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Franzosen

Josef Hofmiller: Franzosen - Kapitel 5
Quellenangabe
typeessay
authorJosef Hofmiller
titleFranzosen
publisherKarl Rauch Verlag
seriesJosef Hofmillers Schriften.
volume Vierter Band
printrunZweite, erweiterte Auflage
editorHulda Hofmiller
year1939
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071016
projectid8d1ea950
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Zu einer Auswahl aus Taine»Die schönsten Essays von Taine« (Bücher der Bildung, Band 10, Verlag Albert Langen, vergriffen).

1. März 1863.

»Ein Herr erscheint, mager, schmächtig, steif, der Bart dürftig, die Augen hinter Brillengläsern verborgen; aber seine leicht verwischten Gesichtszüge beleben sich beim Sprechen, und seine Blicke werden anmutig beim Zuhören. Seine Rede strömt sanft aus seinem Munde, diesem Munde mit den Raffzähnen einer alten Engländerin. Es ist Taine, die Verkörperung in Fleisch und Blut der modernen Kritik, einer sehr gelehrten, zugleich sehr scharfsinnigen und oftmals über alles Erdenkliche hinaus falschen Kritik. Es haftet ihm etwas von einem Lehrer an, der Unterricht erteilt. Das streift sich nicht ab; aber die akademische Seite ist gewahrt durch eine große Einfachheit, eine bemerkenswerte Verbindlichkeit im Umgang, die Zuvorkommenheit des wohlerzogenen, gegen seine Mitmenschen höflichen Mannes.«

9. April 1866.

»Bei Magny. Heute spricht Taine in sehr fesselnder Weise von langen Jugendstunden, die er in einem Raum verbracht hat, in dem an hundert Holzbündel waren, ein mit Glanzseide zugedecktes Skelett, ein Schrank zum Wegschließen der Anzüge, ein Bett, zwei Stühle. Es war das Zimmer eines Freundes, eines Studenten der Medizin, der in einem Kinderkrankenhaus assistierte und sich Untersuchungen gewidmet hatte, die sich von den Kindern auf die Familien erstreckten, ein Mann von vielversprechender Zukunft, der fünfundzwanzigjährig in Montpellier starb.

Dort, in jenem Zimmer und in anderen ähnlichen, sagt Taine, wurden die höchsten Fragen behandelt, Fragen, in ihrer Art noch umwälzender als die hier erörterten, behandelt mit einer Energie, einer Kühnheit, einer Heftigkeit, einer Unerschrockenheit, kurz so, wie es den Köpfen und Gedanken einer Jugend gemäß ist, die nicht lebt, sich nicht amüsiert, nicht genießt. Denn die Generation Taines und seiner Altersgenossen hat gar keine Jugend gehabt, sie ist aufgewachsen gleichsam in Selbstkasteiung, nur der Arbeit hingegeben, der Wissenschaft, der Analyse, bei maßloser Lektüre, nur darauf bedacht, sich zur Eroberung der Gesellschaft zu rüsten. Demnach, weil sie ohne Anteil am menschlichen Leben sich weder dem Mann noch der Frau angeschlossen, weil sie versucht hatte, alles nur aus Büchern zu erfahren, hat diese Generation – es war nicht anders zu erwarten – vorwiegend Kritiker hervorgebracht.«

Die beiden Einträge sind den Tagebüchern der Brüder Goncourt entnommen, jener unerreichten Chronik des Pariser gesellschaftlichen und künstlerischen Lebens von 1851 bis 1895.

Die Schilderung von Taines Äußerem' stimmt nicht nur überein mit derjenigen anderer Zeitgenossen, z. B. von Georg Brandes, sie deckt sich auch mit dem Eindruck, den das einzige bekannt gewordene Bildnis von Taine vermittelt: das Porträt von Bonnat, das aus dem Jahre 1889 stammt. Brandes' Schilderung fügt noch ein paar Züge hinzu: »Sein Blick erschien fast so erloschen wie der des Kaisers. Er hatte ein etwas angestrengtes, aber gewinnendes Lächeln. In seinem Wesen und in dem Ausdruck des ganz bleichen Gesichts lag eine gewisse, durch übermäßige Arbeit verursachte Ermüdung. Er sprach in sehr gedämpftem Tone, fast schleppend, ohne eine Miene zu verziehen oder eine einzige Handbewegung zu machen, ohne anfangs die Stimme im geringsten zu senken oder zu erheben, ohne den Vortrag zu beschleunigen oder zu verzögern, eintönig, mit steinerner Ruhe ... Es war, als ob er selbst nicht wisse oder ahne, wie ausgezeichnet das sei, was er sage ... Er verabscheute es, mit seinen Gefühlen zu prunken, und hatte sich ganz in der Gewalt. Er buhlte nicht um die Gunst seiner Hörer, er teilte ihnen anspruchslos, doch in überlegener Weise, eine Anschauung mit, die sie teilen mochten oder nicht, wie sie es für gut fanden. Er konnte nur nicht lassen, so zu sprechen, daß es ein Fest war, ihm zuzuhören.«

*

Die Schwierigkeit gegenüber Hippolyte Taine beginnt bezeichnenderweise damit, daß es sich kaum in eine Formel bringen läßt, was er war.

Er beginnt als Literarhistoriker über Lafontaine und Livius und als Geschichtsschreiber der englischen Literatur. Er ficht mit der spiritualistischen Kathederphilosophie seiner Zeit ein Duell aus in einem kleinen Buche, in dem jeder Satz ein Hieb ist oder ein Stich. Er schreibt glänzende Reiseschilderungen, geistsprühende Pariser Feuilletons, ein grundlegendes Werk über Probleme der Erkenntnistheorie, Vorlesungen über die Kunst, die Künstler, die Heimatländer der großen Kunst. Auf Tocqueville fußend, gibt er eine auf einseitigen Quellenstudien beruhende Darstellung des Ancien régime, durch die er sich die Monarchisten zu Todfeinden macht. Als sein dreibändiges Werk über die Revolution erscheint, schallt es wie ein Schrei der Wut aus den Reihen der Republikaner. Als endlich sein Werk über Napoleon herauskommt, tobt die Entrüstung der Bonapartisten, und die Prinzessin Mathilde kündigt ihm in aller Form eine langjährige Freundschaft.

»Kritische Aufsätze, geschichtliche Werke, Schöpfungen reiner Phantasie, alles steht im Dienste einer herrschenden Leidenschaft: der Philosophie. Taine war nie etwas anderes als ein Denker, und wird nie etwas anderes sein« – schrieb Paul Bourget 1883. Als Denker, der nicht müde wird, an immer neuen Gegenständen seine Anschauung zu entwickeln, bleibt Taine eine geistige Macht. Ob seine Kriterien vom Milieu, von der faculte maîtresse usw. heute noch etwas bedeuten, ist gleichgültig. Nur Unmündige brauchen einen Doktrinär, um dessen Dogmen nachzusagen, und es ist ein bescheidener Zimmersport, einen Denker zu »widerlegen«. Die Weltanschauung eines tiefen und reichen Geistes wirkt, beglückt, befruchtet. Sie ist etwas wundervoll Lebendiges, eine geheimnisvolle, unbeschränkte Macht, ein Gegenstand des Erkennens, des Genießens; sie schenkt aus ihrer Fülle, und ihre Fluten fließen zusammen mit den Weltanschauungen aller großen Denker dem unendlichen Meere zu, dem niemals ausfüllbaren und sich selbst gleichen Ozean, aus dem in nie aufhörendem Kreislaufe die Wogen aufwärts schweben und sich in Dunst lösen, um in neuen Quellen wieder zu rauschen und in neuen Strömen sich sehnend zum alten mütterlichen Meere zu drängen. Taines Weltanschauung zu erleben, ist der einzige und große Gewinn. Man kann zu fast allen Grundanschauungen Schopenhauers Nein sagen, in allen wesentlichen Punkten Nietzsche widersprechen, und sich dennoch beiden Philosophen tief verpflichtet fühlen. Man mag sich zu Taines Weltanschauung stellen wie man will: sie steht da, sie lebt. Der Mann selber ist tot, und Totengräber und Leichenfrauen mögen seine abgelegten Kleider betasten. Der lebendige Quell, aus dem sein Denken, Fühlen, Darstellen hervorging, strömt heute wie je.

Gleich Nietzsche sieht er im Leben zuletzt nur ein Problem des Erkennenden: »Sympathisch genießen wir die Allmacht der Natur und lächeln, wenn wir diesen Chemiker durch eine kleine Änderung der Teile Bedingungen hervorrufen sehen und Substanzen, Schicksale und Revolutionen, Größe und Verfall. Ein erhabenes Schauspiel ist dieses grenzenlose Laboratorium, in dem so viele Gefäße die Verschiedenheit des wogenden Lebens und die Einheit der unsterblichen Gesetze offenbaren. Auf einen Winkel des Raumes und der Zeit beschränkt, vergänglich, morgen vielleicht durch eine Explosion oder den Zufall einer Mischung vernichtet, können wir indessen mehrere von diesen Gesetzen entdecken und die Gesamtheit dieses Lebens begreifen. Das macht das Leben der Mühe wert; Schicksal und Natur haben uns gut behandelt.«

Dieser Optimismus der Naturerkenntnis ist zugleich heiter und resigniert; Taine hatte, wie die Besten der neueren Denker, viele Anschauungen in sich vereinigt; etwas von einem Epikureer war in ihm und etwas von einem Stoiker; der Verfasser der »Vie et opinions de Mr. Fréd. Th. Graindorge« war als ehrlicher Zyniker durch das moderne Paris gegangen und hatte versucht, es mit der Eleganz des Skeptikers darzustellen. Der Kritiker war den verschiedensten Naturen und Kulturen mit verstehender Liebe genaht. Er stand der erhabenen Gelassenheit Mark Aurels mit Sympathie gegenüber; die müde Weisheit der buddhistischen Philosophie lockte ihn; an der Geschichte der Mormonen demonstrierte er mit leiser Ironie, wie Religionen entstehen. Sowie er aber auf schlechte und unklare Versöhnungsidiotismen stieß, wie in dem Zuckerwassersysteme Victor Cousins oder der abenteuerlichen Religionsphilosophie Jean Reynauds, erwachte sein gereizter Spott; hier machte er keine Konzession, hier war er schonungslos. Im Denken ertrug er keine Halbheit, duldete er keine Unreinlichkeit. Skeptizismus war bei ihm nicht blasierte Haltung, er gehörte zu seinen methodischen Voraussetzungen: »Um große Gedanken zu entdecken, muß man Verdacht gegen sich selbst hegen, hundertmal auf seinen Gegenstand wieder zurückkommen, jeden Augenblick seine Hypothesen auf ihre Wahrheit hin prüfen, man muß verstehen, viele Dinge zu ignorieren, die Wahrscheinlichkeiten von den Gewißheiten zu trennen, jede Möglichkeit abzuwägen, nur auf dem großen Wege methodisch vorwärts zu gehen, der schon durch Analyse und Erfahrung erprobt worden ist.«

Dieser kühle und vorsichtige Denker war jedoch, wie so viele seiner Wesensverwandten, zugleich ein Dichter; an irgendeinem Punkte tritt bei jedem Philosophen die Seligkeit des Schauens an Stelle des Zergliederns. Auch Taine spricht zur rechten Zeit in hymnischen Gleichnisreden, und wie ein Satz von Goethe oder aus Emerson unterbricht eine feierliche Betrachtung die strenge Folge der Deduktionen: »Nicht mehr abstrakte Formeln sehen wir, sondern lebendige Kräfte, die mit den Dingen verwachsen sind, überall vorhanden und überall wirksam, die wahren Gottheiten der menschlichen Welt, die ihre Hände anderen Gottheiten hinabreichen, die den Stoff beherrschen, wie sie selbst den Geist beherrschen, um alle zusammen den unsichtbaren Chor zu bilden, von dem die alten Dichter singen, der durch die Dinge fließt, und durch den das ewige Universum atmet.«

Für den Logiker Taine ist es bezeichnend, daß im unmittelbaren Zusammenhange mit solchen Hymnen und Symbolen kühle Triumphlieder der Logik stehen wie folgende Stelle, die geradeso gut Holbach oder Condorcet hätte schreiben können: »Wir haben Gruppen von Tatsachen erkannt und definiert, die miteinander verbunden sind, so daß, wenn die erste vorhanden ist, die zweite niemals unterbleiben kann, woraus folgt, daß, wenn wir auf die erste direkt einwirken, wir die zweite indirekt beeinflussen können.« Es gibt wenige Temperaturen und Zonen des Geistes, in denen dieser eigentümliche Mann nicht zu leben versucht hätte; die »öden Eisbärzonen« der Erkenntnis, von denen Nietzsche spricht, waren ihm nicht fremd, und in jeder Art Süden fühlte er sich zu Hause, als ein geborner Tourist und Jäger, als Erforscher aller Länder des menschlichen Nachdenkens und des künstlerischen Gestaltens, ein Prüfer, Wäger und Richter alter und neuer Kultur. Er hatte viele Geister der Vergangenheit in sich aufgenommen, und allezeit jene höchste Kunst des Denkers geübt, Fremdes so sich zu assimilieren, daß es Eigenes und Persönliches wurde. Wie der Jüngling des germanischen Märchens hatte er die Kraft aller Männer erhalten, mit denen er gekämpft, und aller Stammeskönige, in deren Halle er eine Nacht verweilt hatte.

*

Dennoch lebt auch in ihm, der so außerordentlich das Geschichtliche zu vereinen und zusammenzusehen wußte, das Verlangen nach der großen, jugendlichen Einheit. Wenn er mit den Lebensäußerungen der einfachen reinen Kultur zusammentrifft, wie mit den Griechen, mit Goethe, wird er beredter als sonst, und durch die faszinierende Gewalt seiner Rede klingt ein leises Heimweh nach den versunkenen Gärten der Vergangenheit und eine leise Sehnsucht nach den zarten Morgenröten der Zukunft: »Entfernt diese Bücher! Schließt dieses Klavier! Erzählt dem Kinde nur Märchen! In der Sonne laßt es herumlaufen und im Garten; es soll die Pflanzen anschauen und die Tiere und die schönen Wolken. Zerstöret nicht durch Zwang die ursprüngliche Schönheit seines Körpers und seiner Seele! Das neue Blut, das in diesen jungen Adern kreist und diese frische Haut straff spannt, das rosige Fleisch, in dem noch die Muttermilch zu leben scheint, diese fragenden großen Augen, dieser neugierige und bewegliche Verstand, diese geschmeidige unaufhörliche Lebendigkeit, all diese Freude am Leben und Lernen, diese Hingabe seiner selbst an sich selbst, – das ist der ursprüngliche Mensch, der nahe an seiner Quelle steht, der noch mit den untergeordneten Wesen verwandt ist, einfach und glücklich, wie das Wasser, das fließt und um die Felsen plätschert und in süßestem Murmeln rauscht und unter den liebkosenden Strahlen der Sonne sich hindehnt...

Man erinnert sich des tiefen Ernstes und des unbestimmten Blicks der Pferde edler Rasse, die auf der Wiese weiden, einen Augenblick Halt machen und den Kopf nach dem vorübergehenden Wanderer erheben. Ein dumpfes Leben fließt auch in all diesen steinernen Bildern des Altertums still dahin; sie grübeln nicht; sie träumen, ruhige Bilder ziehen an ihnen vorüber, wie eine Folge von Wolken an dem glänzenden Blau des Himmels. Nackt, aufrecht, den Kopf ein wenig auf die Brust geneigt, zeigen sie eine ernste und ruhige Miene, unbeweglich, und lassen ihr Leben strömen. Die Haltung ist von wunderbarem Adel. Man ist ebenso glücklich, diese Körper leben zu fühlen, wie diese Geister denken zu sehen. Die menschliche Natur ist noch im Gleichgewicht; sie genießt ihre Sinneseindrücke wie ihre Gefühle. Der nackte Körper ist keusch, wie alle wahren Antiken. Was die Nacktheit schamlos macht, ist der Gegensatz des körperlichen und seelischen Lebens. Wenn das körperliche Leben erniedrigt und verachtet wird, wagt man nicht mehr, seine Handlungen und Organe zu zeigen. Man verbirgt sie; der Mensch will ganz Geist scheinen. Hier errötet er über nichts und findet alles schön, was natürlich ist...

Alles ist natürlich und alles ist heilig. Das Göttliche ist auf der Erde, und Betrachtung wird Gebet. Das religiöse Gefühl ist keine trübe Ekstase, sondern ein helläugiges Schauen: man vermag jeglichen Dinges Großes und Gutes zu sehen; durch den Lärm der Ereignisse und durch die sinnlichen Formen der Erscheinungen erfaßt man die schöpferischen Mächte und die unsichtbaren Gesetze; man versteht die inneren Gottheiten, die in den Dingen leben und deren Gewänder die Dinge sind. Ein solches Gefühl stellt nicht die Götter der Natur gegenüber, es läßt sie in ihr, aufs innigste mit ihr vereinigt, wie die Seele mit dem Körper ...

Die Dinge sind göttlich. Man muß die Götter begreifen, um die Dinge auszudrücken. Wenn wir unsern Geist von den künstlichen Worten reinigen, die ihn bedrücken, so finden wir unwillkürlich die antiken Begriffe wieder. Wir fühlen in uns die Träume der Veden und Hesiods hin und her wogen, wir murmeln einen jener Verse aus Äschylos, in denen man hinter der menschlichen Legende die Erhabenheit der natürlichen Dinge erkennt und den großen Chor der Wälder, Flüsse und Meere ...

Goethes Iphigenie ist eine Heilige, wie die keuschesten Jungfrauen des Mittelalters. Aber sie hat nicht die krampfhafte Angst, die mystische Sehnsucht, die entnervende Ekstase des Klosters erlitten. Ihre Seele ist gesund und niemals unter der Besessenheit des Traumes ohnmächtig geworden. Sie ist nicht exaltiert oder gebrochen; sie hat weder in ihrem Verstand noch in ihren Instinkten etwas zu beseitigen oder zu vergewaltigen. Keine Lehre, keine Zucht, keine innere Krisis, kein äußerer Zwang hat das Gleichgewicht ihres Lebens erschüttert. Sie ist keine Tochter der Gnade, sondern der Natur. Sie ist aufgewachsen wie eine schöne Pflanze in einem guten Boden; gerade und hoch und aus eigener Macht strebt sie dem Lichte zu. Eine Qual von fünfzehn Jahrhunderten hat den menschlichen Gedanken verwirrt: der moderne Mensch hat aufgehört, die Tugend als eine Frucht des freien Instinkts zu betrachten und die Zartheiten der Seele mit der Gesundheit des Körpers zu verknüpfen.«

Ich habe den Versuch gemacht, einzelne Aussprüche Taines aneinander zu reihen, um eine Vorstellung von seiner Philosophie zu geben. Man darf vielleicht sagen, daß diese Philosophie nicht allzu französisch ist. Französisch höchstens im Sinne Montaignes und des robusten Humoristen und Humanisten Rabelais, wie jener wunderlichen Ordensregel seines Thelemitenklosters: Fais ce que voudras! Näher steht Taine in vielen Dingen dem deutschen Geiste. Er verstand und schätzte die Deutschen, er gestand ihnen »die weise Kultur der Intelligenz« zu und vermißte an ihnen nur die Blüte des Geschmacks. Er nannte Deutschland »das erstaunliche Arbeitszimmer Europas, in dem alle menschlichen Gedanken untersucht und wieder umgeschmiedet werden«.

Alle großen Geister sind erfüllt von einer Notwendigkeit. Alle rufen sie uns eine Mahnung zu: wir sollen so leben, wie Taine es einmal ausspricht: »Unsern Ehrgeiz verschließen; den äußern Erfolg als etwas Zufälliges betrachten; die Weite des Blicks und den Kreis des Denkens ausdehnen; jeden Tag mit ganzer Kraft vorwärts dringen; sich bis ans Ende die große Wißbegier bewahren; damit zufrieden sein, daß man die Welt hat betrachten und erkennen dürfen, und überzeugt sein, daß f sich das der Mühe des Lebens lohnt ... Die größte Freude des arbeitenden Geistes besteht in dem Gedanken an die zukünftige Arbeit der Nachkommenden ...«

*

Als man nach Taines Tode seinen Nachlaß ordnete, fand man die Abschnitte »Kirche« und »Schule« des letzten Teiles seines großen Geschichtswerks fertig vorliegend. Der Schluß hingegen, der die Struktur der modernen Gesellschaft behandeln sollte, die übermäßige Zentralisierung des Staatswesens, die Verkümmerung der Departements, der Gemeinden, war erst skizziert. Taine wollte zeigen, wie die Überzentralisierung das Organische zerstört, denn sie nimmt dem Individuum den Halt eines lebendigen Zusammenhangs, macht es immer egoistischer, schwächt das Gefühl für organische Bindungen, gibt der Alltagsphantasie nur kleinliche Ziele, politischen Fähigkeiten keine Gelegenheit, sich zu üben, macht die Geister müßig, vergnügungssüchtig, streberhaft, das Leben langweilig, den gesellschaftlichen Zustand unsicher. Mit einer Betrachtung über die Familie hätte das Werk schließen sollen.

Bekanntlich ist der wissenschaftliche Wert der »Entstehung des zeitgenössischen Frankreich« durch spätere Forschungen, besonders A. Aulards, wenigstens hinsichtlich des Teils, der sich auf die französische Revolution bezieht, schwer erschüttert worden. Taine ging im besten Glauben und in der Überzeugung, objektiv zu sein, dennoch mit vorgefaßten Meinungen an das die Kräfte eines Einzelnen übersteigende Unternehmen. Er nahm sich zu wenig Zeit dafür, obwohl – oder weil die Arbeit seine Gesundheit untergrub. Er übergeht wichtige Ereignisse. Er »synchronisiert«, zum Beispiel das berühmte ancien regime ist ein zusammenfassendes, gewiß glanzvolles, aber streng genommen unwissenschaftliches Bild von mindestens drei aufeinanderfolgenden Regierungen: Regentschaft, Ludwig XV., Ludwig XVI. Er verallgemeinert. Er übersieht den Primat der auswärtigen Politik. Sein Quellenstudium ist unzulänglich, seine Quellenkritik unbewußt tendenziös. Das gilt, wie gesagt, vor allem für den mittleren der drei Teile: Absolutismus, Revolution, Konsulat und Kaiserreich. Taines Geschichtsdarstellung hat Grenzen, die nicht übersehen werden dürfen. Woher stammen diese Grenzen?

»Die letzte Wirkung des philosophischen Geistes ist die Größe. Die allgemeinen Ideen sind wie ein Thron, von dem aus der philosophische Geist über die Menschen hinwegblickend mit ruhigem Blicke den Zug der vorüberwandelnden Ereignisse betrachtet. Er zwingt ihnen Gesetze auf, er scheint ihr Herr zu sein. Er tut noch mehr. Er erhebt sich über die Sondergeschichte, die er erzählt, und begreift die allgemeine Geschichte mit ein, die er nicht erzählt.« Taine urteilt so über Guizot. Aber sein Urteil gilt ebensosehr allen Geschichtsphilosophen; allen, die aus der Geschichte allgemeine Gesetze ableiten wollen; allen »synthetisierenden« Denkern von der Art Spenglers. Aber spricht in dem angeführten Satze, dessen Untiefen bei öfterem Lesen immer bedenklicher werden, nicht Taine sich selbst das Urteil?

Er schreibt über Michelet, der in vielen Guizots Antipode ist: »So ist dies reiche und geschmeidige Talent eine Mischung von Esprit und Schwung, von Fachgelehrsamkeit und Philosophie, von liebenswürdiger Anmut und ironischer Heftigkeit, ein schöpferischer Geist wie nur irgendeiner, eine Feuerseele, deren stets glühende Leidenschaft stets lebendige Bilder schaut, die mit dem nämlichen Riesenfluge alle Gegensätze durchmißt und deren so verschiedene, so entgegengesetzte Empfindungen sich durch das Vorwalten einer Fähigkeit erklären: einer überragenden Phantasie... Allerdings kann man Einwände erheben. Die inspirierte Phantasie, die so viele Schönheiten erzeugt hat, bedingt auch die Unvollkommenheiten des Werks, und beunruhigt die Leser, die sie entzückt hat. Welchen Eindruck macht dies Buch, und was sagt sich der Leser, wenn er damit fertig ist? Ein einziges Wort, aber ein verhängnisvolles: Ich zweifle. Daß der Verfasser in gutem Glauben schreibt, daß er sehr gelehrt ist, wird jedermann zugeben. Ist er auch klarblickend genug, ist er vor allem vorsichtig genug gewesen, um die Wahrheit zu erfassen? Niemand weiß es.« Die eine Gefahr hieß Guizot: es war die der philosophischen Spekulation. Die andere heißt Michelet: es ist die des Künstlers. Man erhält den Eindruck, daß beide Historiker für Taine nur Vorwände sind, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen; denn ihm konnte nicht entgangen sein, daß er beides in sich barg: den Gesetze fordernden, Gesetze gebenden Philosophen, und den künstlerisch Gegensätze zusammenstimmenden, an Gegensätzen sich inspirierenden Künstler. Er wußte es selbst: »Jeder von uns schafft sich seine Weltanschauung nach seinem Bild und Gleichnis. Jeder schreibt der Wissenschaft die Gewohnheiten seines Denkens vor. Jeder projiziert das Ideal, das er sich selbst vorgestellt hat, ins All. Jeder zwingt der Natur die Bedürfnisse auf, die er in sich selbst trägt.« Und an anderer Stelle, viele Jahre später: »Alle unsere wissenschaftlichen Methoden, all unser Kunstformen, all unsere allgemeinen Ideen haben eine Achillesferse. Alle wimmeln sie von Unzulänglichem, Ungewissem, kritiklos Übernommenem, Unechtem. Nur die Liebesillusion kann sie vollkommen finden. Aber ein Skeptiker ist nicht lange verliebt.«

*

Der »Graindorge«, das persönlichste, an Witz und Phantasie glänzendste und unbekannteste Werk Hippolyte Taines, schließt, nachdem er den Leser durch das Labyrinth Paris geführt hat, überraschend mit einem Besuche des Helden bei einem alten deutschen Musiker, in dessen Junggesellenklause Herr Graindorge flieht, wenn sich zu viel Ekel vor der Millionenstadt in ihm angesammelt hat: dort setzt er sich in einen Winkel, der Freund spielt Klavier, der Teekessel summt, und leuchtend schwebt der Reigen der Tongestalten durch die Dämmerung.

An diesem letzten Abend vor seinem Tode nimmt die Seele des Besuchers ein letztes Bad der Reinheit und Kraft in jenem stählenden Strome, der Beethoven heißt. Das Irdische fällt von ihr ab. Weitab liegt die Gemeinheit des Jahrhunderts und der großen Stadt. Graindorge ist allein, nicht nur mit seinem Freunde, nicht nur mit Beethoven. Er ist allein vor dem Unendlichen mit sich selbst. In seinem alten Herzen blüht die Erinnerung auf an längst entschwundene Tage reinen Glücks, da deutsche Dichtung, deutsche Philosophie, deutsche Musik zum ersten Male vor dem Jüngling aufglänzten aus der Nacht der Zeiten wie himmlische Gestirne.

Als der Freund geendet, gibt er Graindorge den alten Schindler in die Hand, dessen Eckermanntreue wir die erste Sammlung belegter Tatsachen aus Beethovens äußerem Lebensgang verdanken. Das Einzige, was man nach dem Hören Beethovens verträgt, sind diese Anekdoten aus seinem Leben, rührend oft, gelegentlich wunderlich bis zum Skurrilen, manchmal bis zu Tränen erschütternd. Da unterbricht der Freund: »Kennst du das?« Er gibt Graindorge das Heiligenstädter Testament in die Hand, setzt sich wieder an den Flügel, und beginnt den langsamen Satz in C-Dur der Klaviersonate Opus III, Adagio molto semplice e cantabile, sempre pianissimo, Beethovens geheimnisvolles, ganz leises Abschiednehmen von seinem Lieblingsinstrumente. Als er sich erhebt, stehen sich die zwei alten Männer stumm und ungeschickt gegenüber, unfähig eines Wortes. Am liebsten möchten sie sich um den Hals fallen. Zu schamhaft zur Offenbarung des Inneren, drücken sie sich, zum letzten Male, die Hand.

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