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Franziska

: Franziska - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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6

Diemitz war keineswegs erstaunt, als am nächsten Tag Franziska wiederkam. Ohne viele Worte erfüllte er ihren Wunsch, ein zweites Mal ihr Spiel zu hören. Frau Constanza aber war recht kühl.

»Und also? Haben Sie geübt?« fragte sie.

Franzi schüttelte den Kopf und setzte sich ans Klavier. Es waren wieder Schumanns Abegg-Variationen; aber war das wirklich dieselbe Musik? Mit der überlegenen Kraft eines großen Künstlers stellte Franziska jetzt Licht gegen Schatten, Pathos gegen Sentimentalität, Humor gegen Lyrik und süß schwebenden Gesang gegen klingenden, stampfenden, unwiderstehlich fortreißenden Rhythmus.

Man mußte sie bewundern. Sie faszinierte alle, sogar sich selbst. Jede Variation war im einzelnen vollendet, alle zusammen aber gaben etwas Neues, das weder Diemitz noch die Constanza aus diesem Erstlingswerk je herausgehört hatten: den großen, reifen, weltbeglückten, welterdrückten Schumann, den Geist der Fis-Moll-Sonate und der C-Dur-Phantasie.

Die Constanza lächelte. Man sah es ihr an, daß sie sich freute. Diemitz bemühte sich mit übermenschlichen Kräften, höflich zu sein. Er brachte aus der Schreibtischlade ein großes Kontraktformular, das bereits ausgefüllt, unterfertigt und vom gestrigen Tage datiert war. Er legte es vor Franzi hin, so wie ein Feldherr die Karte eines eroberten Landes vor einem König ausbreitet.

»Das ist ja das Datum von gestern?« fragte Franziska.

»Ja, Frau Constanza hat es nicht anders gewollt. Mir hat Ihr Spiel gestern durchaus mißfallen, und ich sage Ihnen ganz offen, ich hielt leider gar nichts von Ihnen, weder für jetzt, Null Komma Null, noch für später, aber Frau Constanza blieb dabei, es sei alles unübertrefflich gewesen; wenn Sie nicht gekommen wären, hätte man Ihnen den Kontrakt mit der Post zugeschickt.«

»Ja, ich dachte wirklich, Sie hätten genug von uns«, sagte die Constanza. »Unser Empfang war ja auch danach.«

»Nun aber haben wir Großes mit Ihnen vor«, sagte Diemitz mit Würde.

»Herr Diemitz meint jetzt, daß er später viel Geld mit Ihren Konzerten verdienen wird«, entgegnete die Constanza.

»Oh, Frau Constanza, ich dachte im Gegenteil an ein Konzert mit großem Orchester und an den Musikvereinssaal in Wien. Ein Abend im Musikvereinssal in Wien kostet tausend, und tausend sind tausend, groß geschrieben.«

»Ich weiß schon, was Sie sagen werden«, unterbrach ihn die Constanza, »aber meine Schuld ist es nicht.«

»Gestatten die Damen«, sagte der höfliche Diemitz, »daß ich mich nunmehr ergebenst zurückziehe?«

»Selbstverständlich«, sagte die Constanza, »vorausgesetzt, daß das Fräulein keine besonderen Wünsche hat.«

»Wünsche außer diesem Kontrakt?« Er wies mit dem Brillantfinger darauf. »Außer dem großen Musikvereinssaal?«

»Herr Diemitz«, sagte Franziska sehr leise. »Halten Sie mich nicht für unbescheiden, aber ...«

»Aber, liebe Franziska, wozu so viele Worte? Nur keine Philosophie! Sie brauchen Geld? Wieviel?«

»Ja, gnädige Frau, sechshundert Kronen.«

»Kronen?« wiederholte Diemitz mit der staunenden Stimme eines Menschen, der ein nie gehörtes Wort einer fremden Sprache ausspricht.

»Ja, ich lebe nicht mehr mit meiner Schwester zusammen und weiß nicht ...«

»Aber, liebes Kind, um alles in der Welt keine Familiengeschichten! Herr Diemitz ist ja kein Konzertagent wie Herr ...«

»Keine Namen!« sagte Diemitz.

»Ach, mit einem Wort, Herr Diemitz ist ein Kavalier«, sagte die Constanza und, zu Diemitz gewendet: »Nun?« Herr Diemitz schloß die Augen, schüttelte langsam den Kopf.

»Und nicht allein ein Kavalier«, sagte die Constanza zu Franzi, »sondern auch mein Freund.«

Diemitz zog ohne ein Wort eine dicke Brieftasche hervor, eine Tasche, wie sie Pferdehändler zu tragen und in deren unzähligen Fächern sie ihre gesamte Korrespondenz aufzubewahren pflegen.

Er nahm sechs Hundertkronenscheine, schrieb mit einem gigantischen Blaustift, der ebenfalls in der Tasche verborgen war, in den Kontrakt mit überlebensgroßen Ziffern: »Sechshundert«, verbeugte sich dann gegen die Constanza, die königlich herablassend lächelte, und ging.

»Ein Kavalier!« brach die Constanza los, kaum, daß sich die Tür geschlossen hatte. »Ein Kavalier! Sie sollten einmal dabei sein, wenn er ißt. Man hört sein Schmatzen meilenweit wie Kanonenschüsse. Und dann ... Sie kennen diese Art Leute nicht, und ich wünsche Ihnen auch nicht, daß ... und dabei ist er noch der beste unter ihnen. Sie wissen doch, daß meine liebe Dagmar heiratet? Er, Diemitz, muß doch einsehen, daß das für uns alle die beste Lösung ist, aber es fällt ihm nicht ein, sie aus dem Kontrakt zu entlassen; er rechnet sich aus, daß ... mir ist es wirklich egal, was er sich ausrechnet und ob sich ihm sein Menschenhandel rentiert oder nicht. Ich reise heute abend nach Neapel zu meinem Mann – après moi le déluge. Ich bin nur froh, daß Ihre Angelegenheit in Ordnung ist. Um Himmels willen, was war nur gestern mit Ihnen?«

»Sorgen.«

»Ach, schon wieder Philosophie!« Die Constanza winkte ab. »Wenn es heute gegangen ist, konnte es gestern auch gehen. Sie persönlich dürfen Launen haben, soviel Sie nur wollen, aber Ihr Klavierspiel nicht. Lieber gar nicht spielen als schlecht. Ein Mißerfolg – und Sie sind ganz in der Hand solcher Menschen wie Diemitz. Sie werden ihm Geld schuldig sein, und er wird Sie auf der Straße nicht grüßen. – Was könnte Dagmar erreichen, wenn ...« mit Achselzucken in der Stimme: »wenn sie nicht Dagmar wäre! Was heißt das überhaupt: Sorgen? Sie dürfen keine anderen Sorgen haben als Ihr Spiel. Habe ich Ihnen das nicht schon einmal gesagt? Und nun hören Sie noch einmal: Wenn Sie in Geldkalamitäten sind, wird man Ihnen helfen. Voilà! Aber wenn Sie in den Abegg-Variationen steckenbleiben, dann verleugnet Sie die Eleonore Constanza und läßt sie im Vorzimmer warten. – Und nun, liebes Kind, adieu. Wir sehen uns im Herbst wieder. Ich wünsche, daß Sie mir schreiben. Ich habe Ihnen bei unserem letzten Zusammensein erlaubt, daß Sie mir schriftlich Nachricht geben. ›Ich erlaube‹ das heißt: ich wünsche es! Vielleicht gibt Ihnen das ein bißchen Haltung und behütet Sie vor der Damenkapelle. Das ist ärger als ... na, Sie wissen doch, was ich meine? Nein, meine kleine Franzi, das wissen Sie nicht. Aber ich weiß es. Ich habe drei Monate lang in Wien bei den ›Praterspatzen‹ zweite Violine gespielt, und wenn heute ein Kellner an mir vorbeigeht« – sie begleitete Franzi eben die Treppe hinab – »bin ich nie sicher, ob er nicht damals während meiner Kunstübung den Leuten ihre warmen Würste und ihren Käs gebracht oder mir ein Seidel Bier unter den Stuhl gestellt hat. Adieu, mein Kind! Und auf Wiedersehen in einer besseren Zeit.«

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