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Franziska

: Franziska - Kapitel 37
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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7

Franziska kam allein nach Prag zurück. Die erste Nacht verbrachte sie bei Minna, dann aber schämte sie sich ihrer Schwäche und kehrte in ihre Wohnung auf der Kleinseite zurück. Am frühen Morgen öffnete sie die Tür. Kühle strömte ihr lind entgegen, die Fensterläden waren halb geöffnet, auf dem Tische stand, silbern beschlagen, eine Karaffe mit Wasser und ein paar Gartenblumen in einem hohen Glas. Diese Zeichen der Fürsorge ihrer Wirtin rührten Franziska. Sie legte ab, wusch sich Gesicht und Hände; eine plötzliche Müdigkeit kam über sie. Sie hatte bei Minna kaum eine Stunde geschlafen. Nun wollte sie auf dem Diwan ausruhen. Aber über den Kissen schwebte immer noch der Duft von Erwins Haar. Unverlierbar kam die Erinnerung zurück. Franzi konnte die Qual nicht ertragen. Sie stand auf und ging fort. Sie irrte in der Stadt umher, die plötzlich allen Zauber verloren hatte.

Sie kehrte heim. Keine Sentimentalität mehr! Sie wollte arbeiten.

Aber das Klavier war gealtert, es sprach nicht mehr an, jeder Ton machte Mühe. Alles ekelte sie an. Jetzt war sie verlassen, jetzt war sie unglücklich, jetzt war sie elend. Was nützte ihr die Hoffnung, daß sie sich später einmal an Beifall, an Blumen, an Ruhm und Reichtum freuen würde? Es gab kein Morgen, jeder Tag war wie heute von großem Kummer in dem Zimmerchen unter dem Dache bis in die letzten Minuten erfüllt.

Plötzlich fühlte sie, wie sie sich selbst verachtete. Sie gab Erwin recht. Er mußte sie verlassen. Auch Henriette hatte recht, was sollte sie denn anderes tun, als sie verachten? Aber am tiefsten beschämte sie Minna durch ihre Güte, denn sie kam an jedem Abend, oft erst spät, abgehetzt, schweißgebadet, oft nur auf zehn Minuten und nie mit leeren Händen. Das war Liebe, aber das war kein Trost.

Mit dem hilflosen Lächeln eines kranken Kindes lief Franziska stundenlang im Belvedere-Garten umher; um den Klang ihrer eigenen Stimme zu hören, sprach sie mit Kindermädchen, mit fremden jungen Herren, mit Studenten, welche Bücher unter dem Arm trugen und für sie verbotene Blumen aus den Beeten des Parkes pflückten. Vor Frau Smrtka schämte sie sich. Aber die alte Frau fragte nicht und wollte nichts wissen. Ruhig schichtete sie Erwins Kleider, Wäsche und Papiere, die Franzi aus den Schränken geräumt und auf einen Haufen geworfen hatte, wieder in den Kasten zurück. Franziska bemerkte es gar nicht. Ihr Leben war so gewaltsam angegriffen, daß sie sich nur mit der größten Mühe in der Einsamkeit zurechtfand. Sie begriff es kaum, wie sie sich von einem Tag zum andern aufrecht erhielt. Es war kein Schmerz, der einem körperlichen Schmerz verwandt war. Dieser Schmerz war so innig mit ihrem ganzen Dasein verwachsen, daß sie ein ganz neues Leben beginnen mußte. Sterben oder ein neues Leben: neue Gewohnheiten – neue Arbeit – neue Erholung – neues Erwachen am Morgen – ein neues Kissen für die Nacht – oder Tod. Nur ein ganz junger, ganz starker Mensch konnte eine solche Zeit überwinden. Franziska konnte es. Sie hatte nie über den Grund von Erwins Untreue nachgegrübelt. Nie hatte sie sich mit Eigenlob getröstet. Sie nahm seinen Verlust als endgültig hin. Unermeßlich war ihr Kummer. Nun mußte sie von Grund aus anders werden. Ihre Züge verloren die wundervolle Zartheit. Wo blieben die weichen Frühlingslinien ihres Mundes? Als Erwin wiederkam, sah er eine fremde Frau vor sich.

Er kam zurück. Wohin hätte er denn auch zurückkehren sollen, wenn nicht zu Franziska?

Sein Gesicht war grünlich blaß, seine Wangen waren eingefallen. Seine Augen flackerten. Seine Hände waren abgemagert, greisenhaft geworden zum zweitenmal – sie trugen ein braunes Handtäschchen, aber die kleine Last schien ihnen zu schwer zu sein.

Franziska erschrak, als sie ihn vor sich sah. Draußen glühte ein wolkenloser Augusttag, und Erwin zitterte vor Frost.

Wie grauenhaft hatte ihn dieses fremde Mädchen zerstört! Konnte denn ein Mensch mit klarem Bewußtsein sich so an einem andern vergreifen? Jetzt sah sie Hedy vor sich, sich gegenüber, Hand an Hand, Gesicht gegen Gesicht, eine ungeheure Wut stieg in ihr auf. Warum hatte sie bis jetzt nicht an Hedy glauben wollen? Stets hatte sie den Haß gegen dies kleine, krüppelhafte, sentimentale Wesen unterdrückt. Nun aber raubte ihr die Wut beinahe die Stimme.

Mit vorgebeugtem Kopf, mit wilden, großen Augen packte sie stumm den stummen Gast an. Dann ballte sich ihre Stimme in einem leidenschaftlich heiseren Wort: »Nun, ist sie endlich tot?«

Erwin fand keine Antwort. Wie von einer Keule getroffen, schlug sein Körper auf der Türmatte zusammen; der Hut rollte die Treppe hinab. Das blutleere Gesicht, der edle Kopf, dessen Haare kurz geschoren waren, leuchtete matt im Dunkel des Hausflures.

Franzi erschrak nicht. Das hatte sie verlernt. Sie winkte Frau Smrtka, zeigte wortlos auf Erwin, trug ihn gemeinsam mit ihr in das Zimmer, legte ihn in ihr eigenes Bett. Dann ging sie nochmals hinaus und holte den Hut, der bestaubt war.

Erwin war noch nicht bei Bewußtsein. Seine Lippen waren blau. Franzi schickte sofort um den Arzt.

Inzwischen starrte sie in Erwins Gesicht, wie um sich an etwas zu erinnern, das jahrzehntelang hinter ihr zu liegen schien.

Hatte nun das Schicksal das Wort immer unter ihr und Erwins Leben gesetzt? Das gab ihr ihren Stolz zurück. Ihre Hand kühlte Erwins heiße Stirn, fühlte die Adern am Halse rasend pochen. Plötzlich rötete sich Erwins Gesicht, seine Augenwimpern zuckten wie vor dem Erwachen.

Sie wollte sich abwenden. Ihr graute vor ihm.

Aber bevor er die Augen aufschlug, hatte sie sich wieder. Sie wartete ruhig, mit dem tröstenden Lächeln, mit den ausgebreiteten Händen einer Mutter, auf Erwins ersten Blick.

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