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Frau Doktor Breuer

Helene von Mühlau: Frau Doktor Breuer - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorHelene von Mühlau
titleFrau Doktor Breuer
publisherStern Bücher Verlag
correctorreuters@abc.de
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18.

Die Pastorin Lerch saß bei Magdalene Breuer im blauen Zimmer. Magdalene hatte am frühen Morgen ihre alte Bedienungsfrau ins Pastorenhaus geschickt. Der Doktor war in der Nacht nicht nach Hause gekommen. Magdalene hatte es erst am Morgen bemerkt.

Am Abend hatte sie lange gewartet, sehr lange, bis gegen Mitternacht. Mit bebendem Herzen hatte sie oben in ihrem kleinen Zimmer vor ihrem Instrument gesessen, aber die Hände hatten die Tasten nicht berührt. Dann, ja dann war doch eine Tür gegangen, erst im Garten und dann auch die Haustür; sie hatte es deutlich gehört, sie könnte beschwören, daß sie es gehört hatte.

Sehr müde war sie gewesen und hatte sich zu Bett gelegt. Eine Weile noch waren die Gedanken wach geblieben, dann hatte sie, halb im Schlaf schon, gelauscht, ob er nicht hinaufkäme, und dann nichts mehr bis zum Morgen ...

Die Pastorin hatte am Vormittag nicht kommen können, hatte auch geglaubt, es handle sich um eine Einladung zum Nachmittag und war freudig bewegt, daß Magdalene nach ihr verlangte.

Magdalene ging in ihrem Haus umher wie eine Fremde, wie ein Mensch, der etwas suchen muß und die innere Ruhe dazu nicht findet.

Sie war verstört und war doch still und begriff alle Dinge, erkannte alle Möglichkeiten. Und so gefaßt war sie, daß sie selbst der Frau, die nun zu wiederholten Malen nach dem Herrn gefragt hatte, nichts von ihrer tiefen Bestürzung mitteilte.

Sie saß dann in seinem Zimmer am Tisch. Vor ihr lagen lose Blätter, lagen aufgeschlagene Bücher und Broschüren und ein Notizblock, dessen erste Seite eng beschrieben war.

Ihre Hände hielten ein Elfenbeinstäbchen, das er zum Oeffnen der Buchseiten benutzte; an der Wand hing ein verblaßte Bild von ihr aus der Kinderzeit. Sie sah das alles und erkannte alles und hatte doch das Gefühl, in einem fremden Zimmer, vor fremdem Eigentum zu sitzen. Die Gedanken gingen zurück, spielten ein seltsames Spiel mit ihr. Erst waren sie sehr heiter, führten sie zu Vater und Geschwistern in ihr schönes, reiches Elternhaus. Sie sah sich in hellen, schönen Kleidern durch die Räume gehen, sah deutlich jedes Möbelstück, jedes Bild an der Wand vor sich, saß inmitten ihrer Bücher, Bilder und all ihrer Mädchenhabseligkeiten in ihrem hellen Schlafzimmer, das nach dem kleinen städtischen Garteneckchen zu gelegen hatte, dachte die Gedanken, die sie damals gedacht und fühlte die Gefühle, die sie damals gefühlt. Auch die Sehnsucht war wieder da, die seltsame, immer wiederkehrende Sehnsucht nach einem Schicksal, das sie vom Alltag hinwegführen sollte. Um ein »schweres Leben« hatte sie gebeten – um ein Leben, das durch Tiefen und über Höhen führen sollte, das alle Kräfte des Geistes und der Seele beanspruchen sollte ...

Ja, sie erinnerte sich, daß sie einmal an einem Frühlingsabend, der den Ueberschwang ihrer Seele zur Ekstase gesteigert hatte, auf ihren Knien gelegen und gefleht hatte: »Gott, gib mir ein schweres Leben, laß mich ringen und kämpfen und leiden müssen! Nur nicht im Alltag versinken, nur nicht auf den Wegen gehen müssen, auf dem sie alle dahintrotten!«

Wie lange war das her? War es ein Menschenleben her oder nur ein einziges Jahrzehnt? War sie inzwischen eine alte Frau geworden, die wehmütig an die längst verflossene Jugendzeit zurückdenkt, oder stand sie in der Blüte ihres Lebens – in jenen Jahren, die die besten, schönsten und genußfrohesten im Leben der Frau sein sollen?

Sie seufzte auf und dann sah sie Martin vor sich, wie er zuerst vor ihr gestanden hatte, irgendwo in einem Saal, in dem sie einen Vortrag angehört hatte.

Niemand hatte ihn zu ihr geführt, niemand sie einander vorgestellt; er war einfach an ihrer Seite gewesen und hatte zu ihr gesprochen, nicht wie ein Mensch zum andern zu sprechen pflegt, wenn er ihn nie zuvor gesehen hat, sondern gleich in Tiefen eindringend, immer irgendwie anknüpfend, als ob alle Voraussetzungen schon vorhanden seien. Sie lauschte zum Fenster hinaus. War da die Gartentür nicht gegangen? Nein, nicht die Tür ihres eigenen Gartens war ins Schloß geworfen worden, aber die von nebenan, und nun schritt der Major an ihrem Haus vorüber und sah sogar zu ihr hinüber, erkannte sie auch und griff an den Hut. Für einen Augenblick war in Magdalene wieder die große Unruhe der Gegenwart, aber dann kam die alte vergangene Zeit wieder und drängte alles andere zurück. Ja, dann war Martin zum erstenmal zu ihnen ins Haus gekommen und hatte eigentlich bei allen Mißfallen und ein fremdes Staunen erregt, besonders bei der Mutter.

Und Magdalene hatte gefühlt, daß auch in dem bleichen, zarten Doktor, der wie die Erscheinung aus der Welt, nach der sie sich sehnte, zu ihr gekommen war, eine Abneigung gegen alles, was zu ihr gehörte und wovon sie abhängig war, lebte und gleich nach dem ersten Besuch bei den Ihren so groß geworden war, daß ein Vermitteln nicht möglich gewesen war.

Oh, diese Zeiten des Leidens, die gefolgt waren!

»Gott, gib mir ein schweres Leben!« Und war doch damals schon verzagt gewesen!

Und dann weiter: die Kämpfe mit dem Vater! Die völlige Entfremdung gegen die Mutter, die es in ihrer Art gut mit ihr gemeint hatte. All die häßlichen Aussprachen und Erörterungen über die materiellen Folgen ihrer Existenz; das offenkundige Mißtrauen gegen einen Menschen, der keinen festen Beruf hatte, der noch von keinen Erfolgen berichten konnte, der nicht einmal das Notwendigste hatte, um sich selbst und die Frau, die er begehrte, vor Not zu schützen.

»Mein Gott,« dachte Magdalene, und sah ihren Vater vor sich, wie er damals, bei der letzten entscheidenden Aussprache, vor ihr gestanden hatte. »Auch ihn hätte ich preisgegeben, ja, auch ihn! Aber er ließ mich nicht, er war wie ein Zerstörter, er wehrte sich, solange er noch die geringste Hoffnung auf seinen Sieg aus diesem bösen Kampf haben konnte, aber dann, als er vor der großen Frage stand, sich in Feindschaft von mir zu trennen, da war er plötzlich ganz Güte, ganz Großmut, zu jedem materiellen Opfer bereit!«

In Magdalenens Augen traten Tränen.

»So ist er heute noch!« mußte sie sich sagen, »nach all diesen furchtbaren Jahren ist er immer derselbe geblieben. Er haßt und verachtet den Mann, und gibt und gibt doch mit vollen Händen, weil seine Liebe zu mir nicht aufhören kann.«

»Haßt und verachtet er ihn denn wirklich? Steht er ihm unversöhnlich gegenüber?« mußte sie sich fragen, und die Antwort lautete »nein!«

»Nein, er wartet nur, und an demselben Tage, an dem Martin auch nur den geringsten Erfolg aufweisen kann, ja, wenn es nicht einmal Geld wäre, wenn nur das Werk vollendet, wenn es als Buch vor Papa läge, dann wäre alles, alles gut. Dann würde man an ihn glauben, würde dies entsetzliche Mißtrauen fahren lassen ...«

Die Gedanken klammerten sich eine Weile an die glückliche Aussicht, daß eines Tages das Werk vollendet sein könnte.

Dann ein anderes Bild.

Das unstete Herumreisen in der Welt; das allmähliche Auflösen des gut eingerichteten Haushalts, bis nichts mehr blieb als das notdürftige Mobiliar für zwei Zimmer.

Und dann dieses entsetzliche Hausen in der Mietwohnung mitten in der großen Stadt! Die vollständige Trennung vom väterlichen Hause, immer die Angst, es könne einer von den Ihren kommen und in ihr Elend hineinsehen, und dann endlich dies Letzte, der Kauf dieses Hauses. Und immer alles um des Werkes willen, bei jedem neuen großen Entschluß, der gefaßt wurde, die schlimmen Ausbrüche, die Drohungen, daß es sich um Gelingen oder Vernichtung des Werkes handele.

»Mein Gott, mein Gott!« stöhnte Magdalene, und ihre Augen suchten nach den Bogen, die sonst aufgeschichtet auf dem Schreibtisch oder im offenen Schrank daneben zu liegen pflegten.

Jetzt waren sie nicht da; sie wollte aufstehen, vor dem Schrank niederknien und suchen, aber sie war zu müde, war wie gelähmt, und da ging auch wieder die Gartentür und gleich darauf klingelte es. Magdalene hörte, wie die Bedienungsfrau eifrig sprach, hörte eine Männerstimme, die ihr bekannt vorkam, und dann klopfte es an ihrer Tür und ein großer Mann stand vor ihr.

Sie erkannte ihn nicht sogleich und sah ihn fragend an. Dann drang es wie mechanisch in ihr Bewußtsein ein: »Es ist der Major Schwertes von nebenan!« und sie reichte ihm von ihrem Sitz aus die Hand.

Wie seltsam das alles war an diesem Morgen! Wie merkwürdig, daß der Major Schwertes, der so selten zu anderen Leuten ging, unaufgefordert zu ihr kam!

Er sah sie mit forschenden Blicken an und schien verlegen zu sein. Nach einer Weile des Besinnens sagte er, aber es klang sehr unnatürlich: »Ich wollte schon längst einmal zu Ihnen kommen, gnädige Frau, da wir doch so nah beieinander wohnen. Die gute Pastorin Lerch hat mich längst dazu ermuntert, aber ich bin ein wenig schwerfällig.«

Als sie den Namen der Pastorin Lerch nennen hörte, ging ein seltsames Zucken durch ihr Herz. Die Pastorin sollte doch zu ihr kommen; sie hatte doch die Bedienungsfrau hingeschickt!

Ach ja, nun erinnerte sie sich, die Pastorin hatte ihr sagen lassen, daß sie am Nachmittag käme.

Der Major Schwertes zog sich einen Stuhl nahe zu Magdalene heran und setzte sich, ohne daß sie ihn dazu aufgefordert hatte.

»Es ist noch gar nicht aufgeräumt hier!« sagte sie und sah erst jetzt, daß Bücher und Hefte auf dem Sofa verstreut lagen.

»Das ist doch gleichgültig!« meinte Schwertes und blickte ihr ins Gesicht, um daraus zu lesen, was denn eigentlich in Magdalene vorging.

Die Bedienungsfrau hatte ihn durch seine Haushälterin herüberrufen lassen, aber wie es schien, wußte Magdalene nichts davon.

Er selbst hatte – er wußte nicht warum, das ganz sichere Gefühl, daß irgend etwas vorgefallen sein müsse, daß hier die Tragödie, die Frau Lerch schon seit langem prophezeit hatte, entweder schon eingetreten war oder doch nahe bevorstand.

Nun saß er da und wußte nicht warum, saß da und suchte nach Worten, um erst einmal zu erfahren, ob es sich denn hier wirklich um ein Vorkommnis handle, das sein Eingreifen notwendig oder doch wenigstens erklärlich machte.

»Wenn Sie kamen, um mit meinem Mann zu sprechen, so kamen Sie jetzt leider vergeblich!« sagte Magdalene ängstlich. »Er ist seit gestern abend nicht nach Hause gekommen. Ich war sehr unruhig am Morgen, denn es war noch nie geschehen, daß er über Nacht fortgeblieben ist, aber nun fallen mir plötzlich vielerlei Erklärungen ein, und ich habe das Gefühl, daß er in jeder Minute zurückkehren kann. Es ist jetzt einhalb zwei Uhr; gegen drei Uhr kommt der Zug aus der Stadt – ja – ich glaube bestimmt, daß er bald kommt!«

Sie sagte das alles zwar mit abgewandtem Gesicht, aber doch sehr ruhig und der Major staunte sowohl über Magdalene als auch über sich selbst.

Wozu saß er denn hier in dieser feierlichen Haltung! Warum mußte er, der Zurückhaltende, dazu kommen, sich in sehr natürliche Angelegenheiten, die bei fremden Menschen vor sich gingen, zu mischen?

Er suchte nun ängstlich nach einer harmlosen Erklärung für seinen Besuch.

»Ich hätte ja in der Tat gern einmal mit Ihrem Herrn Gemahl gesprochen,« sagte er. »Wie Sie wissen, trafen wir uns zur Herbstzeit einmal im Walde und kamen in ein Gespräch, das mich später öfter beschäftigte, und ebenso beim Pastor Lerch riß unsere Unterhaltung uns gleich in Tiefen; man denkt darüber oft erst später eingehend nach und empfindet dann den Wunsch nach einer Fortsetzung. Wenigstens mir ergeht es oft so, daß ich im Augenblick, wenn ich den Menschen, mit dem ich spreche, vor mir habe, gar nicht das Gefühl habe, daß er etwas Besonderes ist – und erst viel später kommt die richtige Erkenntnis.«

Ueber Magdalenens Gesicht flog ein heller Freudenschein.

»Es macht mich glücklich, daß Sie so von ihm sprechen, Herr Major – gerade Sie! Sie wissen vielleicht nicht, daß mein Mann nur sehr ungern einsam durchs Leben geht, daß er aber das Unglück hat, fast niemals einem Menschen zu begegnen, der ihn versteht, mit dem er wirklich reden kann. Er hat mir nie von Ihnen gesprochen, oder doch nur ganz selten einmal, und doch weiß ich, daß es ein Glück für ihn bedeuten würde, wenn Sie ihn nicht mieden, wenn Sie sich seiner annehmen wollten!«

Nun wußte Schwertes, daß die Frau, die da vor ihm saß, mit keinem Gedanken an irgend etwas Außergewöhnliches, was sich zugetragen haben könnte, dachte, und obwohl eine Erleichterung in ihm aufkam, stieg das Gefühl des Aergers.

Also nur Dienstbotengeschwätz – Dienstbotenvorsorge! Und er hatte sich davon bestimmen lassen. Nun mußte er die Rolle, die er angefangen hatte, weiterspielen, mußte diese arme Frau glauben lassen, daß er Ihren Mann schätzte, und daß er die Absicht habe, seinen Verkehr zu suchen, und der Himmel mochte wissen, was für Folgerungen daraus entstanden!

»Man meidet Ihren Gatten ja nicht, weil man ihm aus dem Wege gehen will,« lenkte er ein, »sondern man wagt sich aus Achtung vor seiner Arbeit nicht an ihn heran. Ein jeder weiß doch, daß alle seine Zeit und seine Kraft seinem Werke gehört.«

Magdalene seufzte leise und sah wieder nach dem geöffneten Schrank und nach der leeren Stelle auf dem Schreibtisch.

»Wenn er jemanden hätte, mit dem er darüber reden könnte, ich meine eben über das Werk! Es wäre solch eine Erleichterung! Er darf nie ahnen, daß ich das ausspreche, aber ich weiß, daß es so ist; ich weiß, daß er im tiefsten Grunde seines Wesens ganz unselbständig ist und daß er eine Hilfe braucht – einen Menschen, zu dem er aufsieht, eine Hand, die stark genug ist, um ihn zu leiten.«

»Aber er hat doch Sie!« sagte hier Schwertes gegen seinen Willen; »hat doch in Ihnen alles, was ein Mensch seiner Art braucht!«

»Nein, o nein,« wehrte Magdalene ab, und ihre Augen sahen jetzt mit einem Ausdruck völliger Hoffnungslosigkeit in die des Majors.

» Ich glaube, eine Frau kann dem Manne auf die Dauer nie ein geistiger Kamerad bleiben. Sie wächst nicht mit ihm; bleibt stehen – sie haftet am Kleinen! So sagt mein Mann, und wenn ich mich im Anfang auch dagegen gesträubt habe, das einzusehen, so weiß ich doch jetzt, daß es so ist und gar nicht anders sein kann, selbst wenn man den allerbesten Willen hätte – – Nein, eine Frau muß dem Mann auf die Dauer eine Last werden, eine Fessel. Natürlich nicht überall, nicht in allen Fällen. Aber solchen Männern, die in einer ganz anderen Welt leben, die immer denken, immer tiefer eindringen möchten und die immer hoffen und verlangen, daß man mit ihnen geht und dann erkennen, daß sie Unmögliches verlangen, daß sie sich geirrt haben –« Sie brach ab.

»Aber darum heiratet man doch nicht!« sagte Schwertes leise.

»In der Allgemeinheit nicht, das glaube ich auch. Aber wie es bei uns lag – – wie er mich einschätzte, als er mich zuerst sah. Nein, er hat recht; ich begreife ihn, er hat vollkommen recht, ich lähme ihn.«

Sie hatte jetzt den Kopf in die Hände gestützt und sah ins Leere.

»Hat er Ihnen gesagt, daß Sie ihn lähmen?« fragte Schwertes.

Magdalene nickte.

»Er ist ein Mensch, der immer aussprechen muß, was er denkt! Er will mit seinen Worten nicht kränken!«

Schwertes sah den Doktor vor sich, wie er ihn an dem Abend bei Lerchs gesehen hatte.

»Er muß nicht nur sagen was er denkt, sondern er muß auch tun, was ihm gerade gefällt!« hätte er fast zu Magdalenens Worten hinzugefügt, aber er schwieg. Er durfte hier nicht bitter werden. Diese seltsame Frau liebte den Mann, der sie quälte und demütigte, das empfand er nicht nur aus ihren Worten, sondern aus der ganzen Art, wie sie da vor ihm saß. Sie liebte ihn ganz uneigennützig, ganz unpersönlich, denn sie hatte ja nichts von ihm als Menschen, und auch nichts von ihm als geistigen Arbeiter, weil er sie aus seinem Leben und aus seiner Geisteswelt ausgeschaltet hatte.

»Daß es so etwas gibt!«, mußte Schwertes denken, und sah wieder zu Magdalene hinüber. Sie hatte ihm das Profil zugewandt und er sah mit Bewunderung, wie fein und ebenmäßig der Schnitt ihres Gesichtes war.

»Gnädige Frau,« sagte er endlich, »ich kam, wie ich Ihnen sagte, in dem Gedanken an Ihren Gatten, und doch freue ich mich, daß ich Sie allein traf. Ich weiß nicht, warum. Meine Gedanken sind manchmal bei Ihnen. Verstehen Sie mich richtig, denn das, was ich jetzt sage, soll keine Kränkung für Ihren Gatten bedeuten. Man hat nur so das Gefühl, Sie oder vielleicht auch er könnten eines Freundes bedürfen, vielleicht nur das Gefühl, einen Menschen in der Nähe zu wissen, der sich Ihrer mit Rat und Tat annehmen würde. Nein, bitte verstehen Sie mich richtig, ich meine es ungefähr so: Menschen, die so ganz in einer geistigen Welt leben, wie Ihr Gatte es doch tut, also Menschen, die weit über dem Durchschnitt stehen, bedürfen oft gerade des durchschnittlichen Menschen, der ihnen über allereinfachste Dinge hinweghilft. Ja, ich weiß es von vielen, daß es so ist: Ueber alles, was vor dem gewöhnlichen Menschen wie ein Berg liegt, auf den er sich nie wagen würde, kommen sie spielend hinweg, und dann ist da plötzlich irgendein ganz winziges Hemmnis, vor dem sie straucheln, das ihnen den Weg versperrt, und sie wissen nicht, was sie anfangen sollen –«

»Ja, so ist es,« sagte Magdalene und sah zu dem Major hin – halb glücklich, halb zweifelnd.

»Aber Sie, daß gerade Sie vom Durchschnitt reden – –«

Der Major lächelte.

»Wie wenn der Blinde den Lahmen führen will, meinen Sie, nicht wahr? Und doch glaube ich, daß ich mich ganz gut dazu eignen würde, aber ich hoffe, daß es gar nicht nötig sein wird, sondern daß Ihr Gatte sein Werk beenden und dann ganz behaglich mit uns andern Menschen auf der wirklichen Erde leben wird.«

Wieder flogen Magdalenens Blicke erstaunt zu Schwertes hin.

Warum hatte denn der Pastor Lerch ihr so viel absonderliche Dinge von diesem Mann erzählt, wenn der so vernünftig sprach und ihr seine Hilfe anbot, um ihrem Manne zu helfen, sich in der realen Welt zurechtzufinden? Wie seltsam und kleinbürgerlich, wie so ganz ohne Menschenkenntnis die Leute in diesem kleinen Ort doch waren! Sehr wohl und warm ward ihr ums Herz, als sie den Major weiter in diesem guten, beschwichtigenden Ton reden hörte. Alle Angst war aus der Seele heraus. Im Geiste sah sie die beiden Männer als gute Freunde beieinander sitzen und eine große, tiefe Hoffnung trat an Stelle der Mutlosigkeit.

Die Mittagszeit war längst vorüber, als Schwertes endlich ging. Während seiner Unterhaltung mit Magdalene hatte sein Gesicht ungewollt den Ausdruck väterlicher Güte angenommen, aber sobald die Tür seines Hauses hinter ihm zugefallen war, kam es wie ein tiefer Ingrimm in seine Züge.

Was für eine Komödie hatte er da soeben gespielt! Welchen Haufen von Unwahrheiten ausgesprochen!

Zum Teufel ja, wie war er dazu gekommen – er – der Schwertes, der sein ganzes Leben durch nicht ungebeten zu einem anderen Menschen gegangen war! Hatte sich da als Freund und Helfer ordentlich aufgedrungen! Hatte sehen müssen, wie die Frau ihn staunend und ungläubig angeblickt hatte! Die lächelte jetzt vielleicht und dachte von ihm: »Du Narr, wie kommst du dazu, meinem Manne helfen zu wollen, da du doch selbst nur mit Mühe die eigenen Wege dahinfindest!«

Scheußlich war es dem Major zumute, und als nun die Haushälterin ins Zimmer trat und ihn fragte:

»Wie ist es denn, Herr Major? was ist denn los mit dem Doktor von nebenan? ist etwas passiert?« da schickte er sie mit ein paar barschen Worten heraus, hörte mit ingrimmiger Freude, daß sie im Flur laut aufschluchzte, und sagte mit einem Hohn, der gar nicht zu seiner Art paßte: »Die längste Zeit sind Sie in meinem Hause gewesen, Sie Schwätzerin, und wenn der Doktor von nebenan zurückkehrt und rennt mir das Haus ein und redet mich tot mit seinen Phantastereien, dann schlage ich die Bude hier los und ziehe in die Stadt zurück. Denn im Grunde ist man unter einer Million Menschen viel leichter einsam als unter einer Handvoll neugieriger Spießbürger!«

Die Pastorin Lerch kam sehr bald, nachdem der Major gegangen war, zu Magdalene hin.

Am Abend war ein großes Fest beim Amtsrichter und sie hatte überhaupt nur eine knappe Stunde Zeit. Bei jedem andern würde sie eine Einladung zum heutigen Nachmittag glatt ausgeschlagen haben; für Magdalene Breuer aber war sie zu jedem Opfer bereit.

Außerdem war sie begierig, zu erfahren, warum Magdalene sie wohl zu sich gebeten hatte, denn es lag ihr so im Gefühl, daß irgendein besonderer Anlaß vorhanden sein müsse.

Sie klingelte zweimal hintereinander an der Gartentür, staunte, daß die Bedienungsfrau sie nicht bat, Hut und Mantel abzulegen, und traf Magdalene in einem schlichten Morgenkleid in ihres Mannes Zimmer.

Sie kniete vor dem Schrank, in dem der Doktor seine Schriften aufzubewahren pflegte, fand die Arbeit nicht vor und war in einer solch ratlosen Bestürzung darüber, daß sie der Pastorin ganz fremd und fassungslos ins Gesicht starrte, als die sich ihr näherte.

»Es ist doch nichts geschehen, Liebste?« fragte Frau Pastor Lerch und legte, nachdem Magdalene sich erhoben hatte, ihre Arme um deren Hals.

»Nein, ich glaube nicht, das heißt – mein Mann ist gestern am Abend ausgegangen und kam bis jetzt nicht zurück. Aber ich denke mir, er wird kommen! ja, er kann jeden Augenblick kommen!« sagte sie plötzlich sehr ruhig, denn in der Pastorin Gesicht war ein Ausdruck, der sie entsetzte. In deren Gesicht stand etwas, wovor sie am liebsten die Flucht ergriffen hätte bis ans Ende der Welt.

Woher ihr die Kraft kam, die ungeheure Aufregung, die in ihre Seele gekommen war, zurückzudrängen, um der Pastorin ihre Vermutungen zu nehmen, das wußte sie nicht. Aber es gelang ihr, mit zitternden Fingern zwar, die Bänder von deren Kapottehut zu lösen und ihr aus dem Mantel zu helfen.

»Wir wollen hinaufgehen!« sagte sie, »ich will den Kaffee bestellen!« Und dann saßen sie oben in der blauen Stube auf dem Sofa, und die Pastorin hatte den Arm um Magdalenens Schulter geschlungen und erzählte:

»Ja, heute abend ist großes Fest bei Amtsrichters und es ist so furchtbar schade, daß es noch nicht zu einem Verkehr zwischen Ihnen und diesen lieben Menschen gekommen ist, sonst hätten wir die große Freude, Sie heute abend zu sehen. Ich habe ein Gedicht verfaßt, weil Geburtstag bei Amtsrichters ist, und mein Mann wird es vorlesen. Er hält natürlich auch noch eine Rede. Ich denke, es wird sehr nett werden. Fast alle, die zur Gesellschaft gehören, kommen hin. Auch der Doktor Müller mit seiner Frau. Sie glauben nicht, Magdalene, wie oft die nach Ihnen fragen und wie sehr die sich freuen würden, wenn Sie sich zu einem Besuch aufraffen würden. Sie sehen heute wieder so blaß und traurig aus; es liegt doch sicher nichts vor, nicht wahr?«

»Nein,« sagte Magdalene und fühlte in diesem Augenblick, daß ganze Welten sie von der Pastorin trennten, und daß das gute Gefühl, das sie oft gerade zu dieser Frau hinzog, im Grunde nichts anderes war, als das Bedürfnis, einmal aus ihrer großen Einsamkeit herauszukommen! Aber in der Tiefe ihrer Seele war sie dieser lebensfrohen Pastorin völlig fremd geblieben.

»Auch die Rallings sind eingeladen – es ging nicht gut anders. Aber ich hörte soeben, daß Herr Ralling verreist ist, und daß darum wahrscheinlich die Frau auch nicht kommt. Sie hat wohl so das Gefühl, daß sie ohne den netten braven Mann nicht recht willkommen ist. Eine Frau, wie Frau Ralling gehört in die große Stadt, da kann sie sich putzen und kokettieren, soviel sie will ohne Mißfallen zu erregen. Aber in einer so soliden Geselligkeit wie der unseren hier am Ort, ist das nicht gut möglich.«

In Magdalenens Gesicht war bei diesen Worten der Pastorin zuerst ein dunkles Rot gekommen; gleich darauf war sie von einer tödlichen Blässe. Sie sah ihren Mann wieder neben Frau Ralling stehen damals bei Lerchs, und dann sah sie, wie die beiden hier im Zimmer am Kamin gesessen und das verzweifelte Spiel miteinander gespielt hatten, bis sie es nicht mehr ertrug und hinausgegangen war.

Die Pastorin erschrak heftig, als sie Magdalene so offenkundig fassungslos sah. Wie unvorsichtig war es von ihr gewesen, an diese Wunde zu rühren. Sie nahm Magdalenens kalte Hand in die ihre.

»Mein armes, liebes Kind!« sagte sie herzlich, »Sie wissen ja nicht, wie oft und mit welcher Innigkeit ich an Sie denke! Wir müßten uns viel näher stehen. Sie sollten Vertrauen zu mir haben, Magdalene, sollten mir alles sagen, was Sie quält. Ueber meine Lippen würde nie ein Wort kommen, und ich könnte Ihnen vielleicht doch in vielen Dingen beistehen!«

In Magdalenens Herz war ein grenzenloser Jammer und das Gefühl der Unruhe ward von Minute zu Minute größer. Sie löste ihre Hand aus der der Pastorin und sagte dann leise:

»Ich bin müde heute, der Kopf tut mir weh!«

»Das sieht man Ihnen an und Sie sollten sich wirklich hinlegen, ich kann ja ohnehin nicht lange bleiben, weil ich zu Hause allerlei zu besorgen habe. Aber morgen oder übermorgen kommen Sie zu uns, ja – ich erzähle Ihnen dann, wie es heute abend war, und Sie schütten mir Ihr Herz einmal richtig aus. So hübsch es in Ihrem Hause auch ist, mir ist es lieber, wenn Sie zu mir kommen. Man hat ganz unwillkürlich das Gefühl, zu stören, wenn man bei Ihnen ist, Magdalene. Das darf Sie nicht peinlich berühren, es kommt von der großen Ehrfurcht vor der Arbeit Ihres Mannes. Gott im Himmel – es muß doch etwas daran sein, an dieser Arbeit, dessen bin ich jetzt sicher. Damals, nachdem er bei uns gewesen war und mit dieser Frau Ralling gescherzt hatte, war ich ja wohl ein wenig irre geworden, aber jetzt drängt es sich mir wieder auf, jetzt weiß ich es wieder mit voller Bestimmtheit, daß er zu den ganz Großen gehört und daß wir eines Tages alle stolz sein werden, ihn in unserm Orte, mitten unter uns zu haben! Aber nun will ich gehen, denn Sie sehen wirklich erbärmlich aus und das Sprechen greift Sie an. –

Denken Sie, das muß ich Ihnen noch sagen: Ihr Nachbar, der Major Schwertes, hatte die Einladung zu heute abend angenommen und Amtsrichters waren sehr glücklich – aber dann hat er vor etwa einer Stunde hingeschickt und hat sich entschuldigen lassen. Ich habe es eben von seiner Haushälterin gehört, der ich begegnete. So sehr ich ihm auch gewogen bin – das muß ich sagen – heute bin ich ihm wirklich böse, denn er weiß, daß eine Gesellschaft ohne ihn nur etwas Halbes ist, obwohl er so wenig zur Unterhaltung beiträgt. Wer aber einmal ein Sonderling ist, der bleibt es auch, und alle Mühe, so einen Menschen zu einem normalen Leben zu bringen, ist vergeblich!«

Ihr Gesicht sah bekümmert aus, als sie das sagte; sie umarmte und küßte Magdalene und ging dann eilig fort.

Magdalene saß dann wieder im Zimmer ihres Mannes. Der Nachmittag schritt vor. Die ersten Schleier der Dämmerung sanken hernieder. Es war tiefe Stille um sie her. In einer Stunde war die Dunkelheit da und dann kam der Abend – kam die Nacht und der Mann würde nicht zurückgekehrt sein. Ihre Fassung war zu Ende. Mit einem schluchzenden Laut sank sie auf das Sofa, auf dem ihr Mann in diesen letzten Wochen seine Nächte verbracht hatte.

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