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Frau Buchholz im Orient

Julius Stinde: Frau Buchholz im Orient - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Buchholz im Orient
authorJulius Stinde
year1893
publisherVerlag von Freund & Jeckel
addressBerlin
titleFrau Buchholz im Orient
pages3-238
created20020225
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1888
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Konstantinopel.

Troja und Siegfried. – Das goldene Horn. – Die süßen Wasser Europas. – Oh Konstantinopel! – Die Paläste. – Die Sophienkirche. – Der Leutnant schilt. – Teppichhandel. – Die Teutonia. – Griechische Ostern. – Auf dem Bosporus. – Ramasan. – Vom türkischen Kaffee.

Von Konstantinopel erwarteten wir Wunderdinge, obgleich uns bis dahin das Türkische, wo es zur Geltung kam, und wo es seine Spuren hinterlassen hatte, wenig Freude bereitete. In Athen lernten wir einen Herrn Becker kennen, der in Damaskus gewesen war und uns von den gefangenen Christen erzählte, die von Berut nach Damaskus geschleppt und dort ins Gefängniß geworfen waren. Ursprünglich soll der Streit von türkischen und griechischen Kindern hergekommen sein. Die Eltern mischten sich dazwischen, auf beiden Seiten gab es Todte und Verwundete, und die Krawalle nahmen nicht eher ein Ende, als bis Riza-Pascha mit Militär Ruhe stiftete. Die Rädelsführer wurden ergriffen und ohne umständliche Untersuchung auch Unbetheiligte verhaftet, blos auf die Anzeige türkischer Angeber hin. In Ketten gelegt, paarweise zusammengekoppelt, trieben Berittene sie nach Damaskus, wo sie erschöpft vom schweren Gange in brennender Sonne, von Hunger und Durst gequält, durch die Straßen geführt wurden. »Ein Jammeranblick,« sagte Herr Becker, »denn Niemand reichte ihnen Labung, und wenn sie keine Verwandte und Freunde haben, die für sie sorgen, verschmachten sie in den Kerkerlöchern. Einem Manne, einem hochgewachsenen Griechen, der sich widersetzte, hatten die türkischen Häscher eine Darmsaite in den Schnurrbart geflochten, an der sie ihn lenkten, wie an einem Zaume, denn der leiseste Zug an der Saite bereitete dem Manne unerträgliche Schmerzen, daß er laut aufschrie, wenn sie daran rissen.« Herr Becker hatte sich aufgemacht und war zu dem Sohne Ald-el-Kaders gegangen, der in Damaskus wohnt, ihn zu bitten sich der Unglücklichen zu erbarmen. Das versprach Jener und wird auch gehalten haben, was er gelobte, wie sein Vater, der sich früher der verfolgten Christen annahm. Er hatte Herrn Becker seine Photographie mit eigenhändiger Unterschrift geschenkt und ihm gedankt, daß er ihn veranlasse, ein Werk der Menschlichkeit thun zu können.

Nicht einmal Brot und Wasser giebt man den Eingekerkerten. Von hygienischen Einrichtungen ist natürlich keine Rede und von Ventilation. Wir haben Vereine, die für das Wohl entlassener Sträflinge sorgen, und die Entschädigung unschuldig Verurtheilter wird eifrig berathen. Das Alles ist dem Orient fremd.

Mir stand die Abfahrt von Berut lebhaft vor Augen. Die Raketen und Leuchtkugeln waren Triumphfeuerwerk gewesen, das die Türken abbrannten, und wir ergötzten uns an dem Farbenspiele, denn von den verlassenen Gefangenen wußten wir damals nichts. Wie manche Pracht des Orients dem Vorüberreisenden wohl Grauen einflößen würde, wenn er die Kehrseite erblickte? Auch der gefangenen Vögel mußte ich mich erinnern. Sie wurden frei; hoffentlich sind auch die Christen von Berut vor dem Schlimmsten bewahrt geblieben. Aber nicht immer ist Jemand da, den das Mitleid zu werkthätigem Handeln erweckt.

Zu diesen Gesprächen kam das graue Wetter. Nach der Ebene von Troja konnten wir während eines Sonnenblickes hinübersehen. Zwei Hügel dort werden die Gräber des Achilleus und Patroklos genannt. »Wir kommt es doch, daß diese beiden Freunde und Hektor und Agamemnon, Odysseus und Priamus, und wie sie heißen, uns Allen bekannt sind?« – »Homer hat sie besungen,« sagte der Leutnant. »Nun sind sie unsterblich durch den Dichter, denn Marmorbildnisse zergehen!« – »Jerusalem vorigen Winter war ich mit der Polizeileutnanten im akademischen Wagner-Verein – ich vermuthe, ihre Mila hat dort eine heimliche Liebe – und hörte von dem Vorsitzenden eine Rede auf Richard Wagner, die mir hier bei Troja wieder einfällt. Er sagte: »Früher kannte man von der Schweiz bis zum Belt nur den deutschen Michel, jetzt kennt man von den Alpen bis zum Nordmeer den deutschen Siegfried, – das verdanken wir dem Meister. Und dabei leuchteten dem jungen Studenten die Augen so hell, daß es eine Freude war.«

»Tante!« rief der Leutnant, »hier auf dem Deck ist es kalt. Wie wäre es mit einem Gemüthsschluck Ungarwein in der Kajüte?« – Man wird auf Reisen ja sehr unregelmäßig, und es war wirklich erkältungskühl, daß ein Gegenmittel nicht schaden konnte. »Herr Leutnant,« sagte ich, »mein Mann wärmt sich die Augen, die Sehenswürdigkeiten sind ihm wohl etwas darauf geschlagen; eigentlich müßte ich Ihnen einen Korb geben. Aber wenn Homer und Siegfried und Alles, was wir erlebt haben, so durcheinander geht, mache ich auch eine Ausnahme.« Dann saßen wir in einem Salon, viele Leute aus allen Weltgegenden mit ihren Sprachen daneben und unterhielten uns von dem, was er gelernt hatte, von Griechen, von Römern, die mir entfernter lagen, und von dem, was wir zusammen gesehen, von Aegypten und Palästina, und wie die Welt so groß sei und man eigentlich fürchterlich wenig wisse. Und wie wir selbander verglichen, wie jedes Land und jedes Volk seine Ansichten hätte, eins dem andern nichts gönne, und wie schwer es sei, da durchzukommen, stießen wir an und tranken aus. Wen wir leben ließen, brauchten wir nicht erst sagen – das war Siegfried.

Mein Karl kam dazu und schloß sich an. »Der Cameriere weckte mich,« sagte er. »Wir sind nicht weit von den Dardanellen.« – »Nehmen wir auch diese mit,« entgegnete ich. »Hätten wir sie einzeln – prachtvoll – aber es wird ihnen schwer fallen, noch einen Erfolg zu erringen. Wir haben zu Großes gesehen.« – »Konstantinopel ist das Großartigste von Allem,« entgegnete mein Karl, »das liest man in jeglichen Schriften.« – »Karl, lies nicht zu viel, denk lieber an Zwilchhammer.«

Die Dardanellenfestungen machen Eindruck, weil sie eben die Dardanellen sind. Mit Kruppschen Kanonen sperren sie die Wasserstraße. Nicht weit davon soll Leander Nachts zu seiner geliebten Hero geschwommen sein. Das war in alten Zeiten. Heute, wo es auf das Vermögen ankommt, schwimmt keiner mehr zu Einer, die nichts hat.

Als wir speisen wollten, wippte das Schiff derart, daß sämmtliches Geschirr von den Tischen auf den Fußboden klirrte, aber der Restaurateur wird trotzdem auf die Kosten gekommen sein, weil die meisten Passagiere sehr mit dem vorherigen Essen zu thun hatten. In dem Gedanken, daß Konstantinopel für alles entschädigen werde, legte ich mich in die Klappe, aber zum ersten Male in meinem Leben begriff ich, wie einem fleißigen Mangelholz zu Muthe sein mag, so wurde man hin und her getrudelt.

Wir hatten bisher stets wetterbegünstigte Fahrten gehabt und das Schiffleben nur von der schwelgerischen Seite kennen gelernt. Das Auge labt sich an Land- und Marinebildern, in leichtangeknüpftem Verkehr erhielt der Geist Nahrung, während Küche und Keller mir oft die Sorge einflößten, mein Karl möchte kiesetig werden und sich in Zukunft immer solche Dampferkost ausbitten mit fünf Gängen, Vanille-Eis, Nährgelatine-Pudding und frischen Südfrüchten hinterher. Ich werde ihm die Bananen schon höher hängen.

Das Bischen Ungemach war mit der Spannung auf Konstantinopel erträglich. Diese Terrassen, diese goldigen und silbrigen Blumengehänge, diese Marmortreppen vom Meere bis an die feenhaften Gärten, diese Paläste, diese Moscheen, diese Menschheit in edelsteinglitzernden Stoffen, dieser Ambra- und Rosenölduft, der Bosporus, das goldene Horn, der sämmtliche Märchenzauber, den man in konstantinopolitanischen Erzählungen antrifft, winkten als kostbarer Lohn für kurze Marter.

Es hatte zu fisseln aufgehört, als Morgens früh Konstantinopel in Sicht gemeldet ward. Rechts lagen in der Ferne die Prinzeninseln, – Der Schiffsarzt hatte die Freundlichkeit, auf das Bemerkenswertheste hinzuweisen, – und weiterhin an der Küste Asiens zeigte sich Skutari mit einem dunklen Cypressenwalde dahinter. Links im Maiengrün die weißgrauen Schloßgebäude und Thürme waren das alte Serai, geradeaus stieg eine Stadt hügelig empor, überragt von einem gewaltigen runden Thurm, das war Galata-Pera. Langsam fuhr der Dampfer ein, immer mehr Häusermassen kamen von allen Seiten zum Vorschein. Dazwischen zahlreiche Kuppeln von Moscheen und schlanke Minarehs. Die Sonne that uns den Gefallen, dieses Rundgemälde für kurze Zeit zu beleuchten. Es war überwältigend. Berut, Smyrna und Rhodos zusammengenommen sind ein Kinderspiel gegen diese Ausdehnung, obgleich alle drei in Lage und Aussehen Aehnlichkeit mit Konstantinopel haben. Auch hier umflicht das Grün der Gärten die Baulichkeiten, wechseln Baracken mit Palästen und Moscheen, und bespült die See den Fuß der Höhenzüge, auf denen Straßen und Stadttheile sich entlang ziehen. Aber diese schier unübersehbare Größe nimmt den letzten Rest von Bewunderungsfähigkeit für sich in Anspruch.

Nicht weit vom alten Serai, der ehemaligen Sultansresidenz, erscheint eine riesige, gelb angestrichene Moschee mit vier hohen Minarehs. – Das ist die Hagia Sophia, die einstige Sophienkirche. Das Häusermeer zur Linken ist Stambul. Vor uns, oben in Pera, das kasernenartige Gebäude, welches jedem Ankommenden sofort machtvoll in die Augen fällt, ist die deutsche Botschaft.

»Wo ist nun das berühmte goldene Horn?« fragte ich. – »Wir sind bereits darin,« war die Antwort. – »Dieses Wasser mit den Apfelsinen- und Kartoffelschalen soll das goldene Horn sein?« – »So wird der im Bogen sich hinziehende Hafen von Konstantinopel genannt, und zwar ›Horn‹ wegen seiner Krümmung, und ›golden‹, weil er von Alters her gewinnbringenden Handel begünstigte. Hinter den Brücken befindet sich der Kriegshafen, diesseits legen die Postschiffe und die Lokaldampfer an.« – Ich war um eine dicke Einbildung ärmer geworden; gerade das goldene Horn hatte ich mir wie die beklatschenswertheste Theaterdekoration gedacht, nun aber, da die Sonne auch noch verschwand, glich es mit seinem Steinkohlenqualm beinah der Unterspree bei der Jannowitzbrücke, nur daß es mit großen Schiffen besetzt war und unzählige Boote darauf herumfuhren, von denen eine Menge uns aufs Korn nahm.

Die vorher bestellte Hotelbarke hatte sich eingefunden; wir mit dem Gepäck hinein und ab. Den übrigen Bootführern hätte ich mich nicht ohne Weiteres anvertraut, die Kerle sahen zu wüst aus, viel zu sonnenbrüderig und schrieen abscheulich. Bei der Douane stiegen wir an Land. O du Grundgütiger!

Der Regen hatten den Boden aufgeweicht, und lieblicher Glibber überzog den Platz im Freien, der für die Zollabfertigung bestimmt ist. Die Koffer wurden auf niedrige Balken geworfen, nachdem einige Hunde herabgejagt worden waren, denen die Erde zu naß war, und dann redeten die Hotelleute mit den Zollbeamten, die ohne jegliche Abzeichnung an der Kleidung, ebenso gut hätten Eckensteher vorstellen können. Untersucht ward nicht. Träger beluden sich mit den Sachen. Die Gebühren fanden wir später auf der Hotelrechnung.

Diese Träger – die Hamals – schleppen auf ihrem Rücken die schwersten der Lasten. Eine Art Keilkissen macht es ihnen möglich, bei gebücktem Gange, die Gegenstände in wagerechter Lage zu halten. Ihre Tracht besteht aus Jacke, offener Weste, Leibbinde und engbeiniger, bammeliger Pluderhose, auf dem Kopf den Fez. Der dicke Wollenstoff ist hellbraun oder grau und für gewöhnlich stark abgetragen. Dies ist auch das häufigste Kostüm der ärmeren Klasse.

Mein Karl krempte die Hosen auf, ich schürzte mich hoch, und hinein in den Modder.

Ein beängstigendes Menschengewühl fluthete durch die Straßen Galatas, der unteren Stadt, welche durch eine unterirdische Seilbahn mit der oberen Stadt Pera in Verbindung steht. Die direkt hinaufführenden Gassen sind durchschnittlich nicht wagenfähig, sondern stufenartig angelegt, als wenn sie mit entzweien Steintreppen gepflastert wären. Und überall Hunde, große gelbe, weißliche, braune und schwarze. Sie liegen auf den Bürgersteigen, – Jedermann geht ihnen aus dem Wege, – sie liegen mitten in der Gasse, – Reiter und Wagen weichen ihnen aus, – sie lungern vor den Budiken der Fleischer und Garköche rudelweise, Niemand vertreibt sie. Es würde das auch nichts nützen, weil ihrer zu viele sind; man meint, in einen großen Hundestall gerathen zu sein.

In wenigen Minuten beförderte uns die Tunnelbahn nach Pera, in das vornehmste Viertel, wo die Gesandtschaften und Konsulate ihren Sitz haben, die Hotels sich befinden und die feine Welt wohnt.

Die Hauptstraße ist die Grande Rue, die große Gasse von Pera, eine lange, bald schmale, bald breitere Straße ohne Ausdruck, in der Neubautengegend ziemlich modern. Das Hotel Kittrey, wo wir Wohnung nahmen, liegt an der Ecke dieser und der Derwisch-Straße. Es ist einfach, von Deutschen viel besucht und von trefflichen, braven Leuten gehalten, die sich der Fremden annehmen, als gehörten sie mit zur Familie. Man ist aus dem Trubel wie herausgerettet, sobald man über die Schwelle tritt. So vielen Rathes der Reisende gerade in Konstantinopel bedarf, so vieler Auskunft er benöthigt: sie werden auf das bereitwilligste und vortheilhafteste gegeben.

Wir bekamen das Zimmer, in welchem vor einigen Jahren Wilhelmi, der Geigerkönig, gewohnt hatte. Aussicht war leider nicht vorhanden, die muß man in Pera auf den Dächern suchen.

»Also dies ist Konstantinopel inwendig,« sagte ich, »Das Silberige und Goldige und rosenumkränzte Marmorige war nur ein schöner Gedanke. Wie lange bleiben wir?«

»Bis ich mit meinen Geschäften zu Ende bin,« entgegnete mein Karl. »In den Gegenden, wo man Winters Kälte hat und statt der Oefen nur Kohlenbecken, müssen sie ran an die Wolle. Warte gutes Wetter ab. Deine Meinung wird schon umschlagen.

Ja hätte ich Kairo nicht gesehen und Alexandrien, ich würde gesagt haben, wie berauschend ist der Orient in Konstantinopel, nun aber mußte ich gestehen, daß das mangelhafte Abendländische das Morgenländische zu verdrängen im Begriffe steht, ohne daß jedoch von fortschreitender Entwickelung, wie sie bei uns stattfindet, etwas zu spüren ist. In Kairo lebt es sich wie in einer europäischen Großstadt, und doch ist man in einer anderen farbenreichen Welt, in Konstantinopel werden die Errungenschaften der Neuzeit verschmäht. Keine Stadtpost giebt es in der Stadt von fast einer Million Einwohner. Es war einmal eine da – die Briefkasten hängen noch als Herbergen für Sperlinge – sie ward aber wieder verboten. Zweimal die Woche kam die Post, zweimal ging sie, da die Landverbindung mit dem übrigen Europa fehlte! Wir empfanden diese Mängel oft genug, denn ein Stadtbrief kostete mit dem Boten bis zu zwei Mark, und an flotten Brief- und Zeitungsverkehr mit Berlin war nicht zu denken. Fernsprecher ist natürlich streng untersagt. Bücher, in denen etwas über die Türkei steht, werden beschlagnahmt. Die einheimischen Tagesblätter stehen unter strengster Überwachung.

Man muß sich erst einleben, um nicht unaufhörlich zu forschen: warum ist dies und jenes in einer so großen Stadt soweit zurück? Ich sagte deshalb: »Karl, ich nehme die Stadt, wie sie sich bietet; die orientalische Frage zu lösen, überlasse ich denen, die es angeht.« – Pera-Galata hat an Sehenswürdigkeiten nur den Galatathurm den man besteigt, um einen der herrlichsten Rundblicke der Welt zu genießen. Bei Konstantinopel sind die Aussichten das Schönste, wenn auch ohne wirthshäusliche Niederlassungen. Welche Gelegenheiten für die besuchtesten Bierlokale, wenn Konstantinopels Umgebung in unserm gesegneten Deutschland läge! Aber vergebens sucht man an den Ufern des Bosporus und am goldenen Horn ein entsprechendes einladendes Kaffee- oder Gasthaus.

Diese Umgebung! Eine Fahrt nach den süßen Wassern Europas, thalabwärts, in Frühlingsgründe hinein, an den kleinen Fluß, auf dem hunderte von Böten schwärmen, an dessen Ufern Tausende sich lagern, ist unvergleichlich. Was ist das Rothe, Blaue, Lilafarbige, das da wie Bofiste nebeneinander im Grase klumpt? Türkische Frauen sind es. Das Gesicht haben sie alle mit weißen Schleiern verbunden, nur die Augen und gemalten Brauen sind frei, und da die schwarze Zeichnung immer dieselbe ist, sieht eine aus wie die Andere. Ein weiter, meist einfarbiger Mantel aus dünnem Stoffe umhüllt sie; wenn sie aufstehen und gehen, gleichen sie wackelnden Fledermäusen. Was sie sonst für Toiletten haben, wird auf der Straße Niemand gewahr. Nur im Harem zeigen sie sich in dem Schmuck, der dem Manne ein Heidengeld kostet. Wenige Männer haben zwei bis drei Frauen – es kostet zu viel, da jede ihren Haushalt beanspruchen darf. Was mir jedoch gefällt, ist, daß die Schwiegermütter mit in den Harem hineingenommen werden müssen und der Mann zum Ausbleiben keine Kneipe findet. Sie haben ihn manchmal furchtbar unter.

Männer und Frauen sind stets getrennt. An den süßen Wässern sitzen die Frauen für sich und die Männer dito, auf den Dampfschiffen ist eine Haremabtheilung und auch in den Pferdebahnen. Und dabei soll Amüsement herauskommen. Wer da meint, der Orient wäre ein ununterbrochener Freudenjubel mit Dame, der schneidet sich bedenklich, es jubelt sich überhaupt nicht.

In Stambul ist der Orient sowohl wie das Alterthümliche mehr vertreten als in Galata-Pera. Zwei Brücken führen hinüber, von denen die neue unglaublich belebt ist. Jeder Einzelne muß Brückengeld entrichten, etwa fünf Pfennig, jeder Wagen gegen fünfzig Pfennig nach unserem Geld. Sie soll täglich zwischen fünf- bis siebentausend Franken Brückenzoll einbringen und wird ebenso wie die Hammelsteuer mit Vorliebe an Bankgesellschaften verpfändet.

Guten Empfehlungen hatten wir zu verdanken, daß wir den Schatz des Sultans zu sehen bekamen, der im alten Serai bewahrt wird. Es ist viel Unfug darin, aber auch eine tolle Ansammlung von Edelsteinen und Kostbarkeiten: Tassenschalen voll Rubinen, Smaragden und Diamanten, juwelenbeladene Waffen und perlenbesetzte Prachtgewänder, Gold- und Silbergefäße und dazwischen werthlose Spielereien. Man sieht das an und fragt: Wozu?

Wer den Schatz besuchen darf, ist gleichzeitig Gast des Sultans, trotz des klobigen Bakschisch an die Wächter und Schließer. Wir wurden in einem Kiosk mit Roseneingemachtem und Kaffee bewirthet, worauf alle Räumlichkeiten und Einzelpalais durchschnökert wurden, die zu dieser ehemaligen Residenz der Chalifen gehören; eine unbewohnte, verlassene Stadt für sich.

Am Abend las uns der Leutnant vor, was früher in dem alten Serai vorging. Ich sagte: »Hören Sie auf; von all dem Morden und Blutvergießen wird mir nicht gut. Vielleicht später in Berlin kann ich solche Lektüre vertragen, nur nicht hier, so dichte dabei.«

Man darf in Konstantinopel seine Nachtruhe nicht leichtfertig schmälern, sie leidet von außen her genug. Da kommt erst der Wächter, der mit einem eisenbeschlagenen Stock auf das Pflaster stampft, um zu zeigen, daß er umgeht und den Kundigen die Zeit anzugeben, die sich aus dem Klopfen vernehmen, wie viel die Uhr ist. Wenn der Nachtrath die Diebe verscheucht hat, fangen die Hunde an zu heulen, die bei Tage schlafen, damit sie in der Dunkelheit bei Sangeskräften sind. Frühmorgens geht das Brüllen der Straßenhändler los; süße und saure Milch, Brot, Apfelsinen, Salat, Halwa und was nur verkäuflich, wird mit Mordsstimme ausgeschrieen. Das trifft die Nerven. Oh Konstantinopel! –

Der Sultan wohnt in Jildiskiöschk, abgeschlossen von dem Gelärme der Stadt. Jeden Freitag hat man Gelegenheit, ihn zu sehen, dann ist Selamlik. Gegen zwölf Uhr Mittags strömt das Volk hinaus. Die Frauen sitzen mit rothen, blauen, grünen Sonnenschirmen an den staubigen Wegen, auf den Mauern der Gärten und wo Platz ist. Das Militär zieht in Paradeuniform auf; in einem Kiosk vor der Moschee, in welcher der Sultan zu beten beabsichtigt, versammeln sich in einem besonderen Zimmer die Botschafter und auserlesene Persönlichkeiten, in einem größeren Saale bevorzugte Fremde, um dem Schauspiele beizuwohnen. Noch weiß Niemand, ob der Sultan diese Moschee erwählt hat oder eine andere. Ist letzteres der Fall, katert Alles Hals über Kopf um. Bleibt es aber dabei, öffnen sich die Thore von Jildiskiöschk. Der Sultan fährt auf den Hof der Moschee, gefolgt von zwei dicht verschlossenen Wagen mit Haremdamen. Ein Muezzin ruft vom Minareh zum Gebet, ein Gesang, als ob der Mann an Leibschmerzen litte, der Sultan, in schwarzem Anzuge, geht in die Moschee. Sein Kaffeegeschirr wird ihm nachgetragen. Wenn etwa eine halbe Stunde verflossen, wird ein Fenster von einem Anbau der Moschee aufgemacht, zum Zeichen, daß der Sultan die Andacht beendete und die Parade beginnen kann. Die Truppen marschiren an dem Fenster vorbei, Musik spielt dazu, und in der panoramenhaften Umgebung vollzieht sich ein militärisches Gepränge, das theils durch die phantastischen Uniformen der Soldaten, theils durch das fremdartige Aussehen der Leute großen Eindruck macht. Und diese herrliche Kavallerie! In Jerusalem sah das Militär allerdings belemmert aus. Zum Schluß fährt der Sultan eigenhändig zurück nach seinem Palais. Die Würdenträger, Minister und Feldmarschälle laufen im Trab hinter seinem Wagen her, dann folgen die Haremkutschen, die Frauen werfen Geld unter das Volk, und wenn auch hinter ihnen die Pforten von Jildiskiöschk sich schlossen, ist nur noch Pöbel auf dem Wege, der den frisch aufgestreuten gelben Sand nach Bakschisch durchampelt. Mit klingendem Spiel kehren die Mannschaften in die Stadt zurück, und das Publikum verliert sich ebenfalls. Dies ist jeden Freitag so.

Der Sultan besitzt eine Anzahl der schönsten Paläste, die er jedoch nicht bewohnt. Nur in Dolmabagtsche wird der Thronsaal bei großen Empfängen benutzt. An Top-Hane, der Kanonengießerei und dem Arsenal vorbei, gelangt man mit der Pferdebahn nach Dolmabagtsche, dem Marmorpalast: hinter Mauern mit goldglänzenden Prunkthoren und goldigen Gittern, gleichsam eine lange Reihe reicher Fassaden, als wären Tempel und Theater zusammengestellt. Marmorstufen führen von dem Marmorquai und dem blumigen Vorgarten bis an das Wasser hinab. Hier erfährt man, was orientalische Pracht bedeutet, so etwas zimmert die Phantasie sich nicht zurecht, denn, so viel Marmor und Gold sie auch verbrauchen würden, ihr fehlt der Bauplatz am Grunde der parkbewaldeten Hügel, das blaue Meer, darin der Marmorbau wiederspiegelt wie aus Spitzen gewebt, und das strahlende Licht der südlichen Sonne, das jeder Farbe doppelte Kraft verleiht.

Aber nun erst der Palast drinnen! Giebt es noch anderswo solche Säle in seltenstem Marmor, Gemächer mit golddurchwirkten Tapeten, Teppichen der kostbarsten Art, Seidenvorhängen, Möbeln aus Rosenholz und Gegenständen des verschwenderischsten Luxus? Der glasgedeckte Wintergarten, das Alabasterbad, das lichtdurchströmte, prangende Treppenhaus, jedes für sich ist ein Bild der Ueppigkeit. Einzelne Zimmer sind in abendländischer Weise mit Oelgemälden geschmückt. Gleich sieht es belebender darin aus; das bloße Architektonische und Kunstgewerbliche lähmt zuletzt die Besichtigungsfähigkeit.

Auf einigen der Gemälde waren Pferdeszenen dargestellt, dieselben schönen Geschöpfe, die wir in Aegypten und Syrien oft bewundernd betrachtet, traten uns herrlich, wie in der Natur, entgegen. Wir sahen nach, wer sie gemalt: Adolf Schreyer stand in der Ecke geschrieben.

Der Thronsaal soll einer der größten europäischen Säle sein, an fabelhafter Pracht sucht er sicherlich seines Gleichen, als wenn der Himmel durch Blumengeranke hineinschiene, so ist die kuppelartig gewölbte Decke in Farben gehalten. Eine Dame aus der Zahl der Besuchenden fragte den führenden Adjutanten, welcher vom Oesterreichischen zum Mohammedanischen übergetreten ist, ob der Sultan in diesem Saale seine Hofbälle abhielte? Er erklärte ihr, daß gemischte Tanzvergnügen den Gesetzen des Koran zuwiderliefen. Das hätte sie doch wissen müssen.

Eine Strecke weiterhin liegt der Palast von Tschiragan, ein Bau von nicht geringerer Pracht als Dolmabagtsche. Man darf sich ihm jedoch nicht nähern, weil der abgesetzte Sultan Murad darin gehalten wird und die Wachen auf Jeden schießen, der nicht Distanz hält. Und so giebt es noch mehrere, wenn auch kleinere Paläste an beiden Ufern des Bosporus, viele davon gehen langsam dem Verfall entgegen, einige sind bereits Ruinen. Auf der asiatischen Seite Beglerbeg-Serai ist erst in den sechziger Jahren von Abdul Asis erbaut, jetzt vertrümmert dies Marmorschloß, und im Innern gedeihen die Motten und der Holzwurm. In dem großen Springbrunnenbassin des zur ebenen Erde gelegenen Marmorsaales ließ der Sultan sich Wasserballete vorschwimmen, im Garten hielt er wilde Tiger, Leoparden und Strauße; nachdem jedoch seine Pulsadern mit der Scheere aufgeschnitten wurden, sind auch die Thiere allmälig eingegangen. Seine Frauen und Stieffrauen werden noch auf Staatskosten ernährt.

Welcher Abstand aber zwischen diesen Wahrzeichen der wahnsinnigsten Verschwendung und den unter aller Menschenwürde vernachlässigten geringeren Stadttheilen! Holzbaracke lehnt sich an Holzbaracke, und wenn eine Feuersbrunst einen großen Platz freilegt, erblickt man die Keller, Zisternenmündungen und Gänge, aus denen Keiner wieder an das Tageslicht gelangt, der einmal darin verschwinden gelassen wurde. Wenn es brennt, gehen nicht nur Dutzende, sondern oft Hunderte von Häusern in Flammen auf, denn die Spritzen müssen von den Hamals getragen werden und sind demgemäß viel zu machtlos gegen den Brand der trockenen Holzwohnungen, sondern mehr für Krankenstuben. Wer in den Nebenstraßen Veloziped fahren kann, ist in meinen Augen ein seltener Meister, aber ich fürchte, die einzige dabei herauskommende Prämie ist ein offener Kopf. Eine Dampfspritze kommt einfach nicht weiter.

Man bürgert sich an jedem Aufenthalt mehr oder weniger ein, Konstantinopel wird Einem jedoch von Tag zu Tag unliebsamer, man fühlt sich unsicher und das wiegelt ab. Die Vornehmen, welche in Pera wohnen und von den Hauptstraßen nie herunterkommen, die Schönheiten der Gegend von der Equipage aus betrachten und unter sich das angenehmste gesellschaftliche Lieben führe, die Theater währende der Spielzeit besuchen, ihre Klubs haben, in den eleganten echten Bierhäusern verkehren, empfinden das wohl weniger, wie die Durchreisenden, die das Abweiden des Sehenswerthen auch in bedenkliche Gegenden bringt, welche bei Tage nur in Begleitung, am Abend garnicht zu passiren sind.

Unser Leutnant war höchst verstimmt. Wenn es Tage lang dreeschte – und es regnete Blasen – konnten ihn selbst die gefüllten Pfannkuchen nicht besänftigen, welche Mutter Kittrey in idealer Vollkommenheit buck. »Ein gräßliches Nest,« schalt er. »Wie lange das noch geduldet wird?« – »Man kann es doch nicht in den Bosporus hineinraken.« – »Leider ist das unmöglich.« – »Wieso leider?« – Nun legte er los. Was er Alles aufzählte, habe ich nicht niedergeschrieben, jedoch darin mußte ich ihm beipflichten: richtig gehandhabt, würden Stadt und Land an Wohlstand überfließen.

Trockene Stunden wurden benutzt, um Alles zu sehen, was der Fremde sehen muß. Denn wird er hinterher gefragt und er war nicht da, zieht er sich sowohl Bedauern wie Vorwürfe zu. Trotzdem ging ich um die Moscheen herum und nie hinein, mit Ausnahme der Sophien-Moschee, welche gegen zehn Piaster Entree (etwa zwei Mark) mit übergezogenen Lederpantoffeln betreten werden darf. Ihre Größe ist gewaltig, erdrückend, aber nicht erfreuend, weil die Türken die andächtige Pracht früherer Zeiten theils roh übertüncht, theils mit mohammedanischen Zuthaten versetzt haben, wodurch ein Mischmasch von Erhabenheit und kleinlicher Geschmacklosigkeit entstanden ist, den ich nicht schön finden kann, und wenn man mir eine blank geputzte Million auf den Tisch legte. Dies darf man jedoch nicht aussprechen.

Von der Aja Sophia gingen wir nach dem nahe gelegenen Hippodrom, der jetzt wie ein verwilderter Marktplatz aussieht und mehr geschichtliche Erinnerungen beansprucht, als wir unser eigen nannten. Nur die bronzene Schlangensäule, worauf ehemals die griechische Pythia zu Delphi orakelte, fesselte mich. »Siehst Du, Karl,« sagte ich, »Du glaubst nie an Wahrsagen, hier hast Du nun den unleugbaren historischen Beweis.« Er schwieg. Solche Thatsachen stößt kein Zweifel um.

Weiterhin das Janitscharen-Museum ist ein Panoptikum von verschwundenen alten Trachten auf hölzernen Puppen. Die echten Stoffe sind durch Futterkanten ersetzt. Wenn die Türken früher so umherliefen, müssen sie mehr als schreckhaft gewesen sein. Wir verließen den Schauplatz in größter Heiterkeit.

Vom Hotel nach Stambul hinüber war jedesmal eine Reise. Erst nach dem Tunnelplatz, dann mit der Seilbahn hinab, dann eine Strecke durch Galatas kotige Gassen, dann über die Brücke, wo weißkittelige Männer des Brückengeld sammelten. Ihre Anzüge sind ohne Taschen; wenn sie die Hände voll Münzen haben, müssen sie rein am Schalter der Einnehmerbuden abliefern. – Der Verkehr auf der Brücke ist schon mehr Völkerwanderung. Die Lokaldampfer legen auch dort an, so daß die Passagiere zum Zoll herangezogen werden. Eine Gesellschaft, die an beiden Seiten des goldenen Hornes feste Landungsbrücken und Quais errichten wollte, ist abschlägig beschieden. Ebenso erhielt eine seit 1875 fertiggestellte Eisenbahn von Mudania nach Brussa auf der kleinasiatischen Seite immer noch keine Erlaubniß zum Betriebe. Das Gras wächst zwischen den Schienen und in den Wartesälen. Warum? Das kann nur eine gut angedämpfte Pythia errathen.

Die Lokaldampfer sind immer besetzt. Sie fahren nach Skutari, den Prinzeninseln und den zahlreichen Ortschaften am Bosporus. Man muß sich genau um die Abfahrtszeit kümmern, da die türkische Zeitrechnung sich mit dem Monde dreht. Der Tag wird nach der Sonne eingetheilt, Sonnenuntergang ist zwölf. Deshalb müssen die Uhren mindestens alle fünf Tage gestellt werden, was die wenigsten vertragen. Ich sah voraus, wie es kommen würde, ohne auf der Schlangensäule zu sitzen: die Waterbury konnte sich nicht in die astronomische Behandlung finden. Eines schönen Tages sagte sie »Surr« und that nicht mehr mit. Mein Karl war wie neugeboren, als er sich eine billige Uhr angeschafft hatte, die pflichttreu ging.

Für den Besuch des großen Bazars ist es nothwendig, einen Hotel-Dragoman mitzunehmen, sonst findet man weder hin, noch in dem Gewirre der Gäßchen und überwölbten langen, gewundenen, sich kreuzenden Gänge zurecht. In diesem Labyrinth, sagt man, verlaufen sich selbst Einheimische. Sowie ein Fremder in dem Jahrmarktsgewühl auftaucht, wird er von Verkäufern angerissen, von Unterhändlern in allen Sprachen angekeilt und keinen Augenblick mehr der eigenen Freiheit überlassen. Das Beinbrechpflaster der engen Gänge kommt den Leuten zu Hülfe; entrinnen ist nicht. Der Dragoman zieht natürlich die Geschäfte vor, welche ihm Prozente zahlen, so daß man willenlose Beute wird; wenn man nicht entzornt. Hierzu war unser Leutnant unersetzlich, und auch wir hatten auf der Reise hinreichend Erfahrung gesammelt, uns nicht einschüchtern zu lassen. »Ruch« und »imschi« galt nicht mehr, dafür sagt man türkisch »Haide git!«

In der Folge behalfen wir uns ohne Dragoman, gingen in die Teppichmagazine, in den halbdunkeln Waffenbazar, in den ägyptischen Bazar, wo Gewürze und Arzneiwaaren angehäuft sind, und wohin es uns sonst beliebte. Bei einem dicken Türken kauften wir echtes Rosenöl zum Mitnehmen und das seltene Aloeholz, das kostbarste Räucherwerk. Namentlich aber zogen uns die Teppiche an.

In Konstantinopel legt man denselben Werth auf schöne Teppiche, wie bei uns auf Gemälde, ja, sie werden sogar wie diese an die Wand gehängt. Sie sind der Stolz ihres Besitzers, und zuletzt kommt man unwillkürlich selbst in die Teppichwuth hinein. Es ist unmöglich, zu widerstehen, diese farbigen Wirkereien aus Bochara, Dhagistan, Tiflis, Persien, Smyrna sind zu verlockend, als daß man nicht etliche erhandelte. Auf Teppiche pürschen machte mir das größte Vergnügen.

In dem Bazar werden jährlich Millionen und aber Millionen umgesetzt; wer den Betrieb sieht, glaubt es.

Der Tabak, der ungeheure Summen einbringt, wird in der Tütünfabrik verarbeitet, denn Tabak heißt türkisch Tütün. Wir hatten Erlaubniß zur Besichtigung dieses Monopolinstitutes und fuhren in einem Kaik dahin. So ein Boot sieht niedlich aus, wenn man aber drinnen ist, wünscht man nichts sehnlicher, als wieder auf festem Land zu sein.

Bei dem Mangel jeglicher Bank ist man gezwungen, sich ottomanisch, mit untergeschlagenen Beinen auf den platten Boden zu setzen, rührt man sich, kippt die Nußschale um, und die Buchholzen schwimmt im goldenen Horn bei den Kartoffelschalen. »Nein,« sagte ich, als wir mir Mühe und Noth heraus waren, »Ertrinken spiele ich nicht wieder mit; Haide git Kaik.«

Die Tütünfabrik muß Raucher in hohem Grade anheimeln, Finanzminister aber noch mehr. Diese Massen von Tabak und das Geld, was er abwirft! Die gelben Blätter werden sortirt und geschnitten, theils mit Maschinen, theils, und zwar die bessern Nummern, mit der Hand. Den geschnittenen Tabak wägen junge Mädchen ab und füllen ihn in Packete, so geschwind, daß man der Schnelligkeit kaum folgen kann. Hunderte und aber Hunderte beschäftigen sich in den Sälen nur mit dem Verpacken des Tabaks. Und nun erst die Zigarettenfabrikation. Das geht so behende, als wäre jeden Augenblick Thorschluß, und die bestellte Anzahl müßte rasch fertig gedreht werden. Auch Maschinen sind im Gange, welche die Hülse selbständig kleben, stempeln und voll Tabak stopfen. Die Arbeiterinnen sind meistens Jüdinnen, es waren bildhübsche darunter. Drei Schließtage hat die Tütünfabrik in der Woche: Freitags den türkischen, Sonnabends den jüdischen und Sonntags den christlichen Feiertag.

Während unseres Aufenthaltes hatten wir viele Deutsche kennen gelernt. Sie haben ihre Vereine: die »Teutonia« und den »Deutschen Handwerker-Verein«. Das Gesellschaftshaus der »Teutonia« am unteren Ende der Perastraße hat Lesezimmer, Billard, Kegelbahn, ein stilvolles Zimmer zum Biertrinken und Skatspielen und einen Theatersaal. Hier halten sie ihre Bälle ab, ihre Musik- und Theateraufführungen, und schaffen sich die Gemüthlichkeit, welche Konstantinopel an und für sich nicht hervorbringt. In den nuttigen Theatern der Stadt giebt es französische oder griechische Komödie oder italienische Oper; zu unserer Zeit trieben Hypnotiseure und Taschenspieler sowie ein Wachsmuseum ihr Wesen darin. Da ist es schon besser, sich selbst etwas vorzumimen und eigene Kunst zu pflegen.

Wir haben angenehme Stunden in der »Teutonia« verlebt. Herr Dr. Weiß ist ihr Präsident und leitet das Ganze mit großer Umsicht. Zu den Aufführungen kommen die Botschafter mit ihren Familien und die Standesleute der deutschen Kolonie. Es sind vorzügliche musikalische Kräfte vorhanden, deren Leistungen weit über das Liebhaberische hinausgehen, wirkliche, gediegene Künstler. Wir hörten eine Aufführung von Max Bruchs »Glocke«, Damen- und Herrenchor, ausgezeichnet. Die Zuhörerschaft in Ballkleidung nahm innigsten Antheil und gab sich den Worten und Tönen mit Genuß hin. Der Tenor, Herr Rektor Lang, sang gerade schmelzend: »Ach daß sie immer grünen bliebe, die schöne Zeit der ersten Liebe«, als es draußen plötzlich loskrachte. Bautz, ging es, Bautz und Bums hinternach. Dies war der Anfang des griechischen Osterfestes, das auf der Straße mit Schießen und Losbrennen von Schwärmern und Kanonenschlägen begangen wird. Das Bombardement blieb nicht nur bis zum Schlußchor »Friede sei ihr erst Geläute« bei, sondern dauerte noch zwei Tage, obwohl es strenge verboten ist. Daran kehrt sich aber Niemand. Als ich am folgenden Nachmittage in die Buchhandlung von Lorenz & Keil wollte, flog mir ein platzender Schwärmer dicht am Kopfe vorbei. In gewisser Beziehung ist Konstantinopel das Land der Freiheit.

Unser Leutnant war schon abgereist, er mochte nicht mehr. Wir hatten noch eine Tour nach Skutari unternommen, auf den Bulgurlu mit der paradiesischen Aussicht nach dem schneegipfligen Olymp von Brussa hinüber und über den Bosporus auf das Häusermeer von Konstantinopel. Durch den Zypressenkirchhof von Skutari fuhren wir an die Dampfschiffstation. Diese Kirchhöfe sind wundersame Wälder von dunkelgrünen Zypressen, kein Tannenforst thut es ihnen an Düsterkeit nach. Darin stehen die Leichensteine, lebensgroß wie Menschen, oben drauf, aus Stein gehauen, ein Turban oder ein Fez. Zahllos stehen sie da: aufrecht, schräge im Umsinken begriffen, aneinander gelehnt und viele liegen zerbrochen neben den Stämmen der Bäume. Wie eine Armee Todter sehen sie aus, in die eine Salve hineinsauste. Aber sie haben keine Antlitze; unter dem Turban ist es leer, schauerlich leer. Die Griechen belebten den Marmor, die Türken machen ihn tödter als todt. Wurden die Begrabenen bei Lebzeiten geköpft, dann sind die Turbane unten an den Denksteinen angebracht; die der Frauen sind an eingemeißelten Blumenranken kenntlich, arabische Schrift steht auf allen zu lesen. Die Türken verbringen ganze Tage in den Hainen der Verstorbenen, rauchen und trinken Kaffee. Auch Weiber hocken truppweise zusammen und naschen Süßigkeiten. Für mich wäre dieser Aufenthalt zu kuhlengräberisch.

Bei unserem Abstecher in das Asiatische sahen wir, was die Türken unter Landwegen verstehen. Die Bauern haben schon Recht, wenn sie nicht mehr Feld bearbeiten, als eben zum Leben nothwendig; den Ueberschuß können sie ja doch nur mit größter Beschwer fortschaffen.

Als wir unsern Leutnant an das Schiff gebracht hatten, fehlte uns etwas. Das war so gemüthlich, wenn er Tante sagte; es wird aber in Deutschland Jemand wohl schon lange ausgeschaut haben, ob »das liebe Er« nicht bald komme.

Wäre er geblieben, würde er noch mancherlei miterlebt haben, was ihm gefallen hätte. Die alten Mauern von Stambul, das Kanonenthor, durch das die Türkenheere eindrangen, als sie Byzanz eroberten, sind für Militär ganz besonders beachtenswerth, und die Zigeunerlager im Innern der Stadt neben den Mauern sieht man anderwärts auch nicht wieder. –

Das Glänzendste war die Illumination an Sultans Geburtstag. Bei Jildiskiöschk war nicht nur die ganze Moschee mit Lampen besteckt, daß ihre Umrisse wie in feurigen Linien gezogen erschienen, sondern auch alle Wege waren mit Lichtern eingefaßt. In den Gärten die Beete und Bäume leuchteten in gleicher Weise. Die Fenster der Häuser strahlten, auf den Häusern erglühten farbige Halbmonde und Sterne. Zwischen den Minarehs der Moscheen schwebten riesengroß aus Laternen gebildete Koransprüche in der Luft. So weit das Auge reichte: funkelndes Schimmern, unten am Bosporus, drüben Skutari, Alles flimmerte und blinkte. Dazu unaufhörliches Feuerwerk, Raketen, elektrische Sonnen, bengalische Flammen, bunte brennende Blumen, ohne Pausen stundenlang. Die Musikkapellen spielten in einem der Gärten von Jildiskiöschk. In dem anderen saßen die Frauen auf der Erde. Tausende von Menschen waren unterwegs, aber es herrschte, ohne Polizei, die größte Ordnung. Solche Rufti-Brüder, wie sie bei uns in großen Städten sich pöbelhaft betragen, kamen nicht zum Vorschein. Der äußere Anstand und die Förmlichkeit im Umgange, die jedem Türken eigen ist, macht dergleichen Ausschreitungen unmöglich. Giebt es irgendwelchen Skandal, sind Griechen oder Armenier aneinandergerathen, und dann ist lautes Geschelte die Hauptsache.

Allmälig rüsteten auch wir uns zum Abmarsche. Vorher waren wir zu einem Konzert in dem Festsaal der deutschen Botschaft, das zum Besten der Ueberschwemmten in Deutschland stattfand. Der Sultan hatte fünfhundert türkische Pfund gespendet und seine unter einem italienischen Dirigenten stehende Musikkapelle zur Verfügung gestellt. Die Türken waren trefflich eingeübt. Der deutsche Gesangverein trug Chorlieder vor, wie man sie nicht besser hören kann, und als die Hauptnummer kam, das »Stabat mater« von Rossini, da wirkten die Schulkinder mit, so liebe deutsche Gesichter, so glockenrein die Stimmen, daß mir das Herz aufging.

Ebenso sehr wie das Konzert beschäftigte mich natürlich die glänzende Zuhörerschaft. Die Damen in den geschmackvollsten Toiletten, ein Subskriptionsball ist nicht feiner, die Herren entweder in Gala-Uniform oder Frack. Den Fez behalten die Türken auch bei solchen Gelegenheiten auf, was sehr farbenreich aussieht. Die vornehmste Gesellschaft von Pera war anwesend, wir sahen die Botschafter mit ihren Damen, die deutschen Generäle, welche in türkischen Diensten stehen, Minister des Sultans, und hatten den Vorzug, Herrn von Radowitz, dem Botschafter des Deutschen Reiches, vorgestellt zu werden, der uns fragte: ob wir bereits in Therapia gewesen und den Sommersitz der deutschen Botschaft gesehen? Als wir dies verneinen mußten, ward uns die liebenswürdige Einladung, am nächsten Tage mit der »Mouche«, dem kleinen Botschaftsdampfer, hinauszufahren, worüber wir hoch erfreut waren.

Am folgenden Nachmittage lag die »Mouche« bei Dolmabagtsche, bedient von der Mannschaft der »Loreley«, und da sie während der Fahrt näher ans Land gehalten werden konnte als die großen Passagierdampfer, war es gleichsam, als ginge man die Ufer ab.

Die Dinte, mit welcher der Bosporus beschrieben werden kann, muß noch erst gefunden werden. Man fährt von Dolmabagtsche bis Therapia durch eine siebzehn Kilometer lange Gemäldegalerie, die auf beiden Seiten landschaftliche Meisterwerke ersten Ranges darbietet. Hier sitzt das Geheimniß der Zauberin Konstantinopel, die es trotz ihrer intimen Unreinlichkeit noch Jedem angethan hat. Wer sie fliehen will, den erfaßt am Bosporus die Sehnsucht; der kehrt zurück, um dennoch wieder einzusehen, daß äußere Schönheit doch nicht glücklich macht.

Da die Ufer des Bosporus als eine hinundwieder durchbrochene Verlängerung von Konstantinopel erscheinen, muß Einem gesagt werden: dieser Ruinenplatz ist eine frische Brandstätte, dies ist ein Albanesendorf, jenes ein griechisches, hier bei dem Zypressenfriedhofe das zwingburgartige Mauerwerk ist Rumili-Hissar, das Rumelische Schloß, früher die Thürme der Lethe genannt, weil jeder in diese Staatsgefängnisse Gesetzte ins Album der Vergessenheit eingetragen war. Es zerfällt jetzt ebenso wie drüben in Stambul das Schloß der Sieben Thürme, wo noch der Blutbrunnen vorhanden ist, in den die abgesäbelten Köpfe der Hingerichteten geworfen wurden, wenn nicht befohlen war, sie draußen auszuhängen. Steinblöcke verdecken jetzt die Brunnenöffnung, damit keiner der Bakschisch zahlenden Fremden hineinfehltritt, die erst wieder athmen, wenn sie aus den geborstenen Kerkern und Martersälen heraus sind, wo die seidene Schnur eine Auszeichnung für Hochgestellte war, das Richtschwert, die eisenbeschlagene Keule und der Strang dagegen bei Untergeordneten angewandt wurden. Auch schnitt man dort Riemen aus der lebendigen Haut. Verurtheilte aus dem geistlichen Gelehrtenstande wurden in einem großen Mörser langsam zermatscht. Die Gesandte der Mächte, mit denen die Sultane Krieg führten, sperrte man so lange in diese aufregende Häuslichkeit ein, bis der Friede geschlossen war.

So etwas kommt heute nicht mehr vor. Wird Krieg erklärt, läßt der Botschafter den »Stationär« heizen und sagt Adieu. Der Stationär unseres Reiches war augenblicklich die »Loreley«. Als die »Mouche« mit der deutschen Kriegsflagge vorbeifuhr, wurde salutirt. Auch die Posten der türkischen Wachen salutirten mit Hornsignalen, so oft das Dampferchen vorbeikam, und der Botschafter erhob sich dann und grüßte durch Abnehmen des Hutes wieder. Die Zeit der Sieben Thürme ist ins alte Eisen geworfen.

Das Grundstück, auf dem die neue Sommerresidenz des deutschen Botschafters in norddeutschem Fachwerkstil erbaut wurde, hat der Sultan im Jahre 1880 Kaiser Wilhelm, dem Siegreichen, zum Geschenk gemacht. Es ist ein köstlicher, großer Park; in der Nähe des Palais vom Gärtner gezähmt, weiter rückwärts Wald und Wildniß, mit Wasserläufen und Schluchten, von versteckten Pfaden durchzogen, die zu Wiesen und Ausblicken führen. Unter den Eichen und Kastanien begehen die Deutschen ihre Familien-Sommerfeste mit Lagern im Grünen im Schatten des Lorbeergebüsches, Spiel und Tanz, Kaffeekochen im Freien, Bierauflegen, Würstchensieden, ganz so, als wenn Berliner in dem Grunewald gesellig sind. Am Abend bei der Heimkehr klingt das Fest noch nach, dann hallen deutsche Lieder von den Schiffen über den Bosporus, die Lieder vom fernen Vaterlande, zu denen das Heimweh die Melodien erfand, der Sang von der Krone auf dem Grunde des Rheines, die nun strahlend über Hohenzollern schwebt. Da stimmt die Jugend fröhlich ein, und das Ufer von Asien hört es und das Ufer von Europa. Wo Deutsche sind, ist auch das Lied, und aus dem Liede spricht des Volkes Seele.

In Therapia sind ferner die Sommerpaläste der englischen, französischen und russischen Botschafter und viele Villen, in denen Vornehme aus Pera die heißen Monate verbringen, da der beständige Nordwind vom Schwarzen Meer her die Sonnengluth mildert.

Auf der Rückfahrt nahm die asiatische Seite unsere Aufmerksamkeit in Anspruch; sie ist nicht minder herrlich wie die europäische. Aus die »Mouche« bei Dolmabagtsche anlegte, sagte Exzellenz von Radowitz: »Daß die Buchholz nur ja die Dampfdroschke erster Klasse nicht vergißt!« – »Die kommt mit ins Buch. Die Fahrt auf dem Bosporus bleibt unvergeßlich.«

Einige Tage vor unserer Abreise begann der Ramasan, der Monat, in welchem die Mohammedaner, so lange es hell ist, fasten und die Nacht zum Tage machen. Sobald ein Kanonenschuß den Sonnenuntergang verkündet, nehmen sie den ersten Bissen zu sich und präpeln dann die ganze Nacht durch. Die Moscheen sind illuminirt, in den Straßen brennen Lampen aller Art, und Kaffee trinkend und rauchend sitzen die Türken draußen und verdauen. In Stambul giebt es in großen Bretterbuden türkische Komödie und Schattenspiel an der Wand mit kleinen unanständigen Figuren, selbst für das reifere Alter zu heftig. Man sagte uns, im Ramasan sei das Volk am lustigsten; mir kam es vor wie vergnügte Leichen. Laute Freude, von Herzen kommenden Frohsinn sucht man im Orient vergeblich im öffentlichen Leben.

Als wir nach Galata hinunterstolperten, um auf der Agentur des österreichischen Lloyd Plätze auf dem Dampfer nach Varna zu nehmen und vorsichtig Fuß vor Fuß setzten, um den halsbrecherischen Lunken und Pfützen auszuweichen, ruft mit einem Male Jemand hinter uns: »Sind Sie es, Frau Buchholz, oder sind Sie es nicht?« – Erst erkannte ich ihn nicht, den jungen Matrosen, der uns anlachte, dann aber rief ich: »Herrjeh, Eduard Krause! Wo kommen Sie her?« – »Mit der »Thusnelda« von Genua.« – »Sagen Sie blos, wie geht es Ihnen?«

Er wollte nicht mit der Sprache heraus, zufrieden schien er nicht. Konstantinopel aber, meinte er, könnte ihm gefallen; jeden Abend Musik, Singsang und Tanz. »Eduard,« rügte ich, »denken Sie auch an sparen?« – »Man gewinnt immer wieder Geld,« erwiderte er. »In den Konzertlokalen sind überall Spielbanken, wo man zusetzen kann.« – »Jawohl. Ihre sämmtlichen Moneten. Eduard, diese Höhlen sind kein Aufenthalt für Sie.« – »Wo soll man sonst hin, um sich mit Damen zu unterhalten? Ich kann mich ja auch türken lassen.« – »Eduard!« – »Das wäre gar nicht übel; auf diese Weise hat schon Mancher sein Glück gemacht.« – Was ich ihm hierauf mittheilte, kürzte die Begegnung bedeutend ab. Mein Karl verschwendete noch einige gute Lehren, aber was fruchten die bei Einem, der von Klein auf seinen eigenen Willen durchsetzte? »Er ist im Stande dazu,« sagte ich. »Wie händeringend für die Eltern, einen Türken zum Sohn zu haben. Und wie niederschlagend, wenn die Alten in aller Ordentlichkeit im ewigen Jenseits sitzen und der Junge nebenan bei Mohammeten mit den Mädchen schäkert. Na, die Krausen wird Augen machen.« – »Du wirst ihr doch nicht erzählen, wie er Dich geuzt hat?« – »Meinst Du so herum? Karl, die menschliche Schlechtigkeit entdeckt man immer erst, wenn sie zu spät ist. Hätte ich das zehn Minuten früher gewußt! Der Flapps!«

Was ich nothwendig mitnehmen mußte, war eine türkische Kaffeekocheinrichtung. Kaffee ist das Vorzüglichste des Orients von Aegypten an. Die gute Frau Kittrey lehrte mich seine Zubereitung. Erstens dürfen die Bohnen nur schwach gebrannt und müssen zweitens entweder gestampft oder auf besonderen Mühlen in ein Mehl so fein wie Kakaopulver verwandelt werden. In einem verzinnten Kochtopfe aus Messing oder Kupfer, der unten breit, sich nach oben zu verengt und einen Ausgußrand hat, bringt man Wasser zum Sieden, giebt Zucker hinein und auf jedes Täßchen einen gehäuften Kaffeelöffel von dem Kaffeepulver, rührt um und läßt einmal aufwallen. Ist dies geschehen, nimmt man den Topf vom Feuer und läßt noch einmal flüchtig von der Seite brodeln. Obenauf muß eine bräunliche Sahne bleiben, von der man in jedes Täßchen ein Wenig gießt, denn dieser Schaum ist das Beste. Darauf vertheilt man den Rest in die kleinen Täßchen. Freilich kommt etwas Satz in die Tassen, aber den trinkt man nicht mit. Milch fällt weg. So wird der Kaffee alla turca hergestellt, den die Araber jedoch Kahwe nennen. Der filtrirte Kaffee nach unserer Art, der Kaffee alle franca, ist gewöhnlich ungenießbar, obgleich dieselben Bohnensorten genommen werden. Solche Plansche bringt selbst die Bergfeldten nicht zu Stande.

Mühle und Kanne waren die letzten Erwerbnisse; wir waren reisefertig. Der Hundefamilie in der Derwischstraße wurden noch etliche Brödchen verabreicht. Es waren gute Thiere, wie gelbrothe Schäferhunde, Vater, Mutter und ein Junges. Die Hunde haben ihre Reviere; kommt ein fremder Köter, fallen sie über ihn her und vertobacken ihn barbarisch. Unsere begleiteten uns, so oft wir ausgingen, bis an das Ende der Straße, aber nicht weiter, denn da war die Grenze ihres Bezirkes. Sonderbar ist, daß sie die Haushunde der Europäer ungeschoren lassen. Steuer bezahlen sie nicht, weil sie keine Herren haben, die für sie auslegen, sonst ließe sich eine Anleihe auf türkische Hundeerträgniß gründen. Sie nähren sich von mitleidigen Gaben und dem Durchschnüffeln des Abfalls, der Abends vor die Häuser geworfen und von da nächtlicher Weile in das goldene Horn abgeführt wird. So erklären sich die Kartoffelschalen und Salatstengel auf dem Wasser und der Geruch in den Straßen, der weder von Ambra noch von Rosen herrührt, sowie Nachts das Hundegeheul und Gebeiße bei den Abfallhaufen. Ich fragte, wie es mit der Tollwuth wäre und erfuhr, daß, wenn ein Hund erkrankt, die übrigen ihn zerfleischen und auffressen. Es ist kein Thier so unvernünftig, etwas Vernunft hat es doch.

Und nun Adieu Konstantinopel; es ist Zeit. Ein herzliches Lebewohl Allen, die sich unserer annahmen, und unsern Hotelwirthen Dank für ihre Sorgfalt und Aufmerksamkeit. Noch zum Schluß gab uns Frau Kittrey ein Fläschchen Trosttropfen mit, Kognak auf Erdbeeren, selbst angesetzt, gut gegen Seekrankheit. – Bei hellem Sonnenschein dampften wir durch den sinnberückenden Bosporus. Wie im Theater die Schlußapotheose oft das ganze Stück herausreißt, so verklärt diese irdische Herrlichkeit Konstantinopel. Die Stadt selbst zehrt an altem Ruhme, den sie errang, als andere Städte noch ärmlich und unbedeutend waren. Jetzt aber ist sie überflügelt. Das Lebende, sich schön Entwickelnde hat Recht, das Absterbende, Verfaulende kann ihm den Rang nicht streitig machen.

 

 

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