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Franziska

: Franziska - Kapitel 47
Quellenangabe
pfad/weiss/franzisk/franzisk.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid447d5087
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7

Leise wollte Erwin die Tür öffnen, ganz zart die Klinke an sich ziehen, so daß sie es gar nicht merkte, aber die Tür widerstand.

Sie wußte ja, daß er draußen stand, sie hatte längst sein Pochen gehört, sie ließ ihn eine Weile warten, damit sie ihn, den ohnehin schon so sehr Verwöhnten, nicht noch mehr verwöhnte. Oder sie schlief, ihren Kinderarm über das schmale, dunkeläugige Köpfchen gepreßt. Aber nun war sie doch aufgewacht, er fühlte, wie ihre Schritte gingen, und ihm war, als streifte ihn ihr Atem.

Aber immer noch schwieg diese unbarmherzige Tür. Sie nahm sein Pochen auf, gab nichts zurück. Plötzlich dröhnte sein Herz.

Er mußte zur Portierloge hinabgehen, aber immer noch hörte er die Constanza mit Franzi plaudern. Er sah auf die Uhr. Sie war zwei Minuten nach zehn.

Er ging den Korridor zu Ende, endlich hörte er Franzis Stimme nicht mehr, die von Glück gesättigte.

Er stieg eine Nebentreppe hinab, die für Lieferanten und Boten bestimmt war. Nun stand er in einem von blinden Mauern umschlossenen Hof. Gemüseabfälle verwesten, von Asche halb bedeckt, in einer schlecht verschlossenen Eisenkiste. Endlich war er auf der Straße. Aus einem Kino kam ein Rudel von Menschen, bessere Herren schoben sich vorbei, einen Zigarrenstummel im Mund, und blinzelten mit ihren Augen, die noch vom Flimmerlicht geblendet waren, niedlichen Mädchen zu. Liebespaare, die einander im Dunkel des Kinoraumes gefunden hatten, gingen vorbei und wiegten sich noch im Takt eines Tango, summten ein Lied, schwiegen, lächelten, innig gegeneinander gebeugt, in der Vorfreude einer schönen Nacht. Andere Menschen lebten ein leichteres Leben, aber an ihn klammerte sich ein unglücklicher Mensch, riß ihn ein Stück mit, überließ ihn sich selbst. Er kehrte in das Hotel zurück, rüttelte an Hedys Tür, mit Gewalt schlug er den schweren Koffer gegen die Türfüllung.

Tief atmend sehnte er sich nach Schweigen, nie hatte er sich so nach Hedys Worten, nach Hedys Küssen, nach Hedys unerreichbarer Umarmung gesehnt, wie er sich jetzt nach ihrem toten Schweigen sehnte.

Gut, gut. Alles schwieg.

Noch war er seiner Sache nicht sicher. Er legte sein Ohr an das kühle Holz. Irgendwo begann ein Mensch zu husten. In einem der vielen Zimmer, vielleicht nebenan. Das Hotel schien ja nur unbewohnt, aber in Wirklichkeit wimmelte es von Leuten, nicht nur von heimlichen Liebespaaren, sondern auch von Eheleuten, die in breiten Betten schliefen, ein kleines Kind neben sich, ein kleines Kind, das hustete und nachts nicht zur Ruhe kommen konnte.

Nein, es war kein kleines Kind, es war Hedy, Jegors Hedjuschka, die das Stöhnen eines halb erstickten Kindes ulkig nachahmte, eines ihrer vielen Mätzchen, um ihn zu erschrecken. Warum mußte er das anhören? Er mußte ja doch nicht, er konnte seinen Koffer gegen die Tür schleudern und sie überschreien ...

Er starrte die Türklinke an, gerade in diesem Augenblicke schien es ihm, als senke sie sich ganz langsam, als begänne sie sich eben zu neigen, als müßte im nächsten Augenblick Hedy vor ihm stehen, müßte hurtig an ihm vorbei die Treppe hinablaufen, deren Messingstäbe glänzten. Oder lebte sie nicht mehr?

Nichts rührte sich.

Nun stürmte er die Treppe hinab. Eine unerträgliche Aufregung schüttelte ihn. Lebte sie nicht mehr? Aber ihm war, als hörte er eine Stimme lachen. Vielleicht war der Pole Jegor Wolsky bei ihr und streichelte sie mit seinen ekelhaften Liebkosungen, nahm sie, die süße, wundervolle Hedy ganz in seinen Mund.

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