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Franziska

: Franziska - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/weiss/franzisk/franzisk.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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2

Henriette und Minna weinten: Minna leidenschaftlich wie ein Kind, das mit der ganzen Seele, mit ganzem Herzen weint, Henriette wie ein müder gedrückter Mensch, ein Mensch mit vielen Dienstjahren, mit wenig Hoffnungen, viel Arbeit und ohne Freude.

Franziska stand am Fenster, fühlte ihr Herz stürmend pochen. Sie konnte nicht weinen, in dieser Stunde nicht, nicht in diesem unbarmherzig grauen Tageslicht, Wand an Wand mit ihr, die es vielleicht noch hörte.

Die Krankenpflegerin öffnete leise die Tür. Ihr Lächeln war Mitleid, Verstehen und Tröstenwollen. Ihr schwerer Blick drängte jeden Schmerz zurück in seine Alltäglichkeit, in die Beschränkung von vier weißen Wänden, zwischen denen ein einfacher Mensch bescheiden gestorben war. Im Sterbezimmer ragten zwei große Kerzen aus hohen, sandgefüllten Messingmörsern hervor. Die anderen Lichter waren ausgelöscht und standen dünn und unscheinbar am geöffneten Fenster.

Franziska ließ das Notenpult herab, auf dem noch vom letzten Abend her Beethovens Sonate aufgeschlagen war. Der alte Flügel seufzte. Minna hatte ein Büschelchen Himmelsschlüssel, das sie tags zuvor aus dem Wald geholt hatte, der Mutter auf die Bettdecke gelegt.

Franzi sah sie immer noch weinen.

Sie sehnte sich in diesem Augenblick leidenschaftlich nach solchen Tränen, sie hätte lautlos untersinken, auf immer aufgehen mögen in diesem Schmerz: in irgendeinem Schmerz der ganzen Welt; sie sehnte sich danach, eine Sekunde wenigstens nichts von sich zu wissen, eine Sekunde wenigstens der toten Frau zu gehören und sich ihr jetzt, jetzt noch ganz hinzugeben, wenn sie es früher im Leben nie gekonnt hatte.

Die Krankenpflegerin hatte die Schwestern allein gelassen. In der Küche wanderte sie mit ihren schweren Tritten. Sie fühlte sich jetzt hier wie zu Hause: aber die Töchter waren es nicht. Kein lautes Wort; keinen Blick ließen sie fort von dem Mund der Mutter, um den ein strenges, fast böses Lächeln leuchtete.

»Nur fort ... eine Stunde nur!«

»Franziska!« sagte Henriette ernst.

»Kannst du mich nicht verstehen? – Es muß sein. Nachher bleibe ich bei ihr den ganzen Tag, die ganze Nacht.«

»Und ich morgen«, sagte Henriette.

»Und ich ... die letzte Zeit ... den letzten Tag«, sagte Minna in Tränen.

In der Küche war der Tisch gedeckt. Frau Reichner, die Krankenpflegerin, hatte die drei Eßbestecke der Kinder auf den Tisch gelegt. Sie selbst hielt der Mutter altes schwarzes Eßbesteck in den harten, knochigen Händen. Das verschlug den Töchtern den Atem. Aber die Krankenpflegerin lächelte, wenn auch nur ein demütiges untertäniges Lächeln. Nach dem Essen ging sie in das Sterbezimmer zurück, stellte die Stühle und den Tisch an die Wand und ließ sich der Toten bestes Kleid aus dem Schrank herausgeben. Nun lag es da, schimmernd im Glanz stiefmütterchenblauer, etwas verblaßter, sehr weicher Seide, und ließ das lebendige Mittagslicht über altmodische Volants, kleine Glasperlen und über verdrückte Schleifen hinwegflimmern; als die Reichner es mit harten, gierigen Fingern angriff, zitterte das alte Gewand.

»Keinen Menschen mehr lieben«, dachte Franziska, »damit mir keiner sterben kann.« –

Die Heide vor der kleinen Stadt war noch grau und steinig, voll von Gestrüpp und toten Zweigen, die mit ihren dünnen Armen den letzten Schnee umklammert hielten.

Nach und nach kamen die Schwestern zur Höhe empor; ein leichter Nebel stieg aus der Heide, schlich ihnen nach, legte seine graue Hand über die steinigen Wege, über die fernen Hänge, und alles Harte wurde weich und mild.

»Was soll nun werden?« fragte Franzi.

»Sprich heute nicht davon«, sagte Minna.

»Warum? Ist heute ein Feiertag?«

»Franzi! Denkst du nur an dich? Kaum daß unsere Mutter kalt ist ...«

»Ach, Worte. Wenn Mutter noch ... da wäre, auch sie hätte sicherlich von nichts anderem gesprochen: – können wir drei beisammenbleiben, oder können wir es nicht?«

»Kannst du noch fragen? Du weißt doch alles – oder weißt du es nicht? Wenn du schon herzlos genug bist, an einem solchen Tage davon zu reden, dann mußt du ganz offen reden – und ich werde dir ganz offen antworten: So wie jetzt kannst du nicht weiterleben. Ich will arbeiten, mehr noch als vorher, ich bin schon jetzt von früh morgens bis spät abends in der Schule; ich will 42 Stunden wöchentlich halten. Und du, Minna, du hast schon jetzt keinen freien Augenblick gehabt, du hast ja alles im Haus geschafft, hast der Mutter jede Mühe erspart und alles ohne Entgelt, alles umsonst ...«

»Nicht davon reden, Henriette«, sagte Minna.

»Aber es geht ja doch um dich, liebe Minna«, sagte Henriette. »Wir sollten von jetzt an nur ein einzelnes Zimmer mit einer kleinen Küche mieten. Und wenn alles noch so geräumig ist, für das Klavier ist schwerlich Platz. Sieh, Minna, dort, wo dein Bett steht, von dort muß Franzis Klavier fort.«

»Mein Klavier muß also fort?«

»Das sag' ich dir nicht aus Bosheit, Franzi. Du selbst hast damit angefangen. Ich hätte heute nicht den alten Jammer aufgerührt. Es ist schon jetzt nicht mehr recht angegangen. Ich verdiene ein wenig Geld: 700 elende Gulden, und auch das nur, wenn ich endlich definitiv werde. Einmal wird es ja sein. Vielleicht sogar bald. Was ist das aber für drei Menschen? Sag' doch selbst! Wir können uns winden und schmiegen und klein machen, es geht und geht halt doch nicht zusammen. Ich bin müde. Wenn ich nachmittags heimkomme, möchte ich ein bißchen pausieren. Aber du bist immer am Klavier. Nein ... ich denk' es mir, kann es mir nicht anders denken: die eine verdient das tägliche Brot, die andere steht am Herd. Aber die dritte ...«

»Ja, die dritte«, sagte Franzi mit bösem Lächeln.

»Du brauchst nichts zu sagen. Ich weiß alles. Ich will nicht von deinen sauren Groschen zehren. Nicht einmal einen Tag. Das ist der Grund, weshalb ich habe heute mit dir sprechen wollen ...«

»Ach, sprechen«, sagte Henriette, »was sollen denn alle Worte? Ich habe dir das tausendmal gesagt. Wenn schon die Mutter sich nicht traute, dir das zu sagen, wenigstens ein Mensch muß doch offen mit dir sein. Sieh doch, wo führt das hin? Was nützt dir alle Arbeit? Hättest du doch auch am Pädagogium studiert! Wie anders könnten wir jetzt an unsere Zukunft denken.«

»Sieh doch«, sagte Franzi, »es muß ja nicht sein. Auch ohne Pädagogium werde ich mir mein Brot verdienen, wenn auch nicht hier.«

»Nein, Franzi«, sagte Minna, »wir bleiben auf jeden Fall beisammen; unsere Mutter hätte es sicher so gewollt.«

»Nein«, sagte Henriette, »eine ist zuviel.«

»Das weiß ich. Ich habe mich nicht auf eure Kosten sattessen wollen. Henriettes 700 Gulden sind mir heilig. Was soll ich nun tun? Was wird aus meinem Klavier? Aber ihr könnt ja das Klavier in Stücke schlagen lassen und den Winter über damit Feuer zünden. Und mich kann vielleicht jemand als Ladenmädchen brauchen. Nur über Tag. Abends komm ich heim – und irgendein warmes Winkerl unterm Herd werdet ihr doch für mich haben?«

»Ach, Franzi«, sagte Minna, »was denkst du dir denn? Wir werden dich doch nicht im Winkel schlafen lassen.«

»Es gibt doch nur Brot für zwei«, sagte Henriette.

»Gut, dann will ich euch etwas sagen«, sprach Minna, »ich will fort, ich geh nach Prag, ich geh zu anständigen Leuten in Dienst. Die kleinen Kinder mögen mich leiden. Ich ...« »Nein«, sagte Henriette, »das kann ich nicht zugeben. Du ... ein Dienstmädchen! Nein, das kann nicht sein!«

»Aber es ist ja nicht hier. Kein Mensch weiß davon. Ich mache euch keine Schande ...«

»Es ist nicht darum. Aber kann das wirklich dein Ernst sein?« »Was wäre ich bei euch anderes gewesen als euer Dienstmädchen? Die Henriette ist in der Schule, du spielst Klavier, was bleibt mir?«

Sie lächelte. »Macht euch doch nur keine Sorgen um mich. Ich werde nicht schlechter, als ich bin ...«

Die Waldeshöhe war erreicht. Die Heide tief unten schimmerte wie ein graues Stück Seide inmitten der hohen, grünen Wälder. Die Erde duftete nach Frühling, die ganze graue Februarwelt atmete Frühling; und ein leiser Regen fiel. Er streichelte die langen, halbergrauten Nadeln der Kiefern, die plötzlich tiefgrün wurden und leuchteten. Franziska gab Minna die Hand. Sie schwiegen. Dann gingen sie zurück in die kleine Stadt, in das alte Haus im Schatten der Kirche, in dem die Mutter lag. Als sie vor dem Hause standen, sahen sie die zwei großen Totenkerzen aus dem Fenster in den Vorfrühling hinaus schimmern.

»Schreib mir, bis du dort bist«, sagte Franziska leise, »dann ... komm ich zu dir.«

»Ach geh«, sagte Minna, »ich tu's ja nicht euretwegen, deinetwegen tue ich's ja nicht.«

Sie begann zu weinen, als sie die hölzerne Treppe hinaufstieg; niemand wußte, ob deshalb, weil ihre Mutter gestorben war oder weil aus einer Bürgerstochter ein Dienstmädchen werden sollte – auch sie selbst wußte es nicht.

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