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Franziska

: Franziska - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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3

Als Franziska ihre Schwester zum Bahnhof begleitete, fühlte sie mit Staunen, daß sie sich auf die Minute freute, da sie ganz allein zwischen ihren vier Wänden sein würde; sie freute sich auf die erste Nacht allein in ihrem Zimmer, es schien ihr, als würde dann die Welt weiter, als schliefe sie dann in einem entfernten Land, unter Zeltwänden oder unter freiem Himmel.

Aber Minna weinte, und ihre Hände zitterten beim Abschied. Der Zug kam: Franziska küßte Minna auf den Mund; Minnas Arm lag so schwer, so verlangend, so fassungslos zärtlich um ihren Hals, daß sie fürchtete, sie würde niemals mehr frei. Aber es war nur ein Augenblick: dann kreischten die Räder, der Zug ging. Minna winkte aus dem Abteil mit einem weißen Tuch, und ihr von Tränen verschwollenes Gesicht schien aus der Ferne zu lächeln.

Franziska hatte eigentlich nur einen einzigen, ihren Vater, geliebt: als Kind, als erwachender Mensch und dann in der Erinnerung, und sie vermochte es nie zu fassen, daß sie ein Mensch, den sie liebte, verlassen konnte.

In zwei schlaflosen Nächten, den ersten schlaflosen Nächten ihres jungen Lebens, in denen sie ihn mit gewaltsamen Tränen wieder ins Dasein, Nebenihrsein, in den blühenden Tag zurückwünschte, war ihr mit ihm die ganze belebte Welt gestorben.

Das einzige, was noch lebte, war die Musik. Nichts sprach zu ihr als das alte Klavier, nie gab sie ihre Seele preis, als wenn sie sich allein im dunklen Zimmer von den Tönen berauschen ließ. Die ersten Lektionen hatte ihr der Vater erteilt; als er starb, stand sie vereinsamt da. Sie hatte von ihm die Fähigkeit der Improvisation geerbt, konnte stundenlang frei über ein Bild, über eine Erinnerung phantasieren. Die Gedanken kamen ihr von selbst; oft schloß sie die Augen oder sah auf die Kirche hin, deren Fenster ganz fein vergittert waren, um den Spatzen und Tauben das Nisten zu erschweren. Sie spielte lange ganz ohne Gedanken. Sie glaubte, jeder könnte so spielen, wenn er wollte. Das machte ihr Glück, ein etwas haltloses Glück, aber doch eins.

Als sie fünfzehn Jahre alt war, starb plötzlich ein Herr von Kornhen, ein verarmter Aristokrat, der Vertreter einer Versicherungsgesellschaft gewesen war.

Franziska ging an der Kirche vorbei, in der die Leiche aufgebahrt war; der Tod des Herrn war zwar etwas geheimnisvoll vor sich gegangen, man sprach von Selbstmord, aber der Geistliche, der mit ihm gut befreundet gewesen war, deckte die kirchliche Bestattung mit seinem eigenen Gewissen.

Franziskas Kleid streifte das Portal der Kirche. Totenstille herrschte in dem hohen Haus, und Franziska dachte, der Tote läge ausgestreckt da, im offenen Sarg, um den Hals die Schlinge des Seiles oder an der Stirn die Spuren der mörderischen Kugel.

Die Mutter hatte ihr verboten, der Totenmesse beizuwohnen; aber Franziska konnte nicht widerstehen. Das Grauenhafte lockte sie.

Grünes Dunkel lag über dem Schiff der Kirche; graue Weihrauchwolken wogten, dufteten schwer. An dem geschlossenen Sarge kniete der Sohn des Verstorbenen, ein blondlockiger, schlanker Mensch, und das Zittern seiner kleinen weißen Hände über dem dunklen Holz war rührender als Weinen. Von der Empore senkte sich süßer Orgelklang herab, kleine Glöckchen klingelten. Das Gezwitscher aufflatternder Vögel war hell wie kühler Wind.

Franziska schauerte. Sie ging langsam zurück, das Gesicht stets dem Altar zugewandt, an dem fahle Kerzen brannten. Mit einem letzten Blick sah sie, wie der alte Priester den jungen Menschen sanft zu sich emporzog. Sie träumte von diesem edlen, blassen Knabengesicht. Ihre Nächte und ihr Spiel am Klavier waren lange davon erfüllt. Er hieß Erwin. Im nächsten Jahr kam eine fremde Künstlerin in die kleine nordböhmische Stadt und gab im Tanzsaale des einzigen Gasthofes ein Konzert. Franziska war bedrückt, als sie die ersten Töne der Geige hörte; nach dem ersten Satz der ersten Sonate aber war sie tief ergriffen, zitterte vor Aufregung und war so blaß, daß die Mutter sie mit harten Händen zwang, heimzugehen. Das vergaß Franziska ihrer Mutter nie.

Von diesem Tage an begriff sie, daß ihr die elementare Kraft zum Schaffen fehle, daß sie nie über den Augenblick und sein Leid und seine Freude hinüberfliegen könne und daß das halbfreie Phantasieren der sichere Untergang ihrer Kunst war.

Sie zwang sich, drei Wochen lang keine Taste zu berühren, dann begann sie in einem Alter, da die anderen schon Mittelmäßiges leisteten, wieder mit den allerersten Anfängen des systematischen Klavierspiels.

Die kränkliche Mutter hatte aushilfsweise für die gröbsten Arbeiten der Hauswirtschaft ein junges Bauernmädchen aufgenommen. Franziska brachte sie dazu, das Mädchen zu entlassen, ihr selbst die Arbeiten zu übertragen und ihr dafür das Entgelt zu bezahlen.

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