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Franziska

: Franziska - Kapitel 45
Quellenangabe
pfad/weiss/franzisk/franzisk.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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5

Erwin war ganz nahe bei Hedy, und Hedy war ganz nahe bei ihm. Aber nur eine Sekunde lang. Eine Sekunde lang beglückte sie das Dunkel des Zimmers, trieb sie zueinander, so nahe, daß einer des anderen Herzschlag hörte, dann aber wichen sie voreinander zurück, vorsichtig und voller List, damit keiner es merke.

Hedy beruhigte sich zuerst. Undenkbar war es ihr, daß Erwin bei ihr bleiben sollte. Schon war er ihr zur Last, unerträglich bis zu der Luft, die er ausatmete, so nahe an ihr, schon bereute sie jedes Wort, das sie gesagt hatte. Er wußte von ihrem Schicksal, von ihrem Gift, und Jegor wußte von nichts. Vor Erwin hatte sie sich zu schämen und vor Jegor nicht. Nur ihren Haß gegen Erwin fühlte sie lebendig: das einzige Glück dieser Stunde.

Ganz leise atmete sie, hielt sich zurück, bändigte ihre kalte Leidenschaft. Und wenn sie es nie gefühlt hatte, daß es heute Zeit war, heute der letzte Tag, da sie sterben konnte, sterben mußte, nun fühlte sie es.

Klebrig, ekelhaft war alles, alles griff nach ihr und ließ sie nie mehr ganz los, allzu nahe drängte sich Kummer, Lust und Elend an sie heran. Wie sollte sie sich losmachen, wie sollte sie alles das Klebrige von sich abstreifen, ohne sich selbst dabei in Kauf zu geben? Schon längst war sie eins geworden mit dem gemeinen Schmutz des gemeinen Daseins.

Aber Erwin durfte nicht dabei sein. Sollte er auch in dieser Stunde bei ihr sein, dann immer noch bei ihr sein, wenn sie nackter war als nackt?

Sie schwieg; hörte ihren Namen mit einer Stimme rufen, die ihr einst süß geklungen hatte. Aber sie rührte sich nicht. Nichts mehr rührte sich in ihr.

»Was suchst du eigentlich, Erwin? Hast du Durst? Ach ja, ich erinnere mich. Willst du trinken? Ich habe Likör da, roten und weißen, aber den findest du nicht, du kennst dich ja doch in dem dunklen Zimmer nicht aus.«

Aber er wollte nicht trinken, er wollte bloß im Dunkel bleiben; er hatte Angst vor ihrem Gesicht.

»Nein, Hedy, wozu brauchen wir Licht? Ich mag keinen Likör. Wir wollen doch gleich wieder fort. Hast du es mir nicht versprochen? Du wolltest doch nur dein Fläschchen hier lassen ... damit es zu Hause niemand sieht.

Hedy, gib mir das ... die Medizin, die der Arzt für deine Mutter verschrieben hat.«

»Bitte, sei gut! Ich bin doch auch gut! Quäl' mich nicht! Nein, du sollst mich nicht anfassen. Jetzt nicht. Du mußt mich in Frieden lassen! Du mußt ... Nein? Fängst du wieder damit an, mich zu quälen? Dann ...«

»Hedy!«

»Spiel' doch kein Theater! Ich sagte dir doch vorhin, ich habe es mir überlegt. Das alles war bloß Ulk. Die Erde hat mich wieder. Und wenn ich wollte, selbst dann ginge es gar nicht. Hast du nicht gesehen, wie fest das Ding verkorkt war? Da könnte ich mir eher tausendmal die Fingerchen zerbrechen, bevor ich den Pfropfen herausbekomme. Bin ich nicht klug? Sag', Erwin! Damit sich die Hedy nicht etwas antut, was die kleine Hedjuschka eigentlich nicht will, sperrt sie das Giftchen ganz fest in ein Fläschchen ein.« Sie zog ihn an sich und drängte seine Hand in ihre Taschen, in denen sich noch kleine Reste von altbackenen Brötchen befanden. Aber das Fläschchen war nicht zu finden. Nun zündete er eine Kerze an. Sie sah ihm zu, auf ihr Gesichtchen fiel der erste Schimmer des Lichtes. Er blickte sie an. Ihre Gesichtsfarbe war zart und rosig, ihre Lippen zitterten noch vom schnellen Sprechen. Er atmete auf.

Um Hedys Mund spielte ein reizendes, spitzbubenhaftes Lächeln. Könnte sie so aussehen, wenn es ihr mit dem Sterben ernst wäre? Nun wußte er, alles wird gut. Nun blieb sie bei ihm.

»Ich gehe jetzt«, sagte er, »und dann, kommst du dann mit mir?«

Sie nickte.

»Was wird deine Mutter dazu sagen, wenn du heute abend nicht heimkommst?«

»Nun«, sagte Hedy und legte kokett den Kopf zur Seite, »was wird sie wohl sagen? Laß das nur meine Sorge sein. Ich kenne sie doch schon so lange, ich weiß, sie wird mit allem fertig. Und dann kann ich ihr auch schreiben, damit sie sich nicht ängstigt, oder du bist so gut und gibst mir mal eine Stunde frei.«

»Nein, es ist doch besser, wenn du ihr schreibst.«

»Gut. Dann schreibe ich ihr, daß du mich heiraten willst, oder willst du das eigentlich doch nicht? Ach, ganz egal. Die Hauptsache ist, daß ihr alle keine Sorgen mehr mit mir habt. Bring mir also Papier, aber kein solches, auf dem der Name des Hotels draufsteht, nein, ganz neues, ganz unschuldiges ... ach, willst du mir eine Kassette kaufen? Ganz in der Nähe beim Bahnhof Friedrichstraße ist ein Papiergeschäft ... es muß ja nicht das teuerste sein ...«

Lange sah sie Erwin an.

»Warum warst du denn nicht immer so zu mir? Hedy!«

»War ich nicht immer so zu dir? Ja, ich verstehe mich selbst nicht. Ich bin ein psychologisches Rätsel. Aber jetzt mußt du nicht grübeln, geh nur, und komme recht schnell zurück.«

»Ich habe zwei oder drei Briefbogen in meinem Koffer«, sagte er, »genügt dir das für den Anfang?«

»Ach gewiß.«

Sie wandte sich ab. Er kam ihr nach und bat sie um einen Kuß.

»Wozu? Ein Kuß? Wieso kommst du darauf? Nicht jetzt, Erwin, später, wenn du zurückkommst. Ja, du sollst mein sein, Erwin, und ich will dein sein, aber hier, sieh nur, hier ist alles so fürchterlich. Mir graut vor dem Zimmer, und dem Zimmer graut vor mir. Warte nur, bis ich wieder bei dir bin ... Oh, du! Du! Sag', aber lach' mich nicht aus, du mußt für uns das Zimmer nehmen, wo du damals gewohnt hast. Willst du nicht hingehen und fragen, ob es frei ist?«

»Sicherlich ist es frei. Ich bin in fünf Minuten wieder zurück, dann fahren wir beide hin.«

Er ging. Schon war er an den ersten Stufen der Treppe, als er hörte, wie ein Schloß leise versperrt wurde. Er eilte zurück. Noch war er ihrer nicht sicher. Er klopfte an die Tür. »Hedy! Ich wollte dir nur noch etwas sagen ...«

Niemand antwortete. Es schwieg das ganze Haus. Das Zimmer schien unbewohnt. Aber war es ihr Zimmer? Er klopfte an einer andern Tür. Ein dicker Mann, in Hemdsärmeln und in einer schottischen Reisemütze auf dem kahlen Schädel, kam hervor.

»Herr, was beliebt?«

»Ein Mißverständnis«, flüsterte Erwin.

Hedy öffnete. Sie blickte ihn verwundert an, mit naivem Staunen, belustigt wie ein Kind.

»Nun, Erwin? Was treibst du eigentlich? Willst du nicht endlich vernünftig werden? Sei doch kein Kind! Nein, das mußt du nicht tun! Jetzt geh in dein Zimmer, sag' der Franziska adieu, und wenn du fertig bist, komm zu mir und bringe gleich die Briefbogen mit. Schlimmstenfalls hat auch der Portier welche. Und wenn du kommst, irre dich nicht in der Tür! Wir müssen irgendein Zeichen verabreden, damit ich weiß, daß du es bist. Bitte, klopf dreimal. Und nun leg' ich mich auf ein Weilchen nieder. Darf ich? Bin so müde. Ich wollte mich eben auskleiden, deshalb war die Tür versperrt. Sollte ich das nicht? Ja, es ist eigentlich unnötig. Ich bleibe wie ich bin, du nimmst die kleine Hedjuschka auch dann mit, wenn ihr Kleid ein wenig zerdrückt ist.«

Sie lachte schelmisch mit lustig blinkenden Augen.

»Nein«, sagte sie, »geh noch nicht! Bleib' noch ein Weilchen bei mir. Ich war vorhin ungeduldig, aber du verzeihst mir ja ... du ... ich kann gar nicht glauben, daß du es bist ... Sag' doch ... nein ... später ... du ...«

Sie nahm seine Hand, zog sie an sich, breitete sie über ihr Gesicht, ganz zart, so wie sie es früher einmal getan hatte, und mit ihren etwas feuchten Lippen liebkoste sie die Fläche dieser Hand und küßte sie, ohne daß es jemand sah ...

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