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Franziska

: Franziska - Kapitel 43
Quellenangabe
pfad/weiss/franzisk/franzisk.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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3

Ein paar Minuten nach Erwins Abschied stand Franziska auf.

»Ist es jetzt noch Zeit?« fragte sie die Constanza.

»Noch!« sagte die Constanza aufatmend.

»Dann schnell ein Auto! Bitte, geh voraus, warte auf mich, ich muß mich umkleiden.«

Ihre Stimme war ganz ruhig, aber ihre Augen flackerten im Zimmer umher, jedes irrte für sich, wie von einer anderen Unruhe getrieben. Ihre Knie zitterten, vergebens hielt sie sie mit den Händen umklammert.

Die Constanza, schon an der Tür, zögerte. »Ach, umkleiden? Wozu? Du kannst auch in diesem Kleid zur Probe kommen. Wir sind ganz unter uns. Spangenberg, der Dirigent, ist Gott sei Dank noch nicht Geheimrat. Und auch dann wäre es ihm ganz gleich, welches Kleid du anhast. Kannst du gehen? Dann gut ... Nur fort aus dieser gottverlassenen Spelunke! Bitte, sieh nicht vorher in den Spiegel! Selbstverständlich hast du geschwollene Augen. Aber je länger du in den Spiegel schaust, desto nervöser wirst du ... Ich kenne das. Aber einerlei, bis zum Abend ist wieder alles gut ... Ach, du bist jung, in einer halben Stunde siehst du aus wie immer.«

»Und wenn auch nicht ...«, sagte Franzi und ging.

In zehn Minuten waren sie im Konzertsaal.

»Ja, es gibt in Berlin keine Entfernungen«, sagte die Constanza.

Aber Franziska hörte sie gar nicht. Gebändigt war das Zittern ihrer Knie, bezwungen das Zucken ihrer Lippen, aber noch riß ein Lächeln an ihrem Mund, ein verbissenes, gewaltsames, ganz verstocktes Lächeln, wie es Menschen haben, die vor einer schweren Operation stehen und ihr aufrührerisches Herz mit Gewalt ersticken. Aber ein Lächeln war es doch.

» Das ist ein Mensch«, dachte die Constanza.

»Du hast Glück, Franzi, daß du dich noch ein wenig erholen kannst. Harry probt noch, ich kenne ihn, in der Regel dauert das endlos lang. Inzwischen ... Du kannst jetzt in das Künstlerzimmer kommen. Hast du Hunger? Ich will dir etwas besorgen lassen. Sag' nur, was du magst.«

»Du sprichst zu mir wie zu einem kranken Kind«, sagte Franzi, »bitte, tu das nicht. Ich habe es nicht gern.« Und ihre Lippen lächelten nicht mehr.

»Ich kann auch ruhig sein«, sagte die Constanza gleichmütig und nahm in der ersten Parkettreihe Platz. Der Saal war ungeheizt, und die Constanza war froh, daß sie ihren Pelz hatte. Jetzt saßen Franzi und die Constanza still nebeneinander und hörten, wie Harry Logcziusko Brahms spielte.

Nach zwanzig Takten klopfte der Dirigent ab.

Das Orchester verstummte. Nur eine Pauke dröhnte nach.

Franzi wollte aufstehen und über eine kleine Holztreppe zu dem Podium emporsteigen.

»Was fällt dir ein?« fragte die Constanza und hielt sie zurück. »Sie sind ja noch mitten drin in der Probe ... Was ist dir? Ich glaube, du weilst noch in höheren Sphären.«

Aber Franzis Blick erstickte ihr Lächeln.

Die Probe ging weiter. Nach fünf Minuten klopfte Spangenberg zum zweiten Male ab. Aber Harry Logcziusko, ein zerzauster kleiner Mann mit goldener Brille, spielte weiter, mit Begeisterung, fast mit Gewalt. Ein Teil des Orchesters schwieg, ein Teil folgte ihm. Der Dirigent stand mitten im Gewühl der Töne, und mit ernstem dunklen Oberlehrergesicht blätterte er in der Partitur wie in einem Haufen Schulhefte.

Endlich schwieg alles.

Empört wandte sich der Geiger um. »Herr Spangenberg, Sie werden sich nach mir richten.«

»Ich werde nicht«, sagte Spangenberg in Ruhe.

Logcziusko sah sich im Saale um. Er verbeugte sich gegen die Constanza. Die dunkle Geige schwankte an seiner kleinen weißen Hand. Die Constanza lächelte, strahlte primadonnenhaft.

»Ich habe das Konzert Brahms vorgespielt«, sagte Harry, »so wie ich es spiele, ist es klassisch.«

»Ich bedaure«, sagte der Dirigent.

Wie ein eigensinniges Kind stand der kleine grauhaarige Logcziusko da.

»Wer sind Sie?« fragte er den Dirigenten. »Wo ist der Mensch, dem zuliebe ich auch nur einen Bogenstrich ändere?«

»Wir wollen nicht persönlich werden«, sagte Spangenberg. »Vielleicht entschließen Sie sich doch dazu, exakt zu spielen. Hat einer der Herren« (er wandte sich zu den ersten Violinen) »im siebenundzwanzigsten Takt ein Rubato gefunden? Bei wem steht ein neunsiebzehntel Takt vorgezeichnet?«

Selbst Franzi lachte.

Die Constanza sah sie an. Sie kann also doch lachen, dachte sie. Ich hätte nie geglaubt, daß es mit ihr so weit kommen könnte. Schließlich habe auch ich gelebt. Wozu ist das Leben da, als daß man es glücklich übersteht?

Logcziusko trat ab.

»So, jetzt wär's so weit«, sagte die Constanza zu Franzi.

Harry wütete irgendwo unter den Holzbläsern umher, er hatte den zweiten Klarinettisten an der Schulter gepackt und beschuldigte ihn, daß er ihn aus dem Takt gebracht habe.

Spangenberg führte Franzi zum Klavier.

Das Konzert begann. Ein ungeheures Motiv bäumte sich aus dem Orchester empor. Aber schon senkten sich die Flöten in Orgeltönen herab. Oboe und Fagott hielten sich vereint und sangen ihre Melodie, menschlicher als eine menschliche Stimme.

Nun kam der Einsatz. Wie eine Feuersäule sollte ein wilder Anlauf, dreifach gesteigert, aus der letzten Fermate des Orchesters empordringen. Aber man hörte kaum mehr als drei leichtbetonte Tonleitern.

Spangenberg wandte sich zu Franzi. Sein Oberlehrergesicht zitterte.

»Spielen Sie, meine Dame, oder spielen Sie nicht?«

»Ich markiere bloß«, sagte Franzi, »es ist doch nur die Probe.«

»Nur die Probe«, höhnte der Dirigent. »Oh, gnädiges Fräulein, ich bin mit allem zufrieden.«

»Bitte, dirigieren Sie, als wenn ich gar nicht da wäre, mir ist es nur um die Einsätze zu tun.«

Das Orchester spielte. Franzi saß ruhig da, die Hände weiß und leblos auf die weißen und leblosen Tasten des Klaviers ausgebreitet. Kein Muskel in ihrem Gesicht rührte sich. Nur die Ellbogen zitterten. Die Constanza saß neben ihr, ganz blaß, und fror in ihrem schweren Pelz. Aber durch den Pelz hindurch fühlte sie Franzis Zittern. »Also doch!« dachte sie.

Das Orchester spielte. Logcziusko hatte recht, die Klarinette kam stets zu spät oder zu früh. Aber endlich war alles eine Stimme, eine Melodie. Das Allegro rauschte, das Adagio sang, das Scherzo jubelte.

Franziska saß da und schien aufmerksam zuzuhören. Selbst ihre Ellbogen zitterten nicht mehr. Aber das Finale war längst zu Ende, bevor sie es merkte.

Harry war inzwischen ungeduldig auf der höchsten Etage zwischen den großen Trommeln und den Triangeln umhergeirrt. Nun kam er herab, seine Geige auf beiden Armen tragend wie ein neugeborenes Kind.

Franzi wollte aufstehen, aber die Constanza hielt sie zurück. »Versuche es noch einmal! Bitte, mir zuliebe! Nein? Warum nicht? Wie wird es nur heute abend werden? Sieh nur, das kommt davon, daß du Beethoven verwünscht hast... ach, ich... ich könnte dich schlagen... hättest du doch wenigstens heute nur so gespielt wie vor einem Jahr.«

»Bitte, keine Vergleiche!« sagte Franzi ganz laut und stand auf.

»Es wird schon werden«, sagte Logcziusko und drängte sich herbei. »Das liebe Fräulein ist eben noch ein wenig befangen. Und Sie, mein lieber Spangenberg, was denken Sie? Wollen wir es noch einmal versuchen?«

»Gewiß«, sagte Spangenberg, »aber ohne Rubato.«

»Brahms selbst...«, begann der Geiger.

Spangenberg, einen grauen, ganz abgewetzten Taktstock in der Hand, die Augen aller seiner Leute in seinen Augen, sagte: »Brahms hat persönlich hier nicht mitzureden«, und er begann.

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