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Franzosen

Josef Hofmiller: Franzosen - Kapitel 6
Quellenangabe
typeessay
authorJosef Hofmiller
titleFranzosen
publisherKarl Rauch Verlag
seriesJosef Hofmillers Schriften.
volume Vierter Band
printrunZweite, erweiterte Auflage
editorHulda Hofmiller
year1939
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071016
projectid8d1ea950
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Taines Schulroman

Eingeweihte wussten seit Jahrzehnten, die Öffentlichkeit seit dem zweiten Bande der Vie et Correspondance von Taine, der 1904 erschien, daß der große Kritiker um das Jahr 1861 einen Roman begonnen, aber in den Anfängen stecken gelassen habe. Das Jahr 1909 brachte die Fragmente in der Revue des Deux Mondes, 1910 die Buchausgabe mit Paul Bourgets Einleitung.

Wie das Buch vorliegt, ist es fast vom Anfang bis zu Ende ein Schulroman; die Entwicklung eines begabten jungen Mannes durch die Schule, trotz der Schule. Autobiographisches spielt herein, aber, wie man aus dem ersten Bande der Biographie ersehen kann, nicht allzusehr. Die Schule hat Taines Entwicklung nicht so einseitig beeinflußt, wie sie diejenige seines Helden bestimmt hat. Er wurde von Mutter und Schwestern erzogen, und verlor auch als Schüler eines Internats nie den Kontakt mit der Familie. Was ihn veranlaßt hat, seinen Helden als Doppelwaise in ein Internat zu stecken, läßt sich nur vermuten. Vielleicht wollte er den Prozeß durch Ausscheiden aller anderweitigen Einflüsse möglichst typisch gestalten; vielleicht war er zu schamhaft für das Autobiographische und zugleich doch wieder zu tief durch seine Jugenderlebnisse bestimmt; wenn er sie dargestellt hätte, mußte er sie bringen, wie sie waren, so stark lebten sie in seiner Seele; so zog er vor, seinen Helden ganz allein in die Schulwelt hineinzustellen und das Spiel der Kräfte ganz rein, ohne Komplikationen, wirken zu lassen: da steht ein typischer junger Franzose, da steht ein typisches Pariser Internat von 1840, ein Druck auf den Taster, die Maschine läuft, – was ist das Resultat?

Vielleicht war es der Kritiker in Taine, der ihn hinderte, einen individuell komplizierten Roman zu schreiben. Denn Etienne Mayran ist, gewollt oder nicht, eine Kritik des französischen Schulwesens, sogar eine Kritik des Erziehungswesens des abgelaufenen Jahrhunderts überhaupt. So stellt sich das Buch als intellektuelles Produkt neben Alphonse Daudets humoristisch-melancholischen Erstlingsroman »Der kleine Dingsda« wie neben Jules Valles galligen und revolutionären Jacques Vingtras.

*

Etiennes erste Erinnerung ist, wie er nachts zwei Uhr von der alten Magd aus dem Bette geholt wird, weil sein Vater im Sterben liegt. Unten im eleganten Salon steht der Geistliche, bereit, die letzte Ölung zu geben, neben ihm der Ministrant. Etiennes Vater, höflich und artig wie immer, bittet den Pfarrer, sich nicht soviel Mühe zu machen, Platz zu nehmen, sich zu erwärmen, und plaudert mit ihm vom Wetter. Dann ruft er sein Kind:

»Etienne, man muß trachten, nicht allzu traurig zu sein. Das führt zu nichts und macht nur die Taschentücher schmutzig. Arbeite fest, armer Kerl, das ist das Mittel, dir Beefsteaks zu kaufen und nicht schwindsüchtig zu werden. Herr Abbé, gestatten Sie mir, unhöflich zu sein, ich möchte mit Etienne während meiner letzten halben Stunde gern allein bleiben. Geh hinaus, Katharine, du kannst im Vorbeigehen beim Drucker die Todesanzeigen bestellen.«

Er läßt sich von seinem Sohn Voltaires Zadig vorlesen, ungefähr eine halbe Stunde lang. »Wie Etienne zu der Geschichte von den Geiern kam, merkte er plötzlich, daß die Bettdecke ganz still lag.«

Herr Mayran wird begraben. Etienne, dessen Mutter schon lange starb, ist Doppelwaise. Das hinterlassene Vermögen beträgt 1417 Franken und einige Centimes. Er kommt zum Lehrer in Kost und Wohnung für zwei Franken täglich: er fühlt, daß er jetzt arm ist und bekommt es zu fühlen; das »Herr« Etienne hat aufgehört, er wird geduzt, seine schöne Jacke geht an den kleinen François über, das jüngste Kind des Lehrers; er soll Arbeiter werden. Da schreitet das Schicksal über die Schwelle in der korpulenten Gestalt des Herrn Carpentier. Herr Carpentier ist Institutsdirektor und sucht die Provinz ab, um taugliche Reklamestudenten zu finden: »Brav, dreizehn bis vierzehn Jahre alt, Büffler, gutes Gedächtnis, Vorkenntnisse im Latein, Talent fürs Griechische, keine Verwandten in Paris, kein Ausgang am Sonntag, keine Ferien. Für zwei Preise bei der Schlußprüfung freie Station; für ein Akzessit darüber die Kleidung; für zweie ein Taschengeld von einem halben Franken die Woche; Papier, Federn, Tinte und Bücher werden von mir geliefert.«

Etienne sieht, daß sich ihm hier Gelegenheit bietet, aus der drückenden Enge seiner gegenwärtigen Existenz herauszukommen. Er geht zu Herrn Carpentier ins Hotel und übersetzt ihm Cäsar vor. »Das ist ja das reinste Magazin von Preisen«, denkt der dicke Pädagoge; aber zu Etienne sagt er gnädig, das sei ja nicht übel, aber es sei doch ein Risiko dabei.

»Bitte, kein Risiko! Ich habe 1417 Franken.«

Herr Carpentier wird gerührt, spricht von Opfern, die er gern bringen wolle, von einer Dankbarkeit, die er dafür erwarte.

»Ich werde Ihnen nicht dankbar sein, und ich verlange von Ihnen kein Opfer. Sie wollten zwei Preise für ein Jahr freier Station. Ich hole mir die Preise. Wenn ich sie nicht bekomme, bezahle ich. Glatte Rechnung, glattes Geschäft.«

Der pädagogische Handel wird geschlossen. Etienne sagt dem Schullehrer Lebewohl:

»Herr Perrot, ich danke Ihnen für den Händedruck, den Sie mir beim Begräbnis gaben. Frau Perrot, ich bin zehn Tage bei Ihnen gewesen; mit heut' macht es elf; je vierzig Sous, macht zweiundvierzig Franken. François, ich schenke dir meine Jacke; wenn du mir um den Hals fallen willst, schneuz' dich zuvor!«

Vor der Abreise will er das Grab seines Vaters besuchen; aber der Friedhofwärter sieht ihn, und er kehrt um: »er wollte sich nicht zur Schau stellen.« Eins jener Worte, an denen der Roman reich ist, und die für den Verfasser zum mindesten ebenso bezeichnend sind wie für seinen Helden. Man könnte ein gutes Stück der Psychologie Taines aus ihnen ableiten. »Sein Ton war sanft, nichts war ihm peinlicher, als schreien zu müssen«, heißt es von Etiennes Vater. »Er wollte nichts Falsches sagen, oder etwas, dessen er nicht ganz sicher war«, von Etienne selbst. In solchen Zügen steckt das Selbstporträt, nicht in den zufällig stimmenden Einzelheiten des äußeren Lebens.

Etienne fährt gegen elf Uhr nachts mit der Postkutsche ab. Bis jetzt war im Roman der Einfluß Stendhals fühlbar, speziell die Gestalt Julien Sorels aus »Rot und Schwarz« stand faszinierend vor dem Autor. Jetzt merkt man, daß Taine Dickens gelesen hat und bewundert. Eine Beschreibung wie die folgende könnte im Copperfield stehen:

»Der Wagen fuhr mit lautem Gerassel durch mehrere schlafende Dörfer, und diese Häuser mit den langen gesenkten Dächern, die plötzlich vor einem aufstanden wie eine Herde auf beiden Seiten der Straße, sahen aus wie lebendige Leute, die jäh aus dem Schlafe geschreckt worden sind. Die Laternen, die von der Seite her die Leiber der Pferde beleuchteten, machten lange abenteuerliche Schatten auf der Straße, und das plumpe, beleuchtete, rollende Fuhrwerk glich mitten in der unbeweglichen Ebene einem plumpen wütenden Tier, das man in eine friedliche Welt hineingelassen hat, um sie zu erschrecken.«

Die ganze Schilderung der Nacht- und Morgenfahrt gegen Paris zu ist ein Glanzstück Prosa, wie die des ersten Eindrucks, den die Weltstadt auf den naturgewohnten Provinzjungen macht. Plötzlich ist er im Institut, hat eine Nummer, erhält Lexika, Klassiker, hört über sich spotten, sieht mürrische, nervöse Duckmäuser um sich, die tun, als ob sie studierten; eine Glocke schellt, alles springt auf, wirft die Bücher hin, Lärm, Drängen, Stoßen, Schieben, Springen treppab in den Speisesaal mit den schmierigen, weinbefleckten Wachstuchdecken. »Er aß eine zweifelhafte Suppe, würgte, so gut es ging, ein Stück Rindfleisch hinunter, das zwar nicht schmackhaft, aber dafür sehr hart war.« Er geht in den Schlafsaal und fühlt sich wie im Gefängnis. Die ersten Wochen gehen rasch vorbei. Er lernt die Langeweile des Institutshofs kennen, wird ins Gymnasium geführt und erfährt die abstoßende Öde des damaligen französischen Massenbetriebs mit seinen Trommelzeichen zu Beginn der Schulstunde. »Die mechanische Erledigung der Schulstunden und Korrekturen begann. Fast alle ließen sie resigniert und mit kalter Miene über sich ergehen, wie wenn man vom Regen auf der Straße durchnäßt wird und keinen Schirm dabei hat.« So geht es Tag für Tag, Woche für Woche. Der Sonntag ist nicht viel amüsanter:

»Sonntags, um 9 Uhr, nach der großen Waschung, gingen sie in die Kirche, wo man sie sorgfältig der Mauer entlang einpferchte wie Schafe, damit sie mit niemand verkehren könnten. Dennoch konnte man hin und wieder nicht hindern, daß Frauen vorbeigingen; dann knöpften die Größeren ihre Handschuhe zu und sahen unternehmend drein. Die andern gähnten heimlich, als wollten sie sich den Mund auskegeln; mehrere arbeiteten daran, das Stroh aus ihren Stühlen herauszuziehen. Die Allerstillsten suzelten zerknirscht an Zuckerstangen; zwei oder drei, die gern lasen, hatten anstatt des Gebetbuchs irgendein anderes dabei, und eines Tags erwischte der Aufseher zu seinem Ärgernis einen Rabelais. Etienne versuchte auf die Predigt zu hören, aber gewöhnlich kramte der Prediger seine Polemik und Metaphysik aus, im richtigen Kanzelton und schlechten Zeitungsstil, so daß die jungen Leute sich gar nichts merkten, außer daß er geschwitzt hatte und sein Taschentuch aus Batist war.«

»Im Dezember führte man die Schüler truppweise zum Beichten; ein Drittel der Klasse machte die Sache anständig; die andern nahmen einen Beichtspiegel und schrieben ihre Beicht ab; zwanzig schrieben absichtlich das nämliche ab. Beim achten verließ der entrüstete Geistliche den Beichtstuhl und jagte sie alle fort.«

Etienne ist Lehrern wie Mitschülern verdächtig, den einen, weil er verschlossen ist, den andern, weil er bei ihren dummen Streichen nicht mitmacht und weil er nicht lügt.

»Dummer Kerl, du hättest ihn anlügen sollen!« »Ich habe daran gedacht, aber ich habe nicht gewollt.«

»Warum denn? Hier lügt doch alles!«

»Nur die Domestiken lügen.«

Er lernt seine Mitschüler kennen und studiert die markantesten: Louis Despretz, bretonischer Bauernjunge, der nichts andres tut als büffeln, eigensinnig und geduldig wie ein Insekt. Armand Favart, frühverdorbenes Pariser Früchtchen, bereits Schnapssäufer, singt zotige Gassenhauer, frech, verlogen, reif fürs Spital oder Irrenhaus. Maxime Bernard, gewandt, faul, beliebt, immer zu Streichen aufgelegt, nie um das witzige Wort verlegen. Auch ihm tritt Etienne nicht näher, so wenig wie dem Rest, der eine faule, boshafte Bande ist. »Er war anders, was immer gefährlich ist.« Ein hübscher Satz, der bei Stendhal stehen könnte und mit andern Worten auch bei ihm steht.

Aber noch studiert Etienne ohne Verständnis; er sieht nur Einzelheiten, Teile, Bruchstücke. Ihm fehlt der Sinn für das Ganze, ein organisierendes, belebendes Prinzip, jenes »fortschreitende Einteilen der Ideen in regelmäßigen Reihen«, das Taine in den Notes personnelles vom 18. Februar 1862 (Biographie II, 259) als die Form seiner Geistigkeit erkannt hat.

»Er wußte nicht, wohin er ging, noch auf welchem Wege. Wenn ich abermals dreihundert Aufsätze gemacht und dreihundert Übersetzungen geschrieben und die ganze Äneis Wort für Wort erklärt habe, was weiß ich dann?... ...Von Zeit zu Zeit fand er beim Lesen seiner Geschichtsbücher ein paar interessante Hinrichtungen und drei oder vier wirklich frappante, barbarische Sätze, die aus irgendeinem Original stammten, aber das Buch war nur eine endlose Reihe von Stammbäumen, Schlachten, Friedensschlüssen, ab und zu mit recht volltönenden Phrasen geschmückt. »Peter tötete den Hans, der den Paul, der den Jakob, der bestahl den Andreas, der plünderte den Thomas aus, der warf den Joseph zur Tür hinaus.« Das war sein Resümee nach achtzehntägigem Studium. Er stürzte sich auf Massillons berühmte »Fasten-Predigtsammlung«, da er aus der Vorrede ersehen hatte, dies sei ein Meisterwerk. Nachdem er zweihundert Seiten gelesen hatte, kam es ihm vor, als hätte er zweihundert Glas Wasser getrunken, recht lauwarm und recht hell. »Der kleine Prinz, dem man das verabreichte, war sicher recht dumm, denn man sagte ihm alles zwanzigmal; dabei war er recht geduldig, denn er paßte zwanzigmal hintereinander auf, wenn man ihm das nämliche sagte...«

... Boileau gefiel ihm besser, der kleinen realistischen Züge wegen. »Schade, daß er in Versen schreibt; man versteht es weniger als Prosa; er sagt, es sei besser; ich hätte es nicht geglaubt; es ist gerade, wie wenn man auf einem Bein hüpft: man kommt weniger rasch vom Fleck, aber es ist schöner.«

Er versuchte zwei oder drei Klassiker zu lesen, darunter Vergil und Cicero; aber ihre Gedanken waren seinem Alter zu fern, und da er die Sprache nicht recht konnte, entzifferte er sie wie Rätsel, froh, wenn er den Sinn erfaßte, unfähig, den Gedanken auszukosten oder zu kritisieren. Ärgerlich lernte er die dichterischen Umschreibungen auswendig und war wütend, daß, was er schrieb, lauter zusammengeflicktes Zeug war. Nichts von all dem war lebendig. Man stopfte ihm eine Menge Wörter in den Kopf, eine Menge Namenregister; man lehrte ihn Geduld, Arbeit, Folgsamkeit, Stillschweigen; er war wie ein Soldat in einer Kaserne, der Bewegungen lernt mit dem rechten Fuß, mit dem linken Fuß, mit dem Daumen, mit dem Ellenbogen, und vor allem den Respekt vor der Instruktion.

So ist Etienne ratlos, sein Lernen zwecklos, seine Existenz sinnlos. »Was ist der Zweck der lateinischen Verse? Was ist der Zweck, daß man uns aufs Gymnasium schickt?« Mit diesen Fragen platzt er eines Abends heraus, als er mit Despretz, Favart und Bernard beisammen sitzt. Bernard erklärt es ihm:

»Was der Zweck eines Erziehungsinstituts ist? Dem Papa Carpentier jährlich 30 000 Franken zu tragen. Der Zweck der lateinischen Verse? Daß Gradus ad Parnassum verkauft werden und Lehrbücher der Metrik. Der Zweck der Repetitorenstellen? Armen Eseln eine Beschäftigung zu verschaffen, die viel gescheiter auf der Straße den Leuten die Stiefel putzten. Der Zweck der Hammel? Daß man Koteletten daraus macht. Warum mache ich lateinische Verse? Weil das auch nicht langweiliger ist als Kegelschieben. Warum ich arbeite? Weil ich das lieber tue, als Tabak kauen wie Favart, der solang seinen Speichel ausspuckt, bis er sich die ganze Lunge herausspuckt.«

Die Glocke läutet, und sie gehen in den Schlafsaal. Etienne erkennt, daß er nicht die Mitschüler fragen darf, wenn er über diese Probleme mit sich ins reine kommen will. Er beschließt, sich an die Lehrer zu wenden.

Aber die maitres d'étude sind nur »arme Teufel, bloße Aufpasser, noch mehr gefangen als die Schüler, von ihnen verachtet, dieser Verachtung bewußt, immer in Ängsten, weil sie die jungen Leute nicht vor den Kopf stoßen sollen, und dabei dennoch stramme Ordnung halten«. Manche studieren, aber ohne Zusammenhang, denn in erster Linie sind sie ja Aufpasser; andere lesen schlechte Romane, oder schauen ins Blaue, oder schneiden Federn, oder üben sich in einem schwungvollen Namenszug. Einer, ein Geck von schneidigem Auftreten, wird von den Schülern zum Narren gehalten, weil er nicht Griechisch kann.

Die eigentlichen Repetitoren sind tüchtige Leute, die ernsthaft und freundlich lehren und bei denen man etwas lernt. Da ist Herr Delahaye, lateinischer und französischer Stil, elegantes Auftreten, elegantes Lächeln, elegante Bewegungen; im übrigen eine verpfuschte Existenz:

»Er war nicht dumm und hatte in seiner Jugend studiert. Aber viele Menschen haben nur einen Willen bis sie fünfundzwanzig sind. Mit der Jugend verlieren sie die Spannkraft und verhocken sich, wo sie doch weiter gehen sollten. Dieser Mann, redegewandt und ein guter Latinist, der von der Universität nur abgegangen war, um gleich in eine ziemlich gute Stelle hineinzurutschen, hatte in sich genau soviel Energie vorgefunden, um ein paar Prüfungen zu machen, dann hatte er ausgeruht. Es ist so süß, des Morgens im Bett liegen zu bleiben, und des Abends zu bummeln und dazu seine Zigarre zu rauchen. Wenn man so raucht und im Bett liegen bleibt, träumt man, schwelgt in literarischen Phantasien, macht sogar von Zeit zu Zeit Verse. Warum soll nicht auch aus mir ein Schriftsteller werden, ein großer Dichter? Unsere Gymnasialerziehung bringt uns dazu, die Werke des Geistes als die einzig unternehmungswürdigen anzusehen, und das Resultat ist alljährlich eine Menge Genies, die, nachdem sie eine Menge weißes Papier beschmiert haben, schließlich Kommis werden oder Schreiber.«

So ist Herr Delahaye Repetitor in einer »Presse« geworden: 1800 Franken, freie Station; »fühlt sich nicht unglücklich, faulenzt sanft, liest ein wenig, macht manchmal einen Vers, gibt seine Stunden gern«; verschönert den Unterricht mit Witzen, die von den Schülern geräuschvoll belacht werden; sein Spitzname ist Marquis de Mascarille (aus Molières Précieuses ridicules).

Ein anderer, der am Leben zerbrach, ist der Musiklehrer, zu dem Bernard den jungen Mayran führt; er sitzt wortlos im Musikzimmer und raucht. »Zwanzig Sous kostet die Stunde; stehl' ich sie nicht, die zwanzig Sous? Hab' ich ein einziges Mal gesagt Gis, die Wiederholung forte, die Variation mit mehr Ausdruck, weicher?« »Bravo«, schreit Bernard, »jetzt geht die Vorstellung los.« Der Alte senkt das Haupt, schweigt; zwei Tränen rollen langsam seine Wangen herunter, dann mehr, immer mehr, sie strömen nur so; sie fallen auf den Ofen, in die Asche seiner Pfeife; Etienne spürt ein sonderbares Gefühl im Hals; Bernard bittet um Verzeihung, der Alte wehrt sanft ab: Nichts zu verzeihen, mein Junge! Du hast mir weh getan, aber du hast es nicht bös gemeint. Spiele! spiele! Du bist geboren, um zu spielen, zu tändeln! Laß die Sonaten! Für die hast du zu wenig gelitten; man muß unglücklich sein, um Musik zu empfinden. Spiele Tänze für die jungen Damen im Salon und für die Grisetten im Quartier Latin; das paßt besser für dich.« Dann wendet er sich an Etienne: »Schauen Sie mich nur an: sehen Sie zu, auf welchem Wege Sie sind und welchen Weg man Sie leiten will! Glauben Sie, ich habe mir nicht auch den Kopf zerbrochen über meiner Harmonielehre wie Sie über Ihren Wörterbüchern? Und was bin ich jetzt? Auch uns hat man von weitem die Preise gezeigt, die Rangstufen, alle Laufbahnen offen für uns; und heute habe ich mathematische Freunde, die im Hinterzimmer eines Drogisten Spezereien stampfen oder die Straßen ablaufen, um die Schnäpse ihres Prinzipals anzubringen. Meine Preise vom Konservatorium haben mir einen Organistenplatz verschafft, sechshundert Franken, draußen in der Provinz; und nach anderthalb Jahren hat mich der Bischof entlassen, weil ich keinen Beichtzettel ablieferte. Ich habe von Stunden gelebt; das war gestohlenes Brot; von vier Schülern sind drei zu dumm für Musikstunden; das sagte ich schließlich offen, und die Eltern schickten mich zum Kuckuck als einen dummen Kerl. Jetzt bin ich Dirigent einer Vorstadtkapelle...

... Schwimmen können muß man, Kinder! Euch aber, hier wie überall, zeigt man nur das Seiltanzen. Ihr bietet all eure Kräfte auf, um so hoch wie möglich zu springen, ihr bildet euch etwas ein, wenn ihr länger auf dem rechten oder linken Bein stehen könnt als eure Nachbarn; kann man schon deshalb schwimmen, weil man den Salto gelernt hat?«

Vierzehn Tage später hat Etienne Ausgang. Da läßt ihn der Repetitor für Geschichte rufen, Herr Sprengel – man beachte den deutschen Namen –, einer der angesehensten Lehrer, eine Stütze der Firma; beherrscht sein Fach; eifrig, gewissenhaft, hilfsbereit. Er erlaubt Etienne, ihn zu begleiten. Sie gehen dahin, an den Kais entlang, die Sonne leuchtet, die Wellen blitzen, Frühling! Die Weiden blühen, die Pappeln haben Knospen, der Himmel weit, hoch, blau, das Licht heiter und frei, die wundervolle Fassade des Louvre steht malerisch im Schimmer, elegante Wagen fahren vorbei, geschmückte Frauen lehnen darin, reiche Kinder spielen im Garten der Tuilerien: die Welt mit einem Worte, die weltliche Welt, von der Etienne in seinem düstern, schmutzigen Institut keine Ahnung hatte; hatte er denn nur eine Ahnung, daß es Frühling sei? Sie setzen sich auf eine Bank im Park. In der Ferne ragt der große Triumphbogen, um sie schwirrt und flirrt elegantes Leben. Da fängt Herr Sprengel an vom großen Konkurrenzexamen zu plaudern: Dieser Etienne Mayran ist ein tüchtiger junger Mann; jawohl. Gescheit, schreibt gut, fleißig, famoses Gedächtnis. Was fehlt ihm? Gedächtnislehre, systematisches Studium nach mnemotechnischen Grundsätzen:

»815 Ende Karls des Großen, Gründers des ersten Imperiums. 1815 Ende Napoleons, Gründers des zweiten Imperiums. So, diese zwei Daten können wir schon nicht mehr vergessen. Warten Sie, es kommt noch hübscher. 1215 England frei durch die Magna Charta; 1415 Sieg der Engländer bei Azincourt; 1515 Thronbesteigung Franz' I., des größten der Valois; 1715 Tod Ludwigs XIV., des größten der Bourbonen; 815 und 1815, 1215 und 1415, 1515 und 1715, das bildet zusammen eine Reihe. Sehen Sie, wie hier (und er nahm kleine Kieselsteine, die er paarweise auf die Bank legte). Haben Sie's? Wiederholen Sie! (Etienne wiederholte mechanisch.) So, das brauchen Sie jetzt nur sich zwei oder drei Tage hintereinander vorsagen, morgens und abends, beim Aufstehen und beim Niederlegen. Nun gut, lieber Freund, mit dem Rest verhält sich's genau so. 1689, 1789, 453, 1453. In drei Monaten geht das wie am Schnürchen. Soviel über die Jahreszahlen. Jetzt die Tatsachen. Reichen Sie mir meinen Spazierstock (und er begann im Sande zu zeichnen). Ich mache zunächst eine große Rubrik, sehen Sie, und schreibe darüber: Regierung Karls des Großen. Gut. Jetzt eine erste Unterrubrik: A innere Ereignisse, und eine zweite: B äußere Ereignisse. Jetzt, in der ersten, drei Unterabteilungen, klein a, klein b, klein c: Verwaltung, Religion, Künste und Wissenschaften; ebenso in der zweiten: Kriege im Süden, Kriege im Osten, Kriege im Westen, jedesmal wieder Unterabteilungen für die Einzelheiten. Verstehen Sie? Die großen, wichtigen Fakta mit großen Buchstaben, unterstrichen, und mit roter Tinte; ich werde im Institut veranlassen, daß man Ihnen welche gibt. Schreiben Sie recht sauber und leserlich, damit ein Blick genügt. Das kleben Sie dann an den Deckel Ihres Pults oder in den Deckel Ihres Lexikons; so sehen Sie es alle Tage. In fünf Monaten probieren Sie es dann im kleinen Saal neben der Sorbonne, gut ausgeschlafen, Kopf frisch, das Gedächtnis versagt nicht, Sie schreiben sechzehn Seiten; erster Preis in der Geschichte – Etienne Mayran.«

Etienne diniert mit Herrn Sprengel, trinkt auf der Bude des alten Junggesellen mit ihm Kaffee, fühlt, daß diese mnemotechnischen Mätzchen, so kindisch sie an sich sind, dennoch ihm helfen können, sich des bisher so verzweifelt ungeordneten, unübersichtlichen Lernstoffes zu bemächtigen. Bis jetzt hat man ihm stets nur zugerufen: »Lerne, lerne!« Jetzt zum ersten Male hat ihm jemand gezeigt, wie man lernt; das Methodische dämmert ihm auf; er ahnt das System; er ist ein guter Kopf, will alles lernen, alles umfassen; hier ist endlich einer gekommen und hat ihm ein Band in die Hand gegeben; noch kein sehr geistiges Band, gewiß; doch das fühlt der junge Geist nicht; er fühlt nur, daß eben die Muskeln seiner Flügel um einige Millimeter stärker geworden sind, die Federn dieser Flügel um einige Zentimeter länger; er fühlt, eines Tages kann er fliegen.

»Fliegen?« spottete Bernard, der ihm prophezeit, er werde alles, was Herr Sprengel für ihn ausgelegt habe, auf Franks und Centimes getreulich auf seiner Semesterrechnung finden. »Fliegen? Du kommst in den Käfig, du bist schon drin. Von nun an werden dir jeden Sonntag und Donnerstag je zwei Stunden Ausgang entzogen, damit du schöne Rubriken machen kannst mit verschiedenfarbigen Tinten. Der alte Sprengel ist nämlich ein Straßburger, wo die fetten Gänselebern herkommen. Weißt du, wie man die Gänse schön fett macht? In den Käfig steckt man sie, man mästet sie, macht daraus die berühmten Pasteten Carpentier & Co. Servus, mein hoffnungsvoller Pasteten-Anwärter!«

Bernard hat richtig prophezeit: der Ausgang wird Etienne verkürzt, und als er sich dagegen beschwert, fertigt ihn der Direktor mit väterlichem Spott ab: »Seien Sie bescheiden, junger Mann«, schließt die aus Phrasen und Brutalität gemischte Antwort.

Etienne lächelt unterwürfig: »Ich werde bescheiden sein. Herr Direktor!« Er macht Rubriken, lernt glänzend, bringt die ganze Geschichte in seinen Katastern unter; auf Herrn Sprengels väterliche Freundschaft reagiert er merkwürdig kühl, lehnt weitere Einladungen kurz ab.

Der große Tag kommt. Etienne sitzt mit dem Direktor und Herrn Sprengel im Fiaker. Man fühlt ihm den Puls: gut. Man gibt ihm die letzten Verhaltungsmaßregeln. Alles wird aufmerksam auf den dicken Carpentier (kastanienbrauner Paletot, rotes Band im Knopfloch), als er mit seinem diesjährigen Examenhengst die schon von andern armen Pferden wimmelnde Rennbahn betritt, den großen Saal der Sorbonne. »Mayran, Sie wissen, daß ich auf Sie zähle«, ist sein Tagesbefehl vor der Schlacht; ungefähr wie Napoleon sagte: Violà le soleil d'Austerlitz.

»Etienne setzte sich, ziemlich aufgeregt, wenn sein Entschluß auch feststand. Er bemerkte, daß er auf einem Stuhle saß: das gab es weder im Institut noch im Gymnasium und vermehrte seinen Respekt vor der Prüfung. Das große Format des ausgeteilten Papieres verstärkte noch diesen Eindruck. Inzwischen standen oben auf dem Podium die Professoren dicht um den Vorsitzenden, der vor aller Augen einen rotgesiegelten Briefumschlag in die Höhe hob, um zu zeigen, daß das Siegel unversehrt sei. Er öffnete es: alles wurde mäuschenstill. Bei den ersten Worten gab es ein leises Murmeln der Aufregung, dann beruhigte sich alles, und man hörte nur noch das Geräusch der neunzig Federn auf dem Papier.«

Etienne triumphiert. Er weiß alles; alles steht klar vor seinem Geiste; er braucht nur zu schreiben. So schreibt er denn, sechs Stunden lang; seine Arbeit ist fehlerlos; nichts radiert, nichts korrigiert, nichts eingeflickt, nichts gestrichen. Er wälzt den Entschluß lang in seinem Hirn; dann bittet er seinen Nachbar um ein Taschenmesser, schneidet seine Prüfungsarbeit säuberlich in vier Stücke, steckt sie in die Tasche, verläßt das Prüfungslokal, überreicht die Stücke Herrn Sprengel, der damit zum Direktor stürzt. Nach einer halben Stunde wird Etienne zitiert: Herr Carpentier strahlt! Diese Arbeit! Dieses Wissen! Dieser Stil! »Und nichts radiert! Man möchte die Kladde für den definitiven Aufsatz halten!«

»Herr Direktor, das ist mein Aufsatz!«

»Was sagen Sie?«

»Ich sage, daß das mein Aufsatz ist und daß ich ihn nicht abgegeben habe.«

»Dann haben Sie die Kladde abgegeben?«

»Ich habe überhaupt nichts aufgesetzt.«

»Ja, dann haben Sie ja gar nichts abgegeben?« »Gar nichts.«

»Das ist unerhört! Sind Sie verrückt?«

»Ich glaube nicht.«

»Ja, warum denn, warum, warum?«

»Weil ich kein Hund bin und mich nicht anhängen lasse.«

Herr Carpentier verliert den Atem. Er begreift.

»Sie haben mein Vertrauen mißbraucht!«

»Nein, Sie haben mir keines gezeigt.«

»Sie sind in meiner Hand, ich bin der Stellvertreter Ihres Vaters!«

»Nein, zwischen Ihnen und mir gibt es nur einen Kontrakt.«

»Sie haben mir den Preis gestohlen!«

»Nein, mein Geld liegt beim Notar, ziehen Sie mir jeden Brocken Brot ab!«

»Das ist unerhört! Hat Ihnen denn jemand das geraten?«

»Ja.«

»Wer denn? Wer denn? Sicher mein Konkurrent, ja oder nein?«

»Nein, Sie! Sie haben gesagt, als ich mich beschwerte, ich solle bescheiden sein.«

Ein Dialog wie dieser (es stehen noch mehr von der Art in dem Buche) läßt bedauern, daß Taine den Roman nicht vollendet hat.

Etienne hat dem Direktor eine Lehre gegeben, wie er wünscht in Zukunft behandelt zu werden. Da er trotzdem noch zwei andere Preise erhält, kann er seine Pension bezahlen, und die Sache hat weiter keine Folgen. Die Ferien kommen, Vakanzstille legt sich wohltuend auf den Hof des Instituts, nur wenige Ausländer und Waisen bleiben. Etienne wirft in acht Tagen die vorgeschriebenen Ferienarbeiten hin: nun hat er Ruhe, nun kann er leben, denken.

Wieder steht die alte Frage vor seinem Geiste: Was soll das alles? All das Aufschlagen von Wörtern in den Wörterbüchern, das mühselige Lesen der Klassiker? Was hat ihm das abgelaufene Jahr Positives gegeben? Eigentlich nur die Tabellen des Herrn Sprengel: »Das war offenbar nützlich, in dieser Ordnung war Schönheit.« Eines Tages sieht er einen Mitzögling, einen Spanier aus Manila, geläufig in einem spanischen Buche lesen. Warum schlägt der keine Wörter auf? fragt er sich. Warum liest er, ohne daß es ihm befohlen wird, aus Interesse? Also, folgert er, muß man, um ein Buch zu lesen, die Wörter nicht mehr aufschlagen brauchen; man muß sie bereits wissen. »So einfach der Gedanke war, er hatte ihn ganz allein gefunden, daher erregte er ihn.« Aber wie macht man das: die Wörter, die vielen, vielen Wörter wissen? Er fängt an, das Lexikon zu lesen und entdeckt, daß die Komposita von den einfachen Wörtern herkommen. Das hat er schon in der Schule gehört, aber damals war ihm das nur eine Idee, jetzt ist es ihm eine Erfahrungstatsache. Er arbeitet vierzehn Tage lang an lexikalischen Rubriken à la Sprengel, macht dann die Probe – umsonst! Er entziffert die Seite mit Mühe und muß ein halbes Hundert Wörter zwischen die Zeilen schreiben, obwohl die Hälfte davon in seinen Tabellen steht. Schon ist er entmutigt, da, als er sie abends wiederholt, formen sich die Wörter wie von selbst zu Sätzen, die Sätze zu einer Seite – zu welcher Seite? Eben zu der, die er morgens mit so viel Mühe gelesen hat. »Nun lerne ich kein Vokabular mehr«, sagt er sich, »nun lerne ich dieses Buch!« Er hatte einen platonischen Dialog in der Hand. Zum ersten Male hat er das Gefühl: dies Buch lebt, diese Lektüre ist meiner Entwicklung gemäß. Zum erstenmal erfaßt er mit seinem Knabengehirn ein Männerbuch.

»Aber was Etienne vor allem entzückte, war der natürliche Adel der jungen Leute; sie sprachen miteinander wie die Schüler im Hofe, und dennoch hatten sie keinen Schuljargon, sie waren weder bissig noch roh, keine Bengel, keine Lügner, nicht wie angehängte Hunde, die entweder beißen oder sich in ihrer Hütte verkriechen. Sie sagten frei heraus, was sie dachten, man legte Wert auf ihre Ansicht, unterwarf die Meinungen ihrem Urteil, sie gestanden ohne Umschweife ihre Verlegenheit oder ihren Irrtum; endlich gaben sie nichts zu, was sie nicht als richtig befunden hatten; ... er fühlte sich unter diesen jungen Leuten, wie man sich unter neuen Freunden fühlt, deren Benehmen man erst später so ganz verstehen wird; es schien ihm, mit Lysis, Charmides, besonders mit Theätet hätte er leben können und wäre vollkommen glücklich gewesen.«

Herr Sprengel mit seinen Rubriken, all dieser kindliche Gedächtnisdrill verschwindet vor den platonischen Dialogen, die Etienne Mayran entdeckt, selbst, für sich, ohne Zwang, sogar ohne Anleitung.

Es kommt im Leben jedes wohlgeratenen Menschen der Augenblick, wo ihm der Zwang widerwärtig ist und selbst die Hilfe peinlich, wo er ganz allein und auf eigene Gefahr das Neue entdecken und erleben will. Am Ende ist es gleichgültig, welches das Zauberschloß ist, das die junge Seele so magisch anzieht; denn das Wundervolle ist nicht der Sieg, sondern der Kampf.

Aber wenn diese Zauberburg Dialoge Piatons heißt, ist vielleicht der Kampf noch herrlicher, der Sieg noch berauschender. Man empfindet das neue Glück, mißverstanden zu werden: Etienne Mayran entdeckt Platon, und der borniert fleißige Despretz meint, jener wolle ihn im griechischen Stil übertreffen.

Es ist abermals Frühling geworden. Etienne ist stark gewachsen, fühlt sich müde, selbst Platon verblaßt vor den Erinnerungen und Träumen in dieser jungen Seele; er arbeitet ungleichmäßig, ein paarmal auffällig schlecht, wird von den Lehrern getadelt, von den Mitschülern spöttisch angesehen. Man hat keinen Freund, wenn man Etienne Mayran ist und in der Pension Carpentier leben muß. Er fängt an, sich selbst zu beobachten und seine Beobachtungen aufzuzeichnen. Eines Tages ist er zufällig in einem leeren Saal, als Bernard eintritt, um zu fechten: »Das Vieh von Fechtmeister säuft wieder herum. Etienne, komm, ficht ein wenig mit mir.« Das ist natürlich blanker Spott. Er rüstet ihn, zeigt ihm Haltung des Körpers und der Waffe. »Los! Teufel! Kerl, du hast ja etwas los! Hast du das auch im Platon gelernt?«

»Nein, aber vor drei Jahren focht ich noch mit meinem Vater.«

»Respekt vor deinem Vater! Nicht übel. Die Hand ist ein wenig eingerostet, aber das haben wir gleich wieder. Leichtes Handgelenk, Anerkennung. Du bist mir lieber als der besoffene Kerl, der immer nach Schnaps stinkt!«

Etienne ist glücklich: die entsteiften Muskeln strecken sich, spielen, die Brust atmet voll, die Wangen röten sich, die ganze Haut bekommt eine gesunde Farbe. Sein Gehirn wird ruhiger, seine Aufmerksamkeit wieder stetig. Sein Geist wandelt sich allmählich. Zuerst hatten ihn an Platon nur die frischen Beschreibungen entzückt, das liebenswürdig Spöttische, das andeutend Malerische, jetzt lockt ihn die Folge der Ideen, das gesetzmäßig Fortschreitende, die unsichtbare Kette, das Gefühl des Zusammenstrebens aller Teile zu einem geahnten, aber vorhandenen Ganzen, des Vorhandenseins dieses Ganzen in jedem Glied dieser Teile. Er empfindet den Reiz der Induktion, des stufenweisen Folgerns, des Entwickelns des Neuen, Unbekannten aus dem Alten, Bekannten. Es ist, als ob Schranken vor ihm fielen, als ob Tore sich öffneten, weit, weit, als ob ein neues Licht auf alte Wege eine ungeahnte Helligkeit gösse, auf neue Pfade einen unbeschreiblichen Schimmer.

*

Das Fragment bricht ab; der außerordentlichste Schulroman, den die Franzosen besitzen, ist ein Torso. Man braucht nur Abel Hermants Monsieur Rabusson (1884) mit seinen Schilderungen aus der Ecole Normale zu vergleichen, um die Unterschiede zu erkennen: Unterschied des Niveaus, Unterschied des Themas. Alles wird bei Taine verinnerlicht, jede Einzelheit des äußeren Lebens zum Symbol und Symptom der inneren Biographie. Wir wissen nicht, warum er das Buch plötzlich liegen ließ. Vielleicht ging er der Entwicklung des Gemütslebens aus dem Wege, dem ersten Aufglänzen der Liebe; hier hätte er nicht mehr konstruieren können, hätte Erlebnisse seiner eigenen Seele preisgeben müssen. Dazu war er zu scheu. Vielleicht fühlte er sich der Schilderung der großen Welt nicht gewachsen, fürchtete hinter den Skizzen des Graindorge zurückzubleiben. Vielleicht lockten ihn neue und größere Aufgaben, so daß er die Fortsetzung des Romans als Zeitvergeudung empfunden hätte. Paul Bourget hat zu dem Fragment eine Einleitung geschrieben, die neben andern schiefen Ausführungen vor allem das Autobiographische des Werks überschätzt, und gegen die sich, wie man durchfühlt, die Warnung des Verlegers wendet, man solle die Jugenderinnerungen Mayrans nicht mit denen Taines verwechseln. Beide haben in der Tat wenig gemeinsam. Am meisten Ähnlichkeit dürfte das Bild des Vaters haben. Aber Etienne wächst ohne den Einfluß der Mutter auf, der (das rührende Testament von 1879 bezeugt es) auf Taine bestimmend wirkte. Taine hatte das Glück, als Knabe in einer kleinen Stadt zu leben, und als er nach Paris ging, folgte ihm die Mutter bald. Er hatte Verwandte, vor allem bedeutende Schwestern, von denen die ältere sehr begabt malte, die jüngere leidenschaftlich musizierte. Sein Lehrer Hatzfeld war ein anderes Kaliber als Herr Sprengel; seine Mitschüler About, Sarcey, Paul Albert, Prévost-Paradol andere Köpfe als die Despretz, Bernard, Favart. Das Fragment verhält sich zur Biographie fast wie eine Karikatur zu einem Gemälde. Beide haben allerdings eines gemeinsam. Die Grundeigenschaft des Helden, die Taine einmal in einer Aufzeichnung (aus dem Jahre 1848) formuliert: »Es gibt Geister, die ganz in sich selbst leben, deren Leiden, Leidenschaften, Freuden, Taten rein innerlich sind. Ich gehöre zu ihnen, und wollte ich mein bisheriges Leben mir selbst rekapitulieren, ich brauchte mich nur der Wandlungen, Ungewißheiten und Fortschritte meines Denkens erinnern.« Dies könnte das Motto zu Etienne Mayran sein.

Taine hat manche Fragen des Fragments nach mehr als zwanzig Jahren wieder aufgenommen, als er das letzte Kapitel jenes riesenhaften Torsos schrieb Les Origines de la France contemporaine. Das sechste Buch des nachrevolutionären Frankreich ist ganz der Schule gewidmet. Hier ist nicht der Ort, auf diese Ausführungen einzugehen. Gegenüber der Klage einiger Akademiker von den intellektuellen und stilistischen Qualitäten Emile Faguets, die die Schuld an der unleugbaren Dekadenz des französischen Stils gern den neuen Lehrplänen von 1902 zuweisen möchten, sei nur festgestellt, daß dies ganze sechste Buch nichts ist als eine große Anklage, eine vernichtende Kritik des durch und seit Napoleon monopolisierten, zentralisierten, mechanisierten französischen höheren und niederen Schulwesens; daß all die Mißstände, die man auf die angebliche Nachahmung deutscher Schulzustände in Frankreich zurückführen zu müssen glaubt, von Taine schon zu einer Zeit gegeißelt worden sind, wo von deutschem Einfluß oder gar Vorbilde noch gar keine Rede sein konnte.

Das frühlingsfrische Kapitel des Etienne Mayran über Platon endlich lebt wieder auf in dem Aufsatz, den Taine den Jünglingen bei Platon gewidmet hat, einem der köstlichsten Stücke der Essais de critique et d'histoire. Hier liebt er, der ein so großer Hasser sein konnte. Aber doch steigt, da er das wunderbar schöne Bild der platonischen Jugend vor uns entwirft, wie ein Schatten das moderne Gegenbild an mehreren Stellen auf:

»Zwanzig Jahrhunderte von Vorschriften drücken auf unsere Köpfe. Heute sorgt man nur noch für die schöne Form der Pferde, nicht der Menschen. Die Heranbildung des Körpers besteht darin, zehn Stunden des Tages über einem Pult gebeugt zu sitzen.«

Es ist Etienne Mayran, der diesen Schatten wirft.

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