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Franziska

: Franziska - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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5

Franziskas erster Gedanke war: Arbeiten, arbeiten, arbeiten. Hedys Geschichte erschien ihr in ihrer Sentimentalität nackt und schamlos, und sie schämte sich für Erwin. »Durfte er mir das erzählen, gerade mir?« Sie setzte sich ans Klavier und begann zu spielen. Ohne Pause, ohne eine Minute Ruhe türmte sie eine Sonate, eine Fuge, ein Konzert aufeinander. Müde wandte sie Seite für Seite in den Notenheften, verlor immer mehr das feine Gefühl in den Spitzen der Finger, das sie sonst unfehlbar, selbst bei den schwersten Stücken, leitete. Sie ging zu Bett und wünschte, ersehnte nichts als den Schlaf, der sonst ohne Bitten, oft unerwünscht früh gekommen war. Nun aber legte sich ihr etwas wie Sorge auf das Herz, sie sah Erwin neben sich bei der rotleuchtenden Muttergotteskapelle stehen und hörte ihn seine Geschichte erzählen. Jetzt klang diese Geschichte nicht mehr sentimental, sondern verzweifelt, rief nach Mitleid. Aber sie wehrte sich dagegen, stieß alles von sich. Sie haßte ihn in diesem Augenblick, wie wenn er ihr die Hälfte seiner Sorgen, seiner unbezahlbaren Schuld aufgebürdet hätte, ohne sie zu fragen. Sie dachte: Ich will nicht! Ich will in meinem Leben keinen Zwang, aber auch keine romantischen Ideen. Ich brauche niemand. Ich will, daß man mich in Frieden läßt. Ist es denn sowenig, wozu ich mich zwinge? Diese endlosen Stunden am Klavier, diese erbärmlich bezahlten Lektionen, von denen ich mein armseliges Leben friste. – Wenn ich ihn liebte, würde ich ihn auch dann lieben, wenn ... ich würde ihn doch lieben, allen zu Trotz, auch ihm selbst zu Trotz. Könnte ich das nicht? Kann ich das nicht? Nein, ich liebe ihn nicht. Er ist dreiundzwanzig Jahre alt, was hat er erlebt? Kann er denn nicht vergessen? Was bin ich? Was kann eine Hedy sein? Wenn sie gut ist, dann ist sie ein namenloses, armseliges Ding, eine niedliche Kleinigkeit.

Ist das meine einzige Freude? Einer Franziska einzige Freude? ... Alles drängte sie mit aller Gewalt von ihm fort. Ich will fort, sagte sie. Wohin? Wohin immer – überall hin, wo ich vier Wände um mich habe und ein Dach über meinem Kopf, ein schräges Dach wie bei Minna. Ich will mit ihr zusammen wohnen, auch wenn es mir davor graut, daß mir jemand im Schlaf in den Nacken atmet. Irgendein Winkel wird für mich frei sein, ein altes Bett, vielleicht draußen in der Bodenkammer, dort, wo niemand sonst schläft. Sie erinnerte sich des Todestages ihrer Mutter. Damals hatte sie nicht mehr verlangt: Entweder mein Klavier und meine Kunst oder einen Winkel unter dem Herd. Nun zog sie doch den Winkel vor; sie zog es vor, dahin zu flüchten, irgendwo namenlos dahinzuleben wie alle Alltagsmenschen. Minnas Opfer war ganz umsonst gebracht, aber alles war ihr das eine wert: in einer anderen Stadt zu leben als Erwin und sich von ihm frei zu machen. – Ich will ihn nicht lieben, kann ihn nicht lieben, auch ich hasse ihn, es ekelt mich vor ihm. Ein schwacher, leerer Mensch. Kann ich mich denn nie davon befreien? Was ist er mir? Ich kenne ihn kaum, ich liebe ihn nicht, und doch treibt er mich fort?

Es war nicht bloß der heutige Abend, diese sentimentale Erzählung, die an ihr hing und sie nicht freiließ. Alles lag tief in ihrem ganz unbefriedigten Dasein, das von heute auf morgen verzweifelte ohne Grund und aufjubelte ohne Grund, weil es ganz auf sich selbst gestellt war und auf nichts hören wollte als auf die eigene Stimme.

Ich will es nicht, ich will keinen anderen Menschen neben mir, ich will keinem gut sein, ich will keinen küssen, ich will keine Geständnisse anhören, keine bösen Familienszenen, keine romantischen Liebesgeschichten ... ich will nicht. Ich will mit niemand gehen, allein sein, allein bleiben für alle Zeit. – Nun war Franziska zufrieden, sie war ruhig, sie glaubte es zu sein. Aber sie hörte das Knistern von Henriettes Feder, welche die Schulaufgaben korrigierte. Das hätte sie an einem anderen Tag nicht gehört. Sie sah das Licht aus dem anderen Zimmer herüberschimmern, das hätten ihre Augen sonst nicht gesehen.

Nun stand Henriette leise auf, durch den Spalt der Tür drängte sich plötzlich ein schmaler Streifen Licht und blendete. Eine kleine Lampe, dachte Franzi, aber sie blendet doch, wenn einer ganz im Finstern ist.

Und sie sah die Lampe in ihrem Abteil auf der Heimreise von Prag, sah die Constanza ihr vom Bahnsteig zuwinken, sah Erwins tiefen Blick an ihr vorübergleiten.

Im selben Augenblick kam der Schlaf, legte seine schweren Schwingen über ihre Augen, die nun nicht mehr über das plötzliche und doch seit vielen Stunden erwartete, das heiß ersehnte und doch nur mit Mühe allen Verstandeskräften abgerungene Gefühl ihrer Liebe staunen konnten. Franziska konnte nicht mehr staunen, sich nicht mehr freuen, oder doch nur im Traum, der ihr von weitem entgegenrollte und dessen Faden ihr ohne Aufhören wieder entglitt, so sehr sie sich auch mühte, ihn festzuhalten als den ersten Traum einer innerlich befreiten, vertrauend an andere hingegebenen Seele.

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