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Frau Bovary

Gustave Flaubert: Frau Bovary - Kapitel 18
Quellenangabe
authorGustave Flaubert
titleFrau Bovary
typefiction
translatorArthur Schurig
publisherInsel Verlag
addressLeipzig
senderhille@abc.de
created20040302
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Neuntes Kapitel

Sechs Wochen flossen hin. Rudolf kam nicht. Endlich, eines Spätnachmittags, erschien er.

»Man darf sich nicht so schnell wieder sehen lassen. Das wäre ein Fehler!«

Nach dem Feste war er auf die Jagd gegangen. Und nach der Jagd hatte er sich gesagt, nun sei es zu spät zu einem Besuche. Sein Gedankengang war folgender:

»Wenn sie mich vom ersten Tage an geliebt hat, wird sie mich nach dem Hangen und Bangen des Wartens nur um so mehr lieben. Warten wir also noch eine Weile!«

Als er Emma in der Großen Stube entgegentrat, sah er, wie sie blaß wurde. Da wußte er, daß er sich nicht verrechnet hatte.

Sie war allein. Es dämmerte. Die kleinen Mullgardinen an den Scheiben der Fenster vermehrten das Halbdunkel. Das blanke Metall des Barometers, auf das ein Sonnenstrahl fiel, glitzerte auf der Fläche des Spiegels über dem Kamin wider wie flammendes Feuer.

Rudolf stand noch immer. Emma antwortete nur mit Mühe auf seine ersten Höflichkeitsworte.

»Ich war stark beschäftigt. Und dann bin ich auch krank gewesen.«

»Ernstlich?« fragte sie erregt.

»Na,« erwiderte Rudolf, indem er sich ihr zur Seite auf einen niedrigen Sessel setzte, »eigentlich wollte ich nicht wiederkommen.«

»Warum?«

»Erraten Sie es nicht?«

Wiederum sah er sie an, diesmal so leidenschaftlich, daß sie rot wurde und die Augen senkte.

Er begann von neuem:

»Emma!«

»Herr Boulanger!« rief sie und rückte ein wenig von ihm ab.

»Ah!« sagte er in wehmütigem Tone. »Sehen Sie, wie recht ich hatte, wenn ich nicht wiederkommen wollte! Ihr Name…, dieser Name, der mein ganzes Herz erfüllt…, er ist mir entschlüpft, und Sie verbieten mir, ihn auszusprechen! Frau Bovary! Alle Welt nennt Sie so! So heißen Sie! Und doch ist das der Name – eines andern!« Nach einer Weile wiederholte er: »Eines andern!« Er hielt sich die Hände vor sein Gesicht. »Ach, ich denke fortwährend an Sie…. Die Erinnerung bringt mich in Verzweiflung…. Verzeihen Sie mir…. Ich gehe…. Leben Sie wohl! Ich will weit, weit weg … so weit gehen, daß Sie nichts mehr von mir hören werden! Aber heute … heute … ach, ich weiß nicht, was mich mit aller Gewalt hierher zu Ihnen getrieben hat! Gegen sein Schicksal kann keiner kämpfen! Und wo Engel lächeln, wer könnte da widerstehen? Man läßt sich hinreißen von der, die so schön, so süß, so anbetenswert ist!«

Es war das erstemal, daß Emma solche Dinge hörte, und als ob sie sich im Bade wollüstig dehnte, so fühlte sie sich in ihrem Selbstbewußtsein von der warmen Flut dieser Sprache umkost.

»Aber wenn ich mich auch nicht habe sehen lassen,« fuhr er fort, »wenn ich nicht mit Ihnen reden durfte, so habe ich doch wenigstens das gesehen, was Sie umgibt. Ach, nachts, Nacht für Nacht habe ich mich erhoben und bin hierher geeilt, um Ihr Haus zu schauen, Ihr Dach im Scheine des Mondes, die Bäume in Ihrem Garten, die ihre Wipfel vor Ihrem Fenster wiegen, und das Lampenlicht, den hellen Schimmer, der durch die Scheiben hinausleuchtete in das Dunkel! Ach, Sie haben es nicht geahnt, daß da unten, Ihnen so nahe und doch so fern, ein Armer, ein Unglücklicher stand….«

Sie schluchzte auf und sah ihn an.

»Sie sind ein guter Mensch!« flüsterte sie.

»Nein! Ich liebe Sie! Weiter nichts! Glauben Sie mir das? Sagen Sie mirs! Ein Wort! Ein einziges Wort!«

Leise glitt Rudolf von seinem Sitze zur Erde. Aber von der Küche her drang das Klappern von Holzpantoffeln. Auch war die Türe nicht geschlossen. Er erinnerte sich daran.

»Es wäre barmherzig von Ihnen,« sagte er, sich wieder erhebend, »wenn Sie mir einen Wunsch erfüllten.«

Er bat darum, ihm das Haus zu zeigen. Er wolle es kennen lernen. Frau Bovary hatte nichts dagegen. Sie gingen beide zur Türe, da trat Karl ein.

»Guten Tag, Doktor!« begrüßte ihn Rudolf.

Der Arzt, den der ihm nicht zukommende akademische Titel schmeichelte, stotterte ein paar verbindliche Worte. Währenddessen wurde der andre wieder völlig Herr der Situation.

»Die gnädige Frau hat mir soeben von ihrem Befinden erzählt….«, begann er.

Karl unterbrach ihn. Er sei in der Tat äußerst besorgt. Seine Frau habe bereits einmal an ähnlichen Zuständen gelitten.

Rudolf fragte, ob da nicht Reiten gut wäre.

»Gewiß! Ganz ausgezeichnet! Vortrefflich! Das ist wirklich ein guter Rat! Den solltest du tatsächlich befolgen, Emma!«

Sie wandte ein, daß sie kein Pferd habe, aber Rudolf bot ihr eins an. Sie lehnte sein Anerbieten ab, und er drang nicht weiter in sie. Dann erzählte er – um seinen Besuch zu motivieren – , sein Knecht, der Mann, dem Karl neulich zur Ader gelassen habe, leide immer noch an Schwindelanfällen.

»Ich werde mal bei Ihnen auf dem Gute vorsprechen«, sagte Bovary.

»Nein, nein! Ich schicke ihn lieber her. Wir kommen wieder zusammen. Das ist bequemer für Sie!«

»Sehr gütig! Ganz wie Sie wünschen!«

Als das Ehepaar dann allein war, fragte Karl:

»Warum hast du eigentlich das Angebot des Herrn Boulanger abgelehnt? Es war doch sehr liebenswürdig!«

Emma tat, als ob sie schmollte; sie wußte nicht gleich, was sie sagen sollte, und schließlich erklärte sie, die Leute könnten es »komisch« finden.

»Ich pfeif auf die Leute!« sagte Karl und machte eine verächtliche Gebärde. »Die Gesundheit ist tausendmal mehr wert! Das war nicht richtig von dir!«

»Aber ich habe doch auch kein Reitkleid!«

»Dann mußt du dir eins bestellen!«

Das Reitkleid gab den Ausschlag.

Als es fertig war, schrieb Bovary an Boulanger, seine Frau stehe ihm zur Verfügung. Sie nähme sein gütiges Anerbieten an.

Andern Tags um zwölf Uhr hielt Rudolf mit zwei Reitpferden vor dem Hause des Arztes. Das eine trug einen Damensattel aus Wildleder und einen roten Stirnriemen. Er selbst hatte hohe Reitstiefel aus feinstem weichen Leder an. Er nahm an, daß Emma solche gewiß noch nie gesehen hatte; und in der Tat war sie über sein Aussehen entzückt, als sie ihn in seinem langen dunkelbraunen Samtrock und den weißen Breeches an der Türe erblickte. Sie hatte auf ihn gewartet und war bereit.

Justin stahl sich aus der Apotheke. Er mußte sie sehen. Auch den Apotheker litt es nicht in seinem Laden. Er gab Rudolf allerlei gute Ratschläge.

»Es passiert so leicht ein Malheur!« sagte er. »Reiten Sie vorsichtig! Sind die Tiere fromm?«

Emma vernahm über sich ein Geräusch. Es war Felicie, die mit der Hand gegen eine Fensterscheibe trommelte, um der kleinen Berta einen Spaß zu bereiten. Das Kind warf der Mutter ein Kußhändchen zu. Die Reiterin winkte mit der Gerte.

»Viel Vergnügen!« rief Homais. »Ja recht vorsichtig! Recht vorsichtig!«

Er sah den Wegreitenden noch lange nach und schwenkte grüßend mit seiner Zeitung.

Sobald Emmas Pferd weichen Boden unter sich fühlte, fing es von selbst an zu galoppieren. Da sprengte auch Rudolf sein Pferd an. Hin und wieder wechselten sie ein Wort. Das Kinn ein wenig eingezogen, die hochgenommene linke Hand mit den Zügeln nach dem Widerrist zu vorhaltend, so überließ sie sich der wiegenden Galoppade.

Es ging die Anhöhe hinauf, immer im Galopp. Oben parierten die Gäule plötzlich. Emmas langer blauer Schleier flatterte weiter.

Es war einer der ersten Oktobertage. Nebel lag über den Fluren. In langen Schwaden beengten sie den Gesichtskreis und ließen die Hügel nur in Umrißlinien erkennen. Hin und wieder rissen die Nebel auseinander, flogen wie in Fetzen auf und zerstoben. Dann erblickte man durch die Lücken in der Ferne die Dächer von Yonville im Sonnenscheine, die Gärten am Bachufer, die Gehöfte und Hecken und den Kirchturm. Emma gab sich Mühe, ihr Haus herauszufinden, und noch nie war ihr der armselige Ort, in dem sie da lebte, so klein vorgekommen. Von der Höhe, auf der sie hielten, glich die ganze Niederung einem ungeheuer großen, fahlen, verdunstenden See. Die buschigen Bäume, die hie und da aus ihm herausragten, sahen wie schwarze Riffe aus, und die Reihen der hohen Pappeln wie lange Wellenzüge, die der Wind kräuselt.

Über dem Rasen unter den Tannen sickerte braunes Licht durch die laue Luft. Der Boden, rötlich wie zerblätterter Tabak, dämpfte die Tritte. Abgefallene Tannenzapfen rollten über den Weg, von den Hufen berührt.

Rudolf und Emma ritten den Waldsaum entlang. Ab und zu sah sie zur Seite, um seinem Blicke zu entgehen; dann glitten die Stämme der Bäume, einer nach dem andern, so rasch an ihr vorüber, daß die unaufhörliche Wiederholung sie halb schwindlig machte. Die Pferde keuchten.

Gerade, als sie in den Wald kamen, trat die Sonne hervor.

»Gott ist mit uns!« sagte Rudolf.

»Glauben Sie denn an ihn?« fragte sie.

»Galopp! Galopp!« rief er von neuem und schnalzte mit der Zunge. Beide Tiere gehorchten.

Hohe Farne, wie sie zu beiden Seiten des Pfades standen, verfingen sich in Emmas Steigbügel. Rudolf, der zur Linken Emmas ritt, bückte sich jedesmal im Weiterreiten und befreite sie wieder. Ein paarmal galoppierte er ganz dicht neben ihr hin, um überhängende Zweige von ihr abzuwehren; dann fühlte sie, wie sein rechtes Knie ihr linkes Bein berührte.

Inzwischen war der Himmel ganz blau geworden. Kein Blatt rührte sich. Sie kamen über weite Felder, ganz voll blühenden Heidekrauts, und hie und da leuchteten unter dem grauen und gelben und goldbraunen Blätterwerk der Bäume Flecke von wilden Veilchen auf. Im Gebüsch regte sich öfters leiser Flügelschlag. Leise krächzend flogen Raben um die Eichen.

Sie saßen ab. Rudolf band die Pferde an. Emma schritt ihm voraus, den Weg weiter, über Moos in alten Wagenspuren. Ihr langes Reitkleid erschwerte ihr das Gehen, obwohl sie es mit der einen Hand aufgerafft hatte. Rudolf ging hinter ihr. Er sah zwischen dem schwarzen Tuch und den schwarzen Stiefeln das lockende Weiß ihres Strumpfes, das er wie ein Stück Nacktheit empfand.

Emma blieb stehen.

»Ich bin müde!« sagte sie.

»Gehen wir weiter! Versuchen Sie es!« bat er. »Mut!«

Hundert Schritte weiter blieb sie abermals stehen. Der blaue Schleier, der ihr von ihrem Herrenhute bis zu den Hüften herabwallte, übergoß ihr Gesicht mit bläulichem Licht. Es sah aus, wie in das Blau des Himmels getaucht.

»Wohin gehen wir denn?«

Er gab keine Antwort. Sie atmete heftig. Rudolf hielt Umschau und biß sich in den Schnurrbart. Sie standen in einer Lichtung, in der gefällte Baumstämme dalagen. Sie setzten sich beide auf einen.

Von neuem begann Rudolf, von seiner Liebe zu reden. Um Emma nicht durch Überschwenglichkeit zu verprellen, blieb er ruhig, ernst, schwermütig. Sie hörte ihm gesenkten Hauptes zu, während sie mit der Spitze ihres Stiefels den Waldboden aufscharrte. Aber bei dem Satze:

»Sind unsre beiden Lebenspfade nunmehr nicht in einen zusammengelaufen?« unterbrach sie ihn:

»Nein! Das wissen Sie doch! Es ist unmöglich!«

Sie stand auf und wollte gehen. Er umfaßte ihr Handgelenk, und so blieb sie. Sie sah ihn eine kleine Weile liebevoll und mit feucht schimmernden Augen an, dann sagte sie hastig:

»Genug! Reden wir nicht mehr davon! Gehen wir zurück zu unsern Pferden!«

Rudolf machte eine Bewegung zornigen Ärgers. Sie wiederholte:

»Gehen wir zu unsern Pferden!«

Da lächelte er seltsam und näherte sich ihr mit vorgestreckten Händen, zusammengebissenen Zähnen und starrem Blicke. Sie wich zitternd zurück und stammelte:

»Ich fürchte mich vor Ihnen! Sie tun mir weh! Gehen wir zurück!«

»Wenn es sein muß!« gab er zur Antwort. Sein Gesichtsausdruck wandelte sich. Er sah wieder ehrerbietig, zärtlich, schüchtern aus.

Emma reichte ihm den Arm. Sie traten den Rückweg an.

»Was hatten Sie denn vorhin?« fragte er. »Was war es? Ich habe Sie nicht begriffen. Gewiß haben Sie mich mißverstanden. Sie thronen in meinem Herzen wie eine Madonna, hoch und hehr und unerreichbar! Aber ich kann ohne Sie nicht leben! Ich muß Ihre Augen sehen, Ihre Stimme hören, Ihre Gedanken wissen! Seien Sie meine Freundin, meine Schwester, mein Schutzengel!«

Er schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie versuchte, sich ihm sanft zu entwinden, aber er ließ sie nicht los. So gingen sie nebeneinander hin. Da hörten sie ihre Pferde, die Blätter von den Bäumen rupften.

»Noch nicht!« bat Rudolf. »Reiten wir noch nicht zurück! Bleiben Sie!«

Er zog sie mit sich vom Wege ab in die Nähe eines kleinen Weihers, dessen Spiegel mit Wasserlinsen bedeckt war. Zwischen Schilf träumten verwelkte Wasserrosen. Vor dem Geräusch ihrer Schritte im Gras hüpften die Frösche davon und verschwanden.

»Es ist nicht recht von mir … es ist nicht recht von mir! Ich bin toll, daß ich auf Sie höre!«

»Warum? Emma! Emma!«

»Ach, Rudolf!« flüsterte die junge Frau, indem sie sich an ihn anschmiegte.

Das Tuch ihres Jacketts lag dicht am Samt seines Rockes. Sie bog ihren weißen Hals zurück, den ein Seufzer schwellte. Halb ohnmächtig und tränenüberströmt, die Hände auf ihr Gesicht pressend und am ganzen Leib zitternd, gab sie sich ihm hin….

Die Dämmerung sank herab. Die Sonne stand blendend am Horizont und flammte in den Zweigen. Hier und da, um die beiden herum, im Laub und auf dem Boden, tanzten lichte Flecke, als hätten Kolibris im Vorbeifliegen ihre schimmernden Federn verloren. Rings tiefes Schweigen. Die Bäume atmeten süße Melancholie.

Emma fühlte, wie ihr Herz wieder klopfte, wie ihr das Blut durch den Körper kreiste.

In der Ferne, hinter dem Walde, über der Höhe ertönte ein langgezogener seltsamer Schrei, unaufhörlich. Dem lauschte sie schweigend. Er mischte sich in die verklingenden Schwingungen ihrer zuckenden Nerven und ward zu Musik….

Rudolf rauchte eine Zigarette und stellte mit Hilfe seines Taschenmessers einen zerrissenen Zügel wieder her.

Auf demselben Wege ritten sie nach Yonville zurück. Sie sahen im weichen Boden die Spuren ihres Hinrittes, die Huftritte beider Pferde dicht beieinander, sie erkannten die Büsche wieder und einzelne Steine am Rain. Nichts um sie herum hatte sich verändert, und doch kam es Emma vor, als sei etwas höchst Bedeutsames geschehen, als seien die Berge von ihrem Platze geschoben. Von Zeit zu Zeit beugte sich Rudolf zu ihr herüber, um ihre rechte Hand zu erfassen und zu küssen. Er fand Emma im Sattel entzückend aussehend, bei ihrem geraden Sitz, ihrer schlanken Figur, der schicken Haltung ihres rechten Knies, ihren von der scharfen Luft geröteten Wangen, – alles im Abendrot.

Als sie Yonville erreichten, wurde ihr Pferd unruhig. Einmal machte es sogar kehrt. Aus allen Fenstern sah man ihr zu.

Beim Essen machte Karl die Bemerkung, Emma sähe vorzüglich aus. Als er sich aber darnach erkundigte, wie der Spazierritt gewesen sei, tat sie, als hätte sie die Frage überhört. Sie stützte sich auf die Ellenbogen und starrte über ihren Teller weg in die flackernden Kerzen.

»Emma!«

»Was denn?«

»Weißt du, ich bin heute nachmittag beim Pferdehändler gewesen. Er hat eine recht gut aussehende alte Mutterstute zu verkaufen. Die Knie sind nur ein bißchen durch. Ich bin überzeugt, für hundert Taler …« Da sie nichts dazu sagte, fuhr er nach ein paar Augenblicken fort: »Ich habe gedacht, es sei dir erwünscht, und da habe ich mir den Gaul zurückstellen lassen … nein, gleich gekauft…. Ists dir recht? Sag mal!«

Sie nickte bejahend mit dem Kopfe.

Eine Viertelstunde später fragte sie:

»Gehst du heute abend aus?«

»Ja. Warum denn?«

»Ach, ich wollt es bloß wissen, Bester!«

Sobald sie von Karl befreit war, ging sie in ihr Zimmer hinauf und schloß sich ein.

Sie war zunächst noch wie unter einem Banne. Sie sah im Geist die Bäume, die Wege, die Gräben, den Geliebten und fühlte seine Umarmung. Das Laub wisperte um sie herum, und das Schilf rauschte. Dann aber erblickte sie sich im Spiegel. Sie staunte über ihr Aussehen. So große schwarze Augen hatte sie noch nie gehabt! Und wie tief sie lagen! Etwas Unsagbares umfloß ihre Gestalt. Sie kam sich wie verklärt vor.

Immer wieder sagte sie sich: »Ich habe einen Geliebten! Einen Geliebten!«

Der Gedanke entzückte sie. Es war ihr, als sei sie jetzt erst Weib geworden. Endlich waren die Liebesfreuden auch für sie da, die fiebernde Glückseligkeit, auf die sie bereits keine Hoffnung mehr gehabt hatte! Sie war in eine Wunderwelt eingetreten, in der alles Leidenschaft, Verzückung und Rausch war. Blaue Unermeßlichkeit breitete sich rings um sie her, vor ihrer Phantasie glänzte das Hochland der Gefühle, und fern, tief unten, im Dunkel, weit weg von diesen Höhen, lag der Alltag.

Sie erinnerte sich an allerlei Romanheldinnen, und diese Schar empfindsamer Ehebrecherinnen sangen in ihrem Gedächtnisse mit den Stimmen der Klosterschwestern. Entzückende Klänge! Jene Phantasiegeschöpfe gewannen Leben in ihr; der lange Traum ihrer Mädchenzeit ward zur Wirklichkeit. Nun war sie selber eine der amoureusen Frauen, die sie so sehr beneidet hatte! Dazu das Gefühl befriedigter Rache! Hatte sie nicht genug gelitten? Jetzt triumphierte sie, und ihre so lange unterdrückte Sinnlichkeit wallte nun auf und schäumte lebensfreudig über. Sie genoß ihre Liebe ohne Gewissenskämpfe, ohne Nervosität, ohne Wirrungen.

Der Tag darauf verging in neuem süßen Glück. Sie schworen sich ewige Treue. Emma erzählte ihm von ihren Leiden und Trübsalen. Er unterbrach sie mit Küssen. Sie sah ihn mit halbgeschlossenen Augen an und bat ihn immer wieder, sie bei ihrem Vornamen zu nennen und ihr noch einmal zu sagen, daß er sie liebe. Es war wiederum im Walde, in einer verlassenen Holzschuhmacherhütte. Die Wände waren von Strohmatten und das Dach so niedrig, daß man drin nicht aufrecht stehen konnte. Sie saßen dicht beieinander auf einer Streu von trocknem Laub.

Von diesem Tag an schrieben sie sich beide regelmäßig alle Abende. Emma trug ihren Brief hinter in den Garten, wo sie ihn unter einen lockeren Stein der kleinen Treppe, die zum Bach führte, verbarg. Dort holte ihn Rudolf ab und legte einen von sich hin. Seine Briefe waren sehr kurz, worüber sie sich alle Tage beklagte.

Eines Morgens, da Karl bereits vor Sonnenaufgang fortgegangen war, geriet sie plötzlich auf den Einfall, unverweilt Rudolf sehen zu wollen. Ehe die Yonviller aufständen, konnte sie nach der Hüchette gehen, eine Stunde dort verweilen und wieder zurückkommen. Dieser Plan ließ sie gar nicht recht zur Besinnung kommen. Ein paar Augenblicke später war sie schon mitten in den Wiesen. Ohne sich umzublicken, schritt sie eilig ihres Wegs.

Der Tag begann zu grauen. Schon von weitem erkannte sie das Gut des Geliebten. Der Schwalbenschwanz der Wetterfahne auf dem höchsten Giebel zeichnete sich schwarz vom fahlen Himmel ab.

Über den Hof weg stand ein großes Gebäude. Das mußte das Herrenhaus sein. Dort trat sie ein. Es war ihr, als öffnete sich ihr alles von selbst. Eine breite Treppe führte auf einen Gang. Emma drückte auf die Klinke einer Tür, und da erblickte sie im Hintergrunde dieses Zimmers einen Mann im Bett. Es war Rudolf. Sie frohlockte laut.

»Du? Du!« rief er aus. »Wie hast du das fertig gebrach? Dein Kleid ist feucht….«

»Ich liebe dich!« war ihre Antwort, indem sie ihm die Arme um den Hals schlang.

Nachdem ihr dieses Wagnis beim ersten Male geglückt war, Kleidete sich Emma jedesmal, wenn Karl frühzeitig fort mußte, rasch an und schlich sich wie ein Wiesel durch die hintere Gartenpforte, auf dem Treppchen, das hinunter nach dem Bache führte, aus dem Hause. Aber wenn die Planke, die als Steg über das Wasser diente, zufällig weggenommen war, mußte sie ein Stück bis zum nächsten Steg an den Gartenmauern längs des Baches hingehen. Die bewachsene Böschung war steil und glitschig, und so mußte sie sich mit der einen Hand an Büscheln der vertrockneten Mauerblumen festhalten, um nicht zu fallen. Dann aber eilte sie querfeldein über die Äcker, ungeachtet, daß ihre zierlichen Schuhe einsanken, daß sie oft stolperte oder stecken blieb. Das Chiffontuch, das sie sich um Kopf und Hals gewunden hatte, flatterte im Winde. Aus Angst vor den weidenden Ochsen begann sie zu laufen. Atemlos, mit glühenden Wangen, ganz vom frischen Duft der Natur, ihrer Säfte, ihres Grüns und der freien Luft durchtränkt, kam sie an. Rudolf schlief dann meist noch. Sie kam zu ihm in sein Gemach wie der leibhaftgewordene Frühlingsmorgen.

Die gelben Gardinen vor den Fenstern machten das eindringende goldene Morgenlicht traulich und dämmerig. Mit blinzelnden Augen fand sich Emma zurecht. Die Tautropfen an ihren Gewändern leuchteten wie Topase und verliehen ihr etwas Feenhaftes. Rudolf zog sie lachend zu sich und drückte sie an sein Herz.

Darnach sah sie sich im Zimmer alles an, zog alle Fächer auf, kämmte sich mit seinem Kamm und betrachtete sich in seinem Rasierspiegel. Mitunter nahm sie seine große Tabakspfeife in den Mund, die auf dem Nachttisch lag, zwischen Zitronen und Zuckerstücken, neben der Wasserflasche.

Zum Abschiednehmen brauchten sie immer eine Viertelstunde. Emma vergoß Tränen. Am liebsten wäre sie gar nicht wieder von ihm weggegangen. Eine unwiderstehliche Gewalt trieb sie immer von neuem in seine Arme.

Da eines Tages, als er sie unerwartet eintreten sah, machte er ein bedenkliches Gesicht, als ob es ihm nicht recht wäre.

»Was hast du denn?« fragte sie. »Hast du Schmerzen? Sprich!«

Schließlich erklärte er ihr in ernstem Tone, ihre Besuche begönnen unvorsichtig zu werden. Sie kompromittiere sich.

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