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Franzosen

Josef Hofmiller: Franzosen - Kapitel 8
Quellenangabe
typeessay
authorJosef Hofmiller
titleFranzosen
publisherKarl Rauch Verlag
seriesJosef Hofmillers Schriften.
volume Vierter Band
printrunZweite, erweiterte Auflage
editorHulda Hofmiller
year1939
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071016
projectid8d1ea950
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Voltaire

(Rundfunkvortrag, 1930)

Über Voltaire schreibt man leichter ein Buch als ein paar Seiten. Denn eher bringt man ein Kamel durch ein Nadelöhr als den widerspruchvollsten Geist der Weltliteratur auf einen Generalnenner. Dabei sind seine Schriften von so ungeheurem Einfluß gewesen nicht nur auf die Literatur der Welt, sondern auf die Geschicke der Menschheit, daß wir ihm gegenüber eine gewisse Unruhe nicht los werden. Wer war eigentlich dieser Voltaire? Ein Gefäß von Gottes Gnaden oder Gottes Zorn? Warum ist er so berühmt? Hat er für uns noch irgendeine Bedeutung?

Rein äußerlich erinnern wir uns seiner von Menzels schönem Gemälde her »Tafelrunde Friedrichs II. in Sanssouci«: er sitzt links, das von der geöffneten Flügeltür hereinströmende Licht fällt auf sein strahlend geistreiches Gesicht, dessen Häßlichkeit man gar nicht bemerkt; er beugt sich gerade vor, die Hand spricht mit, das Auge sprüht, sein Nachbar stutzt, rückt etwas von ihm ab, offenbar sagt er eben etwas Gewagtes; ruhig, erstaunt, belustigt heftet der König auf ihn seine großen blauen Augen.

Voltaire, erinnern wir uns dunkel von der Schulbank her, das ist doch der französische Theaterdichter, den Lessing in der Hamburgischen Dramaturgie am grausamsten mitnimmt... Aber, erinnern wir uns weiter, das hindert wiederum nicht, daß mehrere Jahrzehnte später kein Geringerer als Goethe zwei Dramen von ihm für die Weimarer Bühne übersetzt, den Mahomet und den Tankred, und Schiller deckt bei diesem Wagnis seinen großen Freund als Sekundant in einem Gedicht, das vielleicht das Schönste enthält, was je über das französische Trauerspiel gesagt worden ist:

»Ein heiliger Bezirk ist ihm die Szene.
Verbannt aus ihrem festlichen Gebiet
sind der Natur nachlässig rohe Töne;
die Sprache selbst erhebt sich ihm zum Lied.
Es ist ein Reich des Wohllauts und der Schöne,
in edler Ordnung greifet Glied in Glied,
zum ernsten Tempel füget sich das Ganze,
und die Bewegung borget Reiz vom Tanze.«

Voltaire, haben wir im Geschichtsunterricht gehört, ist neben Rousseau der literarische Wegbereiter der französischen Revolution, und vereint mit den Enzyklopädisten der Fanatiker der französischen Aufklärung. Haben wir nicht in Paris im Foyer des Theâtre Français seine Büste bewundert, von Houdon? Und als wir über die Schweiz zurückreisten, das kleine Nest, wohin wir von Genf mit der Elektrischen hinausfuhren, am Rotschildpark vorbei mit den wundervollen alten Bäumen, es ist gar nicht weit, aber es liegt schon in Frankreich, hieß es nicht Ferney? ... Doch, es hieß Ferney, aber amtlich heißt es Ferney-Voltaire, und mit Recht, David Friedrich Strauß erklärt auch warum: »Als er die Herrschaft kaufte, war es ein elender Weiler mit einem halben Hundert verkommener Bauern; und als er zwanzig Jahre darauf starb, war es ein hübscher Ort von 1200 Einwohnern, größtenteils Uhrmachern und anderen Industriellen, die er dahin gezogen, denen er Häuser gebaut und eingeräumt hatte gegen eine Rente, die sich bei seinem Ableben auf die Hälfte ermäßigen, mit dem Tode seiner Nichte ganz erlöschen sollte.« Und nun beschreibt Strauß das Schloß, aber eigentlich ist es gar kein Schloß, sondern nur, was man in der gesegneten Gegend um Bordeaux herum ein château nennt, ein heiterer, anmutiger Landsitz, anspruchslos, mit unbegrenzter Aussicht auf Felder und Wiesen, im Hintergrund südlich der lange Buckel des Mont Salève, ganz hinten, schneeweiß und überwältigend, die Mont-Blanc-Kette, nach Norden die blauen Kämme des Jura. »Geht man die Hauptstraße des Ortes hinauf, so sieht man am Ende der Allee, die zum Schlosse führt, linker Hand die Kirche mit ihrer weltberühmten Inschrift Deo erexit Voltaire und der Jahreszahl 1761«, fährt Strauß fort und erzählt von dem Liebhabertheater, das der Philosoph in Ferney gebaut hat, in welchem er selbst auftrat, mit seiner schauspielerisch begabten Nichte, in welchem als Gäste zu spielen nicht nur die gefeiertsten Pariser Darsteller nicht unter ihrer Würde fanden, sondern auch Angehörige der vornehmsten Gesellschaft, der Herzog von Richelieu, der Minister Turgot, Madame d'Epinay, der Philosoph d'Alembert, – in jenem Theaterchen, das den gestrengen Räten des Genfer Konsistoriums ein steter Dorn im Auge war, weil die Damen und Herren der Stadt Calvins jedesmal scharenweise hinausströmten, so oft bei Herrn von Voltaire etwas Neues los war. Ein Wahrzeichen hat Strauß nicht gesehen, weil es zu der Zeit, wo er Voltaires Biographie schrieb, noch nicht stand, nämlich das reizende Bronzestandbild, Voltaire in ganzer Figur, lächelnd und ein wenig vorgebeugt, wie auf dem Bilde Menzels, Perücke, langschößiger Rock, Kniehosen, Seidenstrümpfe, Schnallenschuhe, Spitzenjabot, die zierliche rechte Hand drückt den Hut an die Brust, die linke packt nervig den Knauf des Rohrstocks, ein scharmantes Denkmal, gerade weil es nur etwa dreiviertel Lebensgröße ist, wie der nicht minder scharmante Kollege Goldoni in Venedig; Ziersträucher stehen herum, ein paar Pappeln dahinter, es ist, als wollte sich der Mustergutsherr für ein Ständchen bedanken, das ihm seine dankbaren Untertanen darbringen: »Giovani liete, fiori spargete davanti il nobile nostro Signor«, wie es in Mozarts »Figaro« heißt. Jedenfalls ist dies Denkmal witziger und stilgemäßer als der feierliche Rousseau auf der Genfer Rhône-Insel, der in einem antiken Schlafrock Inspiration mimt, Griffel in der Hand, zwischen den gedrechselten Füßen des Sofas, auf dem er thront, einen Stoß alter Scharteken.

Von diesem Ferney aus, als von seinem endlich entdeckten archimedischen Punkt, bewegt Voltaire die Welt; er entfaltet eine Tätigkeit, die nicht nur für die damaligen Begriffe märchenhaft ist: vor allem etwa 8000 Briefe (alles in allem schrieb er über 12 000 an über 700 verschiedene Empfänger), Artikel für die große Enzyklopädie; Gelegenheitsdichtungen; Broschüren, Spottschriften, Bücher über alle Interessen der Zeit, Theologie, Philosophie, Volkswirtschaft, Naturwissenschaften, Politik; flammende Proteste gegen Justizmorde; boshafte kleine Romane, witzige Märchen, Verserzählungen, Komödien, Trauerspiele, Geschichtsphilosophie; eine Geschichte Rußlands unter Peter dem Großen, den Abriß des Jahrhunderts Ludwigs XIV., die Geschichte des Pariser Parlaments, ein philosophisches Taschenwörterbuch, ein Werk über Strafrecht, – man könnte noch lange fortfahren, die Themen aufzuzählen: diese Tätigkeit ist unfaßbar, diese Begabung vielseitiger als diejenige Lukians, sie ist allseitig, es gibt kein Gebiet der Schriftstellerei, auf welchem sich Voltaire nicht ausgezeichnet hätte, um den einen Preis freilich, den schon seine Zeitgenossen feststellten: auf keinem Gebiete der Bedeutendste zu sein. Selbst als Briefschreiber – seine Briefe sind entzückend – was ist er gegen die Sévigné? Sein Lebenswerk füllt mindestens fünfzig Bände der landläufigen Ausgaben. Natürlich liest die meisten dieser Schriften heute kein Mensch mehr, mit Recht. Schon 30 Jahre vor seinem Tode, also noch vor Ferney, schreibt er in einem Briefe: »Ich habe meine Existenz verzettelt, mit einem riesigen Krimskrams, von dem die Hälfte nie das Tageslicht hätte erblicken dürfen.« Aber dank dieser fieberhaften Tätigkeit wird Ferney zur geistigen Hauptstadt Europas, zur Radio-Zentrale des 18. Jahrhunderts, von der täglich Sendungen ausströmen nach allen Himmelsrichtungen, von früh bis abends, über alles, was die Zeit bewegt, von einem einzigen Manne. Es gibt nur eine Existenz, die sich mit Voltaires rastlosem Tätigkeitsdrang vergleichen läßt, freilich um einige Spiralen höher, gelassener im Tempo, nicht auf unmittelbare Wirkung ausgehend, das Aktuelle verschmähend, im Zeitlichen das Unvergängliche ahnend: die Existenz Goethes.

Goethe hat das selbst so empfunden, sonst käme er nicht in seinen Werken, Briefen, Gesprächen so oft auf Voltaire zu sprechen, daß diese Urteile gesammelt ein artiges kleines Buch ergäben, von dem man sich nur wundern muß, daß es nicht schon längst gemacht worden ist. »Sie haben gar keinen Begriff«, sagt er, zwei Jahre vor seinem Tod, zu Eckermann, »von der Bedeutung, die Voltaire und seine großen Zeitgenossen in meiner Jugend hatten, und wie sie die ganze sittliche Welt beherrschten. Es geht aus meiner Biographie nicht deutlich hervor, was diese Männer für einen Einfluß auf meine Jugend gehabt, und was es mich gekostet, mich gegen sie zu wehren, und mich auf eigene Faust in ein wahres Verhältnis zur Natur zu stellen.« Noch ein so geistreicher Franzose wie Victor Cousin nennt Goethe geradezu »Deutschlands Voltaire«: er findet für Goethe keinen würdigeren Vergleich als den mit dem Mann, der als geistige Großmacht sein ganzes Jahrhundert beherrscht, dessen Einfluß von Sizilien bis Schottland reicht und vom Pariser Hofe bis zum Berliner, Wiener, Petersburger, der Ausdehnung nach wohl der größte Einfluß, den jemals ein Schriftsteller bei Lebzeiten ausgeübt hat. Erst der Westschweizer Soret nimmt diese Schmeichelei in einem Brief an Goethe ausdrücklich zurück, da sie viel besser auf Wieland passe.

Voltaire ist merkwürdigerweise der letzte Gegenstand, über den Schiller schriftlich mit Goethe diskutiert. In den Anmerkungen zu »Rameaus Neffen« von Diderot hat Goethe eben eine berühmte Charakteristik von Voltaire gegeben. Er fängt an mit einer allgemeinen Betrachtung: »Wenn Familien sich lange erhalten, so kann man bemerken, daß die Natur endlich ein Individuum hervorbringt, das die Eigenschaften seiner sämtlichen Ahnherren in sich begreift und alle bisher vereinzelten und angedeuteten Anlagen vereinigt und vollkommen ausspricht. Ebenso geht es mit Nationen, deren sämtliche Verdienste sich wohl einmal, wenn es glückt, in einem Individuum aussprechen. So entstand in Ludwig XIV. ein französischer König im höchsten Sinn, und ebenso in Voltaire der höchste unter den Franzosen denkbare, der Nation gemäßeste Schriftsteller.« Und nun zählt Goethe, »zu heiterer Übersicht«, wie er sagt, die Eigenschaften auf, die ein Schriftsteller ersten Ranges haben muß, er bringt nicht weniger als 46 zusammen, und fährt weiter: »Von all diesen Eigenschaften und Geistesäußerungen kann man vielleicht Voltaire nur die erste und die letzte, die Tiefe der Anlage und die Vollendung in der Ausführung, streitig machen. Alles, was im übrigen von Fähigkeiten und Fertigkeiten die Breite der Welt ausfüllt, hat er besessen.«

Goethe hat nicht immer so wohlwollend über Voltaire geurteilt. »Es ist«, schreibt er zwanzig Jahre früher über ein Pamphlet Voltaires gegen Friedrich den Großen an Frau von Stein, »als wenn ein Gott, etwa Momus, aber eine Kanaille von einem Gott, über einen König und über das Hohe der Welt schriebe. Dies ist überhaupt der Charakter aller Voltaireschen Witzprodukte. Kein menschlicher Blutstropfen, kein Funke Mitgefühl und Honnetität. Dagegen eine Leichtigkeit, Höhe des Geistes, Sicherheit, die entzücken. Ich sage Höhe des Geistes, nicht Hoheit. Man kann ihn einem Luftballon vergleichen, der sich durch eine eigene Luftart über alles wegschwingt, und da Flächen unter sich sieht, wo wir Berge sehn.«

Wie stellt sich nun Schiller zu Goethes günstigem Urteil? Zunächst gibt er zu: »Freilich wird es schwer sein, dem Voltaireschen Proteus einen Charakter beizulegen.« Dann aber fährt er weiter: »Sie haben zwar, indem Sie Voltaire die Tiefe absprechen, auf einen Hauptmangel desselben hingedeutet, aber ich wünschte doch, daß das, was man Gemüt nennt, und was ihm, sowie im ganzen allen Franzosen so sehr fehlt, auch wäre ausgesprochen worden.« Mit anderen Worten: der Schiller von 1805 urteilt über Voltaire ungefähr so wie der Goethe von 1784. Aber wäre ein gemütvoller Voltaire nicht eine contradictio in adjecto? Ist sein Mangel an dem, »was man Gemüt nennt«, nicht gerade der Hauptgrund, warum er in unserem geistigen Haushalt so unentbehrlich ist wie der Paprika im Gewürzschrank?

Aus der Menge von Bemerkungen, die wir von Goethe über Voltaire besitzen, sei nur noch eine mitgeteilt, weil sie den Mann und seine Zeit mit unübertrefflicher Knappheit hinstellt, und weil sie in einem Werke zu finden ist, wo kein Mensch sie suchen würde, nämlich in der »Geschichte der Farbenlehre«:

»In der besten Zeit dieses außerordentlichen Mannes war es zum höchsten Bedürfnis geworden, Göttliches und Menschliches, Himmlisches und Irdisches vor das Publikum überhaupt, besonders vor die gute Gesellschaft zu bringen, um sie zu unterhalten, zu belehren, aufzuregen, zu erschüttern. Gefühle, Taten, Gegenwärtiges, Vergangenes, Nahes und Entferntes, Erscheinungen der sittlichen und der physischen Welt, von allem mußte geschöpft, alles, wenn es auch nicht zu erschöpfen war, oberflächlich gekostet werden. Voltaires großes Talent, sich auf alle Weise, sich in jeder Form mitzuteilen, machte ihn für eine gewisse Zeit zum unumschränkten geistigen Herrn seiner Nation. Was er ihr anbot, mußte sie aufnehmen; kein Widerstreben half; mit aller Kraft und Künstlichkeit wußte er seine Gegner beiseite zu drängen, und was er dem Publikum nicht aufnötigen konnte, das wußte er ihm aufzuschmeicheln, durch Gewöhnung anzueignen.«

Solche Zeugnisse muß man sich vor Augen halten, um eine Ahnung zu bekommen von Voltaires Bedeutung auch für die größten seiner Zeitgenossen, von seinem ungeheuren Einfluß, dem sich keiner ganz entziehen kann, auch wenn er möchte, keiner ganz entziehen mag, auch wenn er könnte. Übermächtig ragt er auch in die aufblühende deutsche Literatur seiner Zeit. Alle sind sie aufgewachsen, nicht mit ihm, aber an ihm, dessen Ruhm und Schaffenslust mit seinen Jahren Schritt hielten. Als er stirbt, ist Schiller 19, Goethe 29 Jahre alt, Herder 34, Wieland 45, Lessing 49. Keiner von ihnen allen ist ohne Voltaire zu denken, aber jeder von ihnen ist über Voltaire weit hinausgewachsen.

Man sehe sich nur einmal die bekannteste seiner geschichtlichen Schriften an, das »Jahrhundert Ludwigs XIV.«, man wird sie mit Respekt, mit Erstaunen, mit Bewunderung aus der Hand legen. Sie hat Epoche gemacht. Es gibt eine Geschichtsschreibung vor Voltaire und eine Geschichtsschreibung seit Voltaire. Ob sie es Wort haben wollen oder nicht, ja ob sie's wissen oder nicht, alle Späteren stehen auf seinen Schultern. Georg von Below beginnt seine Schrift »Die deutsche Geschichtsschreibung von den Befreiungskriegen bis zu unsern Tagen« kühn und richtig mit Voltaire. Voltaire ist tatsächlich der Ausgangspunkt. Er stellt als erster die Forderung auf, daß »der Geschichtsschreiber das Gesamtgebiet der Kultur schildern müsse, Wirtschaft und Recht, Kunst und Literatur und Sprache, Religion und Philosophie«. Nichts ist falscher als die Ansicht, Voltaires »Jahrhundert Ludwigs XIV.« sei eine Beweihräucherung des Königs, das Muster einer servilen Hofgeschichtsschreibung. Man lese nur, wie unerschrocken er die berüchtigten Reunions-Kammern und den Raub Straßburgs brandmarkt:

»Ludwigs Ehrgeiz ließ sich durch diesen allgemeinen Frieden nicht zügeln. Das Deutsche Reich, Spanien, Holland schickten ihre überflüssigen Truppen heim; er nicht einen Mann. Noch den Frieden benutzte er zu Eroberungen. So sicher war er seiner Macht, daß er in Metz und Breisach Kammern einsetzte, um seiner Krone alle Gebiete einzuverleiben, die jemals zu Metz oder zu den drei Bistümern gehört hatten, aber seit undenklicher Zeit an andere Herren übergegangen waren. Viele Herrscher des Reichs, der Pfalzgraf bei Rhein, sogar der König von Spanien, der einige Vogteien in diesen Ländern hatte, der König von Schweden in seiner Eigenschaft als Herzog von Zweibrücken wurden vor diese Kammern geladen, um entweder dem Könige von Frankreich zu huldigen oder Konfiskation ihrer Gebiete zu erleiden. Seit Karl dem Großen hatte kein Fürst so sich zum Meister und Richter gekrönter Häupter aufgeworfen und ganze Länder ohne Schwertstreich durch Urteilssprüche erobert. Aber selbst die Präfektur der zehn freien Reichsstädte des Elsaß auf Grund des nämlichen Rechtsanspruchs, den die Römischen Kaiser Deutscher Nation besessen hatten, war dem König nicht genug. Schon wagte man in keiner dieser Städte mehr von Freiheit zu sprechen. Noch blieb Straßburg, die große, reiche Stadt, die den Rhein durch ihren Brückenkopf beherrschte: für sich allein ein mächtiger Freistaat, berühmt durch ein Zeughaus, das 900 schwere Geschütze enthielt. Seit längerem schon hatte Louvois geplant, es seinem Herrn zuzubringen. Gold, Ränke und Schrecken, die ihm die Tore so vieler Städte geöffnet hatten, bereiteten seinen Einzug auch in Straßburg vor. Die Ratsherren wurden bestochen. Das Volk war fassungslos bestürzt, als es plötzlich 20 000 Franzosen rings um die Mauern sah. Die Befestigungen am Rhein im Nu genommen; Louvois vor den Toren, die Bürgermeister sprechen von Übergabe. Weder die Tränen noch die Verzweiflung der freiheitliebenden Bürger bewahrten sie vor der Auslieferung am selben Tage und der Besitznahme durch Louvois.«

Die Stelle ist nicht nur sachlich ein nicht aus der Welt zu schaffendes Kronzeugnis von französischer Seite für den Raub Straßburgs und des Elsaß, sondern auch ein Beweis, wie sehr in der Darstellung unsere Geschichtsschreibung von Schiller bis Treitschke auf Voltaire zurückgeht.

Es ist verkehrt, in ihm nur das Schlußfeuerwerk des 18. Jahrhunderts in Frankreich zu sehen; das Licht, das von ihm ausgeht, leuchtet lange noch zurück. Vom Dramatiker Voltaire kommt Lessings »Nathan der Weise« her, aber in manchem Betracht sogar Schiller und Grillparzer. Von ihm stammt das europäische Tendenz-Drama vom jüngeren Dumas bis zu Ibsen. Sein »Jahrhundert Ludwigs XIV.« ist der erste gelungene Versuch einer Kulturgeschichte, der erste Schritt auf einem Wege, den nach ihm in England Lecky und Buckle beschreiten werden, in Deutschland Herder, Jacob Burckhardt, Lamprecht, Chamberlain mit den »Grundlagen des 19. Jahrhunderts«, Spengler mit dem »Untergang des Abendlandes«. Dem Einfluß seiner Romane kann sich Wieland zeitlebens nicht entziehen; er reicht von Goethe bis zu Anatole France. Voltaire ist der erste, der allen, die lesen können, die Ergebnisse der Wissenschaft zugänglich macht, faßlich, anziehend, bequem. Sein »Karl der Zwölfte« ist die erste lesbare Biographie der neueren Zeit. Durch sein Leben Molières, seine Anmerkungen zu Pascal und Corneille ist er der Begründer der französischen Literaturgeschichte. Das erste philosophische Wörterbuch, das seine, ist amüsant.

Es gibt Geister, deren unbeschreibliches Vorrecht das ist, unersetzbar, ewig jung zu sein, jedem neuen Geschlecht etwas Neues zu sagen. Es sind die ganz Großen. Und es gibt andere, deren Lohn darin besteht, überflüssig zu werden. Es sind die Begabungen zweiten Ranges, die nicht minder unentbehrlich sind als die des ersten. Zu ihnen gehört Voltaire. Es gibt kein Gebiet der Literatur, auf dem sein Werk heute noch lebendig wäre. Es war so zeitgemäß, daß die Zeit es restlos aufgesogen hat. Er ist der größte Vertreter des ganz großen Journalismus. Denn das ist er, Journalist, durch und durch; mit jedem seiner Werke, dem kleinsten wie dem größten, will er wirken, möglichst unmittelbar, auf einen möglichst weiten Kreis. Das Licht, in dem er steht, ist so blendend, daß seine Gestalt etwas von einem Hexenmeister hat. Auf einmal ist es erloschen. Man bezahlt einen übermäßigen Ruhm stets mit einer um so größeren Vergessenheit. Man möchte das unehrerbietige Wort Wilhelm Buschs auf ihn anwenden: »Er hat seinen Zweck erfüllt, runzlig wird sein Lebensbild«.

Wie er stirbt, verfaßt sein alter Gönner noch für die Berliner Akademie die Trauerrede: Friedrich der Große. Aber Lessing zieht die Summe seiner Leistung schon in einer ziemlich kritischen Grabschrift:

»Der liebe Gott verzeih aus Gnade
Ihm seine Henriade
Und seine Trauerspiele
Und seiner Verschen viele:
Denn was er sonst ans Licht gebracht,
Das hat er ziemlich gut gemacht.«

Fünfzig Jahre darauf ist er in Frankreich wie in Deutschland so gut wie verschollen. Kaum, daß die ungeberdige Romantik hüben wie drüben gelegentlich auf ihn einhackt, wie Waldvögel auf einen alten Uhu. In der Folgezeit wird er fast im ganzen 19. Jahrhundert in seinem Vaterland von der Literaturgeschichte auffallend schlecht behandelt. Deutschland hingegen versucht ihm gerecht zu werden. David Friedrich Strauß hält über ihn die berühmten Vorträge für die Großherzogin von Hessen, die heute noch die beste Einführung in sein Leben, seine Zeit und seine Werke sind, und ihm widmet zu seinem 100. Geburtstag Straußens Widersacher, Friedrich Nietzsche, sein Aphorismenbuch »Menschliches, Allzumenschliches«. Und als 1919 ein so positiver Geist wie Houston St. Chamberlain, der in vielem sowohl Straußens wie Nietzsches Gegenpol ist, in dem Kapitel »Mein Buchgaden« seiner Autobiographie »Lebenswege meines Denkens« am Schlusse die Schriftsteller der Weltliteratur zusammenstellt, die er als »bleibende Weggenossen« schätzt, nennt er unter ihnen auch Voltaire, nennt ihn nicht nur, sondern wird auf über einem Dutzend Seiten nicht müde, seine außerordentliche Bedeutung zu betonen: »einer der bemerkenswertesten Menschen aller Zeiten, dessen Vielseitigkeit aus dem unbezwingbaren Drange einer ungeheuren Begabung fließt.«

Es war ein witziger Einfall der Kulturgeschichte, daß nach Voltaire sogar ein Möbel benannt worden ist. In einem dieser tiefen, niedrigen, raffiniert bequemen Polsterstühle stellen wir ihn uns gerne vor, ein elektrisierendes Nervenbündel, 84 Jahre lang kränklich, Gesicht und Mienenspiel das eines Äffchens, stets ein wenig fröstelnd, Hände und Füße fast kindlich zart, keine Spur von Fett, an unzähligen Täßchen schwarzen Kaffees nippend, in beständigem Gespräch beständig denkend. Er ist so sehr der verkörperte Widerspruch, daß man jedes Urteil über ihn: als Menschen, als öffentlichen und privaten Charakter, als Talent, als Schriftsteller, sogleich durch das genaue Gegenteil dieses Urteils einschränken kann, beinahe muß. Gewiß, er hat viel Mephistophelisches, aber hat er nicht auch ebensoviel von Faust, von Marquis Posa? Sein Lachen scheint oft das Grinsen eines Fauns, aber ebenso oft ist es das rätselhafte Mienenspiel eines im tiefsten Grunde Leidenden, der unter seiner Menschenliebe seine Weltverachtung verbirgt und unter tapferem Lächeln die Trauer, die jeder mit sich trägt, der in die Abgründe des Daseins geblickt hat.

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