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Franziska

: Franziska - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/weiss/franzisk/franzisk.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erster Teil

1

Eine Mutter starb.

Das ganze Zimmer atmete Sterben. Niemand rührte sich. Die Morgendämmerung lag wie Nebel vor den Fenstern, blickte mit weißen Augen in den Raum. Der Atem der Mutter verstummte. Franziska ging zum Klavier, holte die zwei Kerzen vom Notenpult und stellte sie zu Häupten der alten Frau hin, leise, ganz zart; die Kerzenhalter aus dünnem Glas klirrten hell wie Silber. Dann sank von neuem das Schweigen in das Zimmer und drängte sich wie eine schwere Wolke in ein enges Tal.

Die Krankenpflegerin zündete die Kerzen an. Die Töchter wichen zurück.

Nun zitterte in der schon erstarrten Maske nur noch der zuckende Mund, atmete heftig, leidenschaftlich, in gequälter Hast, dann ward er ruhiger, versank tief in sich. Eine namenlose Stille griff allen an die Kehle.

Die Krankenpflegerin wandte sich ab. Franziska ging zu ihrer Mutter hin, ordnete ihr graues Haar, das feucht war, strich ihr sehr weich, wie einem Kinde, über die Augen hin; die Schwestern standen an der Tür und zitterten. Und das war alles; nur das Kreuz fehlte; es lag zu Füßen der Toten, versteckt in den schweren Falten der Decke. Franziska gab es der Mutter in die Hand; nun beugte sie sich selbst zu dem Bett nieder, sank in die Knie, fühlte den Atem der Schwestern auf ihrem gebeugten Nacken, schloß die Augen und drückte ihre Stirn auf ihrer Mutter Brust, auf eine grauenhaft stille Brust. Das dauerte lange; dann stand sie auf und ihre Schwestern mit ihr.

Die Krankenpflegerin winkte ihnen, und sie gingen in ihr kleines Zimmer. Minna, die Jüngste, wandte sich noch an der Tür zurück, warf sich fassungslos über die bleichen Hände der Toten, riß sie, die sonst so strengen, nun willenlosen, an den Mund, küßte sie, sah sie wie zum erstenmal: armselige, kranke Greisenhände, die in den Furchen und Falten noch den Staub der schweren Arbeit, die Furchen eines mühevollen Lebens trugen wie eine dunkle Schrift auf weißem Grunde.

Dann standen die drei Schwestern einander gegenüber, starrten einander an wie fremde Menschen.

Kein Wort, keine Träne. Etwas Unbegreifliches war da, unwiderruflich war die letzte Nacht.

Lange schon war das Herz der Mutter müde und abgearbeitet; aber in der letzten Nacht erst war es widerwillig geworden, hatte um sich geschlagen, gegen die Brust, immer wieder, weithin, bis in die Spitzen der Finger schlug das Herz. Und dann warf sich eine Faust gegen die Augen: ein rotes Licht stand plötzlich da, hoch und breit wie eine Mauer. Vor sich rote Finsternis, hinter sich rote Finsternis. Wohin waren ihre Kinder verschwunden, wohin das seit Jahrzehnten bewohnte Zimmer, die kleine Stadt vor den Fenstern, die alte Lampe über dem alten Tisch?

Die Mutter hatte das Tischtuch an sich gezogen, sie riß den Mund weit auf, von unbeschreiblicher Angst ergriffen.

Henriette, die Lehrerin, schrak von ihren Schulheften empor, die ihr in die Falten des Kleides flatterten, sie schrie auf, und Franziska erstarrte mitten in der höchst beschwingten Glut ihres Spiels. Zitternd stieß die Mutter etwas Böses zurück mit unsicher verkrampften Händen, dann sank sie zusammen, schwer, und doch ganz sanft.

Schon war Franziska ganz nahe bei ihr, schon hatte sie sich über sie gebeugt, aber die Mutter murmelte verstört, mit fremder, schüchterner Mädchenstimme, sie wandte den Kopf zur Seite: und ihr Auge, unbewegt, in grenzenlosem Dunkel, starrte der Tochter entgegen, starrte und war blind. Die rote Finsternis hatte sich verdüstert, alles war Nacht.

Franziska allein weinte nicht. Sie nahm die Mutter bei der hilflosen Hand, sie führte sie zum Bett. Sie eilte fort, rief den Arzt, der aber erst am nächsten Morgen kommen wollte. –

Die Mutter sah nichts mehr: Nur ein rotes Licht? Sie hatte sicherlich vorher gelesen ... Nein, es war nur eine Augenkrankheit – nein, nicht einmal das, nur eine Schwäche. Hatte es nicht noch Zeit bis zum nächsten Morgen? –

Franziska eilte zurück. Es war alles, wie es der Arzt gesagt hatte. Es hatte Zeit bis zum nächsten Morgen! Das waren nicht mehr als zehn Stunden Sorge, Unruhe, aber der Arzt war ja seiner Sache sicher: die Augen wollten nicht mehr, aber es war keine Gefahr.

Es war doch keine Gefahr? Und doch war das Gesicht der Mutter nicht mehr das von gestern. Die Augen waren geschlossen, die Mutter schlief. Aber in der Tiefe der Augen wohnte vielleicht unrettbares Dunkel. Aber so grauenhaft die Blindheit war, es gab noch Grauenhafteres. Was sollte diese Stille? Was bedeutete dieser starre Schlaf? Was bedeutete es, daß die Atemzüge der Mutter sich unsagbar schwer aus dem tiefsten Grund der Brust losrissen und sich mühselig durch das Halbdunkel schleppten, von einer Stunde zur anderen. Dann aber wurden sie immer leichter, immer schneller – die drei Schwestern atmeten auf –, sie schwebten dahin, wie wenn ein Mensch eilt und fliegt, weite Wege entlang, blühende Berge empor, und seine Augen glänzen, und dann – als stände er nun da, umarmt von plötzlicher, mittagsstrahlender Sonne, leuchtend, beseligt am Ziel, hielte staunend allen Atem an – die Hand an das süßzitternde Herz gepreßt.

Die Schwestern waren zu der Kranken hingestürzt, die sich mit starr abwehrenden Händen aufgerichtet hatte und Überirdisches mit ihren erblindeten Augen zu sehen schien, schon sank sie wieder zurück, wie aus allzu weiter Ferne kam ein weicher Atem zurück in der Mutter Brust; wieder lief eine Seele im Dunkel der Nacht den Lauf hin gegen den Tod.

Gegen drei Uhr morgens eilte Franziska zum zweitenmal um den Arzt; er war aber nicht mehr daheim; die Jahreszeit war rauh, nie hatte es so viel Kranke gegeben wie jetzt: eben verrollte sein Bauerngefährt auf der Straße. Nun lief Franziska zum Geistlichen, der die alte Frau kannte und der ihr schon vor zwei Jahren bei einer plötzlichen Krankheit die letzte Ölung erteilt hatte. Seine Ruhe erfüllte alles mit Milde. Der tiefe Duft des Weihrauchs schläferte ein, die bewußtlose Frau schien zu lächeln, als er ihr die Handflächen und die Fußsohlen mit seinem heiligen Öl salbte. Ihr starrer Blick wurde menschlich im Lichte der geweihten Kerzen. Mit dem Geistlichen kam die Krankenpflegerin; ungerufen und doch erwünscht; denn sie blieb.

Nun war es nicht mehr das grauenvolle Schweigen, erpreßt durch eine wilde Faust, nicht mehr das Schreckliche eines unerbittlichen Wettlaufes, nun wußten auch andere Menschen davon. Alles ging vorüber, nichts geschah zum erstenmal: so wurde es ein Sterben wie alle Tage, das bürgerliche Ende eines bürgerlichen Schicksals.

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