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Franziska

: Franziska - Kapitel 33
Quellenangabe
pfad/weiss/franzisk/franzisk.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101231
projectid447d5087
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3

Erwin hätte nicht zurückkommen dürfen: dann hätte ihn Hedy immer geliebt; dann wäre sie ihm vielleicht sogar treu geblieben. Denn sie war kein kleines Mädchen. Sie verkaufte sich nicht für Bonbons, nicht für Seidenkleidchen, nicht für Karten fürs Kinotheater. Ihr Ziel war: sich selbst vergessen, besiegt, überwältigt werden.

Als Erwin noch fern war, jenseits des Meeres, jenseits der Möglichkeit, am nächsten Tage zu erscheinen, da betete sie einen Halbgott in ihm an. Als sie ihn wiedersah, war es ein kranker Mensch, ein graues Gesicht! Seine Hände waren greisenhaft geworden und zitterten.

Er bat um Mitleid; sie antwortete mit Verachtung.

Erwin lockte alles Böse, alles Niedrige aus ihr hervor, und es graute ihr vor sich selbst, als sie, nach dem ersten bösen Wiedersehen mit ihm, allein in ihr Zimmer trat.

Am nächsten Tage wollte sie sich überwinden, wollte ihm auf halbem Weg entgegenkommen, sie kaufte eine kleine Tüte Leckerbissen, um sie gemeinsam mit ihm zu verzehren, zwischen Lachen, Küssen und Umarmungen, unter hinübergeschmeichelten Worten im Dunkel seines kleinen Zimmers, in die Ecke des alten Sofas gedrückt.

Sie war auf dem Wege zu ihm. Aber schon wartete er da, auf dem alltäglichen Platz, der abgebraucht und grau war, nach den tausend Gängen in den alltäglichen Beruf, den sie haßte.

Er stand da und bettelte.

In ihrer Empörung warf sie ihm seine eigene Vergangenheit vor, zog ihm, dem Menschen von 1913, den alten Erwin von 1912 vor. Wie eine Faust an der Kehle empfand sie ohne Aufhören ihre eigene Unersättlichkeit. Sie hätte es nicht ertragen, Erwin glücklich zu sehen.

Weshalb war er ihr treu? Sie war ihm nicht dankbar dafür. Jetzt sehnte sie sich nach anderen Menschen. An anderen Menschen gefiel ihr alles, weil sie nicht Erwin hießen. Junge Leute traten ihr gemein entgegen, nahmen mit unverschämtem Lächeln ihren Arm, nannten sie Puppchen oder kleine Fee. Sie antwortete ihnen nicht, aber sie verzieh ihnen alles; Erwin nichts. Sie waren wenigstens gesund, und Erwin mit seiner Kränklichkeit, mit seinem grauen Gesicht, mit seinen matten, aber immer noch schönen Mädchenaugen wühlte Ekel, Sehnsucht, Grauen in ihr auf.

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