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Franziska

: Franziska - Kapitel 24
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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4

Am nächsten Morgen war Diemitz um zehn Uhr noch nicht zu sprechen. Franziska fühlte die kühl forschenden Blicke der Hotelkellner wie eine persönliche Belästigung. Sie trat auf die Straße hinaus, wo sie im Wege war. – Endlich verlor sie die Geduld, trat wieder ins Vestibül und blitzte den Zimmerkellner mit einem so zornigen Blick an, daß er, ohne auch nur ein Wort zu entgegnen, sie bei Diemitz anmeldete. Franziska traf ihn mit Frau Constanza im Gespräch. Frau Constanza trug ein Kleid aus perlgrauem gerippten Samt mit fürstlich langer Schleppe. Um ihren aufrechten Hals schmiegte sich ein Kragen aus venezianischen Spitzen. Als sie den Kopf neigte, als sie Franziska ihre große, weiße Hand reichte, schien es, als stände sie immer, auch zu Hause oder in einem Hotelzimmer, im Licht von großen vielflammigen Kronleuchtern.

Diemitz war klein und sehr dick; an dem glatten und sehr gepflegten Gesicht fiel nichts auf als das allzu große Ohr, ein an sich sehr ebenmäßiges, edles Ohr, das dem Statuenkopf Goethes Ehre gemacht hätte, das aber an Diemitzens kleinem Gesicht geradezu lächerlich wirkte. Diemitz war sehr elegant gekleidet, aus seiner bordeauxroten Krawatte leuchtete eine prachtvolle Brillantnadel, die zwei Buchstaben, F und D, ineinander verschlungen darstellte.

»Dies ist unsere kleine Freundin«, stellte Frau Constanza vor.

»Sehr beglückt«, antwortete Diemitz mit einer tiefen Verbeugung.

Jetzt schwiegen alle.

»Es bleibt also dabei«, sagte endlich Frau Constanza und räumte ein paar Papiere zusammen.

»Gewiß, meine Gnädigste«, antwortete Diemitz, und als Frau Constanza sich zum Fenster wandte, sagte er mit ganz anderer, gleichsam in einen Hausrock und nicht mehr in einen eleganten Cutaway gekleideten Stimme:

»Und nun zu Ihnen, mein liebes Fräulein.« Und indem er mit seiner feinen, nur durch einen plumpen Solitär entstellten Hand auf ein Klavier wies, das im Hintergrund des Zimmers unter Vorhängen wie in einem Alkoven stand: »Wollen Sie nun die Gewogenheit haben, etwas zu spielen?« Frau Constanza hatte sich in die allzu lange Schleppe ihres grauen Samtkleides verwickelt. Sie drehte sich hin und her und sagte zu der Schleppe: »Na, willst du dich wohl ruhig halten, dummes Ding?« Endlich stand sie wieder befreit da. Die Schleppe rauschte vorüber ... und die Constanza lächelte im Kreise herum, als erwarte sie Beifall für ihre Schönheit.

»Fangen Sie nur ruhig an«, sagte sie über den breiten, bücherbeladenen Tisch hinüber, »lassen Sie sich ja nicht stören.«

Franziska begann. Sie spielte die Abegg-Variationen von Schumann. Das Thema, hochfahrend, mit Trompetentönen klingend, gelang.

»Oh, ausgezeichnet«, sagte Diemitz, ging zum Tisch und holte sich eine Zigarre.

Die Constanza saß am Fenster, hielt ihre schönen, etwas leeren Hände in die Sonne und schien die anderen weder zu sehen noch zu hören.

Bei der zweiten Variation beging Franzi einen Fehler. Diemitz zuckte mit seinen großen Ohren, die Constanza, vollständig gleichmütig, legte nur eine Hand über die andere. Ohne Pause ging Franzi zur dritten Variation über. Mitten im Stück verlor sie den Faden, atmete auf, mußte von neuem beginnen.

Die Abegg-Variationen, Schumanns erstes signiertes Werk, wurden selten gespielt. Wenn Diemitz sie nicht bereits kannte, hatte er den Fehler vielleicht nicht bemerkt. Aber er wandte sich zu Frau Constanza mit einer Stimme, als spräche er über das Wetter: »Oh, das ist noch nichts.«

Die vierte Variation, eine Mischung von echtem Schumann und Kalkbrenner, wollte durchaus nicht gelingen. Kalkbrenner war herauszuhören, Schumann nicht. Franziska hatte noch nie so elend gespielt wie heute, selbst damals nicht, als sie, am Tage nach Erwins Abreise, die Schönheit der Ballade von Chopin unter den müden Fingern verkrümelt hatte.

»Ja, meine lieben kleinen Herrgötter, was soll denn das sein?« sagte Diemitz, warf die Zigarre in den Aschenbecher und ging, die Hände in den Hosentaschen, zum Fenster. »Sie können doch nicht verlangen, daß ich Ihnen vorspiele.« Auch die Constanza erhob sich und trat zu Franziska hin. Die fünfte Variation geriet gerade noch so, daß sie nicht mehr enttäuschte. Aber die sechste und letzte verunglückte vollkommen beim ersten bravourösen Anlauf. Franzi legte die Hände auf die Tasten und sah Diemitz an. Dieser schüttelte den Kopf und sagte trotz der bittenden Blicke, die ihm die Constanza zuwarf, das endgültige Urteil in dem Wort: »Wir werden Ihnen Nachricht geben.«

Franziska versuchte nun gar nicht weiterzuspielen. Sie sah zu der Constanza auf, hing mit den Augen an den Lippen der großen Künstlerin, als könne ein Wort von ihr das eben Vergangene ungeschehen machen.

Die Constanza sagte so mild, als sie nur konnte: »Ich finde übrigens auch, daß sie das letztemal bedeutend besser gespielt haben.«

Diemitz kam wieder herbei, holte die Zigarre hervor, die kaum an der Spitze zu Asche geworden war, zündete sie von neuem an und sagte zu der Constanza:

»Denken Sie nicht auch, daß es schon Zeit ist? Die Exzellenz wartet nicht gern.«

»Wir sind bei Exzellenz Karmansky zum Dejeuner geladen«, sagte die Constanza zu Franziska, die erblaßt war. »Herr Diemitz hat recht, es ist höchste Zeit. Aber, mein Kind – bleiben Sie doch ruhig, seien Sie vernünftig, es ist noch nicht sein letztes Wort.«

Diemitz war mit einer leichten Verbeugung vorausgerannt; er, der so gern Fürsten, Tenöre und Hochstapler in seiner stolzen Haltung, seiner eleganten Kleidung, seinem zurückhaltenden Benehmen und seiner trockenen Art zu reden nachahmte, er war und blieb der unerzogenste, unerziehbarste, von Natur aus formloseste Mensch. Aber die Constanza, welche Menschen im allgemeinen nicht überschätzte, konnte zu dieser Zeit nur zwei in ihrer Nähe ertragen, Herrn Einar Johannsen, der Kavalier mit dem feinen Takt, seiner mit goldener Medaille ausgezeichneten Talentlosigkeit, und Theodor Diemitz, den rücksichtslosen Manager, und sie freute sich, wenn sie beide auf einmal haben konnte.

Sie ging nun hin und her, das Ende der gerafften Schleppe hielt sie in der Hand.

»Adieu, mein Kind«, sagte sie endlich. Und an der Tür, mit einem ernsten Lächeln: »Vor allem Haltung, liebe Franziska! Mehr Haltung! Und auf Wiedersehen!«

Franziska ging hinter ihr die Treppe hinab, die mit einem roten Läufer bedeckt war. Ein Kellner, eine Terrine aus Neusilber in der Hand, blieb mit einer tiefen Verbeugung auf der Treppe stehen, als die Constanza vorüberging; sein Gesicht wurde ehrfurchtsvoll, selbst sein Frack schien reiner geworden zu sein.

Diemitz saß bereits im Fond des elfenbeinfarbenen Automobils, Einar Johannsen öffnete den Schlag, die Constanza stieg ein, setzte sich zurecht, während sie lange, cremefarbene Handschuhe anstreifte, und lächelte Franziska zu. Einar verbeugte sich, Diemitz allein schien nichts zu sehen. Der Wagen wurde angekurbelt, und Franziska blieb allein auf der Straße.

Zwei Wege führten von hier weiter: Der eine zu Minna und von da in die Heimat zurück, der andere zu Erwin. Der eine hieß: Bereuen, nachgeben, dem Schicksal einen Ausgleich auf die Hälfte ihrer Forderungen anbieten, verzichten, aber verzichten im Bewußtsein erlittenen Unrechts. Im allmählich erblassenden Widerschein einer großen Kunst bürgerliche Berufswege weitergehen, mit anderen Worten: Klavierlehrerin werden; und es konnte einmal die Zeit kommen, da sich der Preis der Unterrichtsstunde von sechzig Heller auf zwei Kronen steigern würde. Der andere hieß: Kämpfen, bei dem »Alles oder nichts« verharren, alles unterwerfen, was widerstand, einfach alles erobern: Erwin, die Constanza, Diemitz und vor allem alles Weiche und Sentimentale in sich selbst.

Als Franzi in der Türöffnung des dunklen Zimmers am Altstädter Ring stand, glaubte Erwin, sie käme glücklich heim. Aber Franziska streckte ihm zwei eiskalte Hände entgegen und sagte, indem sie ihren Blick tief und bezwingend in Erwins Augen legte:

»Du, der Tag war schlecht, es ist aus. Ich kann nicht mehr spielen. Wir lieben einander nicht mehr. Ich kann nicht mehr spielen. Nun mach' mit mir, was du willst!«

Sie warf sich ihm an die Brust, küßte seine Lippen so wild, daß er nachher, als er den schmerzenden Mund in die kühlen Kissen legte, glaubte, es müsse eine blutige Spur in der weißen Leinwand zurückbleiben.

Nie hatte er den Duft ihrer Haut, das Zittern ihres Herzens, den erobernden, strahlenden Blick ihrer starken, metallisch blauen Augen so empfunden.

Die Sonne stieg über die Dächer empor, die keusch gefalteten Händen glichen, brach mit Macht in das dunkle Zimmer, blendete Franzis blasses Gesicht. Beide Hände legte Erwin schützend über ihre Augen, fühlte ihre Augenwimpern sich unter der Fläche seiner Hände leise regen.

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