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Frau Bovary

Gustave Flaubert: Frau Bovary - Kapitel 25
Quellenangabe
authorGustave Flaubert
titleFrau Bovary
typefiction
translatorArthur Schurig
publisherInsel Verlag
addressLeipzig
senderhille@abc.de
created20040302
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Erstes Kapitel

Leo hatte während seiner Pariser Studienzeit die Ballsäle fleißig besucht und daselbst recht hübsche Erfolge bei den Grisetten gehabt. Sie hatten gefunden, er sähe sehr schick aus. Übrigens war er der mäßigste Student. Er trug das Haar weder zu kurz noch zu lang, verjuchheite nicht gleich am Ersten des Monats sein ganzes Geld und stand sich mit seinen Professoren vortrefflich. Von wirklichen Ausschweifungen hatte er sich allezeit fern gehalten, aus Ängstlichkeit und weil ihm das wüste Leben zu grob war.

Oft, wenn er des Abends in seinem Zimmer las oder unter den Linden des Luxemburggartens saß, glitt ihm sein Code-Napoléon aus den Händen. Dann kam ihm Emma in den Sinn. Aber allmählich verblaßte diese Erinnerung, und allerlei Liebeleien überwucherten sie, ohne sie freilich ganz zu ersticken. Denn er hatte noch nicht alle Hoffnung verloren, und ein vages Versprechen winkte ihm in der Zukunft wie eine goldne Frucht an einem Wunderbaume.

Als er sie jetzt nach dreijähriger Trennung wiedersah, erwachte seine alte Leidenschaft wieder. Er sagte sich, jetzt gälte es, sich fest zu entschließen, wenn er sie besitzen wollte. Seine ehemalige Schüchternheit hatte er übrigens im Verkehr mit leichtfertiger Gesellschaft abgelegt. Er war in die Provinz zurückgekehrt mit einer gewissen Verachtung aller derer, die nicht schon ein paar Lackschuhe auf dem Asphalt der Großstadt abgetreten hatten. Vor einer Pariserin in Spitzen, im Salon eines berühmten Professors mit Orden und Equipage, hätte der arme Adjunkt sicherlich gezittert wie ein Kind, hier aber, in Rouen, am Hafen, vor der Frau dieses kleinen Landarztes, da fühlte er sich überlegen und eines leichten Sieges gewiß. Sicheres Auftreten hängt von der Umgebung ab. Im ersten Stock spricht man anders als im vierten, und es ist beinahe, als seien die Banknoten einer reichen Frau ihr Tugendwächter. Sie trägt sie alle mit sich wie ein Panzerhemd unter ihrem Korsett.

Nachdem sich Leo von Herrn und Frau Bovary verabschiedet hatte, war er aus einiger Entfernung den beiden durch die Straßen gefolgt, bis er sie im »Roten Kreuz« verschwinden sah. Dann machte er kehrt und grübelte die ganze Nacht hindurch über einen Kriegsplan.

Am andern Tag nachmittags gegen fünf Uhr betrat er den Gasthof mit beklommener Kehle, blassen Wangen und dem festen Entschluß, vor nichts zurückzuscheuen.

»Der Herr Doktor ist schon wieder abgereist!« vermeldete ihm ein Kellner.

Leo faßte das als gutes Vorzeichen auf. Er stieg hinauf.

Emma war offenbar gar nicht aufgeregt, als er eintrat. Sie bat ihn kühl um Entschuldigung, daß sie gestern vergessen habe, ihm mitzuteilen, in welchem Gasthofe sie abgestiegen seien.

»O, das habe ich erraten«, sagte Leo.

»Wieso?«

Er behauptete, das gute Glück, eine innere Stimme habe ihn hierher geleitet.

Sie lächelte; und um seine Albernheit wieder gutzumachen, log er nunmehr, er habe den ganzen Morgen damit zugebracht, in allen Gasthöfen nach ihnen zu fragen.

»Sie haben sich also entschlossen zu bleiben?« fügte er hinzu.

»Ja,« gab sie zur Antwort, »aber ich hätte es lieber nicht tun sollen. Man darf sich nicht an unpraktische Vergnügungen gewöhnen, wenn man zu Hause tausend Pflichten hat…«

»Ja, das kann ich mir denken…«

»Nein, das können Sie nicht. Das kann nur eine Frau.«

Er meinte, die Männer hätten auch ihr Kreuz, und nach einer philosophischen Einleitung begann die eigentliche Unterhaltung. Emma beklagte die Armseligkeit der irdischen Freuden und die ewige Einsamkeit, in die das Menschenherz verbannt sei.

Um sich Ansehen zu geben, oder vielleicht auch in unwillkürlicher Nachahmung ihrer Melancholie, die ihn angesteckt hatte, behauptete der junge Mann, er hätte sich während seiner ganzen Studienzeit ungeheuerlich gelangweilt. Die Juristerei sei ihm gräßlich zuwider. Andere Berufsarten lockten ihn stark, aber seine Mutter quäle ihn in jedem ihrer Briefe. Mehr und mehr schilderten sie sich die Gründe ihres Leids, und je eifriger sie sprachen, um so stärker packte sie die wachsende Vertraulichkeit. Aber ganz offen waren sie alle beide nicht; sie suchten nach Worten, mit denen sie die nackte Wahrheit umschreiben könnten. Emma verheimlichte es, daß sie inzwischen einen andern geliebt, und er gestand nicht, daß er sie vergessen hatte. Vielleicht dachte er auch wirklich nicht mehr an die Soupers nach den Maskenbällen, und sie erinnerte sich nicht ihrer Morgengänge, wie sie durch die Wiesen nach dem Rittergute zu dem Geliebten gegangen war. Der Straßenlärm hallte nur schwach zu ihnen herauf, und die Enge des Zimmers schien ihr Alleinsein noch traulicher zu machen. Emma trug ein Morgenkleid aus leichtem Stoff; sie lehnte ihren Kopf gegen den Rücken des alten Lehnstuhls, in dem sie saß. Hinter ihr die gelbe Tapete umgab sie wie mit Goldgrund, und ihr bloßer Kopf mit dem schimmernden Scheitel, der ihre Ohren beinahe ganz verdeckte, wiederholte sich wie ein Gemälde im Spiegel.

»Ach, verzeihen Sie!« sagte sie. »Es ist unrecht von mir, Sie mit meinen ewigen Klagen zu langweilen.«

»Keineswegs!«

»Wenn Sie wüßten,« fuhr sie fort und schlug ihre schönen Augen, aus denen Tränen rollten, zur Decke empor, »was ich mir alles erträumt habe!«

»Und ich erst! Ach, ich habe so sehr gelitten! Oft bin ich ausgegangen, still für mich hin, und hab mich die Kais entlang geschleppt, nur um mich im Getriebe der Menge zu zerstreuen und die trüben Gedanken loszubekommen, die mich in einem fort verfolgten. In einem Schaufenster eines Kunsthändlers auf dem Boulevard habe ich einmal einen italienischen Kupferstich gesehen, der eine Muse darstellt. Sie trägt eine Tunika, einen Vergißmeinnichtkranz im offnen Haar und blickt zum Mond empor. Irgend etwas trieb mich immer wieder dorthin. Oft hab ich stundenlang davor gestanden…« Und mit zitternder Stimme fügte er hinzu: »Sie sah Ihnen ein wenig ähnlich.«

Frau Bovary wandte sich ab, damit er das Lächeln um ihre Lippen nicht bemerke, das sie nicht unterdrücken konnte.

»Und wie oft«, fuhr er fort, »habe ich an Sie Briefe geschrieben und hinterher wieder zerrissen.«

Sie antwortete nicht.

»Manchmal bildete ich mir ein, irgendein Zufall müsse Sie mir wieder in den Weg führen. Oft war es mir, als ob ich Sie an der nächsten Straßenecke treffen sollte. Ich bin hinter Droschken hergelaufen, aus denen ein Schal oder ein Schleier flatterte, wie Sie welche zu tragen pflegen…«

Sie schien sich vorgenommen zu haben, ihn ohne Unterbrechung reden zu lassen. Sie hatte die Arme gekreuzt und betrachtete gesenkten Hauptes die Rosetten ihrer Hausschuhe, auf deren Atlas die kleinen Bewegungen sichtbar wurden, die sie ab und zu mit den Zehen machte.

Endlich sagte sie mit einem Seufzer:

»Ist es nicht das Allertraurigste, ein unnützes Leben so wie ich führen zu müssen? Wenn unsere Schmerzen wenigstens jemandem nützlich wären, dann könnte man sich doch in dem Bewußtsein trösten, sich für etwas zu opfern.«

Er pries die Tugend, die Pflicht und das stumme Sichaufopfern. Er selbst verspüre eine unglaubliche Sehnsucht, ganz in etwas aufzugehen, die er nicht befriedigen könne.

»Ich möchte am liebsten Krankenschwester sein«, behauptete sie.

»Ach ja!« erwiderte er. »Aber für uns Männer gibt es keinen solchen barmherzigen Beruf. Ich wüßte keine Beschäftigung … es sei denn vielleicht die des Arztes…«

Emma unterbrach ihn mit einem leichten Achselzucken und begann von ihrer Krankheit zu sprechen, an der sie beinah gestorben wäre. Wie schade! meinte sie, dann brauche sie jetzt nicht mehr zu leiden. Sofort schwärmte Leo für die ›Ruhe im Grabe‹. Ja, er hätte sogar eines Abends sein Testament niedergeschrieben und darin bestimmt, daß man ihm in den Sarg die schöne Decke mit der Seidenstickerei legen solle, die er von ihr geschenkt bekommen hatte. Nach dem, wie alles hätte sein können, also nach einem imaginären Zustand, änderten sie jetzt in der Erzählung ihre Vergangenheit. Ist doch die Sprache immer ein Walzwerk, das die Gefühle breitdrückt.

Bei dem Märchen von der Reisedecke fragte sie:

»Warum denn?«

»Warum?« Er zögerte. »Weil ich Sie so zärtlich geliebt habe!«

Froh, die größte Schwierigkeit überwunden zu haben, beobachtete Leo Emmas Gesicht von der Seite. Es leuchtete wie der Himmel, wenn der Wind plötzlich eine Wolkenschicht, die darüber war, zerreißt. Die vielen traurigen Gedanken, die es verdunkelt hatten, waren aus ihren Augen wie weggeweht.

Er wartete. Endlich sagte sie:

»Ich hab es immer geahnt…«

Nun begannen sie von den kleinen Begebnissen jener fernen Tage einander zu erzählen, von allem Freud und Leid, das sie soeben in ein einziges Wort zusammengefaßt hatten. Er erinnerte sich der Wiege aus Tannenholz, ihrer Kleider, der Möbel in ihrem Zimmer, ihres ganzen Hauses.

»Und unsere armen Kakteen, was machen die?«

»Sie sind letzten Winter alle erfroren!«

»Ach, wie oft hab ich an sie zurückgedacht. Das glauben Sie mir gar nicht! Wie oft hab ich sie vor mir gesehen, wie damals im Sommer, wenn die Morgensonne auf Ihre Jalousien schien … und Sie mit bloßen Armen Ihre Blumen begossen….«

»Armer Freund.« sagte sie und reichte ihm ihre Hand.

Leo beeilte sich, seine Lippen darauf zu pressen. Dann seufzte er tief auf und sagte:

»Damals übten Sie einen geheimnisvollen Zauber auf mich aus. Ich war ganz in Ihrem Banne. Einmal zum Beispiel kam ich zu Ihnen … aber Sie werden sich wohl nicht mehr daran erinnern?«

»Doch, fahren Sie nur fort!«

»Sie standen unten in der Hausflur, wo die Treppe aufhört, gerade im Begriff auszugehen. Sie hatten einen Hut mit kleinen blauen Blumen auf. Ohne daß Sie mich dazu aufgefordert hatten, begleitete ich Sie. Ich konnte nicht anders. Aber mir jeder Minute trat es mir klarer ins Bewußtsein, wie ungezogen das von mir war. Ängstlich und unsicher ging ich neben Ihnen her und brachte es doch nicht über mich, mich von Ihnen zu trennen. Wenn Sie in einen Laden traten, wartete ich draußen auf der Straße und sah Ihnen durch das Schaufenster zu, wie Sie die Handschuhe abstreiften und das Geld auf den Ladentisch legten. Zuletzt klingelten Sie bei Frau Tüvache; man öffnete Ihnen, und ich stand wie ein begossener Pudel vor der mächtigen Haustüre, die hinter Ihnen ins Schloß gefallen war.«

Frau Bovary hörte ihm zu, ganz verwundert. Wie lange war das schon her! Alle diese Dinge, die aus der Vergessenheit heraufstiegen, erweckten in ihr das Gefühl, eine alte Frau zu sein. Unendlich viele innere Erlebnisse lagen dazwischen. Ab und zu sagte sie mit leiser Stimme und halbgeschlossenen Lidern:

»Ja … So war es … So war es … So war es!«

Von den verschiedenen Uhren der Stadt schlug es acht, von den Uhren der Schulen, Kirchen und verlassenen Paläste. Sie sprachen nicht mehr, aber sie sahen einander an und spürten dabei ein Brausen in ihren Köpfen, und jeder hatte das Gefühl, dieses Rauschen ströme aus den starren Augensternen des anderen. Ihre Hände hatten sich gefunden, und Vergangenheit und Zukunft, Erinnerung und Träume, alles ward eins mir der zärtlichen Wonne des Augenblicks. Die Dämmerung dichtete sich an den Wänden, und halb im Dunkel verloren, schimmerten nur noch die grellen Farbenflecke von vier dahängenden Buntdrucken. Durch das oben offene Fenster erblickte man zwischen spitzen Dachgiebeln ein Stück des schwarzen Himmels.

Emma erhob sich, um die Kerzen in den beiden Leuchtern auf der Kommode anzuzünden. Dann setzte sie sich wieder.

»Was ich sagen wollte….«, begann Leo von neuem.

»Was war es?«

Er suchte nach Worten, um die unterbrochene Unterhaltung wieder anzuknüpfen, da fragte sie ihn:

»Wie kommt es, daß mir noch niemand solche innere Erlebnisse anvertraut hat?«

Leo erwiderte, ideale Naturen fänden selten Wahlverwandte. Er habe sie vorn ersten Augenblicke an geliebt, und der Gedanke bringe ihn zur Verzweiflung, daß sie miteinander für immerdar verbunden worden wären, wenn ein guter Stern sie früher zusammengeführt hätte.

»Ich habe manchmal dasselbe gedacht«, sagte sie.

»Welch ein schöner Traum!« murmelte Leo. Und während er mit der Hand über den blauen Saum der Schleife ihres weißen Gürtels hinstrich, fügte er hinzu: »Aber was hindert uns denn, von vorn anzufangen?«

»Nein, mein Freund«, erwiderte sie. »Dazu bin ich zu alt … und Sie zu jung … Vergessen Sie mich! Andre werden Sie lieben … und Sie werden sie wieder lieben!«

»Nicht so, wie ich Sie liebe!«

»Sie sind ein Kind! Seien Sie vernünftig. Ich will es!«

Sie setzte ihm auseinander, daß Liebe zwischen ihnen ein Ding der Unmöglichkeit sei und daß sie sich nur wie Schwester und Bruder lieben könnten, wie ehemals.

Ob sie das wirklich im Ernst sagte, das wußte sie selbst nicht. Sie fühlte nur, wie sie der Verführung zu unterliegen drohte und daß sie dagegen ankämpfen müsse. Sie sah Leo zärtlich an und stieß sanft seine zitternden Hände zurück, die sie schüchtern zu liebkosen versuchten.

»Seien Sie mir nicht bös!« sagte er und wich zurück.

Emma empfand eine unbestimmte Furcht vor seiner Zaghaftigkeit, die ihr viel gefährlicher war als die Kühnheit Rudolfs, wenn er mit ausgebreiteten Armen auf sie zugekommen war. Niemals war ihr ein Mann so schön erschienen. In seinem Wesen lag eine köstliche Keuschheit. Seine Augen mit den langen, feinen, ein wenig aufwärtsgebogenen Wimpern waren halb geschlossen. Die zarte Haut seiner Wangen war rot geworden, aus Verlangen nach ihr, wie sie glaubte, und sie vermochte dem Drange kaum zu widerstehen, sie mit ihren Lippen zu berühren. Da fiel ihr Blick auf die Wanduhr.

»Mein Gott, wie spät es schon ist!« rief sie aus. »Wir haben uns verplaudert!«

Er verstand den Wink und suchte nach seinem Hut.

»Das Theater habe ich ganz vergessen«, fuhr Emma fort. »Und mein armer Mann hat mich doch deshalb nur hiergelassen. Herr und Frau Lormeaux aus der Großenbrückenstraße wollten mich begleiten….«

Schade! Denn morgen müsse sie wieder zu Hause sein.

»So?« fragte Leo.

»Gewiß!«

»Aber ich muß Sie noch einmal sehen. Ich hab Ihnen noch etwas zu sagen!«

»Was denn?«

»Etwas … Wichtiges, Ernstes! Ach, Sie dürfen noch nicht heimfahren! Nein! Das ist unmöglich! Wenn Sie wüßten … Hören Sie mich doch an … Sie haben mich doch verstanden? Ahnen Sie denn nicht …«

»Sie haben es doch ziemlich deutlich gesagt!«

»Ach, scherzen Sie nicht! Das ertrag ich nicht! Haben Sie Mitleid mit mir! Ich möchte Sie noch einmal sehen … einmal … ein einziges …«

»Es sei!« Sie hielt inne. Dann aber, als besänne sie sich anders, sagte sie: »Aber nicht hier!«

»Wo Sie wollen!«

Sie dachte bei sich nach, dann sagte sie kurz:

»Morgen um elf in der Kathedrale!«

»Ich werde dort sein«, rief er aus und griff hastig nach ihren Händen. Sie entzog sie ihm.

Und wie sie beide aufrecht dastanden, sie mit gesenktem Kopf vor ihm, da beugte er sich über sie und drückte einen langen Kuß auf ihren Nacken.

»Sie sind toll! Ach, Sie sind toll!« rief sie und lachte mit einem eigentümlichen tiefen Klange leise auf, während er ihren Hals immer noch mehr mit Küssen bedeckte. Dann beugte er den Kopf über ihre Schulter, als wolle er in den Augen ihre Zustimmung suchen. Da traf ihn ein eisiger stolzer Blick.

Er trat drei Schritte zurück, der Türe zu. Auf der Schwelle blieb er stehen und stammelte mit zitternder Stimme:

»Auf Wiedersehn morgen!«

Sie nickte und verschwand, leise wie ein Vogel, im Nebenzimmer.

Am Abend schrieb sie Leo einen endlosen Brief, in dem sie die Verabredung zurücknahm. Es sei alles aus, und es wäre zum Wohle beider, wenn sie sich nicht wiedersähen. Aber als der Brief fertig war, fiel ihr ein, daß sie doch seine Adresse gar nicht wußte. Was sollte sie tun?

»Ich werde ihm den Brief selbst geben,« sagte sie sich, »morgen, wenn er kommt.«

Am andern Morgen stand Leo schon früh in der offnen Balkontüre, reinigte sich eigenhändig seine Schuhe und sang leise vor sich hin. Er machte es sehr sorgfältig. Dann zog er ein weißes Beinkleid an, elegante Strümpfe, einen grünen Rock, und schüttete seinen ganzen Vorrat von Parfüm in sein Taschentuch. Er ging zum Coiffeur, zerstörte sich aber hinterher die Frisur ein wenig, weil sein Haar nicht unnatürlich aussehen sollte.

»Es ist noch zu zeitig«, sagte er, als er auf der Kuckucksuhr des Friseurs sah, daß es noch nicht neun Uhr war.

Er blätterte in einem alten Modejournal, dann verließ er den Laden, zündete sich eine Zigarre an, schlenderte durch drei Straßen, und als er dachte, es sei Zeit, ging er langsam zum Notre-Dame-Platze.

Es war ein prächtiger Sommermorgen. In den Schaufenstern der Juweliere glitzerten die Silberwaren, und das Licht, das schräg auf die Kathedrale fiel, flimmerte auf den Bruchflächen der grauen Quadersteine. Ein Schwarm Vögel flatterte im Blau des Himmels um die Kreuzblumen der Türme. Über den lärmigen Platz wehte Blumenduft aus den Anlagen her, wo Jasmin, Nelken, Narzissen und Tuberosen blühten, von saftigen Grasflächen umrahmt und von Beeren tragenden Büschen für die Vögel. In der Mitte plätscherte ein Springbrunnen, und zwischen Pyramiden von Melonen saßen Hökerinnen, barhäuptig unter ungeheuren Schirmen, und banden kleine Veilchensträuße.

Leo kaufte einen. Es war das erstemal, daß er Blumen für eine Frau kaufte; und das Herz schlug ihm höher, wie er den Duft der Veilchen einatmete, als ob diese Huldigung, die er Emma darbringen wollte, ihm selber gölte. Er fürchtete, beobachtet zu werden, und rasch trat er in die Kirche.

Auf der Schwelle der linken Türe des Hauptportals unter der ›Tanzenden Salome‹ stand der Schweizer, den Federhut auf dem Kopf, den Degen an der Seite, den Stock in der Faust, würdevoller als ein Kardinal und goldstrotzend wie ein Hostienkelch. Er trat Leo in den Weg und fragte mit jenem süßlich-gütigen Lächeln, das Geistliche anzunehmen pflegen, wenn sie mit Kindern reden:

»Der Herr ist gewiß nicht von hier? Will der Herr die Sehenswürdigkeiten der Kathedrale besichtigen?«

»Nein!«

Leo machte zunächst einen Rundgang durch die beiden Seitenschiffe und kam zum Hauptportal zurück. Emma war noch nicht da. Er ging abermals bis zum Chor.

Teile des Maßwerks und der bunten Fenster spiegelten sich in den gefüllten Weihwasserbecken. Das durch die Glasmalerei einfallende Licht brach sich an den marmornen Kanten und breitete bunte Teppichstücke über die Fliesen. Durch die drei geöffneten Türen des Hauptportals flutete das Tageslicht in drei mächtigen Lichtströmen in die Innenräume. Dann und wann ging ein Sakristan hinten am Hochaltar vorüber und machte vor dem Heiligtum die übliche Kniebeugung der eiligen Frommen. Die kristallenen Kronleuchter hingen unbeweglich herab. Im Chor brannte eine silberne Lampe. Aus den Seitenkapellen, aus den in Dunkel gehüllten Teilen der Kirche vernahm man zuweilen Schluchzen oder das Klirren einer zugeschlagenen Gittertür, Geräusche, die in den hohen Gewölben widerhallten.

Leo ging gemessenen Schrittes hin. Niemals war ihm das Leben so schön erschienen. Nun mußte sie bald kommen, reizend, erregt und stolz auf die Blicke, die ihr folgten, in ihrem volantbesetzten Kleid, mit ihrem goldnen Lorgnon, ihren zierlichen Stiefeletten, in all der Eleganz, die er noch nie gekostet hatte, und all dem unbeschreiblich Verführerischen einer unterliegenden Tugend. Und um sie die Kirche, gleichsam ein ungeheures Boudoir. Die Pfeiler neigten sich, um die im Dunkel geflüsterte Beichte ihrer Liebe entgegenzunehmen. Die farbigen Fenster leuchteten, ihr schönes Gesicht zu verklären, und aus den Weihrauchgefäßen wirbelten die Dämpfe, damit sie wie ein Engel in einer Wolke von Wohlgerüchen erscheine.

Aber sie kam nicht. Er setzte sich in einen der hohen Stühle, und seine Blicke fielen auf ein blaues Fenster, auf das Fischer mit Körben gemalt waren. Er betrachtete das Bild aufmerksam, zählte die Schuppen der Fische und die Knopflöcher an den Wämsen, während seine Gedanken auf der Suche nach Emma in die Weite irrten….

Der Schweizer ärgerte sich im stillen über den Menschen, der sich erlaubte, die Kathedrale allein zu bewundern. Er fand sein Benehmen unerhört. Man bestahl ihn gewissermaßen und beging geradezu eine Tempelschändung.

Da raschelte Seide über die Fliesen. Der Rand eines Hutes tauchte auf, eine schwarze Mantille. Sie war es. Leo eilte ihr entgegen.

Sie war blaß und kam mit schnellen Schritten auf ihn zu.

»Lesen Sie das!« sagte sie und hielt ihm ein Briefchen hin. »Nicht doch!«

Sie riß ihre Hand aus der seinen und eilte nach der Kapelle der Madonna, wo sie in einem Betstuhle zum Gebet niederkniete.

Leo war über diesen Anfall von Bigotterie zuerst empört, dann fand er einen eigentümlichen Reiz darin, sie während eines Stelldicheins in Gebete vertieft zu sehen wie eine andalusische Marquise, schließlich aber, als sie gar nicht aufhören wollte, langweilte er sich.

Emma betete, oder vielmehr sie zwang sich zum Beten in der Hoffnung, daß der Himmel sie mit einer plötzlichen Eingebung begnaden würde. Um diese Hilfe des Himmels herabzuschwören, starrte sie auf den Glanz des Tabernakels, atmete sie den Duft der weißen Blumen in den großen Vasen, lauschte sie auf die tiefe Stille der Kirche, die ihre innere Aufregung nur noch steigerte.

Sie erhob sich und wandte sich dem Ausgang zu. Da trat der Schweizer rasch auf sie zu:

»Gnädige Frau sind gewiß hier fremd? Wollen Sie sich die Sehenswürdigkeiten der Kirche ansehen?«

»Aber nein!« rief der Adjunkt aus.

»Warum nicht?« erwiderte sie. Ihre wankende Tugend klammerte sich an die Madonna, an die Bildsäulen, die Grabmäler, an jeden Vorwand.

Programmgemäß führte sie der Schweizer nach dem Hauptportal zurück und zeigte ihnen mit seinem Stock einen großen Kreis von schwarzen Steinchen ohne irgendwelche Beigabe noch Inschrift.

»Das hier«, sagte er salbungsvoll, »ist der Umfang der berühmten Glocke des Amboise. Sie wog vierzigtausend Pfund und hatte ihresgleichen nicht in Europa. Der Meister, der sie gegossen, ist vor Freude gestorben….«

»Weiter!« drängte Leo.

Der Biedermann setzte sich in Bewegung. Vor der Kapelle der Madonna blieb er stehen, machte eine Schulmeisterbewegung mit dem Arm und wies mit dem Stolze eines Landmannes, der seine Saaten zeigt, auf eine Grabplatte.

»Hier unter diesem sichren Stein ruht Peter von Brézé, Edler Herr von Varenne und Brissac, Großseneschall von Poitou und Verweser der Normandie, gefallen in der Schlacht bei Montlhéry am 16. Juli l465.«

Leo biß sich in die Lippen und trat vor Ungeduld von einem Fuße auf den andern.

»Und hier rechts, dieser Ritter im Harnisch auf dem steigenden Rosse, ist sein Enkel Ludwig von Brézé, Edler Herr von Breval und Montchauvet, Graf von Maulevrier, Baron von Mauny, Kammerherr des Königs, Ordensritter und ebenfalls Verweser der Normandie, gestorben am 23. Juli 1531, an einem Sonntag, wie die Inschrift besagt. Und dieser Mann hier unten, der eben ins Grab steigen will, zeigt ihn ebenfalls. Eine unübertreffliche Darstellung der irdischen Vergänglichkeit!«

Frau Bovary nahm ihr Lorgnon. Leo stand unbeweglich dabei und sah sie an. Er wagte weder ein Wort zu sprechen noch eine Geste zu machen. So sehr entmutigte ihn das langweilige Geschwätz auf der einen und die Gleichgültigkeit auf der andern Seite.

Der unermüdliche Cicerone fuhr fort:

»Hier diese Frau, die weinend neben ihm kniet, ist seine Gemahlin Diana von Poitiers, Gräfin von Brézé, Herzogin von Valentinois, geboren 1499, gestorben Anno 1566. Und hier links die weibliche Gestalt mit dem Kind auf dem Arm ist die heilige Jungfrau. Jetzt bitte ich die Herrschaften hierher zu sehen. Hier sind die Grabmäler derer von Amboise! Sie waren beide Kardinäle und Erzbischöfe von Rouen. Dieser hier war Minister König Ludwigs des Zwölften. Die Kathedrale hat ihm sehr viel zu verdanken. In seinem Testament vermachte er den Armen dreißigtausend Taler in Gold.«

Ohne stehen zu bleiben und fortwährend redend, drängte er die beiden in eine Kapelle, die durch ein Geländer abgesperrt war. Er öffnete es und zeigte auf einen Stein in der Mauer, der einmal eine schlechte Statue gewesen sein konnte.

»Dieser Stein zierte dereinst«, sagte er mit einem tiefen Seufzer, »das Grab von Richard Löwenherz, König von England und Herzog von der Normandie. Die Kalvinisten haben ihn so zugerichtet, meine Herrschaften. Sie haben ihn aus Bosheit hier eingesetzt. Hier sehen Sie auch die Tür, durch die sich Seine Eminenz in die Wohnung begibt. Jetzt kommen wir zu den berühmten Kirchenfenstern von Lagargouille!«

Da drückte ihm Leo hastig ein großes Silberstück in die Hand und nahm Emmas Arm. Der Schweizer war ganz verblüfft über die Freigebigkeit des Fremden, der noch lange nicht alle Sehenswürdigkeiten gesehen hatte. Er rief ihm nach:

»Meine Herrschaften, der Turm, der Turm!«

»Danke!« erwiderte Leo.

»Er ist wirklich sehenswert, meine Herrschaften! Er misst vierhundertvierzig Fuß, nur neun weniger als die grösste ägyptische Pyramide, und ist vollständig aus Eisen….«

Leo eilte weiter. Seine Liebe war seit zwei Stunden stumm wie die Steine der Kathedrale. Er hatte keine Lust, sie nun auch noch durch den grotesken käfigartigen Schornstein zwängen zu lassen, den ein überspannter Eisengießer keck auf die Kirche gesetzt hatte. Das wäre ihr Tod gewesen.

»Wohin gehen wir nun?« fragte Emma.

Ohne zu antworten, lief er rasch weiter, und Frau Bovary tauchte schon ihren Finger in das Weihwasserbecken am Ausgang, als sie plötzlich hinter sich ein Schnaufen und das regelmäßige Aufklopfen eines Stockes hörten. Leo wandte sich um.

»Meine Herrschaften!«

»Was gibts?«

Es war wieder der Schweizer, der ein paar Dutzend dicke ungebundene Bücher, mit seinem linken Arme gegen den Bauch gedrückt, trug. Es war die Literatur über die Kathedrale.

»Troddel!« murmelte Leo und stürzte aus der Kirche.

Ein Junge spielte auf dem Vorplatz.

»Hol uns eine Droschke!«

Der Knabe rannte über den Platz, während sie ein paar Minuten allein dastanden. Sie sahen einander an und waren ein wenig verlegen.

»Leo … wirklich … ich weiß nicht … ob ich darf!« Es klang wie Koketterie. In ernstem Tone setzte sie hinzu: »Es ist sehr unschicklich, wissen Sie das?«

»Wieso?« erwiderte der Adjunkt. »In Paris macht mans so!«

Dieses eine Wort bestimmte sie wie ein unumstößliches Argument. Aber der Wagen kam nicht. Leo fürchtete schon, sie könne wieder in die Kirche gehen. Endlich erschien die Droschke.

»Fahren Sie wenigstens noch ans Nordportal!« rief ihnen der Schweizer nach. »Und sehen Sie sich 'Die Auferstehung', das 'Jüngste Gericht', den 'König David' und 'Die Verdammten in der Hölle' an!«

»Wohin wollen die Herrschaften?« fragte der Kutscher.

»Fahren Sie irgendwohin!« befahl Leo und schob Emma in den Wagen.

Das schwerfällige Gefährt setzte sich in Bewegung.

Der Kutscher fuhr durch die Großebrückenstraße, über den Platz der Künste, den Kai Napoleon hinunter, über die Neue Brücke und machte vor dem Denkmal Corneilles Halt.

»Weiter fahren!« rief eine Stimme aus dem Inneren.

Der Wagen fuhr weiter, rasselte den Abhang zum Lafayette-Platz hinunter und bog dann schneller werdend nach dem Bahnhof ab.

»Nein, geradeaus!« rief dieselbe Stimme.

Der Wagen machte kehrt und fuhr nun, auf dem Ring angelangt, in gemächlichem Trabe zwischen den alten Ulmen hin. Der Kutscher trocknete sich den Schweiß von der Stirn, nahm seinen Lederhut zwischen die Beine und lenkte sein Gefährt durch eine Seitenallee dem Seine-Ufer zu, bis an die Wiesen. Dann fuhr er den Schifferweg hin, am Strom entlang, über schlechtes Pflaster, nach Oyssel zu, über die Inseln hinaus.

Auf einmal fuhr er wieder flotter, durch Quatremares, Sotteville, die große Chaussee hin, durch die Elbeuferstraße und machte zum drittenmal Halt vor dem Botanischen Garten.

»So fahren Sie doch weiter!« rief die Stimme, diesmal wütend. Alsobald nahm der Wagen seine Fahrt wieder auf, fuhr durch Sankt Sever über das Bleicher-Ufer und Mühlstein-Ufer, wiederum über die Brücke, über den Exerzierplatz, hinten um den Spitalgarten herum, wo Greise in schwarzen Kitteln auf der von Schlingpflanzen überwachsenen Terrasse in der Sonne spazieren gingen. Dann führte die Fahrt zum Boulevard Bouvreuil hinauf, nach dem Causer Boulevard und dann den ganzen Riboudet-Berg hinan bis zur Deviller Höhe.

Wiederum ward kehrt gemacht, und nun begann eine Kreuz- und Querfahrt ohne Ziel und Plan durch die Straßen und Gassen, über die Plätze und Märkte, an den Kirchen und öffentlichen Gebäuden und am Hauptfriedhof vorüber.

Hin und wieder warf der Kutscher einen verzweifelten Blick vom Bock herab nach den Kneipen. Er begriff nicht, welche Bewegungswut in seinen Fahrgästen steckte, so daß sie nirgends Halt machen wollten. Er versuchte es ein paarmal, aber jedesmal erhob sich hinter ihm ein zorniger Ruf. Von neuem trieb er seine warmgewordenen Pferde an und fuhr wieder weiter, unbekümmert, ob er hier und dort anrannte, ganz außer Fassung und dem Weinen nahe vor Durst, Erschlaffung und Traurigkeit.

Am Hafen, zwischen den Karren und Fässern, in den Strassen und an den Ecken machten die Bürger große Augen ob dieses in der Provinz ungewohnten Anblicks: ein Wagen mir herabgelassenen Vorhängen, der immer wieder auftauchte, bald da, bald dort, immer verschlossen wie ein Grab.

Einmal nur, im Freien, um die Mittagsstunde, als die Sonne am heißesten auf die alten versilberten Laternen brannte, langte eine bloße Hand unter den gelben Fenstervorhang heraus und streute eine Menge Papierschnitzel hinaus, die im Winde flatterten wie weiße Schmetterlinge und auf ein Kleefeld niederfielen.

Gegen sechs Uhr abends hielt die Droschke in einem Gäßchen der Vorstadt Beauvoisine. Eine dichtverschleierte Dame stieg heraus und ging, ohne sich umzusehen, weiter.

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