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Franziska

: Franziska - Kapitel 38
Quellenangabe
pfad/weiss/franzisk/franzisk.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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8

Franziska dachte keinen Augenblick daran, daß ihre grausame Frage Erwins Zusammenbruch verursacht habe. Das war ja auch nicht der Grund. Erwin hatte zwanzig Tage in dem Krankenhaus mit hohem Fieber gelegen. Am ersten, halbwegs fieberfreien Tag hatte er gegen den Rat der Ärzte seine Entlassung durchgesetzt.

Franziska oder Hedy? Für den Kranken war Franziska die einzige Zuflucht. Jetzt schämte er sich vor Hedy. Grauenhaft war ihm der Gedanke, sich von einem Menschen, den er liebte, pflegen zu lassen.

Er reiste nach Prag. Nach acht fürchterlichen Stunden war er bei Franziska angekommen.

Der Arzt erschien und untersuchte.

»Es wird Typhus sein«, sagte er, »wozu leben wir denn in Prag?«

»Der Herr kommt aus einer anderen Stadt.«

»Aber doch nicht ausgerechnet aus Indien?«

»Nein, aber er war einmal in Südamerika und hatte dort einen Anfall von Wechselfieber.«

»Wechselfieber? Malaria? In der Tat, Sie könnten recht haben. Man muß wirklich an alles denken.« Er untersuchte den Patienten genauer mit ernstem Gesicht.

»Besteht Gefahr?«

»Warum sollte Gefahr bestehen? Regen Sie sich nur nicht unnötig auf. Aber ich glaube, es wäre gut, den jungen Herrn in ein Krankenhaus zu bringen.«

Franziska schüttelte entschieden den Kopf.

»Nein, verstehen Sie mich recht«, sagte er. »Malaria oder Typhus, auf die Diagnose kommt es ja gar nicht so sehr an. Das behaupten nur die Kapazitäten. Ich glaube, es ist ganz gleich, auf welche Krankheit hin er behandelt wird. Aber ...« und er runzelte die Stirn, »er muß gut behandelt werden. Es muß jemand Tag und Nacht bei ihm wachen. Alles in allem ist der Zustand ja doch ernst. Denken Sie nur, vierzig Grad Fieber! Soll ich wenigstens um eine Krankenschwester telephonieren?«

»Aber ich bin ja da, Herr Doktor.«

»Sie, gnädige Frau?« fragte der Arzt gedehnt und musterte Franzis zarte Gestalt.

»Ach Gott, sagen Sie mir doch nur, was zu geschehen hat«, sagte Franziska.

Der Arzt gab seine Anweisungen. Franziska wachte zwei Nächte, dann konnte sie nicht mehr. Regungslos, mit weit offenen Augen saß sie neben Erwin. Er atmet beinahe so wie die Mutter in der letzten Nacht, dachte sie. Ich darf nicht schlafen, ich darf nicht meine Augen schließen. Nein, sie wachte, noch wachte ihr eisernes Herz. Aber ihre Hand war zu schwach für den kleinsten Dienst. Aber die Kräfte mußten ja sofort wiederkommen, sie hatte nur zu warten, dazusitzen, zu warten, zu denken. Ich will eine Minute schlafen, dachte sie, und vier Minuten wachen, das wird das beste sein. Aber man muß mit den vier wachenden Minuten beginnen. Es ist wirklich reiner Unsinn. Wer beweist mir, ob es Unsinn ist, wenn ich doch schon schlafe? Krank ist er. Krank ist er deshalb geworden, weil seine Hedy ihn dazu gebracht hat, nach Buenos Aires zu gehen. Logisch! Logisch! Dann war alles gut, bis ihn Hedy zu sich gerufen hat. Sie sehen und krank werden ist eins, ist zwei ... Nein, logisch! Logisch! Wäre er hiergeblieben, wäre alles gut. Wäre er? Große Frage, keine Frage aber, sondern absolut notwendig ist es, daß ich wache und wach bleibe. Ich konnte früher einmal gut eine ganze Nacht hindurch wachen, mußte doch Noten abschreiben. Am nächsten Morgen konnte ich sie verbrennen, weil sie dann in meinem Gehirn drin standen. Und plötzlich kommt jemand und verbrennt das ganze Gehirn. Wo stehen dann die Abegg-Variationen geschrieben? Sie sind dann verlegt. Aber meine Hausfrau weiß, wo alles ist, sie weiß sogar, wo meine teuren Haarnadeln liegen, wenn sie verlegt sind. Ja, und ich höre jetzt, wie die Hausfrau aufgestanden ist und etwas sucht. Sie geht hin und her in ihren alten Filzpantoffeln ... aber sie geht so leise, daß ich gleich wieder einschlafen werde – nein – – plötzlich war Franziska ganz wach. Sie lief zur Hausfrau, wollte sie wecken, wollte sie bitten, zwei Stunden bei Erwin zu bleiben. Aber ihr Sohn war bei ihr. Seine Frau stand vor der Geburt eines Kindes. Er keuchte. Er war zu Fuß aus Zizkow hergelaufen. Aber eine halbe Stunde konnte doch die Hausfrau noch warten. Inzwischen rannte Franziska zu Minna, weckte sie und lief mit ihr zurück. Am nächsten Morgen sprach sie mit der Frau des Generalmajors, bei der Minna im Dienst stand, und erwirkte ihr mit großer Mühe einen zehntägigen Urlaub.

Franziska und Minna lösten einander nun in der Pflege ab. Erwins Zustand blieb ungewiß. Der Arzt wollte nicht recht mit der Sprache heraus. Endlich sagte er:

»Ich glaube, Sie haben recht. Wir kommen auf diese Weise mit dem Chinin nicht recht vorwärts. Ich möchte Ihnen etwas anderes vorschlagen. Einmal, zu den schönen Zeiten, wo ich noch an der Klinik war, hatten wir einen ganz ähnlichen Fall. Glauben Sie mir, der Mann stand kurz ante exitum, und doch haben wir ihn durchgebracht ...«

»Ante exitum? Was ist das?«

Der Arzt machte eine ganz kleine, flache Handbewegung.

»Das Ende vom Ende.«

»Und was schlagen Sie vor, Herr Doktor?«

»Eine Einspritzung in die Blutgefäße.«

»Habe ich da mitzureden?«

»Sie sind doch seine Frau!«

Franziska schüttelte den Kopf. »Bin ich nicht.«

»Dann will ich doch den Patienten selbst fragen, vielleicht ist das Bewußtsein gegen Abend klar.«

»Nein, Herr Doktor, um Himmels willen, fragen Sie ihn nur nicht. Er darf nicht wissen, daß es eine Gefahr gibt. Sie kennen ihn nicht.« Und nach einer Weile: »Ja, es ist das beste. Ich habe Vertrauen zu Ihnen. Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen dabei zur Hand gehen.«

»Ja«, sagte er, »wir können nicht gut umhin. Denn sonst verlieren wir ihn. Er vergeht uns unter den Händen.«

Die Einspritzung wurde ausgeführt.

Das Fieber sank. Franziska war glücklich. Sie ging mit dem blinkenden Thermometer zu Minna hinaus, um ihr die freudige Botschaft zu bringen. Aber Minna war nicht in ihrem Zimmer. Sie stand unten im Hofe am Brunnen und wusch sich. Ein Stück Küchenseife hatte sie in der Hand, sie sang, sie zwitscherte wie ein Vogel, der trinkt. Ein Handtuch war über den Pumpenschwengel gebreitet.

Franzi rief:

»Minna, komm doch herauf! Wie oft habe ich dir verboten, dich im Hofe zu waschen?«

»Es wird nicht wieder vorkommen«, sagte Minna beschämt.

»Nein, es wird immer wieder vorkommen. Kannst du nicht lernen, mir zu gehorchen?«

»Ich lasse mir von allen Leuten befehlen, nur nicht von dir«, sagte Minna.

»Dann kannst du gehen.«

»Du schickst mich fort, Franzi?«

»Ja, ich werde schon allein fertig.«

Minna packte ihre Sachen zusammen. An der Tür sagte sie: »Du mußt nicht böse sein, Franzi, daß ich gehe. Eigentlich tut mir der arme Erwin leid. Aber du, Franzi, du machst es mir zu schwer ...«

»Gut, gut!« sagte Franzi und warf den Kopf zurück.

Sie blieb allein. Vier Tage lang blieb sie allein bei dem immer noch Schwerkranken, der kaum eine Hand rühren, kaum verständlich sprechen konnte. Aber sie erriet alles, was er wünschte, brachte ihm unaufgefordert alles, was er brauchte.

Doktor Mauthner, der in ihr nur noch die aufopfernde Geliebte eines stellenlosen Monteurs sah, sagte ihr einmal: »Liebes Fräulein, wollen Sie nicht außerhalb Privatpflege übernehmen? Es wird gut bezahlt, vielleicht besser als hier.« Franziska lächelte. Aber sie schämte sich im Grunde.

»Na ja«, sagte der Doktor, »Sie sind unbezahlbar.«

Nach vierzehn Tagen kam Frau Smrtka zurück. Ihre Schwiegertochter hatte einen prächtigen Jungen bekommen. Ohne besondere Mühe wanderte die gute Frau von einem Bett zum andern.

»Aber, um Himmels willen, wie sehen Sie nur aus, Fräulein Franzi? Was ist aus Ihnen geworden?«

»Schreien Sie nicht, Herr Erwin schläft.«

Franziska, die bis dahin von einer herben Schönheit gewesen war, war um Jahre gealtert. Ihre Haare, früher so üppig und schwer, gingen aus. Zum erstenmal seit langer Zeit sah sie sich im Spiegel.

»Na, Gott sei Dank, jetzt sehe ich ganz genauso aus wie Henriette«, sagte sie zu sich. Aber Erwin hatte kein Fieber mehr, und seine Augen waren klar.

Franzi ging zum Klavier und spielte. Machtvoll stiegen die Töne empor; die Harmonien klangen ineinander; der Rhythmus donnerte, die Melodie sang. Franzi lächelte: Mein Klavierspiel ist nicht gealtert.

Abends durften zum erstenmal die Fenster weit geöffnet werden. Weihrauchduft drang herein. Eine dumpfe Glocke dröhnte. Franziska setzte sich an Erwins Bett. Sie sahen einander lange an.

»Nicht wahr, ich habe dir viel Mühe gemacht?«

Franzi schüttelte den Kopf. Sie schwieg.

»Kann ich dir danken, Franzi?«

Franzi gab lange keine Antwort.

»Willst du mir wirklich danken? ... Die ersten Tage waren schwer, es ging um Leben und Tod. Warum bist du damals in der Nacht fort? Und warum hast du damals das Geld geteilt? Was soll mir das Geld? Du bist todkrank und denkst an Geld. Ich kann dich nicht verstehen. Wenn ... wenn es anders geworden wäre, und wenn dir etwas in Berlin passiert wäre und du wärest gestorben – dann hätten sie mir nicht geschrieben. Warum denn auch gerade mir? Wer weiß dort etwas von mir? Mir wäre es dann immer gewesen, als hättest du mich nie wirklich liebgehabt. Dann hätte ich nicht einmal Trauerkleider um dich tragen dürfen. Warum bin ich nicht deine Frau? Warum darf ich mich nicht vor aller Welt zu dir bekennen?«

»Trauerkleider? Liegt denn soviel an den Kleidern, die wir tragen? Du weißt doch, daß wir ...«

Das Feuer in Franziskas Augen erlosch.

»Könnten wir uns so quälen, wenn wir einander nicht liebten?«

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