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Franziska

: Franziska - Kapitel 40
Quellenangabe
pfad/weiss/franzisk/franzisk.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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10

Die Blumen waren noch nach acht Tagen nicht verwelkt. Frau Smrtka hatte sie zwischen die Fenster gestellt. Einige verfärbten sich, andere blühten wieder auf.

Erwin und Franziska saßen in dem kleinen Gärtchen, das ihnen ihre Hausfrau trotz des Verbotes der Fürstin geöffnet hatte. Sie hatte sogar den alten Nußbaum geplündert, und Franzi war gerade dabei, die grünen Schalen von den reifen Nüssen zu lösen, die in dem kleinen Körbchen neben ihr lagen.

Erwin sah ihr zu. Die Hände hatte er auf die dunkle feuchte Platte des Tisches gelegt.

»Du Armer!« sagte Franziska. »Deine Hände sind jetzt ganz weiß geworden. Bis zu deiner Krankheit waren sie so schön braun. Ja, es war schwer.«

»Ich weiß, Franzi«, sagte Erwin, »ich habe dir viel zu danken. Aber Worte? Worte sind doch nicht das Richtige. Ich denke jetzt nur darüber nach, was aus uns werden soll.«

»Was du willst.«

»Noch ein paar Wochen oder Monate, und dann wirst du ja doch von hier fortreisen. Nach einem solchen Erfolg wie vor acht Tagen wird dich Herr Diemitz nicht mehr lange müßig gehen lassen.«

»Gehe ich denn müßig?« Sie wies auf die blankgeschälten Nüsse, die vor ihr auf einem großen weißen Suppenteller lagen.

»Nein, im Ernst, es kann nicht lange dauern, und du hast in irgendeiner anderen Stadt ein zweites Konzert zu geben.«

»Das ist ja mein Beruf.«

»Und dann bin ich allein.«

»Willst du es nicht so, Erwin?«

»Ich?«

»Aber du kannst ja immer mit mir kommen. Wir werden immer ein Zimmer haben, immer Brot für zwei, immer was du brauchst, und wenn ich es erbetteln müßte. Aber ich werde nicht betteln.«

»Und das soll ich von dir annehmen?«

»Weißt du denn nicht, was du mir bist, Erwin? Du kannst mir weh tun, du kannst mich verlassen, wie damals in Berlin ...«

»Sprich nicht davon«, sagte er.

»Ja, manchmal glaube ich, du kannst ohne mich sein, aber ich nicht ohne dich.«

»Nein, Franzi, glaube mir doch! Du mußt mir glauben, wenn ich es dir auch nicht zeigen kann. Wir wollen alles Vergangene begraben. Ich schreibe noch heute an deine Schwester um deine Papiere. Wir wollen heiraten. Und dann will ich wieder versuchen, zu arbeiten. Vielleicht gelingt es mir ... Aber kein Wort zu Frau Constanza. Da kommt sie, du mußt ihr entgegengehen.«

»Das ist schön«, sagte die Constanza zu Erwin, »daß Sie sich endlich entschlossen haben, gesund zu werden. Meine Franzi hat viele Sorgen mit Ihnen gehabt. Es war beinahe zuviel. Aber jetzt, mein Kind, bringe ich dir eine angenehme Nachricht. Fräulein von Munzdorff ist, dem Himmel sei Dank, krank. Diemitz hat heute zwei Telegramme von ihr erhalten. Sie wollte in Berlin mit Harry ein Orchesterkonzert geben. Du weißt doch, Harry Logcziusko. Diemitz und ich haben sofort an dich gedacht. Du würdest das A-Dur-Konzert von Liszt spielen. Harry spielt das Brahms-Konzert für Violine. Aber – ich erinnere mich eben – wenn dir Liszt nicht liegt, kannst du ebensogut das C-Moll-Konzert von Beethoven spielen. Diemitz läßt dir die Wahl.«

»Was würdest du spielen?«

»Liszt! Das ist ja gar keine Frage, keine Frage für mich. Aber du, du bist zehn Jahre jünger als ich. Was soll ich nun Diemitz sagen?«

»Ja, ich folge deinem Rat. Morgen werde ich dir das Beethovenkonzert vorspielen. Ich habe es vor einem halben Jahr studiert.«

»Also, dann ist alles in Ordnung. Kommt Herr Erwin auch mit nach Berlin?«

»Nein«, sagte Erwin.

»Ach?« meinte die Constanza. Und mit einem Blick auf Franzis Hände, die vom Nüsseschälen dunkelbraun geworden waren: »Das mußt du nicht tun, Franzi, es ist wirklich schade um deine Hände. – Und nun aber möchte ich noch etwas mit dir besprechen, mein Kind. Adieu, Herr Erwin. – – Du kannst ruhig fünfhundert Mark für den Abend verlangen. Ich halte es aber für besser, wenn ich selbst das Geschäftliche mit Diemitz ordne. Aber die Hauptsache bleibt: Es ist jetzt höchste Zeit, daß du von hier fortkommst. Was findest du an diesem Menschen? Mir kommt es geradezu unnatürlich vor, wie du dich da ausgibst ... Und dabei rede ich gar nicht, wie die Leute reden. Aber Vernunft, mein Kind, ein bißchen Vernunft!«

Franziska schwieg.

»Denk' doch an deine Zukunft!«

»Mir ganz gleich.«

»Sieh doch, jetzt ist er noch krank. Aber selbst, wenn er gesund ist, was ist er dann? Nichts. Er ein Nichts und du die große Nummer von morgen. Was wollt ihr voneinander?«

»Was er von mir will, weiß ich nicht. Aber ich liebe ihn grenzenlos.«

»Das verstehe ich nicht. Was sind das für Ausdrücke: grenzenlos! Grenzenlos und Herr Erwin – mir unbegreiflich. Und dann, bist du ganz sicher, daß er dich mag? Glaube mir, man täuscht sich manchmal ... grenzenlos. Weshalb will er dich nicht begleiten? Nein, ich sage nichts mehr. Aber wenn er nicht mit dir nach Berlin will, muß ich mit. Denn ein junges Mädchen darf man nicht allein in der Welt umhersegeln lassen. Leb' wohl, Franzi, spiele das Konzert heute noch durch. Ein Erfolg in Berlin bedeutet die Zukunft. Aber nur ein Erfolg ohne Fragezeichen.«

Franziska kehrte zu Erwin zurück. Es wurde langsam dunkel. Die Blumen hinter den Fenstern schimmerten matt.

»Es wird kühl, Erwin. Komm mit mir hinauf. Ich muß das Beethovenkonzert durchspielen.«

»Bleibe nur«, sagte Erwin mit sonderbarer Stimme, »wir haben noch gut Zeit.«

»Was soll das?«

»Du wirst nicht in Berlin spielen. Wenn du noch einen Funken Liebe für mich hast, dann verzichtest du darauf.«

»Unmöglich«, sagte sie kalt.

»Ich habe dich früher nie um etwas gebeten, laß mich jetzt nicht zweimal bitten.«

»Keine falsche Sentimentalität. Ich habe zugesagt, es bleibt dabei.«

»Sieh, Franzi, vor drei Wochen hast du mich gefragt, ob ich dir meinen Namen geben wolle. Erinnerst du dich? Damals, als du von den Trauerkleidern gesprochen hast. Damals sagte ich nein. Damals habe ich gefühlt, du hast mich nicht genug lieb.«

»Das ist ja lächerlich«, sagte Franziska im Zorn. »Wir haben ja nicht einmal Brot für zwei Tage, wenn du mich an meiner Arbeit hinderst.«

»Ich werde für dich sorgen.«

»Ach du! Erinnerst du dich nicht des Tages in Berlin? Wie soll ich dir trauen? Nein, alles oder nichts. Ich mache keine Geschäfte. Ich teile dich mit niemand. Ich fürchte keine Menschen, keine Stadt, keine Hedy in der ganzen Welt ...«

»Schweig!« rief er drohend.

»Ich verbiete dir diesen Ton. Nein, ich kann mich beherrschen. Ich will gar nicht ernst nehmen, daß ... du bist krank ...«

»Bitte, nimm an, daß ich gesund bin.«

»Höre, Erwin! Das ist mein letztes Wort: Ich fahre nach Berlin. Keinen Widerspruch mehr, bitte. Ich reise. Bleib' du hier, wenn du willst. Und wenn auch nicht meine und deine Zukunft auf dem Spiel stünde, soviel Vertrauen muß ich zu dir haben können – ich könnte auch hier in Prag nicht ruhig mit dir leben, wenn ich dir die geringste Untreue zutrauen könnte.«

»Du stellst mich auf die Probe?«

»Du zwingst mich dazu.«

»Ich war dir nie untreu.«

»Untreu? Nein, das war schon mehr. Es war infam, wie ...«

»Du schämst dich nicht, mir Vorwürfe zu machen?«

»Willst du ein Ende, dann gut. Wir sind noch nicht Mann und Frau.«

»Nein, wir sind noch nicht Mann und Frau, aber ich will deinem Glück nicht im Wege stehen, Franziska. Es wäre vielleicht zuviel, was ich von dir verlangte.«

»Erwin!«

»Nein, Franzi, was ich von dir will, ist nicht mehr, als was du von mir verlangst. Ich soll dir folgen wie dein Schatten. Dann bin ich der etwas reduzierte junge von X. und du die junge, große Künstlerin. Ja, ich soll dein Brot essen, daß du im Schweiße deines Angesichts verdienst ...«

»Genug, genug, ich mag von dir keine Vorwürfe hören.«

»Nein, du willst mich nur füttern, liebe Franzi ... Ich soll keine ehrliche Arbeit haben. Ich will hierbleiben, du schleppst mich mit. Ich will meine Arbeit als Hauptsache sehen, du willst, alles soll Franziska heißen. Mir soll keine freie Stunde mehr gehören, ich soll auf alles verzichten, was ...«

»Ich gedenke dich zu gar nichts zu zwingen«, sagte Franziska ruhig. »Ich habe dir vorgeschlagen, mich zu deiner Frau zu machen, weil ich mich vor deinem Arzt schämte, der mich für deine Mätresse hielt. – Du warst sterbenskrank, deine Frau sollte entscheiden, ob man die Chinineinspritzung wagen sollte oder nicht. Ich als deine Geliebte mußte die Verantwortung auf mich nehmen. Ja, mein lieber Junge, du hast mir Mut beigebracht. In dem halben Jahr, das wir zusammen gelebt haben, habe ich alle möglichen Tugenden gelernt. Es war gut so. Du hast mich gebraucht. – Jetzt bist du gesund. Und die Freude daran werden mir deine giftigen Worte nicht nehmen.«

»Verzeih'«, sagte er nach einer Weile, »alles sei wieder gut.«

»Verzeihen? Das sind für mich nur Worte. Es ist heute ohnedies schon viel zuviel geredet worden. Verzeiht eine Mutter ihrem Kind, weil es mit Schmerzen auf die Welt gekommen ist?«

»Gut«, sagte Erwin, »du willst es. Muß ich mit dir? Ist es dein letztes Wort? Sei klug! Nein, könnte ich dir nur sagen, wie ich diese Stadt hasse ...«

»Ach, sprich nicht davon. Wer hat mehr Grund? Du oder ich? Entweder, oder. Ich oder Nicht-Ich. Was ist mir Berlin! Was sagt mir das Wort Berlin! Erinnere mich nur nicht daran. Es wäre besser, zu schweigen, als diesen alten Schmutz aufzurühren.«

»Schmutz?«

»Ja, du hast ganz richtig gehört, Schmutz! Etwas anderes war es nicht.«

Sie schlug im Dunkel des Zimmers den Deckel des Klaviers empor. »Genug, ich bitte dich. Laß mich jetzt arbeiten. Ich will mich nicht auch noch vor der Constanza schämen.«

Das war das letzte Wort. Erwin kam abends nicht zum Essen. »Ich rufe ihn nicht«, dachte Franziska. »Es ist besser, er hungert, als daß er denkt, daß ich mir seine Küsse erbetteln will.«

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