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Franziska

: Franziska - Kapitel 30
Quellenangabe
pfad/weiss/franzisk/franzisk.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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10

In zehn Minuten waren sie auf der Bahn. Franziska gab dem Schaffner zwei Kronen. Das Abteil sollte nicht weiter besetzt werden.

»Der Herr in dem Kupee ist krank«, sagte der Schaffner zu den Reisenden, welche in das Abteil eindringen wollten. »Er hat eine ansteckende Infektion.«

»Schade um das Geld«, dachte Franziska. »Um diese zwei Kronen zu verdienen, hätte ich mehr als drei Klavierstunden geben müssen. Was darf mir jetzt daran liegen? Geld? Zeit? Mich? Er hat alles vergessen.«

Funken sprühten an den Fenstern vorüber, schwärmten gleich Bienen aus sonnengebräuntem Korb, und Franziska sah sich, die Franzi vor zwei Jahren, am Bahngleis stehen, ergriffen, erschüttert, überwältigt.

Erwin schwieg.

Längst entschwunden war die Franziska von vor zwei Jahren, jener Mensch, der von der Feuersäule geträumt hatte, und die biblischen Gestalten, die damals aus dem dunkeltönenden Klavier hervorgeschritten waren, waren ebenso im Staub der Zeit versunken wie der Mensch, der ihre Melodie gespielt hatte.

Erwin schlief. Franziska blieb wach. Wie kann er schlafen! dachte sie. Ich habe noch die ganze Nacht vor mir. Immer Nächte. Erträglich ist der Tag, erträglich. Die Sonne scheint, es lärmt die Welt, Erinnerung und Hoffnung, man kann an ihnen die Hände wärmen. Dreifach schwer aber liegt in der Nacht das Unglück auf der Seele.

Die ganze Nacht dachte sie daran, Erwin nicht einen Schritt allein gehen zu lassen. Sie hörte im Dunkel ihre Zähne knirschen: Es war besser, ihn umzubringen, als ihn Hedy und seinem Verhängnis zurückzugeben. Es wurde licht. Grüne Felder schimmerten. Kleine Seen lagen verlassen da. Magere Birken standen am Ufer, über das Wasser gebeugt, schienen zu frieren. Anders wurde die Welt im Licht, und Franzi sah am Tage einen andern Weg als in der Nacht. So kam sie nach Berlin. Es war 8 Uhr morgens.

Erwin mietete in einer kleinen Pension in der Nähe des Anhalter Bahnhofs ein Zimmer. Das Zimmer war groß, gut möbliert und schien behaglich. Franziska wusch sich die Hände und kämmte ihr Haar, das bei der leisesten Berührung schmerzte. Erwin sah ihr ängstlich zu.

»Nun geh'!« sagte Franziska, »ich warte auf dich.« Kein Wort des Vorwurfs, keine sentimentale Gebärde. Erwin ging.

Die Stunden verstrichen. Es wurde schwül. Schwere Wolken zogen sich über der fremden Stadt zusammen. Der Asphalt war bleigrau, glänzte. Die Räder der Automobile ließen eine schmutzige Spur zurück wie ein Radiergummi auf lichtem Papier. Ein Kohlenwagen rasselte vorbei. Kleine, blanke Mädchen glitten auf Rollschuhen vorüber, mit den Armen schlenkernd, den Kopf steil emporgereckt wie Eisläufer. Der Asphalt dunkelte, ein paar Tropfen fielen, sie glänzten wie geschmolzenes Metall, in der Ferne dröhnte der Donner. Aber die Sonne schien. Ein plötzlicher Wind scheuchte die Papierfetzen und Gemüseabfälle in die Mitte der Straße zusammen. Alles wurde still. Eine tiefe Glocke schlug brausend Mittag, dazwischen klangen die hellen Signale der elektrischen Straßenbahnen; widerwillig kreischten die scharf angezogenen Bremsen.

Franzi schlummerte ein. Als sie erwachte, war es drei Uhr. Erwin war noch nicht da. Die Stunden wälzten sich vorüber wie eine Dampfwalze auf einer frisch geschotterten Straße. Franzi quälte der Hunger. Sie holte Geld. Vier blaue Hundertkronenscheine lagen in ihrem hölzernen Geldkästchen, das mit roter Seide gefüttert war. Das war ihre und Erwins gemeinsame Kasse. Ein paar deutsche Silbermünzen lagen dabei und ein österreichischer Heller, der Glück bringen sollte. Sie hatte ihn früher von Minna erhalten.

Das Geld mußte gewechselt werden, aber bevor sie alles erledigte, konnte Erwin wieder zurückgekommen sein. Sie wartete. Gegen fünf Uhr fühlte sie keinen Hunger mehr, bloß Müdigkeit. Um sieben Uhr wurde sie aus ihrem Halbschlaf geweckt. Neue Mieter, ein Mann und eine Frau, zogen in das Zimmer nebenan ein. Ein beschlagener Koffer wurde dröhnend niedergestellt, Münzen klirrten, Schlüssel klapperten, frische Wäsche rauschte. Halblaute Worte und kicherndes Lachen wechselten ab. Franzi kleidete sich zum Fortgehen an. Ging vor dem Haustor hin und her. Sie hatte einige Münzen deutscher Währung gefunden und kaufte bei einem Grünwarenhändler Kirschen. Sie hätte sie am liebsten auf der Straße gegessen, ihr Hunger war plötzlich wild, schmerzhaft wie ein Messerschnitt. Aber sie beherrschte sich. Sie glaubte Erwin um die Ecke kommen zu sehen, sie hörte seinen Schritt hinter sich. Sie blieb allein. Langsam ging sie die Treppe wieder hinauf. Das Zimmer schien doppelt so groß als vorher. Sie setzte sich an das Fenster, hielt die feuchtgewordene Papiertüte mit den Kirschen in der Hand. Der Hunger war verschwunden. Es ekelte sie vor den Kirschen, vor sich, vor Erwin, vor der ganzen Welt. Es klopfte. Das Hausmädchen trat ein, um das Bett für die Nacht zurechtzumachen. Franzi errötete. – Das Mädchen fragte zweimal, ob sie keine Wünsche habe. »Es ekelt mich vor dem Sprechen«, dachte Franziska. Das Mädchen ging. Es wurde dunkel.

Alles wurde lebhafter. Die Automobile lärmten wild, schossen vorbei, das Ankurbeln war so laut wie Trommelwirbel. Die Signale der elektrischen Bahn gellten mit hoher Stimme, schüchtern klapperten die Hufe der Pferde, die Glocke der nahen Kirche klang tief wie eine Predigerstimme. Franziska schlief ein.

Sie sah Erwin neben sich stehen. »Es kann nicht sein«, dachte sie, »ich bin noch nicht erwacht.« Sein Gesicht war verzerrt, sein mädchenhafter Mund zitterte. »Schläfst du, Franzi?« »Erschrick nicht«, dachte sie, »es ist seine Stimme.« Aber sie erschrak doch. Wie eine Decke über einen Erstickenden legte sich Schauder über sie. Von neuem war sie in den Tiefen des Schlafes begraben. Ich träumte ja doch! Sie wehrte sich gegen den Schlaf. Mit beiden Händen wollte sie eine schwere Decke von sich stoßen. Irgend jemand stand am Fenster, sprach zu einem andern, der unten wartete, und in der hocherhobenen Hand Kirschen in einem feuchten Papier für sechshundert Kronen anbot. Das Geld lag doch unter ihrem Kopfpolster, wie es unter Mutters Kopfpolster gelegen hatte. Aber das Polster war unbeweglich, schwer, aus Blei. Irgendeine Hand suchte und war ohne Kraft. Plötzlich waren es vier Polster, und alle vier stellten sich wie vier Soldaten um ihren Kopf auf. Erwin wandte sich zu ihr. Er wollte zu ihr und konnte es nur nicht. Sie wußte, daß er sie rief. Sie ahnte sein von Angst und Anstrengung verzerrtes Gesicht. Auch sie wollte sprechen. Sie wollte ihm sagen ... was wollte sie nur sagen? Aber er hatte den rechten Arm in die Höhe gehoben, und unter diesem Arm streckte ein fremdes Mädchen seinen kleinen Kopf hindurch und züngelte. Die Augen waren groß und grau wie Asche. »Nun weißt du, es ist nur ein Traum«, dachte Franzi im Traum. – Immer näher drängten sich die fremden Augen. Sie fühlte, wie sie in ihre Brust stachen, da stieß sie die Augen weg, riß sie aus. »Wenn ich gewußt hätte, daß das so leicht ist«, dachte sie und nahm die Augen in die Hand. Aber sie wogen schwer. Ganz nahe starrte ihr der Schädel des Mädchens entgegen, und die zwei Steine in ihrer Hand wurden Lasten und unerträglich. »Ich will nicht!« sagte Franziska im Traum. »Barmherzige Mutter Gottes, ich will wenigstens nachts Ruhe haben. Warum läßt du mich so leiden? Bin ich zu stolz? Ich bin nicht mehr stolz. Bin ich zu hart? Ich bin nicht mehr hart. Es ist Nacht, und alle ruhen. Ich bitte um Frieden. War doch der Tag böse genug. Barmherzige Mutter Gottes! Mutter Gottes Maria, Mutter der Gnaden ... Seit wann betest du, Franziska?«

Es war doch Erlösung. Sie zitterte. Sie war glücklich. Sie war wach. Aber plötzlich hatte sich Erwin über sie geworfen. Sein Blick war fieberhaft, entsetzt, der Blick eines Menschen im Delirium.

»Schrei nicht! Schweig!« Seine Hand preßte sich auf ihren Mund.

Ich träume ja doch noch! Sie lächelte. Aber sie fühlte den Duft einer Hand, die sie kannte.

Sie schwieg. Der fürchterliche Traum lastete noch auf ihr. Aber sie hörte Erwin atmen. Er ist es ja doch. Er bleibt bei mir! Sie schlummerte ein.

Als sie erwachte, war sie allein. Es war Tag.

Sie stand auf und klingelte. Das blonde Hausmädchen kam, brachte eine Kanne Kaffee, zwei Tassen, Brot und Butter. Franziska machte sich an ihrem roten Geldkästchen zu schaffen. Sie wollte dem Mädchen nicht ins Gesicht sehen. »Lassen Sie nur, Ihr Herr hat schon heute früh bezahlt«, sagte eine gutmütige Stimme.

Franziska bemerkte, daß zwei Banknoten verschwunden waren. Sie fühlte einen fürchterlichen Schmerz, aber sie lächelte. Sie fühlte sich fallen, mit dem Kopf nach hinten sinken. Das Mädchen sprang herbei.

»Ah«, sagte Franziska lächelnd, sofort Herrin ihrer selbst, »ich habe gestern Kirschen gegessen, und nun wäre ich beinahe auf einem Kern ausgeglitten.« Sie stand wieder sicher da.

Das Mädchen schwieg. Sie hatte schon viele Szenen, viele Dinge, viele Menschen, viele Tragödien aus einer solchen Nähe gesehen, daß sie abstoßend und nicht mehr ergreifend wirkten.

»Bitte, begleiten Sie mich zur Bahn«, sagte Franzi. »Das ist für Ihre Mühe. Es ist österreichisches Geld, aber wir können es ja umwechseln.«

»Wir?« dachte das Mädchen erstaunt. »Aber alleinstehende Damen sind stets sehr höflich, manchmal sind sie sogar freigebig mit ihren Trinkgeldern. Nehmen kann man alles; Geld ist Geld. Wozu fragen?«

Sie küßte Franziska die wehrlose Hand, trug den Koffer zur Bahn und setzte sich dann im leergewordenen Zimmer mit Behagen an den Frühstückstisch nieder, und als sie mit dem Kaffee fertig war, bemerkte sie mit freudiger Überraschung die Tüte mit den Kirschen, die noch nicht geöffnet worden war.

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