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Franziska

: Franziska - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/weiss/franzisk/franzisk.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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4

Junge Menschen haben eine rücksichtslose Energie. Franziska kannte das Leben nicht; kannte nicht die Kunst: sie glaubte beide mit bloßen Händen überwinden zu können. Für das erarbeitete Geld nahm sie Klavierunterricht bei einem alten Organisten, der früher einmal Orgelvirtuose in Leipzig gewesen war: aber Torvenius war der Musik ebenso ergeben wie dem Trunk, und so waren ihm bei einem Gasthausstreit mit einem Bierglasscherben die Beugesehnen der linken Hand zerschnitten worden. Nun, nach der erzwungenen Rückkehr in die Heimat, wollte er sich am Leben rächen, das ihm unrecht getan hatte, und diese Rache bestand darin, daß er sich fast täglich bis zur Sinnlosigkeit berauschte und einen kleinen Hund namens Orla blutig schlug; und doch war das in seinem Schmutz halbverkommene Tier das einzige Wesen, das er liebte und dem er seine Zärtlichkeit durch plumpe Liebkosungen bewies.

Er beneidete, haßte und verachtete Franziska; nur die bitterste, atembeklemmendste Not konnte ihn zwingen, ihr weiterzuhelfen. Er dachte sie damit zu quälen, daß er sie vor die schwersten Aufgaben stellte; aber ein Mensch wie Franziska kannte keine Müdigkeit. Wenn sie bis spät in die Nacht in der feuchten Waschküche die Wäsche gewaschen oder Körbe mit Kohlen und Holz die Treppen aus dem Keller heraufgeschleppt hatte, fand sie immer noch Zeit, zu üben und theoretische Bücher und Partituren zu lesen. Alles erschien ihr leicht im Vergleich zu den drei Wochen, in denen sie sich das freie Phantasieren abgewöhnt hatte. Denn das waren ihre einzigen ganz hellen, freudebestrahlten Stunden gewesen. Das war ja herrlich über alles: spielen, woran man dachte, wirklich spielen, die Schönheiten der gegenwärtigen Erde und des halbverträumten Erinnerns wie bunte Bälle durch die Abendstille werfen, mit feinen Fingern sich das Süßeste auf den Tasten zusammensuchen und plötzlich doch erschauern vor einer ganz neuen, unbegreiflich wundervollen Harmonie, die im nächsten Augenblick windverweht ins Niedagewesene entschwand, über das gesenkte Pult des Klaviers schritten in der Abenddämmerung die biblischen Gestalten, von denen der Vater ihr erzählt hatte: der verlorene Sohn, der zögernd an die hölzerne Tür klopfte und von liebenden Akkorden empfangen wurde, oder Ruth, die glückselig in der sinkenden Herbstsonne über die rauhen Stoppelfelder ging, oder die Muttergottes, die stets die Arme ins Leere ausstreckte und unsichtbare Tränen in den Augen hatte, die Frau Lots, die, zur Salzsäule verwandelt, in der Wüste auf einer Sanddüne dastand und im Regen kleiner und kleiner wurde. Wie sich einst Musik und biblische Kleinkindererinnerung vereinigt hatten, das verstand sie später nach diesen hungrigen drei Wochen nicht mehr.

Auch die Gestalt des Vaters und die Erinnerung an den blonden Knaben in der schwarzverhangenen Kirche wurde gleich der der Frau Lots immer durchsichtiger: Franziska, die Siebzehnjährige, fühlte schon weit hinter sich eine erste Jugend, ein für immer verlassenes, längst ins Unrettbare versunkenes Reich.

Und doch war es auch jetzt noch an manchen Tagen herrlich zu leben. Denn alles, was sie erlebte, jeder Augenblick, der seine Flügel vorüberschimmern ließ, gehörte ihr allein, jeder Schritt, den sie tat, zog in unnennbare Fernen, weit war der erste Saum des dunklen Waldes, weit waren die in der Frühlingsdämmerung zitternd erwachten Lichter der kleinen Stadt im Tal, alles fiel ihr mitten in die rauhen, abgearbeiteten Hände; wenn sie eine Fuge von Bach, ein Scherzo von Haydn, eine Sonate von Beethoven spielte, so war es immer, als hörte sie es zum erstenmal, als gehöre ihr nun diese Musik allein; und ging sie unter dem ferngestirnten Firmament unter nachtbehangenen Bäumen, so fühlte sie das Unentrinnbare der Stunde süß, nahm es auf in tiefster Seele, weil sie wußte, niemals kehrt es wieder.

Menschen, die so stark an sich selbst hängen, die sich keinem zweiten Menschen geben wollen, die geben sich der Natur, der Unendlichkeit des Unbeseelten hin. Sie versinken darin, berauschen sich an der Stille, am Nebel, am Waldesduft. Wenn jetzt, hart neben dem Weg, ein Eisenbahnzug aus den ernsten Wäldern hervordonnerte, stampfend wie auf Gigantenfüßen, leuchtend in tausend goldenen Funken, die aus dem dunklen kegelförmigen Schlot der Maschine hervorströmten wie ein Zug Bienen aus sonnengebräuntem Korb am Gartenrand, wenn plötzlich die Flamme aus dem Kamin hervorschlug und sich in dichtem, rotem Rauch hoch über die windgebeugten Baumwipfel emporbäumte, da jubelte Franziskas jungfräuliches, starkes Herz dieser unüberwindlich schreitenden Kraft entgegen: denn sie fühlte, daß sie lebte.

Als der schwere Zug in die Ferne gerollt war, war sie plötzlich müde, es rief sie das Zimmer daheim, das Sterbezimmer ihrer Mutter, das nun ihr gehören sollte, und Mutters Bett, in dem sie diese Nacht und alle anderen kommenden schlafen mußte.

Henriette war noch nicht daheim. Aber in der Ofenröhre war noch etwas Essen aufbewahrt. Dachte Minna nicht an alles? Und woran dachte sie jetzt?

Franziska mochte nichts essen; ihr war, als könne sie vom Schlaf allein satt werden; sie zog den Schlaf ein wie einen berauschenden Duft, und als sie wußte, daß sie schlief, sehnte sie sich nach einem Traum, und fühlte sofort die müden Augen angekettet an eine Erscheinung. Als erste stand ihre Mutter vor ihr, einen schwarzen Strumpf um den Hals und lächelte ihr ernst zu. Aber sie stand gar nicht da, sondern schleppte sich am Boden hin; schon zog sie die Tochter mit sich und griff heftig nach ihr, wenn Franzi müde zurückbleiben wollte. Und wie sie so dahinging, scharrte sie unaufhörlich in der Erde, das Ende des Strumpfes, der auf der Erde nachschleifte, war eigentlich aus Eisen und grub eine tiefe Rinne in den Boden, in den Händen hatte die Mutter ihr Eßbesteck aus schwarzem Bein und den dünnen silbernen Löffel, und diese Gegenstände wollte sie nun in der Erde verscharren. »Ihr braucht sie ja gar nicht mehr«, sagte ihre Stimme, »Minna ist fort, ihr andern verdient sie nicht.« Plötzlich zeigte sie mit furchtsam bösem Blick nach rückwärts: da ging auch der Vater, bleich, mit einem tiefen Schirm über die Augen, und wollte die schwarzglänzende Okarina, auf der er immer gespielt hatte, in seiner Brusttasche verstecken; sie war drei Monate nach seinem Tod plötzlich zerbrochen, obwohl sie längst ruhig im Glaskasten auf grünem Samtpolster lag. Dann kamen noch viele Gestalten, auch lebende, die bloß aus der Stadt verschwunden waren; und ein kleiner Knabe, den sie aus den Kinderjahren kannte, hielt eine abgelaufene Zwirnspule in der Hand. Um alle Gestalten war Halbdunkel, und ihre Schritte klangen wie murmelnde Stimmen.

Plötzlich stieg eine lohende Flamme vorn empor. Alle Gesichter wandten sich nach oben, alle waren entzückt, Staunen und Jubel lag in jedem Auge. Ringsum war Wüste, einsame Palmen streiften mit tief herabhängenden Blättern den nachtfeuchten Sand, eine leise, wundervoll fließende Melodie rauschte hinter einer Sanddüne wie ein Quell, und jetzt sah Franziska sich allein im halbdunklen Zimmer sitzen; ernüchtert glaubte sie sich in die Wirklichkeit zurückgeworfen. Aber die Musik dauerte fort. Sie hörte sich selbst auf dem Klavier phantasieren, fühlte, wie sie immer neue Töne, immer neue Harmonien mit den ausgebreiteten Armen empfing. Auch das alte Klavier ging schwerfällig auf seinen drei Beinen dahin, strebte der lodernden Feuersäule entgegen wie alle die anderen; die Mutter aber stand am nächsten, fast in der Mitte der singenden Glut, ihr blasses Gesicht war selig zurückgebeugt, und all die feinen Runzeln und Falten ihrer Züge erglänzten in Goldfäden. Da fühlte Franzi plötzlich alles langsam weit, weithin versinken, alles entschwinden: sie erwachte. An der Tür stand Henriette und leuchtete in das Zimmer hinein.

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