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Franziska

: Franziska - Kapitel 48
Quellenangabe
pfad/weiss/franzisk/franzisk.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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8

Franziska war daheim. Erwin lächelte, irgend etwas in ihm lächelte gegen seinen Willen. Aber Franziska, licht und strahlend in ihrem weißen Kleid, sah kalt an ihm vorbei zur Tür.

»Du kommst also doch?«

Er sah auf die Uhr. »Du hast recht, ich kam etwas zu spät, aber es ist nicht meine Schuld ...« ›Wessen Schuld ist es‹, dachte er. ›Ist Franziska ein Mensch, dem man von einer Hedy erzählen könnte?‹ »Auch du warst nicht allein. Ich glaubte, die Constanza sei noch bei dir.«

Franziska wartete einen Augenblick mit der Antwort. »Ist das ein Hindernis?«

»Ich dachte, alles wäre anders geworden, wenn du die Constanza nie gekannt hättest.«

Wäre die Constanza nie nach Prag gekommen, dachte Erwin, dann wäre Franziska das geblieben, was ich bin, wir hätten uns vertragen als zwei gleiche Menschen mit einem mäßigen Einkommen, einer mäßigen Liebe, mit mäßigen Wünschen. Wo sind wir jetzt? Sie ist am Anfang, ich bin am Ende.

»Nun Erwin? Was willst du jetzt von mir?«

»Ich von dir? Hast du mich nicht für zehn Uhr bestellt?«

»Ich wollte dir deine Sachen einräumen. Aber wie ich sehe, hast du es schon ohne mich getan. Ich hoffe, du hast nichts vergessen.«

Sie hatte den Deckel ihres Koffers aufgeschlagen, den Einsatz herausgehoben und wühlte nun ungeduldig in dem Koffer umher. Ihr Kleid, das von der Achsel her frei war, flatterte. Ihr weißer Arm, zart und sehnig zugleich, leuchtete im Licht der Kerze. Franziska stand auf und sah zur Tür.

»Weshalb schließt du nicht die Tür? Erwartest du hier Besuch? Bitte, laß dich ja nicht abhalten. Deine Sachen scheinen ja in Ordnung zu sein. Nein, das gehört dir. Auch das ... wie es scheint, hast du alle deine Taschentücher bei mir gelassen. Und wie willst du ohne Taschentücher leben? Bitte, nimm sie doch! Sie sind dein Eigentum, von deinem Geld gekauft. Wo ist dein Koffer? Wir wollen doch endlich einmal Ordnung machen. Nimm ihn nur ruhig hinein, wahrscheinlich stehen er und Fräulein Hedy vor der Tür ...«

Er schüttelte den Kopf. Sie nahm Erwin bei den Schultern, zog ihn zu sich, und dann legte sie die Taschentücher, zu je vier Stück geordnet, in die Taschen seines Rockes. »Nun, mein lieber Erwin? Noch etwas? Bist du nun zufrieden? Dann adieu ...« Sie streckte ihm die Hand entgegen. »Ich reise heute nacht ab, wir müssen uns also adieu sagen ... Sieh mich nicht so an, ich scherze nicht, diesmal lasse ich dich allein, jetzt ist es mein Ernst! ... Ich reise über Prag nach Verona, die Constanza muß wohl oder übel mit. Aber schließlich opfert sie sich mir zuliebe. Ich bin also morgen um zehn Uhr in Prag ... Und du?«

»Habt ihr nicht über eure Zukunft gesprochen?«

»Unsere Zukunft?«

»Vor zehn Minuten hat sie noch geatmet, gehustet«, dachte Erwin, »sie hat mich mit dem Koffer gegen die Tür donnern lassen, hat geschwiegen. Sie hat alles gehört – oder doch nicht alles? Nicht mehr alles? Und doch geschwiegen? Kein Laut? ... und jetzt?«

Er schwieg. Auch Franziska schwieg.

»Nun, auf jeden Fall kannst du mir morgen noch deine neue Adresse mitteilen. Vielleicht durch ein Telegramm.

Oder erwartest du noch etwas von mir? – Du kannst in bezug auf mich ganz ruhig sein. Ich habe mit allem abgeschlossen. Du warst heute von bewunderungswürdiger Aufrichtigkeit. Eigentlich warst du es immer. Aber ich wollte es dir nur nicht glauben, sonst wäre es nie zu so einer Szene gekommen wie heute vormittag. Ich habe das alles bereut, es tut mir sogar leid, daß ich dich damals mit mir nach Prag geschleppt habe. Vielleicht hättest du aber auch in Prag arbeiten können, wenn du mir nicht krank geworden wärst.«

»Ja, ich war krank«, dachte Erwin. »Und ich habe Franzi immer noch nicht für ihre Mühe gedankt. Ohne die Chinininjektion wäre ich tot ... wer aber wird bei der armen Hedy bleiben?«

»Nun, Erwin?«

Erwin schrak auf.

»Mein Lieber, ich halte dich nicht. Du willst gehen? Das soll dir nicht schwer fallen. Worauf wartest du dann noch ...?« Erwin lauschte. Hedys Zimmer lag vielleicht über diesem Zimmer. Man hätte das Zuschlagen der Tür hören müssen, denn Franzi hatte nur ganz leise gesprochen.

»Bist du jetzt für die erste Zeit in Verlegenheit? Aber warum sprichst du nicht davon? Ich habe unser Zusammensein immer als eine Art Ehe betrachtet. Solange ich mehr Geld besitze als du, kannst du dich ebenso an mich wenden, wie du dich an deinen Vater gewandt hättest.«

»Nie hat sie von meinem Vater gesprochen«, dachte er. »Aber auch ich habe lange nicht mehr an ihn gedacht. Man vergißt alles. Meine Mutter hat gelebt, und jetzt ist mir, als hätte ich sie nie vor mir gesehen. Alles wiederholt sich, aber so grauenhafte Dinge wie meines Vaters Tod wiederholen sich nicht. Es ist gegen die Wahrscheinlichkeit, es ist gegen jede Vernunft, gegen jede Rechnung, daß Hedy ebenso zugrunde gehen sollte wie er. Es ist ganz unmöglich, daß einem Menschen alles, was er liebt, durch Selbstmord zugrunde ginge ...«

»Lieber Erwin, nimm das Geld mir zuliebe an. Wenn du unglücklich sein willst, gut. Aber nicht unglücklich durch Geldsorgen. – Nein, verzerre doch dein Gesicht nicht so. Nein, ich weiß, du bist schweren Sorgen nicht gewachsen. Und dann: du hast so gut wie gar nichts bei dir. Ich weiß einen Ausweg: Für dich sagst du nein, und für Hedy sagst du ja.«

»Ich danke dir, Franziska. Aber ich brauche nichts, und Hedy würde kaum Geld von dir nehmen.«

»Nicht von mir. Das Geld gehört dir. Konventionelle Rücksichten kommen doch bei uns nicht in Betracht. Hat sie einen Beruf?«

»Ich weiß nicht ... wahrscheinlich.«

»Wahrscheinlich? Dann ist sie sicher außer Stellung. Sieh, lieber Erwin, es gibt keinen Menschen auf der Welt, der mir gleichgültiger ist als sie. Aber bitte, sieh in den Spiegel, du wirst sehen, wie blaß du bist. Wenn es irgend möglich ist, sollst du mit deiner Arbeit und deinem Studium noch zwei Monate warten. Der Arzt hat mir das ausdrücklich ans Herz gelegt. Er nahm an, ich würde dein ganzes Leben lang für dich sorgen. Du weißt nicht alles, du hältst dich offenbar für den gesündesten Menschen auf der Welt.«

Weshalb hört man Hedy nicht in ihrem Zimmer hin und her gehen? Ich muß sie sehen, und wenn ich die ganze Nacht vor ihrer Tür lauern müßte. Franziska läßt mich nicht allein. »Willst du wirklich etwas für mich tun, Franzi?«

»Ja, sag' selbst, will ich etwas für dich tun? Aber du mußt mir deine Bitte auf dem Wege ins Hotel Bristol klarmachen. Die Constanza wartet dort. Vor Mitternacht geht unser Zug.« Erwin schüttelte den Kopf.

»Kannst du nicht fort von hier? Lieber Erwin, von heute ab bin ich neutral ... ich meine es nun gut mit der ganzen Welt.«

»Spotte nicht, du bist tausendmal glücklicher als sie.«

»Ach«, sagte Franziska, »es war ganz ernst gemeint. Habt ihr euch denn nicht für heute abend verabredet? Ich seh' nicht ein, warum wir uns nicht von diesem häßlichen Hotelzimmer trennen können ... ist sie vielleicht hier, will sie zu dir in dieses Zimmer kommen?«

Erwin schwieg.

»Was geht eigentlich vor? Sie erwartet dich? Aber wozu sie warten lassen?«

»Sie wartet nicht auf mich. Sie hat ihre Tür abgeschlossen.« »Was also dann?«

»Du weißt nicht, was sie will. Seit Monaten spielt sie mit Selbstmordideen. Erinnerst du dich des Abends damals in Prag? Das ist drei Monate her, und jetzt ist sie wieder so weit.«

»Schade, jawohl, sehr schade«, sagte Franziska und zog ihren Abendmantel an.

»Ich gehe mit dir«, sagte Erwin. »Ich begleite dich zur Bahn, ich tue dir jeden Willen, aber ich kann nicht fort von hier, bevor ich nicht weiß, ob sie noch lebt.«

»Warum drängst du ihr deine Liebe auf? Keine Haltung? Kein Stolz? Nur Gefühl?«

»Ich liebe Hedy nicht mehr.«

»Ob du sie liebst oder nicht, das ändert nichts zwischen uns. Aber wozu soviel Worte! Du willst zu ihr gehen; geh! Ich habe keine Zeit. Du hast keine Zeit. Was soll die Diskussion?«

Erwin zog Franziska die Treppe hinauf.

Nun standen sie vor der Tür. Er ließ Franziskas Arm los und pochte.

Nichts rührte sich.

»Ruf sie doch bei ihrem Namen!«

Erwin rief Hedy. Alles schwieg.

»Fort«, sagte Franziska.

»Ich hätte hören müssen, wie ihre Tür ging. Ihr Zimmer liegt über deinem.«

»Ah«, sagte Franzi, » deshalb bist du zu mir gekommen? Hedy ist gemein, auch du bist gemein! Was soll ich noch hier?«

»Warte doch!«

»Ich? Worauf?«

»Vielleicht ist sie tot.«

»Scheint, sie hat Besuch.«

»Wenn du so etwas sagst, könnte ich dich erwürgen.«

»Theater! Liebling!«

»Ja, du bist klug.«

»Ich muß«, sagte Franzi. »Und nun adieu.«

»Ich muß in dieses Zimmer.«

»Geh nur, wer hält dich denn? Ich nicht. Hast du keinen Schlüssel? Dann ruf doch den Zimmerkellner. In solch einem Hotel kommen derartige Szenen öfters vor. Übrigens, für die Schulen, für die Hotels werden die Schlüssel fast nur nach zwei Schablonen gearbeitet wie der meine. Du hast also Chancen, fünfzig Prozent Wahrscheinlichkeit.«

Erwin hatte Glück. Kein Schlüssel steckte von innen im Schloß, und Franziskas Schlüssel paßte.

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