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Franziska

: Franziska - Kapitel 42
Quellenangabe
pfad/weiss/franzisk/franzisk.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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2

Es war Nacht, als Erwin zum drittenmal an Hedys Tür klopfte.

»Hedy, bist du hier?«

Nichts antwortete ihm.

Hedy war da. Sie saß am Fenster. Sie erhob sich nicht. Sie schauerte vor ihm zurück, als er ihr die Hand geben wollte.

»Du gibst mir nicht die Hand, Hedy? Was ist mit dir? Bist du krank? Habe ich dich erschreckt? Ich ... Ich war heute schon zweimal bei dir.«

»Ja, es ist schön, daß du kommst ... Ich freue mich. Ein glücklicher Zufall, daß wir uns getroffen haben. Nun, bleibst du wieder in Berlin?«

Erwin schüttelte den Kopf.

»Ich dachte, du hättest wieder eine neue Erfindung gemacht. Radio ist gut. Die Zukunft gehört Radio und dir. Du wirst hier noch ein großer Mann.«

»Nein, ich reise morgen wieder fort. Ich wollte dir nur adieu sagen.«

»Wie oft haben wir uns schon adieu gesagt!«

»Macht es dir soviel Mühe, mit mir zu sprechen?«

»Ja, mich schmerzt alles, jedes Wort tut mir weh.«

»Warum gehst du nicht zum Arzt?«

»Zum Arzt? Wozu? Morgen bin ich ja gesund.«

»Soll ich Licht anzünden? Es ist so unheimlich hier, so kalt.«

»Ach, kalt! Hast du Angst vor mir?«

»Wie kannst du nur so sprechen? Ich wollte dich ja wiedersehen. Seit Monaten habe ich mich darauf gefreut.«

»Hast du dich denn immer noch nicht getröstet? Sprich doch! Nein ... was soll das? Was kann denn noch aus uns werden? Was willst du denn noch von mir?«

»Ich verlange nichts von dir. Habe ich denn je etwas von dir verlangt?«

»Erwin, ich ertrage diesen Ton nicht. Ich will überhaupt nichts als Ruhe. Du weißt nicht, was mit mir ist, denn sonst ...«

»Sonst?«

»Ach, du zupfst schon wieder an den Worten. Das ist ja grauenhaft. Ich kann es nicht ertragen. Ich bin ja krank ... merkst du es nicht? Was willst du von einem kranken Menschen?«

»Hätte ich abreisen sollen, ohne dich zu sehen? Soll ich morgen kommen? Wenn du es willst. Wenn es dir Freude macht, bleibe ich gern noch ein paar Tage hier. Ich habe ja jetzt Zeit. Und Franziska ...«

»Ah! Das klingt, als ob du dich doch getröstet hättest.« Sie sah auf und lächelte. »Aber es ist ja alles gleich. Vorhin, vor einer Stunde, als du zum erstenmal anpochtest, da wünschte ich, du kämst doch – warum hast du so wenig Mut? Daran liegt viel. Aber du bist ja noch jung. Ich will dich erziehen. Nein, was wollte ich dir nur sagen? Ich dachte vorhin, ich hätte dir so viel zu sagen, und jetzt, du hast recht, es ist schrecklich kalt hier. Gib mir bitte meinen Mantel herüber. Wir wollen gehen. Meine Mutter wartet auf mich.«

»Du wohnst daheim?«

»Was denkst du dir eigentlich? Das ist doch selbstverständlich. Ich bin jeden Abend zu Hause wie ein braves Kind. Ich sitze still am Tisch. Mit meiner Handarbeit, und dann fange ich an, zu erzählen, was es Neues bei uns im Bureau gegeben hat. Und die Mutter hört zu – lacht – sie tut ganz, als glaube sie wirklich daran. Ich hätte nie gedacht, daß wir beide so gut Komödie spielen können. Und denk' nur: Vorgestern hatte die Mutter zwei Karten fürs Kino, für den Marmor-Palast. Erinnerst du dich, auch wir waren einmal dort? Und in ihrer Freude telephoniert sie in mein Bureau. Ich sollte früher heimkommen, und inzwischen wollte sie mir mein neues Seidenkleid ausplätten. Und sonderbar – die jungen Leute im Bureau wußten nichts von mir ...«

»Du gehst nicht mehr hin?«

»Am Abend – glaubst du, die Mutter fragt mich, wo ich mich eigentlich tagsüber umhertreibe? Ach nein, sie sieht mir nicht einmal ins Gesicht. Sie lächelt bloß ganz fein. ›Ich höre schon so schlecht‹ sagt sie, ›ich höre am Telephon gar nichts. Das Telephon ist nichts für uns alte Leute ...‹ Und solche kleinen Überraschungen gibt es bei uns oft. Wir haben immer etwas zu lachen. Du willst wohl wissen, wo ich tagsüber bin? Nein, hab' keine Angst, ich bin immer allein. Ich bleibe hier, lese die Zeitung, und wenn es langweilig wird, gehe ich auf die Straße. Oder nachmittags ein wenig ins Café. Ich habe noch Geld. Das Zimmer hier kostet mich nichts. Jegor hat es bis zum nächsten Monat vorausbezahlt, für die nächsten sechs Wochen. Er denkt sich nichts dabei.«

»Er weiß also doch, daß du nicht mehr ins Bureau gehst?«

»Woher sollte er das wissen? Mit dir kann man sprechen, mit ihm nicht. Und dann soll er auch keine Sorgen haben.«

»Und wer sorgt für dich? Wie wird das einmal enden, Hedy?«

»Ach, hab' keine Angst! Eines Tages werde ich ganz lustig erwachen, werde ganz gesund sein und wieder ins Bureau gehen – und werde mich wieder in jemand verlieben. Oder nein, soll ich dir schreiben, damit du wiederkommst? Wird das deine Franziska erlauben? Ich bin frei, aber du?«

»Und Jegor?«

»Ach, Erwin, ich war glücklich, als er abreiste, bevor er alles merkte. ›Glücklich‹, das ist auch das richtige Wort, nein, im Ernst, er ist wie ein Kind, er glaubt alles, was man ihm sagt. Übrigens, zwischen uns ist alles aus. Er wird vielleicht noch einmal heiraten. Er ist ja immerhin noch jung, vielleicht nimmt er sich ein junges Mädelchen, ganz egal, oder die Gouvernante seiner Tochter, die hat zwei Jahre auf der Universität studiert. Er will sie seiner Tochter erhalten ...«

»Und was wird aus dir?«

»Das wird sich finden. Vielleicht engagiert er dann mich als Gouvernante, oder es passiert etwas anderes. Weißt du, Erwin, manchmal wäre es mir am liebsten, ich wüßte den Tag vorher, die Stunde, wann endgültig Bureauschluß ist. Bitte, unterbrich mich nicht. Du glaubst, es ist nicht mein Ernst? Erinnerst du dich meines Briefes, damals, vor drei Monaten? Ja, damals habe ich im Grunde nicht recht daran geglaubt, denn ich habe weiterleben können. Ich war froh, als ich wieder zu ihm laufen konnte. Aber diesmal ... Man muß keine Briefe schreiben. Du Armer. Du bist damals eigens hergefahren, bist zu mir gekommen. Wohin bist du dann verschwunden? Ach, verzeih, ich war schuld ... ich konnte nicht zu dir hinunterkommen. – Nein, verzeih mir. Soll ich bereuen? Ja, willst du? Soll ich dir die Hände küssen? Ja, die Hände, die mochte ich so gern an dir ... damals ... Und doch – nein, Erwin, selbst jetzt, wo es mir so hundeelend geht ... ich kann nicht bereuen. Ich denke, es mußte so kommen. Vielleicht war das notwendig, daß mir der Drogist damals Seifengeist statt Äther eingeschenkt hat. Erinnerst du dich? Später, als ich wußte, was mit mir geschehen war, ging ich wieder zu ihm. Da sagte er: »Seifengeist ist besser als Äther, er hinterläßt keinen Rand in der Seide.‹ Aber ich habe doch nichts mehr bei ihm gekauft ...«

»Ich kann dein Lachen nicht hören.«

»Ach, laß mich doch lustig sein. Spiel' ich Theater, gut, dann laß mich Theater spielen. Sieh ... es ist doch gut, daß es so dunkel ist, da hörst du mir so schön ruhig zu, und ich ... Nein, sieh mich nicht so an ... gerade du solltest froh sein, daß es mit mir ein Ende nimmt. Glaubst du, ich spiele jetzt Komödie? Ja, vielleicht hast du recht. Ich habe oft mit dir Komödie gespielt, aber du hast es nie gemerkt. Ich wollte, du ... ja, du solltest mich an den Haaren reißen, aber statt dessen hast du mich gestreichelt. Aber heute ist es mein Ernst. Soll ich es dir beweisen? Gib mir meinen Mantel herüber. Du darfst ihn ruhig anrühren. Sieh, hier ist ein kleines Fläschchen. Und das ist echt. Oder ist es Komödie? Meiner Mutti wurde es einmal für ihr schwaches Herz verschrieben. Tropfenweise. Aber sie hat vor Medizin mehr Angst als vor Kranksein. Und ich gehe nun seit sieben Wochen zum Apotheker und bekomme jedesmal zwanzig Tropfen. Der gute Mann wird sich wundern, wenn ich mal nicht mehr komme ...«

»Hedy!«

»Ach still, Liebling! Hör' mich doch an. Kannst du mich denn nicht ruhig anhören? Dann geh doch wieder deiner Wege! Was soll das Rufen, Hedy, und ach ... und schade. Was ist da denn überhaupt zu überlegen? Ja, wenn ich wüßte, daß ich sonst ewig leben könnte, ewig zwanzig Jahre alt bleiben und schön und ein wenig reich und alles andere, dann würde es mir schwer fallen, sicherlich. Aber ich kann mir nicht helfen, es müßte auch dann sein. Ach, du weißt ja, wie grauenhaft es ist, krank zu sein ... Manchmal vergesse ich so ganz daran, frühmorgens erwache ich so kerngesund, ich denke, alles ist vorbei, aber dann ... Wenn ich wenigstens zu Bett liegen könnte, mit dem Gesicht nach unten, und müßte keinen Menschen sehen, aber so krank sein! Nein, nein ... wenn mich der Arzt bloß mit seinen feuchten Händen anfaßt, wenn ich bloß diesen kalten Stuhl sehe, auf den ich heraufklettern muß. Und dort liegen, und ... Nein, ich will nicht mehr.«

»Ich lasse dich nicht allein.«

»Ach, warum denn du? Was willst du noch? Du warst einmal unglücklich verliebt. Aber ich habe dich wirklich zu sehr gequält. Willst du mich nehmen? Willst du mich heiraten? Mich? Ach! Aber die anderen Menschen werden besser sein. Nein, versuche nicht, mich davon abzubringen. Ja, wäre ich nur gesund, wäre ich einen einzigen Tag wieder ganz gesund! Nein, nicht einen Tag, was fange ich auch mit einem Tag an? Ein Jahr! Was könnte ich dann tun. Wie ganz anders würde ich dann sein. Aber jetzt! Laß doch meine Hände.«

»Hedy! Komm doch zu dir! Du hast Fieber, du weißt nicht, was du sagst. Erinnere dich doch ...«

»Ja, erinnern! So fing es immer an. Jetzt wirst du wieder die alten Rechnungen aus der Tasche ziehen und immer recht haben. Damit bringst du mich zur Verzweiflung. Du, ja du bist im Grunde an allem schuld. Du hast mich doch einmal gehabt. Ich hatte dich doch einmal lieb! Was hast du getan, damit ...«

»Kann ich dir nicht helfen?«

»Ach, das sind doch nur Worte. Einen Tag würdest du hierbleiben, dann würdest auch du ... Und nun komm, wir müssen jetzt gehen.«

Die Straße draußen glänzte im Regen. Alles war lustig, alles lebte, alles bewegte sich. Die Automobile schossen lautlos vorbei, die Zyklonetten schossen durch das Gewühl, bohrten sich mit spitzen Schnauzen glitzernd durch. Schwerfällig dröhnten die Autobusse über die Straße, der Weidendammer Brücke zu, die unter ihnen erzitterte. Im Wasser, tief unten, spiegelten sich aufgeregt die Lichter, das Rad der Zigarettenreklame drehte sich hurtig, die hohen Lichtbuchstaben tauchten auf, züngelten in hellem Feuer und wurden von unsichtbaren Händen wieder ins Dunkel zurückgezogen. Schwerfällige Zillen schwammen vorbei, heller rauschte das Wasser am Bug, ganz zart stieg der Geruch feuchten Holzes empor, der Duft nach Äpfeln, der aus geschlossenen Schränken emporzuschweben schien.

»Ich will dich heimbringen«, sagte Erwin. »Es ist Zeit.«

»Weißt du ganz gewiß, daß ich heim will? Hast du wieder einmal recht? Nein, schweig, sprich doch nicht immer, warte. Laß auch mich eine Weile ganz ruhig sein. Willst du eine Droschke nehmen? Wir wollen durch den Tiergarten fahren.«

Schüchtern klang das Klappern der Hufe. Die Bäume des Parkes standen kahl. Plump ragten ihre Zweige gegen den Himmel, der rötlich schimmerte. Viele graue Wege liefen umher, kreuzten sich und verkrochen sich endlich im Nebel. Nebel hing über dem Marmor der Denkmäler wie ein Mantel aus Leinwand über unfertigen Statuen. – Ein Auto raste vorbei. Das Licht des Scheinwerfers brach brutal durch das Geäst der Bäume, die weit auseinanderwuchsen wie die Haare einer alten Frau.

Das Pferd scheute, der Wagen schwankte. Leise lehnte sie sich an ihn. Einen Augenblick lang fühlte er ihren Kopf an seiner Schulter. Wie schimmerte ihr dunkles Haar! Wie unsagbar duftete ihre Nähe! Er beugte sich zu ihr. Er küßte sie. Sie schauerte zurück, sie zitterte, aber sie trank seine Küsse.

»Du sollst mich nicht küssen, nicht mehr ... aus! Nicht so ...«

Er hörte nicht auf sie. Zum erstenmal fühlte er sie, wußte, daß sie sich nach ihm sehnte. Nun fragte er sie nicht mehr. Gesunken, krank, hilflos, elend, so wie sie jetzt war, so liebte er sie. Sie nahm seine Hand und drückte sie.

»Wie gut du zu mir bist, Erwin, immer noch. Ich kann es nicht verstehen. Nun bleibst du bei mir. Ja, bleibst bei mir. Hältst mir die Hände fest. Nein, ich werde selbst ganz ruhig sein, keiner braucht mir die Hände zu halten. Wenn ich nur wüßte, wie es ist. Aber du, du brauchst doch nicht zu zittern. Warum hast du so heiße Lippen? Nein, du darfst mich auch nicht mehr küssen. Sag' mir, glaubst du, ist genug in dem Fläschchen? Und wie schmeckt es? Ich habe noch nie davon gekostet, nur daran geschnuppert, und es duftete so schwer wie grüner Likör. Und jetzt sag' mal, hast du schon mal einen Menschen sterben sehen? Nein, sag' mir erst, ob du Zeit hast. Du mußt nur ein kleines Weilchen warten, dann kannst du wieder fortgehen. – Hier hast du meine Schlüssel. – Du kommst nur einen Augenblick nach oben, schließest dann ganz sachte zu, damit niemand hereinkommt. – Nein, bitte, tu mir den Gefallen, küß mich nicht so, wozu? Es tut mir weh. Warum hast du mich früher nie so geküßt? Jetzt ist es doch zu spät, nicht wahr? Sag', ist es zu spät? Ach, bitte, bitte, laß mich doch.«

Plötzlich waren sie wieder daheim.

»Nein«, sagte sie auf der Treppe. »Ich habe es mir überlegt. Wozu auch? Es leben doch soviel andere kranke Menschen, die niemand haben. Aber jetzt mußt du mich allein lassen. Adieu. Ich danke dir für alles. Es war doch gut, daß du gekommen bist. Lebe wohl. Glaube nicht, daß ich es tue ... jetzt nicht mehr. Ich warte auf dich, Erwin, und du, mein Erwin, du wartest auf mich! Ich will nur mein Fläschchen in den Schrank stellen, denn nach Hause mag ich es nicht mitnehmen. Die Mutter darf nichts davon wissen. Sie könnte es finden und erschrecken. Das wäre schlimm für ihr schwaches Herz ... ihr armes. – Nein, Erwin, sieh mich nicht so an. Glaube mir doch! Ich lüge nicht! Habe ich denn je gelogen? Warte hier auf mich. Warte nur einen Augenblick hier auf mich. Ich komme gleich zurück.«

»Nein, Hedy«, sagte er.

Wie eine Umarmung nahm das Dunkel des Zimmers sie auf.

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