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Franziska

: Franziska - Kapitel 41
Quellenangabe
pfad/weiss/franzisk/franzisk.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfter Teil

1

Anfang November kam Erwin mit Franziska nach Berlin. Er fuhr sofort in das Hotel, vor dessen Portal er damals mit Hedy gewartet hatte. Weil es das einzige war, das er kannte? Weil es ihn mit Erinnerungen verband, bösen, aber unentrinnbaren? Oder tat es ihm wohl, dort zu wohnen, wo die tief Geliebte früherer Zeiten gelebt hatte, auch sie nicht glücklicher als er? Hoffte er, sie doch zu treffen, wie sie dort in ihrer schlanken Schönheit am Arme ihres Jegor über die Treppe herabkommt, ihm und Franziska entgegen? Sie kamen spät am Abend an. Franziska schrieb der Constanza eine Karte. Sie war sehr müde. Erst jetzt merkte sie, wie sehr mit Anspannung der letzten Kräfte sie in den letzten Wochen gearbeitet hatte. Sie schlief sofort ein. Erwin konnte nicht schlafen. Wie konnte er in dem Bett schlafen, in dem vielleicht Hedy einmal gelegen hatte? Er bereute es jetzt, daß er gerade dieses Hotel aufgesucht hatte, und doch fühlte er sich ihr hier unsagbar nahe, warm von ihrer Wärme. Vor den Fenstern schwankten die Bogenlampen an ihren Drähten zwischen seelenlosen Mauern und glitzernden Fassaden, das Licht rann über das feuchte Verdeck der Autobusse, die ganz verlassen waren. Unten glitten unzählige Menschen vorbei, lautlos wie im Traum. Es war spät im Herbst. Leise dröhnte die Straße. Er schloß die Fensterläden, legte sich zu Bett. Plötzlich trat aus dem Dunkel des Zimmers Hedys Gestalt hervor. Ihm war, als sähe sie auf seine geschlossenen Augen hin, als berühre sie ihn von ferne, als streichle sie mit zarten Fingern sein Gesicht ... Er sah auf. Irgendwo flüsterte ein Schritt über den Teppich des Korridors. Nie, nie hat sie mir wirklich gehört, nie habe ich sie so wirklich geliebt wie heute, dachte er. Daß sie ihm unersetzlich war, fühlte er, unersetzlich selbst jetzt, wo sie endgültig verloren war, untergegangen in der Unendlichkeit ihres Schicksals, das er nicht mehr verfolgen konnte. War sie glücklich? Sollte er sie beneiden? Ging es ihr schlecht? Sollte er Mitleid mit ihr haben und Schonung? Nichts meldete sich, und selbst die schattenhafte Erscheinung löste sich ganz in dem schweren Schlafe dieser Nacht.

In diesem Hotel begegnete er ihr am nächsten Morgen, nachdem er, gleich der vergessenen Schildwache im Schlosse von Windsor, monatelang auf sie gewartet hatte. Sie kam von der Loge des Portiers. Sie hatte eine Zeitung in der Hand. Sie sah ihn nicht, ging an ihm vorüber. Sie schien zu frieren. Das Treppenhaus des altmodischen Hotels war nicht geheizt, vielleicht war es deshalb, daß ihre Hände zitterten.

Er eilte ihr nach. Er rief sie, aber sie wandte sich nicht um. »Hedy, erkennst du mich nicht?«

»Ach, du? Wieso du? Seit wann bist du hier? Ich danke dir, Erwin. Bleibst du jetzt hier? Dann sehen wir uns bald wieder? Und nun, Adieu.«

Keine Fiber in ihrem sehr blassen Gesicht bewegte sich. Sie nickte ihm zu, sie wandte sich ab. Langsam ging sie die Stufen der Treppe empor, öffnete eine Tür und verschwand. Weiß schimmerte die Tür über dem dunkelroten Teppich.

»Wie heiser doch ihre Stimme war«, dachte er. »War es denn wirklich Hedy? War es die Hedy, die gestern im Traum mein Haar gestreichelt hat?«

Eine Stimme rief ihn an. Die Constanza stand auf dem Absatz der Treppe und lachte zu ihm hinauf. Langsam ging er wieder die Stufen hinab und führte die Constanza zu Franziska.

»Wie hast du geschlafen, Franzi?«

»Ich war müde. Als ich heute morgen aufwachte, dachte ich, es sei Mitternacht. Die Fensterläden waren geschlossen. Erwin mußte mir mit der Uhr in der Hand beweisen, daß es beinahe Mittag ist.«

»Ja, der Erwin ist ganz brav«, sagte die Constanza. »Aber wie könnt ihr in einer solchen Spelunke wohnen? Ihr habt ja nicht einmal elektrisches Licht.«

»Da mußt du Erwin fragen.«

Erwin stand am Fenster und hörte nicht.

»Vielleicht hat der junge Herr hier alte Bekanntschaften«, sagte die Constanza leise. »Na, ich bitte sehr, keine Aufregungen heute. Warte bis morgen! Aber heute. Vor dem Konzert hast du an gar nichts anderes zu denken!«

Franziska beherrschte sich:

»Nein, du irrst dich. Aber findest du nicht auch, daß die Luft hier fürchterlich dumpf ist? Auch mir gefällt es gar nicht hier. Ich kann vielleicht heute abend in deinem Hotel wohnen. Wenn ich ...«

»Aber selbstverständlich, wird mir nur eine große Freude sein. Jetzt aber beeile dich, wir müssen um elf Uhr in der Philharmonie sein. Ich warte unten im Vestibül auf dich, wenn man eine so speckige Örtlichkeit Vestibül nennen kann.«

Sie ging.

»Erwin?«

»Ja.«

»Du hast Bekannte hier getroffen? Mit wem hast du gesprochen?«

»Ich habe mit niemand gesprochen.«

»Schnell, ich habe keine Zeit, die Constanza wartet auf mich. Wer war es?«

Schweigen.

»Ich frage dich ja sonst nie, aber heute ist mein Konzert, schnell, schnell doch! Vergiß nicht, es ist nicht das Konzert allein ... es hängt mehr an diesem Abend ... Bitte, quäl' mich doch nicht ... quäl' mich heute nicht wieder!«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Wer war es?«

»Fräulein Hedy.«

»Das sagst du mir so? Hedy? Fräulein Hedy? Sie ist ja wie der Hampelmann im Puppentheater. Sie taucht immer wieder aus der Versenkung auf. Sie kommt immer wieder. Das Kind kann ja ohne den Kasper nicht sein!«

»Ich hatte mich nicht mit ihr verabredet, es war Zufall.«

»Zufall? Alles nennst du Zufall.«

»Franziska, sei doch vernünftig, ich lüge nicht, ich weiß wirklich nicht, was dich beleidigt.«

»Beleidigt? Nein, beleidigen kann mich solch eine Kreatur nicht.«

»Franziska!«

»Aber Erwin, du glaubst doch nicht, daß ich hierbleibe? Mutest du mir zu, in dem Hause zu wohnen, in dem eine ...«

»Franziska!«

»Nun, ist es keine ...?«

»Du kannst sie nennen, wie du willst. Sie kann sich nicht verteidigen.«

»Du kannst es ihr ruhig erzählen.«

»Franzi, im Ernst, ich habe die ewigen Szenen satt. Wenn es dir hier nicht gefällt, können wir in ein anderes Hotel ziehen. Deshalb muß es doch nicht gleich Szenen geben. Mir liegt gar nichts daran, wo wir wohnen. Ich richte mich ganz nach dir.«

»Nein, ich weiß, dir liegt an allem nichts. Was kümmert es dich, wenn ich heute abend elend spiele, wie damals in Prag? Was liegt dir daran, daß ich mir fünf Monate lang die Finger zerbreche und mich dann die Leute auslachen. Ich muß Tag und Nacht für uns schuften und du ...«

»Und ich?«

»Du wirst inzwischen Spazierengehen und neue Damenbekanntschaften machen ...«

»Franziska, ich verbiete dir solche Worte!«

»Du hast mir gar nichts zu verbieten. Verbiete deiner Hedy ... ich ...«

»Du weißt einfach nicht, was du sprichst.«

»Nein, ich weiß es nicht. Du weißt ja alles besser. Du bist der Fleißige, der Kluge, der ›von und zu‹, der studierte Herr, der Latein kann. Wozu habe ich dir Bücher gekauft? Wozu habe ich vierzig Kronen auf die Straße geworfen? Seit Monaten siehst du kein Buch mehr an, seit Monaten ...«

»Ja, ich gebe dir recht. Aber wer ist schuld daran?«

»Ich! – Ja, selbstverständlich ich! Ich bin es, die dich am Studium hindert.«

»Wo wäre ich, wenn ich dich nie getroffen hätte?«

»Du bereust, du ...?« Sie hatte vor Wut Tränen in der Kehle.

»Ich hätte ohne dich mein Examen gemacht, ich könnte ohne dich jetzt auf die Universität gehen. Ich hätte ohne dich eine Existenz, wenigstens eine bürgerliche Existenz. Das alles ist nichts. Tausendmal wichtiger ist das eine: ich hätte wenigstens ohne dich meinen Frieden.«

»Und bei mir hast du keinen Frieden? Nicht einmal Frieden? Was willst du denn dann noch von mir?«

»Ich? Gar nichts.«

»Nun, dann geh!«

»Ich habe nur auf dieses Wort gewartet.«

»Selbstverständlich! Fräulein Hedy auch.«

»Ja, Hedy auch! Jetzt endlich ist alles in Ordnung.«

»Um Himmels willen, besinne dich doch. Hast du mich denn nicht lieb?«

 . . . . . .

»Gar nicht ...?«

Endlich, endlich muß doch das erlösende Wort kommen, dachte sie. Ihr war wie im Theater, bei der Szene, in der Carmen ermordet werden soll. Sie wußte es im voraus, es konnte nicht anders sein, aber sie hoffte, Don José würde im letzten Moment den Dolch fallen lassen. Carmen würde nachgeben. Sie fühlte, wie sie im Schweigen zitterte.

»Erinnere dich doch!« sagte sie ganz leise.

»Ach, erinnern!« sagte er.

Franzi schwieg: Nein, ich kann nicht ohne ihn sein! Die ganze Welt ist stumm, wenn ich seine Stimme nicht mehr höre.

»Ich dachte, du weißt es«, sagte er.

»Ja, ich erinnere mich, du hast es mir schon einmal gesagt. Jetzt geh nur schnell. Ich werde ... Ich werde mich ... ich werde dir bald das Geld schicken ... Du hast mir einmal etwas geliehen ... damals in Berlin die dreihundert Kronen, die Hälfte ... aber es gehört alles dir ... schreibe mir nur, wo du wohnst – du hast auch noch Sachen in unserer Wohnung – Kleider – alles andere, die vielen Bücher – wäre es nicht besser ... jetzt ... in der ersten Zeit ... ja, du, komme auf ein paar Stunden täglich ... Verstehst du, wie ich es meine? ... Nein, es geht doch nicht – tu du nur, was du willst. Ich werde dir immer schreiben ... nur wo ich bin ... Du hast recht, ich hätte nichts gegen sie sagen sollen – verzeih – verzeih mir, Erwin – du mußt mir verzeihen, daß ich ... dich ...«

Sie fiel in die Knie. Sie weinte, häßlich und ergreifend anzuhören, unbeherrscht wie ein Kind: sie hatte nie geweint, sie lernte es zu spät.

»Keine falsche Sentimentalität«, dachte Erwin. Er schwieg. Er ging leise aus dem Zimmer. Man hörte seine Schritte nicht. Dicke Teppiche lagen da. Unhörbar schloß sich die Tür.

Es klopfte. Die Constanza stand vor Franziska, ganz rot vor Ungeduld.

»Um Himmels willen, was ist mit dir? Warum wälzest du dich auf dem Boden herum?«

»Schweig!« schrie Franziska. »Du bist an allem schuld! Ich hasse dich! Mich ekelt vor dem gottverdammten Klavier. Das Konzert ist ein niederträchtiger Fetzen. Ich hasse dich und Diemitz. Ja, dich auch! Du und er, ihr habt mich zu dem gemacht ...« Tränen erstickten ihre Stimme.

»Und also, Franzi, kein Wort mehr! Du richtest dich ja zugrunde. Leg' dich sofort zu Bett. Wenn du nicht in fünf Minuten ruhig bist, telephoniere ich an Theodor. Wir sagen das Konzert ab.«

Franziska schwieg. Blaß, zitternd wie ein Kind im Fieber lag sie im Bett.

»Ihr habt euch ja noch nie geliebt. Ihr wart ja zwei Todfeinde. Es war unheimlich, euch nur zuzusehen. Ein Pistolenduell ist das reine Kinderspiel dagegen. Ja, ich weiß ganz genau, warum ich dir das jetzt sage. Du glaubst, du hast ihn liebgehabt. Aber es gibt heutzutage gar keine Liebe mehr. Es gibt ja dafür tausend andere Sachen, die man früher nicht gekannt hat. Automobile, Marconitelegraphie (darin ist dein Erwin Meister), Aeroplane, Grammophone, aber Liebe? Vielleicht gibt es noch Menschen, die sich das einbilden ... Ja, ich sehe, du willst schlafen. Worte haben ja auch noch nie geholfen. Die Philharmonie wartet. Na, die Franzi kann ja schließlich die Leute ebenso warten lassen wie die Constanza ... Du bist ein sonderbares Ding. Ist dir gar nicht leid um deine schönen Augen?«

Sie holte ein Taschentuch, tauchte es in kaltes Wasser und legte es Franziska auf die Stirn.

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