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Franziska

: Franziska - Kapitel 50
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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10

Franzi zog die Vorhänge von den Fenstern fort, und Licht sickerte herein. Gedämpft dröhnte die Straße. Die Magd in der Küche keifte, eine Katze entfloh fauchend aus dem Keller. Dann wurde es still. Franzi konnte es nicht ertragen, die Sterbende in ihrem Rücken zu wissen. Sie zwang sich dazu, zu ihr zurückzukehren.

Aber Hedys Augen schienen sie nicht zu sehen. »Es ist vorbei«, dachte Franzi.

Plötzlich aber raffte sich Hedy auf. In ihren Augen spiegelte sich blind die weiße Bogenlampe, die jenseits der Feuermauer über einer fremden Straße schwankte. Mit klammerndem Griff riß sie ihren Rock zum Gesicht empor, die Knöpfe ihres Handschuhes klirrten über das Metall der Strumpfhalter, ihre weiße Wäsche knisterte, zarte Volants schimmerten sanft wie irgendwem zur Freude. Auf einmal ließ alle ihre Kraft nach, ihre Hände fielen zurück. Ihre Augen wollten sich schließen, endlich, endlich doch, aber eine unüberwindliche Kraft hielt sie offen und überschüttete die wehrlosen Augen mit Licht. Von allen Seiten kam das Licht, es rollte herab von einer fernen Lampe wie von einem fremden Stern.

»Ich darf es nicht sein, die ihr die Augen zudrückt«, dachte Franzi. »Wo ist Erwin? Ihr Erwin? Erwin! Warum läßt er uns allein?«

Sie nahm das Taschentuch fort, von Hedys schönen Lippen floß kein Blut mehr.

Erwin pochte an die Tür.

»Jetzt denkt er noch daran, anzuklopfen«, dachte Franzi.

»Wie hast du solch einen Menschen lieben können?«

Sanft zog sie Hedys Rock bis zu den Knöcheln hinunter.

Erwin stand mitten im Zimmer. »Wir haben nichts gefunden. Man telephoniert.«

»Es ist gut.«

Niemand rührte sich. Hedys gemarterte Augen wanderten umher. Von der Tür her kam grelles Licht. Es gab eine Qual, die stärker war als Worte. Noch einmal warf sich Hedy empor, noch einmal krallten sich ihre kleinen, unmündigen Hände in den dünnen Stoff ihres Rockes, rissen diesen Stoff an eine unsagbar gequälte Brust. Hedy beugte ihren Kopf mit dem dunklen Samthut, reckte ihn in die Dunkelheit, wollte ihn vor dem Licht verbergen und konnte es nicht.

Kalt gleißte ein schmaler Streifen nackter Haut ...

»Du sollst jetzt gehen ... Erwin«, sagte Franzi sehr weich.

Erwin hielt sich unbeweglich in der Mitte des Zimmers. Zum erstenmal sah Franzi an ihm eine aristokratische Haltung. Aber wie er jetzt dastand, kalt und kraftlos, immer zwischen den Menschen und nie in ihnen, begriff Franzi die kleine Hedy und verstand sich selbst nicht mehr. »Nun erst ist alles vorbei«, dachte sie. »Wie grauenhaft geht diese grauenhafte Zeit zu Ende.«

»Warte draußen, Erwin, bis der Doktor kommt. Ich habe mit Hedy gesprochen, sie braucht nur Ruhe, laß uns allein.« Erwin ging. Franziska schloß die Tür und verlöschte das Licht.

Franziska hüllte Hedy enger in ihren Mantel. Wie zart sie ist! dachte sie.

Bloß ganz sanftes Licht drang von außen herein. Kein Wind rührte sich, still stand die Bogenlampe in der unbewegten Luft. Aber irgend etwas glitzerte an Hedys Lippen ... Es waren zwei Glassplitter. Franzi nahm sie fort. Hedys Hände sträubten sich, ganz weich nahm Franziska sie in ihre Hände. Sie fühlte Hedys Puls, ganz beseligt fühlte sie ihn selbst durch die grauen Glacéhandschuhe hindurch. Als aber die Handschuhe abgestreift waren, waren die Hände kalt. Wie oft hast du selbst kalte Hände, dachte Franziska, wenn du zu enge Handschuhe trägst. Aber sie belog sich nur einen Augenblick. Ein Glück flackerte in sich zusammen. Der Puls schlug nicht mehr.

Aber noch war Leben in Hedy. Noch wird sie es fühlen, dachte Franzi, wenn du gut zu ihr bist. Aber wenn sie auch die Küsse nicht fühlte, fühlte Hedy doch, daß jemand zu ihr sprach? Sie anhauchte mit seinem Herzen? Und der schmale Kopf drängte sich näher an Franzis warmen Schoß.

Franziska beugte sich über Hedy, legte die immer noch Geblendete in ihren Schatten und breitete ihre Hände über ihren noch immer aufgerissenen Augen aus. Morgen werden wir alle leben, können wir leben, müssen wir leben. Nur diese nicht. Die Wimpern bewegten sich, streichelten die Innenseite ihrer Hand, wogten leise, Schmetterlingsflügeln gleich.

Aber als plötzlich die Tür aufging und eine Menge fremder, lärmender Menschen in das Zimmer strömte, bewegten sich Hedys Augenwimpern nicht mehr.

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