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Franziska

: Franziska - Kapitel 29
Quellenangabe
pfad/weiss/franzisk/franzisk.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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9

Um diese Zeit trat Hedy von neuem in Erwins Leben, als hätte sie es nie verlassen, und als hätte Franziska nie gelebt. Es war ein einfacher Brief von nicht mehr als vier Zeilen, aber weder Franzi noch Erwin vergaßen den Tag, an dem dieser Brief kam. Das war die Kraft, die der großen Statue den kleinen Finger abbrach; sollte das Denkmal bestehen, mußte es umgegossen, neu in höchste Flammenglut gesetzt werden; in neuen Formen hatte es sich dann zu gestalten. Franziska, jung, stark, vom Glück begünstigt, mit eiserner Energie begabt, nie mit sich selbst im Streit, konnte alles. Sie war jeder Art des Lebens gewachsen. Erwin, vom Schicksal zum zweitenmal vor einen Scheideweg gestellt, glaubte zu erobern und verlor die Schlacht; glaubte Franzi zu verraten und gab sich selbst auf.

Ein kleiner Park, nur wenige Schritte von Franzis Wohnung entfernt, lag auf dem Abhang des Hradschins. Schimmernd stand die blaugraue Apsis des Doms am klaren Horizont. Das Holz des Gartenportals war brüchig, mit feinem, grünem Moos bespannt, leicht vermodert. Das Schloß schien den Fremden immer verschlossen, aber es öffnete sich jedem, der es kannte. Dann tat sich eine tiefe Allee auf, leise rauschten im Wind die Kronen der Bäume, die mädchenhaft blühten. Es war still. Das Gras, das auf einem linden Abhang wuchs, wurde gemäht. Über dem ganzen Garten schwebte der keusche Duft. Die Sicheln wurden gedengelt, und ihr Klirren klang wie der Schrei fliegender Vögel. Die Kirschbäume hatten ihre weißen und lichtrosa Blüten verloren, die lagen zu ihren Füßen im Kreis über den Rasen verstreut. Vor dem Garten spielten kleine Mädchen und warfen Steine gegen das Portal; ein Dienstmädchen schob einen knarrenden Kinderwagen vorbei. Der weiße Baldachin des Wagens leuchtete durch das Grün. Zwei alte Frauen kamen näher, gingen vorbei, die eine auf die andere gestützt. Das matte Schwarz ihrer Winterkleider wärmte sich in der sinkenden Sommersonne.

Franziska erwartete Erwin. Sie las eines von seinen Büchern. Es war ihr ganz gleich, welches Buch sie in die Hand bekam. Bücher waren ihr das, was Erwin die Musik war.

Er kam schnell auf sie zu, trat entschlossen an sie heran. Seine Hand hielt einen geschlossenen Brief. Seine Augen waren gesenkt.

»Der Brief ist doch von Minna, nicht wahr?« sagte Franzi. »Warum hast du ihn nicht geöffnet? Du weißt doch, du kannst alle meine Briefe lesen.«

»Nein ...« »Erwin?«

»Ja, er ist von Hedy. Hedy schreibt mir. Willst du lesen?«

»Wozu? Hedy schreibt dir, und du hast ihren Brief noch nicht geöffnet?«

»Ich denke, es ist am besten, ihn ungelesen fortzuwerfen.«

»Wie du willst. Aber zerreiß ihn doch vorher. Ich will nicht, daß die Leute das Papier aufheben. Man kennt uns hier. Der Gärtner kennt unsere Hausfrau, und morgen erzählen es alle Leute, daß du Liebesbriefe auf himmelblauem Papier bekommst.«

»Liebesbriefe?«

»Ach, daß du mir immer die Worte aus dem Mund nimmst! Gut, so lies ihn doch! Wozu hast du mich gefragt? Ich wußte doch ... du ...« Sie runzelte die Stirn und schwieg.

Er öffnete den Brief und las ihn, wurde blaß, schwankte, hielt sich mit der Hand an der Lehne der Bank fest.

»Erwin!«

Er rührte sich nicht.

»Erwin, so gib mir den Brief.« Sie überwand sich und nahm den Brief in die Hand, las.

»Was will sie jetzt von dir? Glaubst du wirklich, sie nimmt sich das Leben? Wozu schreibt sie dir dann? Was will sie damit?« Sie fühlte, wie er zitterte. »Ängstige dich doch nicht ohne Grund. Hast du ihr geschrieben? Ist das eine Antwort auf einen Brief? Woher weiß sie denn unsere Adresse?«

»Was liegt denn an unserer Adresse? Kannst du nicht verstehen, um was es sich handelt?«

»Ach, und wenn sie es tut!« Sie warf den Kopf zurück. Sie schüttelte irgend etwas von sich ab. »Was liegt denn an ihrem Leben? Was liegt mir denn an einem solchen Menschen?«

»Franziska!«

»Ich versteh' dich nicht. Was will sie denn von dir? Was habt ihr miteinander?«

»Nichts.«

»Geschieht es denn dir zuliebe?«

Es war dunkel geworden. Der Gärtner ging vorbei, eine Gießkanne in der Hand. Er verbeugte sich vor Franziska, die Gießkanne klirrte am Kies des Weges. Schwarz wuchtete die ungeheure Kathedrale gegen den leeren Abendhimmel. Aber zwischen den dunklen Zweigen der Kirschbäume erwachte ein winziger Stern, zitternd, licht und zart, einer Kirschblüte gleich.

Die zwei alten Frauen waren fort. Immer noch spielten die Kinder vorn am Portal. Man hörte sie lachen, dann schwiegen sie still, und plötzlich klang ihr jubelndes Kreischen einstimmig wie der Chor in einem Theater.

»Nun müssen wir gehen, Lieber.«

Er stand stumm und unbeweglich im Dunkel. In der Allee klirrte die Gießkanne des Gärtners. Franziska sagte:

»Der Gärtner will das Tor schließen. Was soll dein ernstes Gesicht? Es wird doch nicht so schlimm. Ich übernehme alle Verantwortung. Sei du nur ruhig. Sei wieder gut!« Sie lächelte Erwin an, der ihr mit großen, fremden Augen ins Gesicht starrte.

Sie traten auf die Straße. Die Kinder spielten in einem vertrockneten Straßengraben. Ihre bloßen Füße waren dunkler als Erde. Ein kleines Mädchen wälzte sich lachend im Staub, ein anderes, noch kleineres, saß auf einem Stein und begann zu weinen. Dies Lachen, Schreien und Weinen lief ein großes Stück des Weges hinter ihnen her, abwechselnd wurde eine von diesen Stimmen lauter, endlich verstummte alles.

Erwin sprach noch immer nicht. »Ich dachte«, sagte Franziska, » die Sache wäre vorbei.«

»Vorbei«, wiederholte er mit abgewandtem Gesicht, »aber nicht so vorbei.«

Franziska setzte sich ans Klavier und spielte. In den Pausen hörte sie Erwin die Seiten seines Lexikons umblättern. Sie dachte: »Der Brief hat ihn erschreckt. Aber das wird vorübergehen, muß vorübergehen. Denn sonst ...«

Nach einer Weile kam Erwin, lehnte sich ans Klavier, hörte eine Minute lang ihrem Spiel zu, legte dann seine großen braunen Hände auf die ihrigen, und sagte bittend:

»Liebe Franziska ... heute ... wäre es ein großes Opfer für dich, heute abend nicht zu spielen?«

Franzi machte sich behutsam los, wollte antworten, aber Erwin war schon wieder fort. Sie saß still da. Frau Smrtka kam mit der Lampe, dann mit dem Tischtuch und den Tellern. Franzi rief zum Abendbrot. Er kam, aber er aß nicht.

»Ist das nicht quälend«, dachte Franziska, »beim Essen einem Menschen zuzusehen, der keinen Bissen berührt? Wie oft habe ich das Henriette angetan. Aber bin ich Henriette?«

Sie sah Erwin an. Sein Blick wich ihr aus. Nach einer Weile sagte er:

»Ich möchte wieder in mein Zimmer gehen.«

Sie nickte. Frau Smrtka holte die Teller ab und wunderte sich mit vielen Worten, daß das Abendbrot kaum berührt war. Franziska zuckte die Achseln. Sie rief Erwin. Er kam nicht. Sie ging zu ihm. Er lag auf dem Bett, hatte aber die Augen weit offen und atmete tief.

»Schläfst du? Bist du krank?«

Schweigen.

»Was ist mit dir? Was habe ich dir getan?«

Erwin rührte sich nicht.

In Franziska stieg Zorn auf.

»Sei doch nicht so feige«, schrie sie. »Du bist ja ärger als ein Waschweib. Vorhin, mit dem Brief, da hast du Komödie gespielt und jetzt ... Um was bettelst du denn? Sage es doch!«

Aber Erwin blieb still, schien weder zu sehen noch zu hören.

Franziska wurde ruhiger. Sie nahm ihn an den Händen, richtete ihn auf wie einen Schwerkranken. Sie zwang sich zu einem Lächeln, sagte mit weicher Stimme: »Mut, ein bißchen Courage, Erwin. Sag' mir doch, was dir fehlt.«

Erwin schüttelte ihre Hände ab:

»Ich muß wissen, was mit ihr ist. Ob sie lebt oder ob schon alles vorüber ist.«

»Nun, so schreib' ihr doch.«

»Schreiben?« höhnte er. »Sie wartet auf mich, oder sie liegt auf dem Straßenpflaster und ...«

»Und ...?«

»Ich werde hier keine ruhige Stunde mehr haben«, sagte er. »Ich muß zu ihr.«

Schritte kamen die Treppe herab. Der Brunnen im Hof rauschte, der Pumpenschwengel kreischte in eisernen Gelenken. Das Wasser fiel in einen hölzernen Trog, dann mit hellem Plätschern auf das Steinpflaster. Eine Drossel schlug im Nachbargarten. Frau Smrtka klapperte wieder die Treppe hinauf. Man hörte sie seufzen, während sie die Wasserkübel niederstellte. Dann ging sie in den Zimmern umher, endlich wurde es ruhig.

»Nun gut«, sagte Franziska, »wir fahren nach Berlin.«

»Wann?«

»Heute nacht.« Sie ging in ihr Zimmer zurück, schloß das Klavier ab, steckte den Schlüssel zu sich. Es tat ihr wohl, etwas zu besitzen, das kein Fremder anrühren durfte. Erwin kam zu ihr, wollte ihr die Hand küssen.

»Willst du, daß wir den Zug versäumen?« sagte sie. »Es ist höchste Zeit. Es ist ein Glück, daß wir nicht noch einige Stunden zu warten haben. Und nun komm, wir müssen unserer Hausfrau Bescheid sagen.«

Und sie weckte die Wirtin auf, die schon im ersten Schlummer lag.

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