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Franzosen

Josef Hofmiller: Franzosen - Kapitel 4
Quellenangabe
typeessay
authorJosef Hofmiller
titleFranzosen
publisherKarl Rauch Verlag
seriesJosef Hofmillers Schriften.
volume Vierter Band
printrunZweite, erweiterte Auflage
editorHulda Hofmiller
year1939
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071016
projectid8d1ea950
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Stendhals Römische Spaziergänge

Die Promenades dans Rome tragen zur Erkenntnis ihres Verfassers nicht minder bei wie zu der ihres Gegenstandes, denn Rom ist, neben vielem andern, auch eine Art Wunderspiegel, der jedem Beschauer die verborgenen Züge seines Wesens offenbart. In diesem Sinne wäre es von Reiz, nachzuwägen, wieviel »Rom« Stendhal schon in sich hatte, eh' er nach Rom kam; was die Stadt in ihm entwickelte, was sie zurücktreten, verkümmern ließ; was sie ihm vielleicht an Neuem gab. So lockend diese Untersuchung wäre, was Stendhal Rom verdankt, sie muß zurücktreten vor einer lockenderen: was verdankt Rom Stendhal? Wie hat er zur Erkenntnis Roms beigetragen? Welches ist sein Platz in dem unübersehbaren Zuge der Rompilger?

Stendhal betritt Rom ein Vierteljahrhundert nach Goethe: 1811. Er kommt wieder dorthin 1816, 1817 und lebt dort 1823 bis 1827. Von 1828 bis 1829 bringt er in Paris die Promenades dans Rome zu Papier in der Form von Aufzeichnungen an Ort und Stelle, von Tagebuchnotizen, von hastig hingewühlten abendlichen Einträgen. Sein Vetter Romain Colomb, der auch bei der Herausgabe der Briefe des Präsidenten De Brosses eine Rolle spielt, half ihm dabei. Die Unterlage für das in dieser Form fiktive Buch bilden zahlreiche Aufzeichnungen, die Stendhal wirklich in Rom gemacht hat. Vermutlich ist er mit seinen ursprünglichen Papieren ähnlich verfahren wie der Goethe von 1814 bis 1816, der seine Tagebücher und Briefe aus Italien zur Italienischen Reise zurechtschnitt.Über Goethes Fassungen der »Italienischen Reise« vgl. »Umgang mit Büchern«.

Stendhal hat noch das alte, originelle Rom gesehen, dessen Ruinen noch nicht archäologisch abgenagt waren, sondern unter Blumenwildnissen heiter verwitterten. Er hat noch die umständliche Prozedur päpstlicher Zollschikanen durchgemacht (man konfiszierte gern verbotene Bücher, da es, wenn nicht die einzige, so doch die billigste Möglichkeit war, sie zu lesen): »Der arme Fremde, der Rom betritt, wird erbarmungslos zum Zollamt geschleppt, wo man seine Effekten durchstöbert. Sind nur zwei, drei Wagen vor einem angekommen, so muß man drei, vier Stunden warten, und die ersten Augenblicke in der ewigen Stadt verfließen nicht in göttlicher Begeisterung, sondern in ungeduldigen Ausfällen gegen die Zöllner.« Als Zollamt diente die jetzige Börse auf Piazza di Pietra, bekannt durch die prachtvollen elf eingebauten Säulen des sogenannten Neptuntempels (wahrscheinlicher eines von Antonius Pius errichteten Hadriantempels). Noch 1829 fand Stendhal die Polizei unangenehmer als die Banditen. Es war riskiert, in Rom auszugehen, ohne daß man seinen Aufenthaltserlaubnisschein bei sich trug. Unverschämte Verhöre nach dem Zwecke des Aufenthalts waren häufig und dauerten manchmal drei bis vier Stunden: »«Was haben Sie in diesem Lande zu tun?«

»Ich will die Kunstdenkmäler und die Schönheiten der Natur sehen.«

»Hier gibt es nichts Interessantes, Sie müssen einen anderen Grund haben, den Sie mir verhehlen. Sind Sie zu Napoleons Zeit hier gewesen?«

Dann wird der Anzug kritisch gemustert. »«Welches sind Ihre Subsistenzmittel? Das Reisen kostet Geld. Sind Sie einem hiesigen Bankier empfohlen? Wie heißt er? Hat er Sie zu Tisch geladen? Mit wem zusammen? Wovon hat man bei Tische gesprochen?«

Stendhal antwortete kühl, er sei schwerhörig und verstehe nur, wenn er dem Sprechenden auf den Mund sehen könne. Das Italien vor hundert Jahren war genau so mißtrauisch wie das von heute. Ebenso litt Rom schon damals unter der teppa, dem Vorstadt-Rowdytum. Auch Stendhal irrt, wenn er die »Kanaille dieses Landes für die wildeste der Welt« hält, aus dem Grunde, weil sie »von Bettelmönchen erzogen wird«; man bediente sich der teppa damals genau so zu politischen Zwecken wie heute, wo der edle teppista bei antiklerikalen Aufzügen seinen Mann stellt und Giordano Bruno leben läßt, von dem er höchstens weiß, daß er gegen die preti gewesen sei. Ein paar Jahrhunderte ändern in Rom blutwenig. Wenn Stendhal immer wieder kleine, für die Abneigung gegen die Geistlichkeit bezeichnende Züge notiert, so sagt er auch damit dem Kenner Italiens, besonders Roms, nichts Neues und verletzt höchstens die loyalen Gefühle von Tiroler Bergkooperatoren, die überzeugt sind, am Orte, wo der Heilige Vater wohne, müsse die Geistlichkeit in besonderem Ansehen sein. Che volete, signore! Siamo sotto i preti heißt es, wenn von irgendeiner besonders absurden Sitte die Rede ist. »Alles widmet sich der Theologie, die zu allem führt; die Physik führt höchstens ins Gefängnis.« »Sobald ein Vater sieht, daß einer seiner Jungen Begabung zeigt, läßt er ihn geistlich werden. Der Junge kann einmal seine Familie protegieren. Wer weiß? Er kann sogar Papst werden.«

Der erste Eindruck von Rom war damals noch nicht durch die Parvenübauten der terza Italia beeinträchtigt. »Die ersten Tage meint man, man sei in der Provinz. Aber man gewinnt das stille Leben, das man hier findet, merkwürdig lieb. Es hat einen Zauber, der alle Unrast der Leidenschaft tötet.« Der bewohnte Teil der Stadt war begrenzt vom Kapitol im Süden, vom Tiber im Westen und vom Pincio und Quirinal im Osten. Dreiviertel des Teils, der früher Rom darstellte, Viminal, Esquilin, Caelius und Aventin, waren einsame und schweigende Weingärten, die wegen der Malaria nicht geheuer waren. Das ganze Gebiet der Roma moderna existierte nicht; und doch hat Stendhal die Roma moderna geahnt: »Wenn man nach S. Maria-Maggiore reitet, bemerkt man rechts einen Teil des Esquilin; hier waren die Prachtgärten Sallusts und die kleinen Häuser des Properz, Virgil und Horaz. Diese Gegend ist reizend und müßte sehr gesund sein.« Erst die terza Italia hat das Horazische Wort wieder wahr gemacht: Nunc licet Esquiliis habitare salubribus. Jeden Morgen sah er noch die begünstigteren Galeerensträflinge kettenrasselnd den Korso auskehren und dann in die Engelsburg zurückklirren. Wer in die Sixtinische Kapelle wollte, stieg, wie jetzt noch, Berninis Scala regia hinan, die wohl dunkler als heute, aber dafür auch nicht durch die geschmacklose moderne Glasmalerei verunstaltet war: »Man läutete an einer wurmstichigen hölzernen Pforte; nach zehn Minuten kam ein altes Weib und öffnete«: von solch kleinen Zügen, die für den Kenner der heutigen Verhältnisse den Reiz alter Kupferstiche haben, wimmelt Stendhals Buch. Zur Osterzeit war Rom schon damals unglaublich überfüllt: »Viele Fremde mußten in Albano übernachten; für elende kleine Zimmer bezahlte man bis zu einem Louisdor täglich. Von zehn Uhr morgens an waren die Osterien so überfüllt, daß man nicht mehr bei der Tür hinein konnte; zur Dinerzeit standen die Leute an wie vor einem Theater, wenn ein Stück zum erstenmal aufgeführt wird.« Inzwischen hat durch die Fernhaltung des Papstes der größte Teil der Karwochenzeremonien seine Hauptanziehungskraft eingebüßt: umsonst! alle Welt fährt nach wie vor um die Osterzeit nach Rom, obwohl kein Mensch eigentlich weiß, warum; obwohl Rom zu keiner Zeit des Jahres feinere Nerven mehr abstößt als zu Ostern, wo es, dank einer durch Massensuggestion verursachten Masseninvasion, sich wie eine Mischung von Greenwich und Chemnitz präsentiert, um dann vier Wochen später, wenn die Fremden weg sind, wieder dazuliegen so zauberisch schön und ruhig wie ein altes Bild, das von Staub und Fliegenklecksen gereinigt worden ist.

Eine Kirche Roms sah Stendhal, wie wir sie nie gesehen haben, nie sehen werden: San Paolo fuori le mura. Er sah sie vor dem furchtbaren Brande vom 15. Juli 1823: »Keine von den Säulenbasiliken war majestätischer, keine christlicher als sie; jetzt gibt es nichts Schöneres, nichts Malerischeres, nichts Melancholischeres als die grauenhafte durch das Feuer verursachte Verwüstung. Diese Schönheit war so ernst, so vom Unglück geprägt, wie in den Künsten sonst nur Mozarts Musik eine Ahnung davon geben kann.« Er glaubte, man würde sie nie mehr aufbauen: »Nach ein paar Jahrhunderten unnützer Mühen wird man auf den Gedanken der Wiederherstellung verzichten, der übrigens gänzlich zwecklos ist.« Hierin hat er sich zu unserm Glücke getäuscht: mag die theatralisch erneuerte Basilika auch verstimmen, sie gibt, ganz abgesehen von den erhaltenen Teilen des Chors mit den herrlichen Mosaiken, doch von der überwältigenden Schönheit des ursprünglichen Baues einen Begriff.

Stendhal verschmäht es übrigens nicht der künstlerischen Wirkung wegen gelegentlich zu flunkern, wie auch Goethe manche Partien der Tagebücher und Briefe aus Italien novellistisch frisiert, manche sogar völlig erfunden hat, wie den Überfall der Sbirren zwischen Assisi und Foligno (Italienische Reise, Notiz vom 26. Oktober abends). Um die Wirkung zu steigern, erzählt Stendhal, er habe San Paolo am Tage nach dem Brande besucht; damals war er jedoch in Paris. Ebenso schildert er, wie der Sarg des 1823 verstorbenen Leo XII. geschlossen wird: »Gestern abend haben wir, dank mächtiger Protektion, einem trauervollen Schauspiel angewohnt. In der ungeheuren Kirche von St. Peter nagelten einige Tischlerarbeiter beim Scheine von sieben oder acht Fackeln den Sarg Leos XII. endgültig zu. Maurer haben ihn dann mit Hilfe von Stricken und einem Kran über die Türe hinaufgezogen, wo er Pius VII. ersetzt. Diese Arbeiter haben in einem fort Witze gemacht, machiavellistisch, fein, tief und boshaft; es ging uns auf die Nerven. Eine unserer Reisegefährtinnen, die Tränen in den Augen hatte, setzte es durch, zwei Hammerschläge tun zu dürfen, um einen Nagel einzutreiben. Nie wird dies düstre Schauspiel unserer Erinnerung entschwinden.« Auch damals weilte Stendhal in Paris, konnte also von dem nächtlichen Vorgang nur durch Zeitungsberichte oder brieflich erfahren haben.

Sich in Rom rein äußerlich einzugewöhnen, war für Stendhal leichter, als es dem Durchschnittsreisenden von heute zu sein pflegt, der auf Gasthof und Weinstube angewiesen ist: »Wo sonst in Europa trifft man noch eine solche Gesellschaft? Jeden Abend begegnet man denselben Leuten in einem andern Salon. Das Eis ist famos; an den Wänden acht bis zehn alte Meister. Im Gespräch ein Brio, das einen günstig stimmt, die Bilder zu genießen.« Schon in der Vorrede seines Buches De l'Amour hatte er geschrieben: »Um in die italienische Gesellschaft hineinzukommen, braucht man mehrere Jahre. Der Fremde sieht die Denkmäler, die Straßen und Plätze einer Stadt, aber nie die Gesellschaft.« Trotzdem er jedoch im Punkte des Verkehrs begünstigter war als die meisten Rombesucher, blieben auch ihm die Stadien und Krisen nicht erspart, die mit dem inneren Eingewöhnen in Rom, dem Erleben dieser widerspenstigen Stadt, für empfindliche Geister verbunden sind.

Wie sieht man Rom eigentlich? Das ist eine der ersten Fragen, die er erörtert. Es gibt zwei Arten, Rom zu sehen, antwortet er: »Man kann alles ansehen, was in einem Stadtviertel interessant ist, und dann auf ein anderes übergehen.« Dies ist die Art der meisten heutigen Reisebücher, vor allem der ausgezeichneten Romführer von Baedeker und Meyer, über die sich nur der Snob erhaben glaubt. »Man kann aber auch«, fährt Stendhal fort, »jeden Morgen die Art von Schönheit aufsuchen, für die man sich beim Aufstehen am besten gestimmt fühlt. Und das ist das Teil, das wir erwählt haben. Als wahre Philosophen wollen wir jeden Tag das tun, was uns an eben diesem Tage am angenehmsten erscheinen wird.« Ein einleuchtendes Verfahren; nur schade, daß wir im vornhinein nie wissen können, wie die Dinge just an dem Tag auf uns wirken.

Erstes Stadium: Man stürzt sich auf die Sehenswürdigkeiten wie ein Kind auf neue Spielsachen. Wirkung: »Erschreckt vor der Menge der berühmten Objekte, an denen wir vorbeigingen, flohen wir aus dem Vatikan.« Aber man läßt sich nicht so rasch von diesem Modus abbringen: »Trotz der enormen Hitze sind wir den ganzen Tag in Bewegung, wir haben einen förmlichen Hunger, alles zu sehen, und kommen jeden Abend steinmüde nach Haus.« Dies ist schon das zweite Stadium: sich nicht abschrecken zu lassen, mit einer gewissen apathischen Gier alles an sich raffen, wenngleich man den Zustand kennt und durchgemacht hat, in dem man am liebsten davonliefe, gleichgültig, wohin; nur hinaus, nur hinweg von diesem Rom, das uns erdrückt. Viele, wenn nicht die meisten Reisenden, machen überhaupt nur diese beiden Stadien durch. Es folgt die Reaktion: Einige entdecken, wie Stendhal, den Reiz des Bummelns, Sichtreibenlassens; man übt es nirgends müheloser und köstlicher als in Venedig, dessen Gassen man am leichtesten kennenlernt, wenn man, ohne zu fragen, ohne sich nach einem Plan zu orientieren, einfach den Leuten nachgeht. »Heut früh wollten wir ein berühmtes Denkmal ansehen, aber unterwegs fesselte uns eine schöne Ruine, und dann der Anblick eines hübschen Palazzo, zu dem wir hinaufgingen. Schließlich irrten wir fast aufs Geratewohl umeinander. Wir haben das Glück gekostet, in aller Freiheit in Rom zu sein, ohne an das Pflicht-Sehen zu denken.« Aber schon ist das bewußte Interesse wieder erwacht, nur sucht man den Genuß nicht mehr im ungestümen Ansichreißen des Vielen, noch im naschenden Vorbeigehen am Auffallenden, sondern im Studium und genauer Betrachtung: »Diese anfängliche Narrheit hat sich ein wenig beruhigt. Wir wollen die Denkmäler gründlich sehen. So machen sie uns am meisten Vergnügen. Morgen früh besuchen wir das Kolosseum und gehen nicht eher wieder heraus, bis wir alles genau gesehen haben, was man dort sehen muß.«

Dies Stadium der Gründlichkeit hat seinen Reiz. Aber liegt auf die Dauer nicht ein noch feinerer Genuß darin, die Nähe der Denkmäler manchmal nur zu fühlen, etwa wie man die Anwesenheit der Geliebten fühlt, in einer schweigenden Empfindung schattigen Glücks? »Ich hatte einen Band Gibbon in die Caracallathermen mitgenommen und fing an, das Leben des Vespasian zu lesen; um sieben Uhr saß ich noch dort.« Nun lernen wir erst richtig schlendern: ganz zwecklos, völlig ziellos, »als pure Gaffer, glücklich, daß wir überhaupt existieren«. Aber wenn Rom uns kalt läßt? uns nichts zu sagen scheint? Warten! geduldig warten! um Himmels willen keine Begeisterung erzwingen! »Verzweifelt nicht an eurer Seele: manche Frau flößt an dem Tage, da man ihr vorgestellt wird, gar kein Gefühl ein, und ein halbes Jahr später entdeckt ihr, daß alles närrisch verliebt in sie ist.« Warten, bis uns Rom »anspricht«, bis es uns, um eine noch hübschere oberbayerische Wendung zu gebrauchen, »annimmt«. Dann bleibt der Lohn nicht aus: »Unsere Art, uns Rom gegenüber zu verhalten, ist ganz und gar geändert; wir empfinden, wenn ich so sagen darf, für diese Stadt eine Leidenschaft; kein Detail ist für uns zu fachwissenschaftlich oder zu geringfügig. Wir dürsten nach allem, was dem Gegenstande zugehört, den wir betrachten. Vor einem halben Jahr noch hätten sich unsere Begleiter keine Stunde in der Laterankirche aufhalten mögen. Heut früh kamen wir um neun Uhr hin und gingen erst um fünf Uhr weg.«

Das einzige Mittel freilich, sich in Rom einzuleben, ist: lange zu bleiben (das einzige und kein schlechtes Surrogat, nebenbei gesagt: immer wieder hinzugehen. Wir haben uns innerlich gewandelt seit dem letzten Male; aber hat nicht vielmehr unser Rom, das Rom unserer Seele sich gewandelt? Und bringen wir nicht auch dem sichtbaren Rom ein neues Paar Augen mit, sehendere, geduldigere, ruhigere Augen?) »Fast alle Reisenden machen diese Empfindung durch: man langweilt sich in Rom manchmal im zweiten Monate seines Aufenthaltes, aber nie im sechsten; und bleibt man erst den zwölften dort, packt einen plötzlich der Gedanke, sich dauernd niederzulassen.« Alles wird nun anziehend, zu allem kommt man in ein persönliches Verhältnis: »Wer hätte uns das vor vierzehn Monaten gesagt? Die christlichen Antiken des mittelalterlichen Rom sind für uns voll Reiz, und doch entbehren sie oft unbedingt der Schönheit. Das Schöne ist eigentlich nur der Charakter einiger Menschen, die in Rom ums Jahr 1000 lebten; die unförmlichen Mauern, die sie erbaut haben, rücken sie lebhaft vor unsere Erinnerung.« An wenigen Stellen der »Spaziergänge«, an diesen wenigen aber überraschend, zeigt der sinnliche Epikureer Stendhal eine Neigung für die Präraffaeliten, die damals in der römischen Luft lag, aber gerade von dem rein hedonistisch empfindenden Bewunderer Correggios überrascht. Ich möchte nicht die landläufige Redensart von der Unzeitgemäßheit Stendhals aus diesem Anlaß wiederholen; er faßte lediglich die Wellenschwingungen der Zeit besser auf und notierte sie früher als die meisten andern, weil seine Seele ein feinerer Empfänger war. Er las viel, verkehrte viel, besonders auch mit Ausländern, schnappte viel auf, erriet, was er vielleicht nicht ganz verstand, und erfaßte instinktiv mit der Phantasie, was andere kaum durch Studien erarbeitet hatten. Es war keine Kunst, damals in Rom auf die Präraffaeliten aufmerksam zu werden: seit 1790, zwei Jahre nur nach Goethes Scheiden von Rom, hatten die deutschen Maler die Primitiven gegen die bis dahin bewunderten Bolognesen ausgespielt, sogar gegen den späteren Raffael; Wackenroders Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders waren ihr poetisches Manifest; Friedrich Schlegels Artikel in der Europa von 1803 betonten funkelnd und mit der Intoleranz des Konvertiten die Überlegenheit der früheren Meister. Camillo von Klenze, dessen unentbehrlichem Buch ich diese letzten Angaben entnehme,Camillo von Klenze: The Interpretation of Italy, Chicago University Press. zitiert merkwürdige Tagebuchnotizen, die der »Kunscht-Meyer«, Goethes Freund, während seines zweiten italienischen Aufenthaltes (seit 1795) über den Beato Angelico, Pinturicchio und Ghirlandajo einträgt: die Entdeckung der italienischen Gotik und Frührenaissance lag überall in der Luft; wenn Stendhals bescheidener Beitrag bei diesem Werk überrascht, so ist es wegen des Charakters, nicht wegen der Unzeitgemäßheit des Autors. Er bedauert, daß die ursprüngliche Fassade von Santa Maria-Maggiore mit den Mosaiken von Cimabues Zeitgenossen nicht mehr existiert: »Das war die gute Zeit; die Maler beteten ihre Kunst an, und Inbrunst überzeugt immer.« Überraschender ist Stendhals Neigung für die frühe Architektur: »Wir treten oft in diese kleinen Kirchen, die ums Jahr 400 vor dem gänzlichen Verfall des Heidentums gegründet worden sind, oder im neunten Jahrhundert, der barbarischesten Periode des Mittelalters«. Sant' Agnese fuori le mura, von deren Existenz viele Rombesucher von heute keine Ahnung haben, nennt er »eine reizende Kirche, in der alles kostbar ist.«

Damit sei nicht gesagt, daß nicht auch er das eine oder andere bewundernde oder geringschätzende Vorurteil des achtzehnten Jahrhunderts mit sich getragen hätte: in der Malerei nennt er mit Michelangelo den Annibale Carracci in einem Atem, in der Skulptur Canova. Aber er war sich seiner Subjektivität bewußt und warnt den Leser, ihm zu glauben: »Ich rate, keinem Menschen zu trauen; auch mir nicht; ich möchte, daß der Leser gar nichts aufs Wort glaubt, ohne es nachgeprüft zu haben; daß er allem mißtraue, sogar meinem Reiseführer.«

In einer Beziehung war er den meisten seiner Zeitgenossen voraus: in seiner nicht archäologisch begründeten, aber instinktiv richtigen Kritik antiker Bildwerke. Vom Belvederischen Apoll schreibt er: »Die Parthenonskulpturen werden den Rang, den diese Statue bisher einnahm, sehr herabsetzen. Die Majestät des Gottes scheint etwas theatralisch. Wir lasen Winckelmanns Beschreibung: Deutscher Schwulst! Der schlimmste von allen! ... Man fühlt hier bald die Notwendigkeit, sich vom antiken Schönheitsideal einen Begriff zu bilden, man hat nämlich dann hundertmal soviel Genuß an den Statuen. Aber vor allem muß man all die sinnlosen Phrasen beiseite lassen, die von Platon, Kant und ihrer Schule herkommen«; »ich muß gestehen, daß nach meinem Gefühl die von Lord Elgin von Athen mitgenommenen Skulpturen den Apoll, den Laokoon usw. übertreffen.« Die Einleitung der deutschen Ausgabe spielt freilich gegen Stendhals Schätzung der Antiken einen Satz Mérimées aus: »Die antiken Statuen erschienen ihm zu leidenschaftslos und als schöne Leiber ohne Geist ... Selbst Michelangelo lobte er, glaube ich, mehr, als er ihn liebte.« Ich weiß nicht, ob Mérimée recht hat. Stendhal ist, wenn er auch praktisch manchmal Konzessionen macht, im Grunde seines Wesens für das Schöne gegen das Hübsche, Gefällige, für das von innen heraus Energische gegen das Nichtssagende oder Outrierte. Thorwaldsens Pius VII. hätte er lieber dem Zorne Napoleons trotzend gewünscht als segnend. Aufschlußreich sind von diesem Gesichtspunkt aus seine Einwände gegen Bernini: er fand die Kathedra in St. Peter »hübsch und daher des Tempels unwürdig; denn der ist schön. Aber diese zwei Begriffe sind in vielen nordischen Köpfen nicht geschieden. Ein geistreicher Papst könnte die vier Statuen des Bernini irgendeiner amerikanischen Kirche schenken; für gute Bürger sind sie bewunderungswürdig, aber in ihrer komischen Übertreibung sind sie des Platzes gänzlich unwert, den sie in St. Peter einnehmen.« »Alle starken Bewegungen machen die Skulptur lächerlich: mit welcher Zurückhaltung haben die Alten den Schmerz der Niobe ausgedrückt.« Bernini erschien ihm als der eigentliche Vater des Rokoko und damit des Niedlichen, des schlechten Geschmacks. Dennoch waren ihm Leute, die den Mut ihres schlechten Geschmacks hatten, lieber als die pflichtmäßig Begeisterten: »Die Grundlage des guten Geschmacks heißt: keck das loben, was einem gefällt.« Er fand, der Franzose könne gar keinen Sinn für die Kunst haben: »Warum? er liebt das Hübsche und haßt die Energie«; »der Esprit ist das sicherste Mittel gegen künstlerisches Empfinden ... je feiner, leichter, pikanter der Esprit eines Mannes im Salon ist, desto weniger kapiert er Bilder ... Sinn für die Kunst ist dem versagt, der nicht gewohnt ist, melancholisch zu träumen.«

Dies ist allen Ernstes seine Formel: man muß gelitten haben, um Kunst zu empfinden; man muß vor allem gelitten haben, um Rom zu genießen, dies schweigsame, tiefe, wunschlose Glück. »Wir blieben vielleicht eine Stunde in diesem köstlichen Garten; oft vergingen fünf Minuten, ohne daß einer ein Wort sprach. Nein, im Norden gibt es keine ähnliche Stimmung; es war ein zärtliches, edles, rührendes Vorsichhinträumen; man glaubt nicht mehr, daß es böse Menschen gibt; man betet Correggio an.« »Nichts auf Erden läßt sich damit vergleichen. Die Seele ist weich und erhoben, ruhiges Glück erfüllt sie ganz. Aber dazu muß man Rom seit langem kennen und lieben. Ein junger Mann, der nie unglücklich war, verstände das nicht.«

Nichts liegt dem, der so empfindet, ferner, als die ästhetisierenden Albernheiten, mit denen wir in allen Künsten solange beschäftigt wurden: »Dank der hurtigen Methode des neunzehnten Jahrhunderts kann sich jeder Dilettant so viel aneignen, daß er von verminderten Septimen sprechen kann; dann hat er weniger Vergnügen und ist noch einmal so langweilig.« Nirgends macht sich Talmi-Begeisterung so geräuschvoll breit wie in Rom. Es ist erheiternd, die Gesichter dieser Begeisterten mit ihren Worten zu vergleichen: die Wangen sind ehrlich gelangweilt, die Mundwinkel hängen schlaff, das Auge blickt trüb und müde, weil es zuviel im Baedeker und zuwenig am Objekt haftete, aber der Mund lügt und tut es nicht unter »großartig« oder noch lieber »wunderbar«. Talmienthusiasmus ist ein zweckmäßiger Köder, um einen hübschen Mann, ein reiches Mädchen zu angeln oder wenigstens einen eleganten Flirt anzuknüpfen. Verwerflich ist der hitzige Mangel an Begeisterung, der sich selbst belügt, weil er nicht den Mut hat, sich durch Michelangelos stehenden Christus in der Minerva als gelangweilt zu bekennen und vor dem Laokoon verspätete Primanerschauder zu verhalten. »Wenn Raffael oder Beethoven in der Mode sind, betet sie der Pariser an, aber er empfindet sie nicht.« »Alles tut hier verzückt und plappert Phrasen nach; die Hauptsache ist, die modernsten Phrasen zu nehmen, damit sie nicht schon Gemeinplätze sind.« Ins Heutige übersetzt: man hüte sich, gegen Raffael zuviel zu sagen, nachdem ihn Wölfflin zu fünfzig Prozent rehabilitiert hat! Man hüte sich aber ebensosehr, Raffaels Porträts laut zu loben, denn hat nicht Max Liebermann verkündet, sie seien eigentlich doch nur kolorierte Zeichnungen, und der einzige Papstmaler Velasquez? Aber ist nicht auch dieser Velasquez von Meier-Gräfe sanft pensioniert worden? Kann man Innozenz den Zehnten im Palazzo Doria anständigerweise noch bewundern ohne kritische Vorbehalte einzuflechten zugunsten jener Grecos, die man nicht kennt? Ist dies Rom vom Standpunkte der neuesten Kunstdogmatik nicht überhaupt recht minderwertig? Kein Pissarro, kein Degas, kein Renoir, nicht einmal ein Picasso! Wir schwärmen für Vincent van Gogh und verachten die Schule von Athen als präexistenten Max Klinger. Was soll uns Domenichino? Wir lesen Noa-Noa von Gauguin und finden, alle europäische Malerei außer dem ewigen Manet und dem jeweiligen Greco sei Kitsch. Aber weh uns, wenn ein smarter Kunsthändler die heilige Stunde für gekommen erachtet, seine siebenundsiebzig unverkauften Schinken einem augenblicklich stellenlosen Weinreisenden mit Einjährigenvorbildung vorzuführen und dadurch über Nacht die Kunst zwischen der Rue Laffayette und Berlin um einen neuen Namen von unerhörtem Glanz und die telephonisch an sein Privatkontor angeschlossene Kunstwissenschaft um einen neuen Mann von unerhörter Überredungskunst zu bereichern ...

Stendhals Buch ist reich an jenen kleinen praktischen Ratschlägen, die den erfahrenen Reisenden verraten. Wie reist man in Gesellschaft? Eins der ältesten, immer wieder akuten Probleme einer Italienfahrt, das schon manche Reise zu einem peinlichen Verdruß machte und manche Freundschaft zerriß. »Man stelle sich zwei wohlerzogene Reisende vor, die zusammen gehen: jeder macht sich ein Vergnügen daraus, dem andern zulieb auf seine täglichen kleinen Pläne zu verzichten, und am Ende der Reise stellt sich heraus, daß sie sich gegenseitig in einem fort geniert haben. Wenn man zu mehreren ist und eine Stadt sehen will, so kann man eine Vormittagsstunde festsetzen, um zusammen aufzubrechen; gewartet wird nicht aufeinander; man nimmt eben an, daß die Nichtgekommenen ihre Gründe haben, diesen Vormittag lieber allein zuzubringen. Unterwegs gilt als ausgemacht, daß, wer zum Beispiel eine Stecknadel an den Rockkragen steckt, dadurch unsichtbar wird; man spricht ihn nicht an. Endlich kann ein jeder von uns, ohne dadurch unhöflich zu werden, in Italien Touren allein machen, sogar allein nach Frankreich zurückfahren.« Das gemeinschaftliche Reisen bietet hinwiederum große Vorteile, nicht nur hinsichtlich der Kosten, sondern gerade hinsichtlich des eigentlichen Reisezwecks: »Die Gewohnheit zusammen zu leben gibt ein gemeinschaftliches Wörterbuch und macht, daß man jede Andeutung versteht, wenn man von Nuancen spricht, zu deren schriftlicher Auseinandersetzung man zwei Seiten brauchte.« Man hat auf Reisen mittendrin das Bedürfnis völliger Einsamkeit und ebenso unerwartet wieder den Drang nach Geselligkeit: »Reizsame Menschen müßten verrückt werden, wenn sie immer allein wären.«

Manche Ratschläge Stendhals scheinen wie für den heutigen Tag geschrieben: »Wenn ihr in Rom ankommt, laßt euch durch keine fremde Ansicht infizieren; kauft kein Buch! Neugier und Wissenschaft werden ohnedies nur allzufrüh an Stelle der reinen Seelenbewegtheit treten. Fliehet den Anblick, noch mehr den Kontakt der Neugierigen! Wenn ihr am Vormittage die Denkmäler besichtigt und den Mut habt, es so weit zu treiben, daß ihr euch aus Mangel an Gesellschaft langweilt, dann müßt ihr schließlich die Kunst empfinden, und wäret ihr noch so sehr durch die kleinlichen Eitelkeiten des Salons verdorben. Im Augenblick, wo ihr in Rom ankommt, geschwind in eine Droschke, und laßt euch entweder direkt zum Kolosseum oder nach Sankt Peter fahren! Nicht zu Fuß! Ihr sähet zuviel Interessantes unterwegs, das euch um den großen ersten Eindruck brächte.« Aber man steige schon Piazza Rusticucci aus und lasse sich durch die Kolonnaden und beiden Brunnen allmählich in Stimmung bringen.

Manche Dinge kann man nur genießen, wenn man allein ist; sobald andere hinzukommen, beobachtet man unwillkürlich sie und nicht mehr das Kunstwerk. Man muß in den Gegenständen abwechseln; hat man vormittags Sehenswürdigkeiten betrachtet, so erhole man sich nachmittags im Freien, in einer der Villen; sonst wird man müde und verfällt dem »Bewunderungsekel«. Sich nicht ärgern! Kleine Verdrießlichkeiten, Prellereien, Überforderungen von vornherein ins Reisebudget einsetzen! Manche haben mehr Genuß, wenn sie mit modernen Sachen anfangen, mit Renis Aurora im Palazzo Rospigliosi, mit moderner Skulptur. Wenn man Werke, die als sehr schön gelten, nicht versteht, was tun? »Die Augen niederschlagen und in zwei Jahren wiederkommen.« Wenn man eine Reise nach Rom beschlossen hat, sollte man schon daheim – sich durch Bücher auf sie vorbereiten? nein! Fleißig in die Galerien gehen, um das Auge ans Sehen zu gewöhnen. Denn wenn man liest, fallen einem vor den Objekten nur all die Dummheiten ein, die man darüber las; »jede Diskussion, selbst die beste, vermindert den Genuß und nimmt den ehrwürdigen Resten etwas von ihrem Zauber.« Um die Benennungen und Umbenennungen der sogenannten Fachleute kümmere man sich keinen Deut: es sind bloß Wörter, und man ist doch gekommen, die Sache zu sehen! Die Gegenstände möglichst oft sehen, in verschiedener Stimmung! nur so bekommt man eine deutliche Vorstellung. Um die berühmte Aussicht von San Pietro in Montorio zu genießen, wähle man einen windigen Tag mit abwechselnden Wolken und Sonne: dann sind die unzähligen Kuppeln bald im Schatten, bald grell beleuchtet. Zwei ganz äußerliche Ratschläge: Man geize nicht mit Trinkgeldern, sie sind oft das bestausgegebene Geld der ganzen Reise; und man kleide sich einfach und trage keinerlei Schmuck.

Einen sehr wichtigen Rat gibt Stendhal indirekt: er verzeichnet, mit welchem Genüsse er sich in die italienische Literatur einliest, in Petrarka, die Autobiographie des Benvenuto Cellini und vor allem in Dante. Es ist ein Irrtum vieler Reisender, Italien einseitig von der bildenden Kunst aus zu studieren. Die vorbildlichen Italienfahrer haben es von je anders gehalten; schon der Präsident de Brosses las sich, obgleich ein Zeitgenosse und Geistesverwandter Voltaires, in Dante ein und schloß eine Zeitlang seine Briefe mit den heiteren Stanzen Ariosts. Dante vor allem begrüßt den Reisenden schon zwischen Mori und Ala und verläßt ihn erst

»bei jenem Horn Ausoniens, das umsäumen
Baris, Gaetas und Crotonas Zinnen« (Par. VIII, 61);

wer ohne Kenntnis der Divina Commedia in Ober- und Mittelitalien reist, hat nur den halben Genuß.

Stendhal erzählt, er habe seine Römischen Spaziergänge geschrieben, weil er oft gewünscht habe, ein solches Hilfsmittel möchte existieren; so entstehen in der Tat oft die feinsten Bücher. Als Leser dachte er sich the happy few, mit welcher Widmung das Werk schließt. Dies Werk selber jedoch, von dem Zitate nur einen höchst unvollständigen Begriff zu geben vermögen, ist eines der anregendsten Bücher über Rom geworden, jedenfalls das tatsachen- und ideenreichste der französischen Italienliteratur, zugleich, wegen der vollständigen Abwesenheit eines Plans, eines der abwechslungsreichsten und am wenigsten ermüdenden. Antike Kunst, Basiliken, Hochrenaissance, Spaziergänge, Campagna, Gesellschaft, römische Geschichte, kirchliche Geschichte, Chronique scandaleuse, Renaissancenovellen, Gerichtssaalberichte, Zitate aus Dante und Lord Byron, Genrebilder aus dem Volksleben, Schilderungen aus dem Fremdenviertel, Beschreibung einer Papstwahl und der Zeremonien der Osterwoche, das alles und unzählig mehr noch zieht vorbei in buntem Nacheinander, um zu verschwinden und plötzlich wieder aufzutauchen; das alles ist gleichzeitig vorhanden, wird gleichzeitig beobachtet. Ein Eindruck jagt, vernichtet, verstärkt, lockt den andern. Bald bleibt der Verfasser seitenlang bei der Stange, bald schweift er beständig ab, kommt vom Hundertsten ins Tausendste. Er ist launisch, naiv begeistert, absichtlich paradox, kritisch das eigene Urteil berichtigend. Sein Enthusiasmus ist oft so groß, daß er bedauert, nicht in einer hieratischen, nur den Eingeweihten, to the happy few, verständlichen Sprache schreiben zu können; und oft so gering, daß er den Leser wie mit einer kalten Dusche begießt.

Durch diesen Wechsel von Gegenständen und Stimmungen ist Stendhal der erste, der das Verhalten des modernen Menschen zu Rom ausdrückt: das beständige aus einer Stimmung in die andere Geworfen-Werden, die nervöse Hast, auf Rom zu reagieren, das Kämpfen mit äußeren Schwierigkeiten und inneren Hemmungen. Stendhal drückt dies aus, sicher unabsichtlich. Sein Buch entspricht in seinem inneren Rhythmus dem inneren Rhythmus derjenigen, die sich in Rom einleben und einfühlen; es hat die innere Form seines Gegenstandes. Dadurch steht Stendhal über seinem unmittelbaren Vorläufer De Brosses und über seinem Nachfolger Taine. (Denn dies ist die große Linie der Entwicklung: Chateaubriand, Louis Veuillot, Bonstetten und so weiter stehen außerhalb dieser Linie, so gut wie Goncourt und Renan, Zola, Bourget und Anatole France.) De Brosses hat Rom gegenüber noch die ganze Sicherheit des spöttischen und genießenden Erben einer reichen Kultur, Taine schon die nicht immer angenehme Sicherheit des Gelehrten. Stendhal weiß auch genau, daß der Präsident von Dijon sein direkter Vorgänger ist. »Dupatys lächerliche italienische Reise hat vierzig Auflagen, die des Präsidenten De Brosses hat es nicht zur zweiten gebracht.« Er nennt die vier eklatanten Vorzüge seines Vorgängers: »Der Präsident hatte das Altertum gründlich studiert; seine Seele zog das Schöne dem Hübschen vor; er war zu wohlgeboren, um sich zum Charlatan herabzuwürdigen; er sah nicht voraus, daß seine Briefe eines Tages gedruckt würden.« Der letztere Grund scheint Stendhal so wichtig, daß er später ausdrücklich noch einmal darauf zurückkommt.

Aber auch Taine ist sich bewußt, daß er auf Stendhals Schultern steht wie Stendhal auf denen des Präsidenten. »Hier hat unser armer Stendhal so lange gelebt«, notiert er sich in Civitavecchia, wo damals (1864) ein Archäologe hauste, der Stendhal noch gekannt hatte, für liberal galt und deswegen seit zwanzig Jahren nicht die Erlaubnis erhalten hatte, nur drei Stunden in Rom zuzubringen (Voyage en Italie, I, 10). Taine spricht von den Einwänden, die er gegen Stendhals Individualismus erhebe, den er doch so sehr bewundere, wundert sich über Stendhals Schwärmerei für Canova, über seine Begeisterung für das Grabmal Clemens' XIII. besonders: hat das Bedürfnis, sich mit Stendhal auseinanderzusetzen, weil er weiß, daß er ihn unmittelbar fortsetzt, freilich nicht mehr sich gehen lassend, sondern planvoll, methodisch, vielleicht etwas summarisch und nicht mehr so vorurteilsfrei; Stendhals Urteil steht überall ein wenig zwischen Taine und den Dingen wie eine gläserne Wand: sie ist durchsichtig, aber sie wirft Reflexe.

Der Zauber Roms als Stadt ist so groß, daß selbst ein durchaus mittelmäßiges Individuum noch dadurch eine ephemere Bedeutung empfangen mag, daß es, und sei es noch so flüchtig, den großen Gegenstand widerspiegeln durfte. Wir schätzen das Urbild Roms so einzig, daß noch ein Kotzebue gelesen wird, wenn all seine Theaterstücke versunken sind, weil er in Rom war; wie wir um die Handzeichnung des subalternsten Zeitgenossen Goethes froh sind, wenn sie aus einem Jahr stammt, das uns kein andres Dokument hinterließ. Die ewige Stadt äternisiert ihre Pilger, und wäre es nur wie der Bernstein das Insekt. Wie ungeheuer ist Griechenland vor unsern geistigen Augen gewachsen, seit Stendhal in den Elgin Marbles die Entthroner des Belvederischen Apoll ahnte, und wie gar nichts konnte all die tiefere Erkenntnis griechischer Kunst, all die rücksichtslose Durchschauung römischer Antike als eines Produkts aus zweiter Hand, römischer Renaissance als heroischer Vereinseitigung, ja Vergröberung des florentinischen Eros der Schätzung der einzigen Stadt anhaben! Hegen wir nicht der italienischen Schriftstellerei Ruskins gegenüber, trotz aller Bewunderung im einzelnen, das Gefühl, als fehle ihr der archimedische Punkt, bloß weil er nicht in Rom gewesen ist? Andrerseits wirft die Tatsache eines römischen Aufenthalts über ganze Menschen einen Glanz, der völlig der Stadt zu verdanken ist, nur zum geringen Teil dem Individuum. Rom ist zu vornehm, als daß es uns nicht tausend Ähren wiedergäbe, wo wir ein armes Korn spendeten. Es läßt sich nichts schenken. Es ist unerschöpflich wie seine Brunnen, die von Schale zu Schale strömen, weil Eimer um Eimer aus dem obern Kelche quillt. Es läßt jedes Detail kritisieren, um als Ganzes über jedem Versuche zur Kritik zu stehen. Wimmelndes Leben krabbelt über dem ungeheuren Organismus, der ruht wie der Flußgott Nil in der vatikanischen Glyptothek: nachsichtig heiter, und kaum der Putten achtend, die kindisch spielen um den ungeheuren Leib.

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