eines kleinen Gasthauses und trat da hinein.

Man gab ihm zu essen und zu trinken – er zahlte und fühlte, daß neugierige Blicke ihn musterten. Die Wirtin und die weibliche Person, die ihn bedient hatte, dachten über ihn nach, das fühlte er. Die wußten nicht, in welche Gesellschaft sie ihn einreihen sollten! Vagabund, reisender Handwerker, verkommener Künstler, der sich auf Wanderung befand oder vielleicht Schlimmeres! Gauner, Verbrecher, entflohener Sträfling.

Er versuchte zu lächeln, als er sich die Mutmaßungen der beiden Frauen vorstellte, aber sein Lächeln wurde zur Grimasse. Sein Blick fiel in einen kleinen, halbblinden Spiegel, der ihm gegenüber an der Wand hing, und wie er darin sein Bild sah: grünlichbleich mit eingefallenen Wangen, unsteten Augen, halblangem, ungeordnetem Haar und lose um den Kragen geschlungener Krawatte, da mußte er diesen zwei Personen, die ihn halb neugierig, halb ängstlich musterten, recht geben.

Wer ihn nicht kannte, wer nicht von ihm wußte, daß er der Dr. Breuer war, der an einem unsterblichen Werke schrieb, der konnte ihn wirklich eher für einen verkommenen als für einen überragenden Menschen halten.

Diese Erkenntnis drängte sich ihm mit einem großen Schmerz auf: Ekel erfaßte ihn und die Unruhe in seiner Seele stieg. Er nahm den Hut, zog den Mantel an und ging mit kurzem Gruß hinaus.

Was nun? Es war völlig Nacht geworden. Magdalene würde jetzt längst zu Bett liegen, er konnte also ruhig nach Hause gehen.

Der Himmel war blau und klar, die Sterne glitzerten, der Mond warf sein Licht auf die weiße Landschaft –, es war jetzt schön und wohltuend, einen weiten Weg zu gehen. Die Müdigkeit war vorbei, der Hunger gestillt; das Blut floß ihm warm durch die Adern.

Wieder tauchte Dietholms Bild vor ihm auf.

Ja, der war der einzige, der ihm helfen konnte – und in Breuers Herz zog etwas von kindlicher Vertrauensseligkeit, die ihn heiter stimmte.

Mitternacht war längst vorüber, als er vor seinem Haus anlangte; er trat ein, stand in seinem Zimmer, saß vor dem Arbeitstisch und hielt die Bogen seiner Arbeit in Händen.

»Schluß!« sagte er laut! »Diese Arbeit ist mein Fluch, macht mich zum Heuchler und Lügner an mir selbst und läßt mich und die Frau da oben nicht zur Ruhe kommen.«

Lange saß er, und Gedanken kamen und gingen. Müdigkeit überfiel ihn, er legte sich aufs Sofa und schloß die Augen, aber der Schlaf kam nicht. Statt dessen stieg die Unruhe wieder; irgend etwas drängte ihn, und immer war es Dietholms Gestalt, die vor ihm stand, die ihm zu sagen schien: »Komm doch endlich zu mir! Ich warte seit Jahren auf dich! Ich helfe dir und vergesse alles, was hinter uns liegt. Hier sind meine beiden Hände; nimm sie und halte dich fest daran, ich will dich in ein Leben der Ruhe, des Friedens, der Bürgerlichkeit hinüberziehen!«

Vor Morgengrauen war er wieder aus dem Hause; es drängte ihn jetzt in die Nähe des Mannes, den er über Jahresfrist nicht gesehen hatte. Mit dem ersten Morgenzug fuhr er in die Stadt, das Manuskript hielt er unter dem Arm; das Gesicht war noch bleich, aber in den Augen lag ein Ausdruck von Hoffnung.

Er kam an Gormanns Kunstladen vorüber. Von den Schaufenstern wurden gerade die Holzverschlüsse abgenommen; die Ladentür war noch geschlossen. Breuer sah in der halben Dunkelheit einige goldene Rahmen aufblitzen und ihm fiel der Tag ein, an dem er hier gestanden und das Bild des roten Kardinals bewundert hatte.

Dies Bild hatte damals seine Besitzeslust erweckt, durch das Bild hatte er die Bekanntschaft des Herrn Gormann gemacht; durch Herrn Gormann wiederum hatte er das Haus am See gesehen und nun war beides sein eigen – das Haus und das Bild, aber sein Leben war ebenso elend und unbefriedigt geblieben wie zuvor, als er noch hier in der grauen Stadt gewohnt hatte.

Gegen elf Uhr kam er nach langen ziellosen Wanderungen an die Fabrik, fühlte ein leises Herzklopfen und hörte dann vom Portier, daß der Direktor Dietholm vor einer Viertelstunde fortgefahren sei und erst am Nachmittag zurückkehre.

Breuer dachte an Magdalene. Die wartete natürlich auf ihn, beunruhigte sich, war vielleicht in großer Sorge. Er schwankte und überlegte, ob er zurückfahren oder ihr ein Telegramm senden solle.

Wieder fühlte er Müdigkeit, ging in ein Hotel und ließ sich ein Zimmer geben. Diesmal kam der Schlaf, den er jetzt nicht gewünscht hatte. Er war in dies Hotel gegangen, um nachzudenken, um alles, was er seinem Schwiegervater sagen wollte, noch einmal genau zu überlegen, um alles, was vielleicht überflüssig war, aus seiner Rede auszuschalten.

Aber der Schlaf hielt ihn fest, bis aus dem Mittag Dämmerung geworden war, bis es galt, in aller Eile den Weg zur Fabrik zu machen, um den Direktor überhaupt noch anzutreffen.

Breuer hatte sich vorgenommen, seinen äußeren Menschen so gut wie es möglich war, zurechtzumachen, aber dazu war keine Zeit geblieben, er hatte auch nicht mehr daran gedacht, als er sich zu dem eiligen Gang rüstete, dachte auch jetzt noch nicht daran, als er vor dem Portier stand, und als der ihn mit prüfenden und etwas mißtrauisch abschätzenden Blicken ansah.

»Ja, Dr. Dietholm ist in seinem Bureau, aber er empfängt nur Besuche, die ihm bereits vorher angekündigt waren.«

»Er wird mich empfangen!« sagte Breuer mit großer Sicherheit, nahm ein Stück Papier aus seiner Brieftasche und schrieb ein paar Worte darauf.

Der Mann kam bald zurück, war freundlicher als zuvor, geleitete Breuer durch eine Unzahl von Gängen und wies ihm dann die Tür zu Dietholms Bureau. Breuer stand zum erstenmal hier; immer hatte Magdalene diese schweren Gänge machen müssen, und er hatte nicht begreifen wollen, warum sie sich so oft gesträubt hatte, zu dem eigenen Vater zu gehen.

Nun fühlte er an dem heftigen Herzklopfen, das ihn befiel, an dieser großen Beklemmung, die ihm fast ein Zittern verursachte, was es hieß, als Bittender zu kommen.

»Arme Magdalene!« dachte er flüchtig, hörte Schritte hinter sich und klopfte sehr schüchtern an. »Herein!« rief Dietholm, erhob sich aus seinem Sessel und sah mit einem Gesicht, im dem ein Gemisch von Unbehagen, Erwartung, Angst und Güte lag, zu Breuer hin.

»Es ist doch nichts geschehen!« war seine erste Frage, als er Breuer sehr bleich und in unordentlicher Kleidung vor sich sah. »Es ist doch nichts mit Magdalene geschehen?«

»Nein,« sagte Breuer. »Magdalene ist wohlauf!« Er setzte sich auf den Stuhl, den Dietholm ihm anwies.

»Nun, und du wünschst?« fragte Dietholm, und man fühlte, daß dieses »Du« ihm nicht leicht wurde, ließ, je länger er zu dem Manne vor sich hinsah; um so weniger freudig die Gedanken würden, die ihn beschäftigten.

»Ich kam,« sagte Breuer nach einiger Ueberwindung, »ich kam zu Ihnen – zu dir – – – nun ja – ich will es rund heraussagen: weil ich mir keine Hilfe mehr weiß, weil ich verzweifle an dem da, – an dem Zweck und Inhalt meines Lebens. Weil ich fühle, daß es nie zu Ende kommen wird!«

Er hatte das Manuskript auf eine Ecke des Schreibtisches gelegt – die einzelnen Bogen, die nur locker umschnürt waren, flogen auseinander, und Dietholm mußte schnell seine Hand darauf legen, damit sie nicht auf den Boden flatterten. Sein Gesicht war bleich geworden und er maß den elend und ungepflegt aussehenden Menschen, den Mann seiner armen Magdalene mit kühlen, kritisierenden Blicken.

»Ich habe mein Bestes getan,« stieß Breuer weiter hervor. »Seit mehr als acht Jahren habe ich gearbeitet, und zwar nicht wie ein anderer Mensch, der einen gewöhnlichen Beruf hat, habe ich gearbeitet – sondern Tag und Nacht – unausgesetzt, habe ein Leben geführt, das dem eines Einsiedlers, ja, eines Sträflings gleichkommt – immer getragen von dem Gedanken, der Menschheit einen Nutzen zu erweisen, etwas zu leisten, was über Generationen hinaus einen Wert behält. Und nun geht es nicht mehr! Nun bin ich am Ende angelangt! Der Kopf will nicht mehr – auch der Körper nicht!«

»Du siehst in der Tat schlecht aus!« sagte Dietholm.

Breuer bewegte unwillig den Kopf. »Das ist nur die Nebenerscheinung!« sagte er – »kommt zum wenigsten in zweiter Linie!«

»Kann aber auch der ganze Grund einer augenblicklichen Mutlosigkeit sein!«

»Meine Mutlosigkeit ist nicht augenblicklich; sie ist langsam gekommen und ich habe mich dagegen gewehrt! Wie eine schleichende Krankheit ist sie, die immer weiter um sich greift. Kurz, es geht nicht mehr, ich kann nicht mehr und ich will auch nicht mehr!«

»Und was nun?«

»Ich habe Ihnen – habe dir das Manuskript gebracht!« sagte Breuer. »Was soll ich mit dem unvollendeten Manuskript? Soll ich es lesen?«

»Nein! Ich habe es gebracht, weil ich es nicht mehr sehen, nicht mehr in meiner Nähe dulden kann. Auch um Magdalenens willen!«

»Warum um Magdalenens willen?«

»Weil sie sich quält!«

»Das tut sie!« sagte Dietholm. Er sah das Gesicht seiner Tochter vor sich, »Weiß sie um all dies? Habt ihr darüber gesprochen?«

»Nein!« sagte Breuer finster.

»Und was ist der Grund deines Besuches bei mir?«

»Du sollst mir helfen!« stieß Breuer hervor.

»Mit Geld?«

»Nein, nicht mit Geld. Zum wenigsten nicht direkt mit Geld.«

»Sondern?«

»Ich will arbeiten! Ich will einen Beruf haben, wie andere Menschen – will einen Zwang zur Arbeit haben!«

»Wie stellst du dir das denn vor?« fragte Dietholm, nachdem er eine Weile nachgesonnen hatte. »Bist du mit dem Wunsch hergekommen, einen Platz hier in der Fabrik zu erhalten, in unserm Betrieb einen Posten auszufüllen?«

»Ja,« sagte Breuer und hatte das unbestimmte Gefühl, daß dieses »Ja« ein großes Glück für den Vater seiner Frau bedeuten müsse.

Aber Dietholm schwieg, und sein sonst offenes und gütiges Gesicht sah undurchdringlich und ablehnend aus.

»In dieser Fabrik,« sagte er endlich »können nur solche, die eine einschlägige Vorbildung haben, angestellt werden oder ganz junge Leute, die hier lernen. Eine Ausnahme ist ganz unmöglich.«

»Das soll also heißen – –?«

»Das soll heißen, daß ich dir jeden Gedanken an die Verwirklichung dieses seltsamen Vorhabens nehmen muß. Abgesehen von den Fähigkeiten, die ein Mensch, der in unsern Betrieb hinein will, mitzubringen hat, muß er auch seiner Persönlichkeit nach zu uns passen. Eine Fabrik wie die unsere ist wie eine große Maschine, bei der ein Glied sich genau in das andere fügen muß. Es muß alles glatt gehen, Reibungen dürfen nicht vorkommen, d. h. also, die Menschen, die bei uns arbeiten, müssen während der Stunden, die sie in der Fabrik tätig sind, nichts anderes sein, als eben ein Glied des Ganzen. Alles Allzupersönliche, alles Widersetzliche, alles, was durch augenblickliche Stimmungen hervorgerufen wird, hat hier keinen Platz!«

Breuers Gesicht hatte den Ausdruck tiefer Enttäuschung bekommen.

»Was einfache Menschen, die den Kaufmanns- oder Ingenieurberuf betreiben, können, werde ich vielleicht auch können!« sagte er.

»Ich bezweifle das!« antwortete Dietholm. »Verzeihe, wenn ich dich verletze, aber ich muß dir sagen, daß ein Mensch, der ganz und ausschließlich für seine eigene Person gelebt hat, der geradezu einen Persönlichkeitskult getrieben hat, nicht von heute auf morgen ein Gesellschaftsmensch, ein Mensch, der in die Allgemeinheit paßt, werden kann. Alles will erlernt sein, auch das Herabsteigen von einem Piedestal, selbst wenn es nur ein selbsterrichtetes war. Und wie denkst du dir das überhaupt? Soll ich morgen mit dir zu meinen Herren aus der Fabrik kommen und ihnen sagen: Hier ist der Dr. Breuer, der zwar keine Ahnung hat von dem, was hier bei uns vorgeht; er ist aber zufällig mein Schwiegersohn, und da er seines Berufes als Philosoph und Schriftsteller überdrüssig geworden ist, will er einmal sehen, ob er sich vielleicht zum Kaufmann eignet. Da er der Mann meiner Tochter ist, hat er natürlich Anspruch auf eine bevorzugte Stellung und die damit verbundenen Rücksichten!«

Breuer war aufgestanden.

»Ich sehe, daß ich auf grausamen Hohn stoße; daß ich statt des erwarteten Verständnisses ein schroffes Zurückweisen erfahre!«

»Nicht Hohn und auch kein schroffes Zurückweisen!« sagte Dietholm, »aber meine offene Ansicht über die Aussichten, die sich dir bieten! Meinem Gefühl nach ist es ganz unmöglich, daß ein Mensch deiner Art sich noch unter andern Menschen, in einer ganz neuen Welt zurechtfindet!«

»Das heißt also soviel, daß ich dem Untergang geweiht sein soll!«

»Das möge Gott verhüten! Um meiner armen Tochter willen möge er das verhüten! Nein, nicht dem Untergang; aber zum Treubleiben, zum Festhalten an dem einmal Begonnenen sollst du gezwungen sein. Ihr seid nun acht Jahre verheiratet und wir sind uns in dieser Zeit von Jahr zu Jahr fremder geworden – ja – es ist so etwas wie eine unausgesprochene Feindschaft zwischen uns gekommen. Warum sollen wir uns das verhehlen? Ich will sehr offen sein, und ich will dir auch das sagen, was in diesem Augenblick in mir vorgeht und worüber ich selbst staune.

An diesem selben Platz an dem du jetzt sitzt, hat Magdalene oft gesessen, und immer hatte eine Bitte oder ein Verlangen, das sie in deinem Auftrag an mich richtete, sie hergeführt. Welche Pein ihr diese Gänge verursachten, war leicht aus ihrem verhärmten Gesicht herauszulesen.

Wir haben oft über dich und deine Arbeit gesprochen, und ich muß sagen, ich habe mehr als einmal versucht, der armen Magdalene ihren unerschütterlichen Glauben an deine Berufung – an dein Werk zu nehmen. Aber es gelang mir nicht, und wenn sie mich auch nie zu überzeugen vermochte, so hat es mir doch gefallen, daß sie nie den Glauben an etwas, wofür ihr noch nie ein Beweis durch den geringsten Erfolg gebracht worden war, verlor.

Ich habe – verzeihe die Offenheit – nicht an dich geglaubt, habe auch nicht an dich glauben wollen und nun kommt das Merkwürdige –: jetzt – in dieser Stunde, seit du da vor mir sitzest, jetzt auf einmal will da eine Stimme in mir laut werden, die zu deinen Gunsten spricht – jetzt sagt da etwas in mir: So kann nur einer da sitzen, der mit dem praktischen Leben und den Anforderungen, die es unerbittlich an den Menschen stellt, nicht das geringste zu tun hat, sondern da sitzt einer vor dir, der sich eine Welt für sich errichtet hat – und da er zäh Jahr für Jahr in dieser Welt ausgehalten hat, muß wohl irgendeine Berechtigung dafür vorliegen. Ja, es ist wirklich seltsam, aber in jedem Augenblick fast wird es mir klarer und begreiflicher, warum Magdalene an dich glauben muß – warum sie nicht den Mut verliert, den schweren Weg mit dir zu gehen.

Ich bin kein Poet und gehöre nicht zu den sogenannten »Geistigen«, aber so viel glaube ich doch von jener andern Welt, die unserer praktischen so wenig verwandt ist, zu verstehen, daß ich mir jetzt sage: ebensowenig wie ich zu dir hinüber könnte, ebensowenig kannst du zu mir herüber. Ich habe dir vielleicht Unrecht getan, weil ich mit Ungeduld auf den sichtbaren Erfolg wartete, habe die Schwierigkeiten, mit denen ein Mensch deiner Art zu kämpfen hat, unterschätzt, und habe Magdalene das Herz dadurch noch schwerer gemacht als es war. Es mag auch Verbitterung gewesen sein, weil du uns miedest wie eine Klasse von Menschen, die man aus seinem Leben ausschaltet, wenn man sie nicht zufällig nötig hat. Ich gebe das alles zu. In diesem Augenblick sagt mir eine Stimme: Hilf diesem Mannes nicht aus seinem Beruf heraus, sondern hilf ihm in seinen Beruf oder in seine Berufung zurück! Er kann nur in dieser Sphäre etwas werden, kann überhaupt nur darin Daseinsmöglichkeiten haben!«

Dietholm war aufgestanden und hielt Breuer seine Hand hin.

»Es freut mich, daß du den Weg zu mir gefunden hast, freut mich um Magdalenens, aber auch um deiner selbst willen. Vielleicht kann es noch gut zwischen uns werden. Ich bin in der Lage, noch eine Reihe von Jahren für euch zu sorgen und werde es wahrscheinlich von heute an mit freudigerem Herzen tun, als ich es bisher getan habe.

Nimm dein Manuskript wieder mit. Wenn du dich im Augenblick, ich meine, in diesen allernächsten Wochen, nicht zur Arbeit zurückfindest, so mache dir keine Sorge. Reise mit Magdalene für kurze Zeit! Sieh, daß du Farbe in dein Gesicht bekommst, du siehst erschreckend elend aus. Frage einen Arzt, laß dich pflegen von Magdalene, Körper und Geist müssen einander das Gleichgewicht halten. Der eine darf nicht vollkommen auf Kosten des anderen bestehen wollen! Für alles Aeußere soll gesorgt werden. Mehr kann ich dir nicht sagen!«

Breuer legte zögernd seine Hand in die des wartenden Mannes.

»Ich bin mir im Augenblick nicht klar, wie ich all das auffassen soll!« sagte er. »Ich kam zu dir in der Erwartung, daß mein Vorsatz, mein Opfer Freude in dir erregen würde und muß mir nun sagen lassen, daß ich zu nichts anderem tauge, als eben zu dem, wozu meine Kraft nicht mehr reichen will!«

Sein Gesicht sah tief bekümmert aus.

»Ich kann nicht gegen meine Ueberzeugung sprechen,« antwortete Dietholm, »und meine Ueberzeugung ist jetzt eben die, daß es nur dies ›Eine‹ für dich gibt. Das ist das Höchste und Beste was ich dir zugestehen kann!«

Ein paar Minuten später stand Breuer wieder auf der Straße. Sobald er das Gesicht Dietholms nicht mehr vor sich hatte, war die Ruhe, die er diesem Mann gegenüber mühsam bewahrt hatte, wieder fort.

»Verdammt!« sagte er. »Wie ein Bittsteller, den man abgewiesen hat und dem man ein Almosen in die Hand drückte!«

Er schlug den Weg zum Bahnhof ein. Wenn er sich beeilte, erreichte er den Zug, der ihn in nicht zu später Stunde nach Hause brachte.

Wie eine Vision zog es an ihm vorüber, daß Magdalene sich in Aufregung befand, daß sie verstört war, sich schlimmen Befürchtungen hingab, aber dann war es wieder vorbei.

Nein, er hatte keine Lust, jetzt nach Hause zu fahren. Das Manuskript hatte er in der Eile bei Dietholm liegen lassen, das mußte er sich morgen in der Frühe holen, wenn es überhaupt noch der Mühe wert war, wenn er wirklich noch einmal versuchen würde, den schweren Weg dieser vielen Jahre weiterzugehen.

Müde war er wieder und hungrig war er. Die dumpfe Luft der Großstadt lag wie ein schwerer Druck auf seinem Kopf.

Er ging noch durch ein paar Straßen, kam dann wieder an das Hotel, in dem er die letzte Nacht verbracht hatte und ließ sich ein Zimmer geben.

»Krämerseele!« sagte er wieder, als er die Unterredung mit Dietholm noch einmal überdachte. »Gönnerhaft, großspurig! Hat die Macht in Händen, weil er das Geld hat! Verteilt Almosen und verfügt kraft seines Geldes über die geistige Bestimmung seiner Mitmenschen!«

Magdalenens Gesicht tauchte noch einmal vor ihm auf.

»Auch du!« sagte er, »auch du eine kleine Seele!« Aber dann vergrub er den Kopf in die Hände, weil ein plötzlicher großer Schmerz ihn packte.

»Nein, eine kleine Seele bist du nicht!« sagte er – einem Drange folgend – »aber ein Mensch, der durch Güte und Langmut töten kann!«

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