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Franziska

: Franziska - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/weiss/franzisk/franzisk.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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5

Solche Traumesnächte glitten wie Wolken über Franziskas Leben hin, aber sie spiegelten sich nicht in ihrem Leben; denn wann hätten sich Sonne und Sterne in einer geschotterten Landstraße gespiegelt? Eine Stimme in ihr sagte »Vorwärts!« ganz gleich, wohin. Von einer Stufe der Kunst zur anderen, von einem mühsam ersparten Pfennig zum anderen. Jede Ruhestunde, in die sie schonungslose Arbeit zwängte, schien ihr Gewinn, jede Schwierigkeit, die sie überwand, positives Glück, Reichtum jeder Tag.

Das erste, das letzte, der Tod blieb unfaßbar.

Sie sprach es nicht aus, sie fühlte es: ich bin keine von denen, die sterben können; eines Tages werde ich vielleicht zu ihnen gehören, aber dann werde ich der Franziska von heute zuwinken, vom anderen Ufer her, ein anderer Mensch wird zurückbleiben, mit einem anderen wird ein neues Dasein beginnen und enden.

Eines Tages wartete sie im strömenden Regen auf Torvenius, ihren Klavierlehrer. Sie stand in der Tür seines kleinen Häuschens, sah hinaus auf den Rasen in den winzigen Vorgarten, der in der frühlingsschweren Luft zu wachsen schien. Endlich kam Torvenius; er trug einen Koffer in der Hand. Seine Augen glänzten sonderbar, und seine Hand zitterte, als sie den Schlüssel ins Schloß des Koffers steckte.

Aber Franzi dachte nie über Menschen nach; sie spielte; Torvenius schwieg und sah ihr zu. Die Sonate war zu Ende; Franzi wandte sich zu ihm und wartete auf sein Urteil. Er stand auf, öffnete den Koffer und zog den Leichnam seines Hundes heraus.

»Alles stirbt«, dachte Franzi. Gestern war der Hund noch umhergelaufen und hatte mit einem abgenagten Knochen am Pedal des Klaviers geschabt. Nun schien ihr das Tier von heute ein anderes zu sein, ein Doppelgänger des lebendigen. Aber es graute ihr vor beiden.

»Was ist das jetzt? Nun werden die Leute sagen, ich hätte den Orla zu Tode geprügelt«, sagte Torvenius, »aber ich habe ihn ja nie angerührt. Die Bestie heulte, wenn ich zur Tür hereinkam. Das Aas heulte eben zum Vergnügen. Papageien werden 150 Jahre alt, aber Hunde müssen genau so sterben wie Menschen. Was sagt Orla?« Er beugte sich über das entkräftete, offenbar an Altersschwäche verendete Tier und nahm ihm ein weißes Handtuch ab, das er ihm um den Hals geschlungen hatte.

Warum er den Hund in seinem Koffer herumgeschleppt hatte, erfuhr niemand. Vielleicht hatte er ihn irgendwo verscharren wollen.

Torvenius verschwand am nächsten Tage auf einige Wochen. Franzi übernahm die Klavierstunden, die er bis dahin erteilt hatte. Plötzlich erschien er wieder in der Stadt. Er betrank sich nicht mehr, aber gerade jetzt wichen ihm sonderbarerweise die Leute aus und zeigten ihm offen, daß sie ihn verabscheuten. Endlich nahm ihn der Besitzer eines Kinematographentheaters als Klavierspieler auf. Atemlos gebannt hingen die Leute an der leuchtenden Fläche, keiner hörte auf das Spiel, keiner merkte, daß dem Klavierspieler die Sehnen der rechten Hand den Dienst versagten. Franzi traf ihn manchmal auf der Straße. Nun grüßte er demütig, lief ihr sogar nach und wollte mit ihr reden; aber Franzi fühlte, daß sie ihn haßte. Ihr graute vor ihm wie vor seinen zwei Hunden. Das war so deutlich auf ihrem Gesicht zu lesen, daß er sich ohne Worte wieder davonmachte. Am nächsten Abend sah ihn Franzi im Kinematographen; eine tropische Landschaft, windbewegte Bäume, dunkle Kähne, hellglitzerndes Wasser und rauschende Ruder – alles zog vorüber. Torvenius saß an seinem Klavier, den Kopf zurückgelehnt, die Augen halb geschlossen. Um sein gequältes Gesicht zitterte der Widerschein des wandelnden Lichtes. Und in diesem Augenblick erschien ihr sein Gesicht schön, von einer inneren Flamme erhellt. Aber das war nur ein Augenblick.

Diese Stunde im Kinematographen, Sonnabendabend von sieben bis neun Uhr, diese Stunde war ihr Sonntag. Denn sie hielt die Sonntage nicht mehr. Und seitdem sie nicht mehr in die Kirche ging, glaubte sie auch nicht mehr an Gott.

Es waren harte Tage, bis an den Rand gefüllt mit Arbeit: und an manchem Sonnabend fühlte sich Franzi müde zum Sterben. Der Kopf dröhnte; die Finger krampften sich zusammen, und es knirschte in den Gelenken. Sie fühlte Schmerzen von den Fingerspitzen bis zu den Schultern. Das schwerste war, daß sie dann an sich zu zweifeln begann. Dieser Zweifel schmerzte mehr als die Gelenke. Und doch überwand sie sich, blieb stark. Denn sonst hätte sie dieses Leben nicht jahrelang ertragen. Sie konnte unbarmherzig streng gegen sich sein; sie mußte es sein. Wenn sie ein Stück auswendig spielte und plötzlich ihr Gedächtnis auch nur eine Sekunde lang zögerte, dann wartete sie nicht, bis es wirklich versagte, sondern sie verurteilte sich dazu, das ganze Stück abzuschreiben, von den donnernden Akkorden des Beginns bis zu den feinen Arabesken des Finales, die so wesenlos schienen und doch so unbeschreiblich mühsam waren. Sie saß lange Nächte hindurch aufrecht im Bett, ein altes Zeichenbrett von Vaters Zeiten her auf den Knien, und schrieb, bis ihr die Feder aus den Fingern sank. Aber wenn sie morgens erwachte und die Knie kaum bewegen konnte – denn diese waren von dem schweren Zeichenbrett fast gelähmt –, da fühlte sie sich jung, fühlte sich endlich, endlich glücklich, vom Leben als einzige unter Tausenden auserwählt, sie fühlte den Hauch einer großen Zukunft sich entgegenwehen: da erhob sie sich über ihre Geschwister, über den alten Torvenius, über all die matten Menschen der kleinen, grau- und braunfarbenen Stadt und über sich selbst; über die unvollkommene Franziska von gestern abend, die beim 58. Takt der Fis-Moll-Sonate von Schumann versagt hatte. Sie erwartete Übermenschliches von sich, Grenzenloses vom Leben. Das gab ihrem Auge den Glanz der Überwältigten, ihrer zarten, feingliedrigen Figur die Kraft, ihren herben Zügen die Schönheit; das adelte sie. Aber es machte sie auch leer, herzlos, kalt bis zur Härte, empfindlich bis in die letzten Fingerspitzen und, wie alle Hochmütigen, im tiefsten Innern wehrlos wie ein Kind.

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