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Frau Doktor Breuer

Helene von Mühlau: Frau Doktor Breuer - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorHelene von Mühlau
titleFrau Doktor Breuer
publisherStern Bücher Verlag
correctorreuters@abc.de
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13.

In der Dunkelheit der Nacht, die folgte, sah Magdalene alle Dinge in verzerrter, vergrößerter Gestalt. Unheimlich klang ihr das Lachen der fremden Frau; das Blitzen der Edelsteine, die sie an Hals, Brust und an den Händen getragen hatte, tat ihr weh. Die Bewegungen des zierlichen Körpers erschienen ihr wie die Windungen eines Schlangenleibes, und doch war nichts von bösem Haß oder feindlicher Eifersucht in ihrer Seele.

Nur Trauer, maßlose Trauer hielt sie in einem schweren Bann. Trauer darüber, daß andere Frauen glücklichere Fähigkeiten als sie besaßen, mit denen sie einen ernsten, zum Grübeln veranlagten Mann zum Frohsinn zu bringen verstanden.

Sie wußte es jetzt mit voller Sicherheit, daß es an ihr, nur an ihrer Person allein gelegen hatte, wenn ihre Ehe zu keiner harmonischen geworden war, wenn der Mann sich ganz in sich selbst zurückgezogen und allen Freuden und Zerstreuungen des Lebens entsagt hatte.

Schwer und dräuend legte sich diese Beklemmung auf ihre Seele; der Schlaf blieb fern. Die Stunden wurden lang, der arme Kopf arbeitete verzweifelt gegen immer neue, niederdrückende Erinnerungen und Erkenntnisse, die auf ihn einstürmten. Traurig war das Leben, das hinter ihr lag, aber viel, viel trauriger schien ihr das, das von heute an vor ihr lag, werden zu sollen.

Das Bild ihres Vaters erschien vor ihr: sie suchte Trost und Ruhe bei ihm zu finden, aber dann sah sie ein, daß auch hier kein Halt mehr für sie war. In Worten war das, was jetzt in ihr vorging, ja wohl überhaupt nicht auszudrücken. Wer das verstehen würde, der müßte schon mit eigenen Augen gesehen haben, was vor sich gegangen war und müßte dann trotzdem noch eine sehr feine Seele haben, um ihren Schmerz und all die quälenden Vorstellungen, die in ihr wogten, zu begreifen.

Die Pastorin oder der gute Pastor Lerch? Ob die verstanden hatten?

Ja, die hatten wohl beide gesehen, daß die fremde Frau ihrem Manne gefallen hatte, waren auch ein wenig mißgestimmt gewesen, vielleicht nur deshalb, weil dieser weltliche Ton nicht in ihr stilles Haus paßte und mochten Mitleid mit ihr gehabt haben.

Magdalenens Herz krampfte sich zusammen. Wie häßlich und beschämend war das, das Mitleid anderer Menschen zu erregen!

Vielleicht kam die Pastorin an einem der nächsten Tage zu ihr, um sie zu trösten und Magdalene fühlte schon jetzt das furchtbar Demütigende, das dieser Besuch mit sich bringen würde.

Nein, ganz bis in den tiefsten Grund hinein aber hatte die Pastorin sie trotz ihres schon an diesem Abend offenbarten Mitleids nicht verstanden. Die glaubte wahrscheinlich, daß Magdalene von böser, häßlicher Eifersucht gequält sei, und daß sie diese junge lebensfrohe, elegante Frau um den Zauber, der von ihr ausgegangen war, beneidete; daß sie sich mit kleinen, haßerfüllten Empfindungen herumschlug. Magdalene schloß die Augen: sie war so müde; der Kopf schmerzte und in den Schläfen hämmerte das Blut. Von der Kirchenuhr drangen vier Schläge zu ihr hin; Breuer war noch nicht hinaufgekommen, kam vielleicht überhaupt nicht, sondern lag unten auf seinem Sofa, das er sich vor ein paar Wochen in sein Zimmer hatte bringen lassen, und seitdem manche Nacht sein Bett nicht mehr aufsuchte.

»Schlafen!« flüsterte Magdalene und legte die Hand über die Augen, um all die Bilder, die vor ihr gaukelten, die in jeder Minute wechselten und immer heller, immer aufdringlicher wurden, zu verbannen. Es half auch ein wenig: die Gedanken kreisten nicht mehr mit dieser wirbelnden Schnelligkeit durch ihren Kopf, das Blut schlug nicht mehr laut und heiß an ihre Schläfen, die Stimmen, die sie hörte, wurden leiser, die Gestalten verschwommener.

Aber dann war sie doch wieder nicht allein, sah deutlich einen Menschen vor sich stehen, sah in gute, tiefe, verstehende Augen, hörte eine warme, klangvolle Stimme, die zu ihr sprach.

Mein Gott – träumte sie? Lag sie hier in ihrem Bett? War sie allein im Zimmer, allein in dieser ganzen Flucht von Zimmern um sie her? Sie hatte doch sprechen hören, hatte den Druck einer Hand verspürt, hatte ein Gesicht ganz nahe vor sich gesehen.

Sie saß steil aufgerichtet in ihrem Bett, suchte das Dunkel zu durchdringen, aber es war alles still um sie her, kein Laut, keine Bewegung und nun auch nicht der schwache Umriß irgendeiner Gestalt mehr. Müde fiel sie in ihre Kissen zurück, hörte dann noch die Tür von ihres Mannes Zimmer gehen, hörte ihn die Stufen der Treppen hinansteigen und ins benachbarte Zimmer eintreten.

Dann nichts mehr; der Tag war nicht mehr fern, aber die Welt lag noch in tiefer Finsternis und Magdalena schlief nun wirklich ein und schlief, bis der Tag so weit vorgeschritten war, daß das Licht eines trüben Novembermorgens bis zu ihr hindrang.

Breuer aber hatte nur eine einzige Stunde in dieser Nacht zu ruhen vermocht; sein Geist war wundervoll bewegt. Alles, was gestern noch schwer und undurchdringlich und dunkel vor ihm gelegen hatte, war in dieser Nacht in herrlicher Klarheit vor ihm erstanden. Er saß am Tisch in seiner einsamen, halbdunklen Stube, und die Feder flog über das Papier; die Gedanken formten sich, ohne daß er das geringste dazu tat; eine Welt hatte sich ihm geöffnet, an deren Toren er tausendmal vergeblich gerüttelt hatte.

Wie im Traum kam ihm das Gespräch, das er mit dem Major geführt hatte, wieder in den Sinn. Was hatte der doch gesagt?

»Der Drang, das ›Müssen‹ muß größer sein als der Wille; der Wille hat bei dem wirklich Berufenen eigentlich überhaupt nichts zu bedeuten!«

Gestern noch hatte er lebhaft widersprochen, hatte den Major als einen, der geistigen Schaffenswelt Fernstehenden behandelt und jetzt schon machte er an sich selbst die Erfahrung, daß seine Behauptung nicht aus der Luft gegriffen war, nicht der Begründung entbehrte.

Der gestrige Abend stand als Nebenerscheinung während der Arbeit, die sich von selbst vorrichtete, vor ihm auf. Er atmete den sonderbar fremdartigen Duft, der in den Zimmern des Pastorenhauses gelegen hatte, ein; er sah die behaglich ausgestatteten Räume, hörte die herzliche Stimme der Pastorin, fühlte den warmen dankbaren Händedruck Lerchs und sah die hohe Gestalt seines Nachbarn Schwertes.

Durch das Fenster, dessen Vorhänge zurückgezogen waren, blickte er durch die graue Luft hindurch zum Nachbarhaus hinüber. Bis vor einer Woche noch war dies Haus ihm nichts anderes als ein wenig schöner Steinhaufen, von einem mit wenig Geschmack begabten Architekten zusammengefügt, gewesen. Heute war es für ihn zu etwas Besonderem geworden, fast zu einem Tempel, denn in diesen grauen Mauern lebte, dachte und bewegte sich einer, dessen Denken, Urteilen und dessen Art und Wesen ihm nicht gleichgültig war –, einer von den ganz Wenigen, bei denen all das künstlich Angenommene, bei denen alle Ueberlegenheit, alles Herabsehen von ihm abfiel, dem gegenüber er fast ein Gefühl von Unsicherheit und Kleinheit in sich trug. Heute war er sehr versöhnt mit der Welt und der Menschheit, hatte gute, duldsame Gedanken, die ihm seit lange fremd geworden waren, hatte eine Weichheit in der Seele, an die er längst nicht mehr geglaubt hatte.

Magdalene trat zu ihm ins Zimmer. Sie trug ein helles, loses Morgenkleid und sah sehr bleich aus. Das Gesicht hatte einen matten Ausdruck, unter den Augen lagen schwarze Schatten, die Haltung war ein wenig gebeugt.

Sehr leise kam sie auf ihren Mann zu, und um Breuers Mund zuckte es wie von Angst und Ungeduld.

»Nicht stören, Magdalene, nicht näher kommen!« sagte er, ohne es eigentlich sagen zu wollen, und da war sie mit unhörbaren Schritten auch schon wieder aus dem Zimmer heraus, aber Breuer legte nun auch seine Feder hin. Der Faden war zerrissen; die Klarheit war zerstört, die Welt, die so schön und leicht vor ihm gelegen hatte, war jählings zum Trümmerhaufen geworden.

Er griff sich an die Stirn. Neben Magdalene sah er Gesicht und Körper einer anderen Frau, hörte klingendes Lachen, sah einen plaudernden, roten Mund, sah die anmutige Biegsamkeit eines zierlichen Körpers, atmete den Duft von sehr blondem, lockigem Haar..

»Gott im Himmel!« stöhnte er auf und griff sich wieder an die Stirn.

Sehnsucht war in seinem Herzen. Kein böses, wildes Verlangen, aber die Sehnsucht eines Kindes nach Lichterglanz, nach Schönem, Glänzendem, Lockendem!

Magdalene! War denn Magdalene nicht das Licht, der Halt seines Lebens? Magdalene ein Licht? Nein, er mußte lächeln! Ein Licht war sie nicht, höchstens eine Flamme, die zwar eine stete gute Wärme um sich verbreitet, die aber nicht aus der dunklen Welt des Alltags hinauszulocken vermag, nein, die einen eher immer wieder in die graue Nüchternheit zurückzwingt.

Magdalene, ein Symbol der stillen, entsagenden Pflichterfüllung, ein Mustermensch, eine Zusammensetzung von allen Tugenden, die es in der Welt gab, aber kein Feuer, kein Temperament in ihr, keine einzige Eigenschaft, die herausreißt, die einen von tausend geistigen Banden umfangenen Menschen erlösen und zum glücklichen Schaffen bringen kann. Er stützte den Kopf in die Hand.

»Welch ein Irrtum!« sagte er leise, »und sie war mir doch einstmals der Inbegriff alles Köstlichsten, gab mir damals doch das unbedingte Vertrauen durch ihren Besitz zum Ziele zu gelangen!«

Wieder stand der gestrige Abend vor ihm auf. Wieder sah er die beiden Frauen einander gegenübersitzen – bleich, still und fein die eine, und die andere voll Leben und sprühendem Temperament.

»Ich weiß nicht, was es ist, begreife nicht, daß es immer wieder Dinge, Menschen und Erscheinungen gibt, die einen des freien Willens berauben, die einen knechten und von allen Höhen herabwerfen!« Das Zimmer ward zu eng. Das Herz schlug in lauten Stößen, er hatte nun doch das Bedürfnis, mit Magdalene zu sprechen, rief ihren Namen, aber da sie nicht antwortete, nahm er den Hut vom Haken und lief ins Freie, wo kühle, feuchte Novemberluft ihn wenig freundlich und doch befreiend umfing.

An diesem Tag fuhr Magdalene zum erstenmal seit sie hier draußen wohnten, in die Stadt. Irgendein starkes Verlangen, nicht nur den Vater, sondern alle die, die zu ihr gehörten, mit denen sie aufgewachsen war, wiederzusehen, trieb sie.

Sie wußte nicht, wie bleich und müd sie aussah, daß sie den Eindruck eines Menschen machte, bei dem Körper und Seele von schwerer Krankheit befallen sind. Es wäre ihr auch gleichgültig gewesen, wenn sie es gewußt hätte, wenn sie im Spiegel ihr Bild eingehender gemustert hätte.

In der Stadt kam sie an dem Kunstladen des Herrn Gormann vorüber; sie mußte an den Tag denken, an dem sie mit ihrem Mann in dessen Bureau gesessen hatte und wie ihr dann der Gang, den sie zu ihrem Vater machen mußte, als etwas Unmögliches erschienen war.

Und war dann doch bei weitem nicht so schlimm und demütigend gewesen, als sie gefürchtet hatte – war sogar in gewissem Sinne gut und schön gewesen, weil sie von neuem einen Beweis der großen Liebe des Vaters zu ihr erhalten hatte.

Ach, nichts im Leben war in der Wirklichkeit so schlimm, wie die Phantasie es sich auszumalen pflegt, und auch das, woran sie jetzt trug, war vielleicht nichts anderes als ein Phantasiegebilde.

Magdalene blieb einige Minuten in tiefe Gedanken versunken, vor den Schaufenstern stehen. Sie sah die darin ausgelegten Bilder und Kunstwerke und sah sie doch auch wieder nicht. Der Kopf war schwer und die Gedanken ließen sich nicht zwingen, gingen hartnäckig ihre eigenen Wege.

Immer sah sie das Bild der Frau vom gestrigen Abend vor sich – die leuchtenden Augen und den lachenden Mund.

Mein Gott, wer so sein könnte! Wer die Leichtigkeit und das große Glück hätte, das Leben von dieser Seite aufzufassen!

Langsam ging sie weiter; es war noch früh am Nachmittag, der Vater noch in der Fabrik und die Mutter und die Geschwister wahrscheinlich maßlos erstaunt, wenn sie nach so langer Zeit und ohne Anmeldung zu ihnen kam. Sie überlegte, ob sie nicht doch erst zum Vater gehen sollte, aber dann die Erinnerung an den bangen Ausdruck in seinem Gesicht, den sie jedesmal bei ihren Besuchen in der Fabrik beobachtet hatte.

Heute kam sie ohne die beschämende Bitte um Geld; aber wenn sie heute sprechen würde, dann wäre es wohl weit, weit schlimmer als je zuvor eine Aussprache zwischen ihr und dem Vater gewesen war.

Wie fremd war sie doch überall, wie einsam! In dieser Stadt war sie geboren; in dieser Stadt wohnte ein Vater, der sie liebte, wohnten Geschwister, die ehrliche Zuneigung zu ihr hatten. Auch Freunde aus früheren Zeiten lebten hier, und doch hatte Magdalene das bittere Gefühl, von aller Welt verlassen zu sein, von keiner Seele froh und warm begrüßt zu werden.

Vor der Tür des Hauses, in dem sie viele Jahre ihres Lebens verbracht hatte, sank ihr der Mut vollends.

»Wozu?« dachte sie und blieb unschlüssig stehen. Aber das Gefühl, in einer Stunde wieder da draußen, wieder bei dem Manne zu sein, der sie heute am Morgen so flehentlich gebeten hatte, sich ihm nicht zu nähern, flößte ihr Entsetzen ein.

Nein, sie mochte so nicht zu ihm zurückkehren: sie mußte sich von irgendwoher frischen Mut holen, mußte andere Stimmen gehört, andere Gesichter gesehen haben, bevor sie das graue Leben in ihrem stillen, freudlosen Hause wieder ertrug.

Das Staunen, vor dem Magdalene sich gefürchtet hatte, sprach denn auch wirklich aus Blick und Gebärde jedes einzelnen von all denen, die ihr entgegentraten. Aber es war kein fremdes, kühles Staunen, sondern es war Freude in den Gesichtern, und sie behandelten den seltenen Besuch liebevoll und mit der Aufmerksamkeit, die man einem Ehrengast entgegenbringt.

Magdalenens armes Herz war zu wund, um Freude zu empfinden, aber ein gutes Gefühl kam doch über sie und die Erinnerung kam: schmerzlich süße Erinnerung an vergangene Mädchenjahre, in denen sie von einem Glücke geträumt hatte, das weit abseits von dem, was man im allgemeinen unter Glück verstand, liegen sollte.

Sie hatte damals geahnt, daß das, was sie sich ersehnte, nicht das leichteste Los sein würde, aber gesund, stark und voll zitterndem Verlangen, das Leben auch in seinem Ernst und in seinen Tiefen kennen zu lernen, hatte ihr gerade das Schwere verlockend erscheinen lassen. Nun hatte das Leben ihr gebracht, was sie von ihm gefordert hatte, und die Kraft wollte versagen: von ihrem beschwerlichen, steinigen Pfad verlangte sie fort nach dem breiten, bequemen Weg hin, auf dem sie alle, alle zu gehen wünschten.

Marietta, die glückliche Braut, saß dicht bei Magdalene auf einem kleinen Sofa, hatte den Arm um die Schwester geschlungen und hielt eine kleine Mappe, in der sich eine ganze Reihe von Bildern ihres Verlobten befanden, in der Hand.

»Ja, Magdalene, er ist ein schöner Mann! Du mußt nicht denken, daß nur ich das von ihm sage, weil ich ihn liebe! Nein, jedermann findet ihn schön und vornehm und ritterlich, und Papa, der ihm zuerst ein wenig Mißtrauen entgegengebracht hat, ist jetzt völlig ausgesöhnt. Im Anfang hat er auf seinem Willen bestanden, die Hochzeit bis zum Frühjahr zu verschieben: nun aber ist er ganz zahm und ist mit allem einverstanden und also heiraten wir noch vor Weihnachten. Gott, Magdalene, wie gern hätte ich dir all das geschrieben oder wäre zu euch herausgefahren, aber man weiß ja nicht... Nein, mach' kein trauriges Gesicht, Magdalene, ich weiß, daß du glücklich bist, und daß du deinen Mann lieb hast, aber für uns, die wir das Gefühl haben müssen, ihm lästig zu sein, ist es so schwer, die Verbindung mit dir aufrechtzuerhalten. Aber wir bewundern dich, finden dich groß! Gott, Magdalene, ich glaube, ich wäre zu egoistisch, um ein solches Leben zu führen, so ganz ohne Freude, ohne Zerstreuung! Aber Mama sagt, daß du es gewollt hast, und daß du trotz allem zufrieden bist. Und siehst doch nicht glücklich aus, Magdalene, siehst aus wie ein Mensch, der überhaupt nicht mehr weiß, daß das Leben gut und schön sein kann! Lebt ihr da draußen ebenso abgeschieden, wie ihr es hier getan habt?«

»Wir haben gestern abend eine Gesellschaft besucht!« sagte Magdalene halb im Traum, und die einzelnen Bilder des verflossenen Abends stiegen wieder vor ihr auf.

»Eine richtige Gesellschaft?« fragte Marietta erstaunt, und Magdalene nickte mit einem kleinen Lächeln um den Mund.

»Dann muß er sich doch geändert haben, Magdalene. Hier ist er doch Jahr und Tag nicht ausgegangen und hat keinen Besuch in seinem Haus dulden wollen.«

»Es machte sich so, Marietta. Man tut wohl manches im Leben, was nicht zu den Plänen, die man sich gemacht hat, gehört, und das ist dann oft das Richtigste.«

»Ich wünsche es so innig für dich und für uns alle, Magdalene, und welch ein Glück, daß du gerade heute kamst. Denn gleich muß Erhardt da sein und dann sieht er dich endlich, endlich, nachdem ich ihm so viel von dir erzählt habe. Er ist so gesund und lebensfroh, und er ist der einzige, der die Absonderlichkeiten deines Mannes nicht ernst nimmt; fast hatte er den Mut, euch einfach ohne Anmeldung zu besuchen. Er hat das Gefühl, durch seine einfache Klarheit und Herzlichkeit aller, auch der schwierigsten Verhältnisse Herr zu werden. Aber dann hab' ich ihm von Martin erzählt, hab' versucht, ihm alles verständlich zu machen, so gut es gehen wollte. Nein, nun sollst du nicht wieder betrübt aussehen, Magdalene, wir denken ja alle nicht schlecht von Martin, auch Papa nicht. Es hängt nur alles davon ab, ob er sein Werk eines Tages zu Ende bringt und ob er Erfolg hat, nachher ist doch alles gut und er wird dann der Stolz unserer Familie.«

Magdalene unterdrückte mit großer Mühe einen tiefen Seufzer. Die Augen sahen über die hübsche Schwester hinweg ins Weite.

»Was für eine Welt ist das, in der sie leben!« mußte sie denken, und trotz allem Weh, trotz dem großen Schmerz, der sie aus ihrem einsamen Haus hier herausgetrieben hatte, wollte ihr plötzlich das Dasein, das ihr zuteil geworden war, wieder kostbar erscheinen.

Ein Mädchen rief zum Tee. Marietta schritt, ihren Arm zärtlich um Magdalene gelegt, ins große, hell erleuchtete Eßzimmer. Der Tisch war festlich gedeckt. Magdalene mußte an die blumengeschmückte Tafel vom gestrigen Abend im Pastorenhaus denken. Hier saß man täglich an solch einem Tisch, hier war kein Unterschied zwischen Alltag und Festlichkeit. War das ein Glück? Oder beraubten die Menschen, die ihr Auge täglich an prunkende Umgebungen gewöhnten, sich nicht eines großen Reizes? Sie waren auch alle gekleidet, als erwarteten sie besondere Gäste, und ebenso war ihre Unterhaltung auf einen Ton gestimmt, der für die Allgemeinheit berechnet war.

Und wieder mußte Magdalene denken: Meine Welt ist trotz allem und allem die wertvollere.

Marietta sprang plötzlich von ihrem Sitze auf. Magdalene, die zwar mit ihrer Mutter ein Gespräch führte, deren Gedanken aber auf dem Wege nach ihrem stillen Hause waren, schrak zusammen und sah der Schwester nach. Die hing jetzt am Hals eines Mannes und dann stand er vor ihr, groß, schlank, lebensfroh und vornehm: der neue Schwager, der Mann, der nach dem Herzen dieser Familie war, mit einem gutmütigen, lebensfrohen Ausdruck im jungen Gesicht, eifrig bemüht, bescheiden zu erscheinen und doch von jener Selbstgefälligkeit, wie sie nun einmal Männern, die gut gewachsen, hübsch, von mäßiger Geistesbildung und einem vornehmen Regiment angehörig sind, eigen ist oder vielleicht sein muß.

Magdalene begrüßte ihn, sie sprach freundliche Worte zu ihm, aber zu gleicher Zeit sah sie ihres Mannes Gestalt neben ihm auftauchen, schmal, unscheinbar, ganz Geist geworden, übereinfach und doch diesen hier überragend, gigantisch neben ihm, wie ein Berg neben einem Sandhaufen.

Ihr Herz flog zu ihm, der draußen im kleinen Ort in der nüchternen Stube über seinen Bogen saß. Sehnsucht und Liebe quollen in ihr auf. Mein Gott, wenn Martin Breuer nicht in ihr Leben gekommen wäre, dann würde einer von dieser Art es gewesen sein, und sie hätte sich ihm angepaßt, hätte ihn geliebt, so in der Art wie Marietta diesen Mann hier liebte...

Dietholm kam, blieb einen Augenblick an der Tür stehen und glaubte, einer Sinnestäuschung zu unterliegen.

War es Magdalene, die hier am Tisch saß. Magdalene, wie ein Bild, eine Erinnerung aus stiller, glücklicher, verflossener Zeit mitten unter der lautfröhlichen Gesellschaft, die zu ihm gehörte?

Ja, es war Magdalene, seine Tochter, aber über Dietholms Gesicht war ein tiefer Schatten geflogen. Genau so wie diese hier, hatte die Verstorbene ausgesehen, auch mit solchen Augen, die in die Tiefe blickten und mit solch einem Mund, um den es wie ein Weinen lag, auch wenn er zu lachen bemüht war.

Leise kam er auf die Tochter, die sich erhoben hatte, zu, nahm sie in die Arme und fragte keine der vielen Fragen, die auf seinen Lippen lagen, aber er blieb still, hatte nur eine zerstreute Freundlichkeit für die anderen, mit denen er sein Leben teilte, war mit Magdalene, dem Kinde der nie vergessenen Frau in einer Welt, mit der all diese anderen nichts zu tun hatten.

In Magdalene wogte Angst und Ungeduld.

»Martin. Martin!« mußte sie denken. War sie nicht in häßlicher, feindlicher Gesinnung von ihm gegangen zu jenen, denen sein Haß und seine Verachtung gehörte? War sie nicht hierher gegangen, um zu sehen, ob sie nicht doch in den Boden, aus dem sie stammte, zurückkehren mußte? Gott, mein Gott, und wenn es so gekommen wäre, daß diese Umgebung ihr wohlgetan hätte, was dann?

»Martin, mein Mann!« und nun war sie ganz abwesend, nun war es ihr, als säße sie in einem Theater, sähe fremde Menschen eine fremde Komödie aufführen und sehnte den Schluß herbei.

»Ich gehe mit dir, Magdalene!«

Dietholm atmete befreit auf, als sie draußen waren: die Tochter hing an seinem Arm; sie gingen durch den dunklen Novemberabend. »Kommst du aus irgendeinem besonderen Grunde, Magdalene?«

»Nein, Vater, aus keinem äußeren Grunde. Es geht uns gut. Ich kam einzig, weil eine plötzliche Sehnsucht mich zu euch rief!«

Dietholm drückte ihren Arm fester an sich.

»Komme oft, Magdalene, vergiß nie, daß es dein ›zu Hause‹ ist, vergiß nie, daß ich für dich da bin, wie es auch kommen mag!«

Magdalene fühlte die Angst, die nie aus seiner Seele schwand.

»Vater, ich glaube, es wird alles gut zwischen uns bleiben!« Sie sagte es ihm zum Trost und zugleich, um sich selbst zu einem Glauben, der sie zu verlassen drohte, zu zwingen.

Dietholm brachte sie bis zur Tür ihres Hauses.

Im Zimmer Breuers brannte die Lampe. Er saß wie immer über seine Lampe gebeugt.

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