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Franziska

: Franziska - Kapitel 39
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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9

Erwin erholte sich nur sehr langsam. Anfang Oktober durfte er kaum auf eine Stunde aufstehen. Und dann lag er im Lehnstuhl, auf Kissen gestützt. Franziska saß täglich sieben Stunden am Klavier und bereitete sich für ihr erstes Konzert vor.

Es kam der Herbst. Es war so lange Abend, so zögernd wölbte sich die kühle Nacht über die Stadt, die in Klarheit und buntfarbigem Glanz funkelte.

Ende Oktober gab Franziska in Prag ihr erstes Konzert.

Erwin sah sie von seinem Lehnstuhl aus in ihrem Zimmer sitzen; Frau Smrtka stand hinter ihr, flocht ihr das dunkelgoldene Haar mit einer tiefen Andacht, als stecke sie die Zöpfe einer Braut auf. – Das bescheidene Batistkleid, das Franzi aus ihrer Heimat mitgebracht hatte, hing über dem Stuhl.

Ein Wagen rollte durch die stille Straße heran und hielt. Die sonst so zarte Glocke an der Tür läutete energisch. Schwere Seide rauschte über den Fußboden des Vorzimmers. Und plötzlich war das ganze Zimmer, das ganze Haus voller Duft.

»Nun, wie weit bist du, liebes Kind?« fragte die Constanza. Sie ließ Franzi aufstehen und drehte sie wie eine Puppe hin und her.

»Ah, sehr gut, sehr distinguiert, ganz eine Komtesse. Halte dich grade, Franziska. Wo hast du deinen Schmuck? Du hattest doch einmal ein kleines Kreuzchen aus Granaten, es paßte zu deinem Kleid. – Was fällt dir ein, du willst doch nicht ganz ohne Schmuck ins Konzert gehen? Da hast du meine Kette – nein, kein Wort, bitte. Verliere sie mir nur nicht. Sie ist von Einar. Schwedische Arbeit, sehr einfach und sehr kostbar. Die Sachen, die ich von meinem Mann habe, sind alle so pompös.«

Franziska und die Constanza waren seit einiger Zeit vertraut geworden, Dagmar war verheiratet, nun liebte die Constanza Franzi an ihrer Statt.

Endlich trat die elegante, schöne Dame in Erwins Zimmer. »Nun, wie geht's, junger Herr?« sagte sie zu Erwin. »Warum kommen Sie nicht mit uns?«

»Er ist heute zum erstenmal aufgestanden«, sagte Franziska, und ihre Stimme legte sich sanft wie eine Decke über ihn.

»Schade, sehr schade«, sagte die Constanza. »Na, geben Sie sich nur Mühe, werden Sie bald gesund. Komm, Franzi, es ist Zeit.«

Frau Smrtka ging der Constanza voran, eine Messinglampe in der Hand. Die Constanza sah sich noch einmal im Zimmer um.

»Eigentlich wohnt ihr ja geradezu feudal«, sagte sie. »Ja, die Franzi versteht zu leben.«

Sie ging.

Franziska beugte sich über Erwin. Ihr Hals duftete nach Reseda. Vielleicht hing dieser Duft an Einars schwedischer Kette. Ihr weißes Kleid leuchtete im Halbdunkel. Ihre junge Brust pochte.

»Leb' wohl, Liebling, ich bin um zehn Uhr wieder zurück. Die Hausfrau wird die ganze Zeit bei dir bleiben.«

Sie nestelte an den Kissen, und während sie sich aufrichtete, streiften ihre feuchten, warmen Lippen Erwins trockenen Mund.

Die Tür schloß sich leise, der Kutscher knallte mit der Peitsche, das holprige Pflaster der Straße donnerte unter den Hufen der Pferde. Die Leute liefen an die Fenster wie bei einer Hochzeit oder einem Begräbnis.

Erwin schlief ein. Als er erwachte, war es ganz dunkel. In der Küche spazierte Frau Smrtka hin und her und sang ein endloses böhmisches Lied, in dem von einer Holunderlaube, einem Wasserfall, von einem Mädchen und einem Soldaten die Rede war.

Alles erschien Erwin von einer neuen Seele belebt.

Sein Herz schlug stärker, schlug stärker in Freude, als er Franziska durch die Tür treten sah.

Beide Arme hatte sie schwer mit Blumensträußen beladen, mit gelben, purpurnen, teefarbigen Rosen, mit schweren, fast schwarzen Veilchensträußen, mit schwankenden Orchideen, lilafarbigen, mit züngelnden Blütenblättern, Maiglöckchen, zu einer schlanken, duftstrahlenden Fackel geordnet, und weißen Flieder, der mit seinen langen Dolden Franzis Arme streichelte. Es waren die Blumen, welche die Freunde der Frau Constanza Franziska geschenkt hatten.

»Oh, es war herrlich!« sagte sie und warf die Blumen über ihn.

»Aber Franzi«, sagte er, »willst du mich mit deinen Blumen ersticken, damit du nachher ein schwarzes Trauerkleid tragen kannst?«

»Nein, mein Lieber! Aber sieh nur, ich hätte nie gedacht, daß es so schön sein könnte, so grenzenlos schön. Wenn du nur das Klavier gehört hättest! Das klang von selbst. Und du?« Mit einem tiefen Blick: »Jetzt endlich bist du gesund, kannst vom Sterben sprechen, ohne blaß zu werden. Nun mußt du wieder einschlafen. Die Constanza und die anderen warten auf mich. Du hast doch kein Fieber? Warte nur bis morgen, dann erzähle ich dir alles.« Sie ging. Es wurde still, ihre Blumen begannen in der Dunkelheit stärker zu atmen.

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