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Franziska

: Franziska - Kapitel 46
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101231
projectid447d5087
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6

Der Schlüssel zu Erwins Zimmer hing unten in der Portierloge auf einer großen schwarzen Tafel, die mit verschiedenen Zahlen und Namen beschrieben war. Auf seinem Sofa, das mit abgeschabtem roten Samt bespannt war, lümmelte müde der Portier.

»Auch ich bin einmal hier gelegen«, dachte Erwin, »damals fing meine Krankheit wieder an, und meine Liebe zu Hedy fing auch wieder an. Ich träumte von Buenos Aires, von Schiffen und großen Segeln, aber eigentlich immer von ihr.«

»Hier ist Ihr Schlüssel«, sagte der Portier, der sich endlich doch erhoben hatte ... »Man soll Sie wohl morgen um zehn Uhr wecken? Ach nein, die Zahl bedeutet ja ganz etwas anderes: Ihre Dame hat angerufen, Sie sollen sie bis zehn Uhr abends hier erwarten. Reisen die Herrschaften dann ab?«

»Ich weiß noch nicht«, sagte Erwin, »die gnädige Frau wird Ihnen Bescheid sagen.«

Oben schloß er seinen Koffer ab. Er verließ das Zimmer, stieg mit dem Koffer in der Hand die teppichbelegte Treppe empor und kam zu Hedys Tür. Er wartete noch, eine Sekunde nur, bis sein Herz sich beruhigen würde. Wie gut war es, daß er sich des Briefpapiers erinnerte, das sich Hedy erbeten hatte. Er stellte den Koffer hin, sperrte ihn auf und holte zwei Briefbogen hervor. Wenn der eine Brief an Hedys Mutter war, so war der zweite an Franzi, damit sie nicht länger warte.

Nun klopfte er ganz leise, wie man zum Schein an eine Tür klopft, die man offen gelassen hat. Aber er konnte nichts hören. Denn das Stubenmädchen kam vorbei, trippelnd auf hohen Absätzen, eine kleine Kerze in der Hand, einen Schlüsselbund am Gürtel. Das Mädchen öffnete allerhand Türen, ordnete mit leisen Händen raschelnd die Betten, von denen sie nicht wußte, wer heute in ihnen schlafen sollte.

In einer anderen Etage fielen Türen ins Schloß, von unten her drang plötzlich die Stimme der Constanza, und dann, ganz fremd, wie Musik in einem dunsterfüllten, alltagsgrauen Raum, klang Franziskas Stimme. Wie sang diese Stimme, wie war sie von Gesundheit und Glück erfüllt! Weshalb habe ich Franziska nicht geliebt? Sie ist schön und jung und gut, weshalb habe ich sie nicht geliebt? Hätte ich mit ihr nicht glücklicher werden müssen als mit Hedy? Er erinnerte sich jener Nacht, da sie ihn mit ihren Blumen überschüttet hatte. Aber drei Tage später hatte er sie wieder von sich gestoßen, er wollte ja nicht Franzi, sondern jemand, der ihm wehe tat, er konnte ohne Schmerzen nicht leben, selbst in seinen Träumen rief er Hedy, liebte sie, weil sie unerreichbar war, und ihre Kälte tat ihm wohler als jedes Glück, aus ihrem Schweigen hörte er mehr heraus als aus Franziskas Worten.

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