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Franziska

: Franziska - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/weiss/franzisk/franzisk.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweiter Teil

1

Mit siebzehn Jahren hatte Erwin seinen Vater plötzlich verloren. Der etwa fünfundvierzig Jahre alte Mann hatte sich, während der Sohn in seiner Mechanikerwerkstatt arbeitete, mit einem katastrophal wirkenden Gift getötet.

Er ließ seinen Sohn zurück als einen am Leben verzweifelnden Menschen, der mit seinen siebzehn Jahren ebenso fertig war wie der Vater mit seinen fünfundvierzig. Aber der Sohn überlebte den ersten schrecklichen Tag, und damit überlebte er gleichsam sich selbst. Etwas in ihm raffte sich auf, sprach, suchte Speise und Trank, unterschrieb Formulare und Protokolle, hielt die Kleider in Ordnung, packte die Koffer, rechnete und kassierte Restgehalt und kleine Schulden ein und dachte mit stummer Entschlossenheit an eine Abreise aus der kleinen Stadt, die ihm noch wie eine Todesdrohung erschien. – Nach zwei Monaten hatte er die Stadt verlassen. Er kam nach Berlin. In der ungeheuren Bewegung des Berlins von 1910 hoffte Erwin zu vergessen. Er vergaß nicht, aber das fürchterliche Erlebnis wurde ihm nach und nach Vergangenheit, es blieb stehen, jeder Tag aber erneute sich. Erwin hörte auf, darüber nachzugrübeln, ob ein kindisches Wort von ihm am Abend vorher der Anlaß zu seines Vaters Tod gewesen sei. Er begriff die Notwendigkeit, allein zu sein. Nur im Traum war es ihm, als müsse er nach seiner Heimatstadt zurückkehren, um dort seinen Vater wiederzufinden, eine schwarze Aktentasche in der Hand, in der sich die Formulare für die Versicherungsverträge befanden, und jenes bittende, etwas hilflose Lächeln um die blassen Lippen, das ihn noch im Tode nicht verlassen hatte.

Erwin arbeitete in der Fabrik, in der Apparate für drahtlose Telegraphie erzeugt wurden. Wenn er an seinem blechbeschlagenen Tische stand, dessen rechte Ecke er mit einem Blatt weißen Papiers bespannt hatte, um darauf zu zeichnen, wenn er sich über diesen Tisch beugte, war er ruhig, und manchmal sagte er sich, daß sein Leben erträglich sei. Er war von zufriedenem Menschen umgeben. Die meisten Arbeiter hatten Frau und Kinder; eine kleine Wohnung im Norden oder Osten der Stadt wartete nach neun Arbeitsstunden auf sie, erschien ihnen stets rein, wurde still in Ordnung gebracht, war kühl im Sommer, warm im Winter. Das Bett hatte nur den einen Fehler, daß es zu gut und zu weich war und am Morgen das Verlassen so schwer machte. Für Krankheiten, für Betriebsunfälle war vorgesorgt, und wenn die Kinder wieder ihrerseits ins Verdienen kamen, durften sich die Eltern eine kleine Parzelle in einer Laubenkolonie leisten, wo sie Gemüse, anspruchslose Blumen und Obstbäume pflanzen und sich aus Kistendeckeln gemütliche Hütten zimmern konnten. Die dünnen Wände waren mit interessanten Bildern geschmückt, welche die Kinder oder Enkel aus den illustrierten Zeitungen ausgeschnitten hatten, wenn es draußen regnete.

Erwin hatte eine tiefere Bildung als die meisten seiner Kollegen. Sein Vater hatte ihn vier Klassen der Mittelschule absolvieren lassen, dann fand das Studium ein plötzliches Ende. Das war der tiefste Kummer, den er dem Sohne bereitet hatte. Erwin, der sonst keinen beneidete, beneidete die Gymnasiasten um ihre Schulbücher, die sie, in schwarze Wachsleinwand eingepackt, unter dem Arm trugen, er beneidete sie darum, daß sie auf den unbequemen, niedrigen Schulbänken sitzen konnten, daß jede ihrer schriftlichen Arbeiten gelesen und von gebildeten Menschen in schwarzen Gehröcken und mit goldener Brille zu Hause gründlich geprüft wurde, während er selbst einem schmierigen Mechaniker gehorchen mußte, dessen Gesicht und Jackett von Ruß und Öl starrten, der kaum lesen konnte und dessen Kenntnisse nur soweit gingen, als es der Mechanismus der altmodischen Fahrräder und klapprigen, ausgedienten Automobile verlangte, die ihm zur Reparatur übergeben wurden. – In Berlin wurde der Kreis der technischen Welt weiter, und Erwins Interesse, das kein anderes Gebiet kannte, steigerte sich mit jedem Tag. Sport trieb er nicht, Theater langweilte ihn, Romane waren ihm zu schwer, Gesellschaft hatte er nicht, Liebe kannte er nicht. Nach Feierabend las er populäre Werke über Physik, machte Fortbildungskurse durch, fuhr abends in einen Vortragssaal, der, neugebaut, mit nach Kalk riechenden Wänden, bis in die letzte Ecke von dem harten Licht der grellen Bogenlampen erfüllt war, während vorn, ganz klein, vor einer gigantischen schwarzen Tafel ein dicker, untersetzter Dozent mit dünner Stimme einen Vortrag über die Hertzschen Wellen hielt. – Wenn Erwin dann spät heimkehrte durch das halbe Dunkel weiter, öder Straßen, die trotz der vielen Menschen lautlos und gedrückt waren, sah er lebendige Zahlen und meßbare Größen vor sich, kupferne Drähte zogen sich dahin, um Isolatoren aus Porzellan gespannt, Kontakte schlossen sich. Metallsand sinterte zusammen, Selen leuchtete auf im elektrischen Kraftfeld, der Nebenkreis in den Bogenlampen sandte Strahlen aus von unbekannter Art, eine unsichtbare Welle ging von den kleinen, schweren Akkumulatoren aus, strömte in gemessenen Rhythmen mächtig ins Weite, irgendwohin, irgendeiner schwesterlichen Welle entgegen, in ein anderes Land – bis in einen fremden Erdteil –, ja, bis zu einem Stern, der oben in der Luft hoch über den Dächern schwebte und sonst unerreichbar war wie die Toten oder die noch Ungeborenen.

Oft war Erwin einer Erfindung nahe. Aber am nächsten Tage brachte sie der Dozent mit seiner dünnen Stimme als etwas Uraltes, längst Anerkanntes vor, und Erwin war stolz und traurig zugleich.

Wenn er auf dem Heimweg seine Ideen in ein kleines Notizbuch eintrug, hielten ihn die älteren Menschen für einen Ratenagenten, die jüngeren für einen Journalisten oder für einen Detektiv, der sich Adressen notierte.

Erwins einziges Ziel war eine Erfindung, aber nicht eine, die ihn berühmt machte, sondern eine, die viel Geld brachte – er wollte antiquarische Schulbücher kaufen, Reißzeuge, Lineale, Lexika und alles andere, das die humanistische Schule verlangte, und wollte zu Ende studieren. Wenn er sich nach etwas sehnte, war es immer noch die Schule, nach der er sich zurücksehnte. Selbst jetzt sehnte er sich nach dem dreizehnjährigen Erwin zurück, der noch einen Knabenanzug trug, er hätte um alles in der Welt noch einmal an seiner Stelle sein mögen, um im Scheine gelber, zischender Auerlampen auf einer niedrigen Schulbank zu sitzen und vor dem alten Professor zu zittern, der die Schulhefte verteilte.

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