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Franziska

: Franziska - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/weiss/franzisk/franzisk.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleFranziska
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume785
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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9

»Gut, gut«, sagte die Constanza nach einer kleinen Stille. »Kommen Sie doch mit uns.« Sie hüllte sich in den feinen, weißen, spanischen Schal, der mit unzähligen Fransen an ihrer königlichen Gestalt herabfloß. Draußen erwartete sie das Auto, das vibrierte wie ein lebendiges Wesen.

»Wann reisen Sie?« fragte die Constanza.

»Um elf fünfunddreißig Nordwestbahn, gnädige Frau«, sagte Franzi.

Einar zog seine Uhr, eine goldene Kavalieruhr, die er an einem roten Lederkettchen trug.

»Wir haben nur noch eine Dreiviertelstunde Zeit«, sagte er bedauernd, obwohl es eigentlich nichts zu bedauern gab; aber er war der höflichste Mensch unter der Sonne.

Die Constanza nestelte ihr kleines Maiglöckchensträußchen an dem Schal fest und dachte nach.

»Um Himmels willen«, fing sie plötzlich an, »wo haben wir unsere Blumen?«

»Ich bitte um Verzeihung«, sagte Einar, »ich habe sie aus dem Künstlerzimmer ins Majestic bringen lassen, es waren ihrer so viele. Ich habe sie in einen Wagen geladen. Nun werden die Leute im Hotel den Wagenschlag aufreißen und die Constanza unter den Blumen suchen.«

»Ja, ja«, sagte die Constanza besänftigt, »unser Einar ist brav, er denkt an alles.« Sie gab ihm die Hand, die er andächtig küßte.

»Wie gut sie doch ist«, dachte Einar. »Ich fühle, sie hat nie einen Menschen so geliebt wie mich.« Im Gefühl seines Glückes wandte er sich an Franziska:

»Wir müssen Ihnen ganz besonders danken, denn Sie haben uns nach unserem Konzert noch ein eigenes Konzert vorgespielt.«

»Ach, sei ruhig, Einar«, sagte die Constanza, »erstens war es kein Konzert, sondern eine Sonate, und das ist derselbe Unterschied wie zwischen einem schönen Mann im schwarzen Frack und einem wirklichen Musikanten, und zweitens laß das Mädchen überhaupt in Ruhe, sie kann etwas, und gerade diese Sonate spielt ihr sobald keiner nach. Keiner! sage ich ausdrücklich, auch Rosenthal nicht.«

Franziska lächelte ganz fein, und es war dunkel, aber die Constanza bemerkte es doch.

»Bilden Sie sich nur ja nichts ein«, sagte sie, »der Rosenthal will eben nicht Beethoven spielen, das ist alles. Die Leute, die das heute noch spielen können, die wollen es nicht spielen. Na, ja, eigentlich haben sie recht, sie können es im Grunde doch nicht. Der letzte, der es konnte, war der Rubinstein. (Sie sagte R-u-b-i-n-st-a-i-n.) Und warum kann das heute keiner mehr? Weil alle in den Konservatorien systematisch verdorben werden. Wer war denn Ihr Lehrer, Fräulein?«

»Heinrich Torvenius.«

»Torvenius? Das ist doch ein Lehrer für lateinische Sprache, nicht? Das ist auch etwas Rechtes. Aber gerade deshalb. Man kann auch bei einem Lateinlehrer was lernen. Ja, seht euch nur das Mädel an«, sagte sie zu Dagmar und Einar, die gegenübersaßen, »die kommt noch aus einer Gegend, wo es keine Kultur gibt und kein Konservatorium. Die ist noch unverdorben. Woher hätte sie denn auch sonst die Courage? Und das ist gut so, und«, zu Franzi gewendet, »sehen Sie, liebes Fräulein, ich, die Leonore Constanza, ich war zuerst Violinistin, und ich bin wegen vollständiger Unfähigkeit, Faulheit und absolut mangelnder Begabung für die Musik aus dem Konservatorium entlassen worden. Entlassen – na, seien wir ehrlich, herausgeworfen haben sie mich – und das war mein Glück, denn sonst hätte ich die Violinklasse mehr schlecht als recht absolviert und könnte jetzt irgendwo tief in Slawonien eine Damenkapelle dirigieren ... Ja, die Konservatorien, die sind vom Übel; die haben was auf dem Gewissen. Ja, sie sind eine leibhaftige Pest! Hab' ich nicht recht, Einar?«

Einar hatte die goldene Medaille des Pariser Konservatoriums und war ernstlich böse. »Liebe Ellenor«, sagte er mit der unhöflichsten Stimme, deren er fähig war, »ich kann mich nicht erinnern, daß du einmal unrecht gehabt hättest.« Das Automobil hielt vor dem Hotel Majestic.

»Sie kommen doch mit uns?« sagte die Constanza.

»Nein, ich danke«, flüsterte Franzi, die sich ihres dürftigen Kleides schämte.

»Und also! kommen Sie«, kommandierte die Constanza böse. »Nun läßt sie sich auch noch bitten«, dachte sie wütend. »Was denken sich eigentlich die jungen Leute? Sind Sie deshalb so stolz, weil sie noch nicht zwanzig Jahre alt sind? Was bilden sie sich eigentlich ein?« Zum Glück erinnerte sie sich ihrer eigenen Jugend, sie erinnerte sich der Tage nach ihrer gewaltsamen Entlassung aus dem Konservatorium. Sie war in den Straßen umhergeirrt, unfähig zu arbeiten, unfähig sich Ruhe zu gönnen, von dem einzigen Gedanken, der einzigen Frage getrieben, ob der Professor am Konservatorium recht habe oder nicht. Sie hätte am liebsten jeden Passanten auf der Straße, ja, sogar jedem Sicherheitswachmann vorgespielt, bloß um zu wissen, ob sie tatsächlich »bloß schlampert« oder schlampert und noch dazu hoffnungslos unbegabt war.

Einar zog beim Souper diskret die Uhr.

»Ja, es ist Zeit«, sagte die Constanza und verabschiedete sich. »Wir kommen ja in einem Augenblick wieder zurück.« Sie fuhren zur Bahn. Einar besorgte Franzi das Billett.

Die Constanza ging mit Franzi auf dem Bahnsteig hin und her. Die Schienenstränge glänzten im Licht der Bogenlampen, es roch nach Staub, nach Wartesälen, armen Leuten und Bier, nach Rauch, nach dem feuchten Holz der Schwellen. Elegante, langgliedrige Waggons standen verlassen da. Weiße Täfelchen: Prag-Verona-Mailand, Prag-Vlissingen-London.

» Verona, wie das klingt«, sagte Franzi.

»Ach was«, sagte die Constanza, die des Reisens herzlich müde war, »das sind nur Dummheiten. Arbeiten, sich nicht wegwerfen, das ist die Hauptsache. Sich und seine Siebensachen zusammenhalten. Vor allem aber arbeiten. Sie müssen jetzt erst anfangen zu arbeiten. Das wissen Sie doch? Genau so, als wenn Sie bis jetzt nie ein Klavier gesehen hätten, an jedem Tag von Grund aus beginnen. Um Himmels willen!« Sie trat erschreckt einen Schritt zurück. »Lassen Sie sich doch um Himmels willen nicht daran genug sein, daß ich Sie nicht herausgeworfen habe, sonst täte mir das ernstlich leid. Nein, im Ernst, das ist ja das schönste, was es gibt: arbeiten! Und leben? Man kann überall leben, überall glücklich sein, mit jedem, den Sie wollen.«

Einar kam und brachte das Billett. Dann verbeugte er sich, küßte der Constanza die Hand und ging wieder zu Dagmar zurück, die abseits wartete. Man konnte sich nichts Eleganteres und Anmutigeres denken als diese zwei blonden Menschen, dieses schöne Paar gleichartiger Menschen.

»Ja«, sagte die Constanza, indem sie Einar nachsah, »auch mit Herrn Johannsen kann man recht sehr glücklich sein, vorausgesetzt, daß man selbst etwas ist. Liebes Kind! nur unter der Bedingung, daß man selbst etwas kann, ob es nun die Wanderer-Phantasie ist oder Opus III von Beethoven; sich nicht vergeuden, sich nicht halbieren, sich ja nicht die Zeit einteilen zwischen der Kunst und dem Leben. Ich weiß schon, weshalb ich Ihnen das sage. Lieb sind Sie ja eigentlich nicht. Sie werden doch nie eine sympathische Mittelmäßigkeit sein. Was bleibt Ihnen denn da übrig? Alles der Kunst, und wenn was übrigbleibt – wenn es jemand nimmt, dann ist es gut, und wenn nicht – also. Wir sind alle miteinander beim besten Willen nur halbe Menschen – glauben Sie nur ja nicht, daß die Kunst mit einem gevierteilten Menschen auch noch zufrieden ist. O nein, weit gefehlt! Das reicht dann gerade für die Damenkapelle, und dafür sind Sie mir zu schade. Sie haben noch keinen Impresario, nicht wahr? In Ihrem Alter hatte ich auch noch keinen. So unverdorbene Menschen gibt es heute nicht mehr. Aber schreiben Sie Ihren Namen auf, ich werde meinem Impresario einen Wink geben. Er heißt Theodor Diemitz, ist jetzt in Amerika, wie immer, wenn man ihn brauchen könnte. Übrigens ist er ein ebenso ekelhafter wie ehrlicher Mensch. Seltener Charakter! Der wird wohl etwas für Sie tun. Sie werden ihm folgen. Ob er Ihnen ein Konzert in Sibirien oder in Danzig arrangiert, das ist ganz gleich. Sie müssen sich ihm anvertrauen. Man kann überall anfangen. Nur anfangen, das ist es. Schade, daß ich es nicht mehr kann. Aber ich bin ein bißchen zu alt. Wenigstens habe ich es vorhin bei Ihrer Sonate so gefühlt.«

Franziska wollte etwas entgegnen, aber die Constanza winkte ab.

Irgendwo in einem Winkel des großen Bahnhofes entstand plötzlich Tumult. Menschen liefen in dunklen Knäueln zusammen, man sah den lichten Nacken eines Mannes, der sich über die Schienenstränge neigte, ein Wachmann eilte herbei, seinen Säbel in der Hand, um nicht über ihn zu fallen. Aus der Ferne kam drohend das tiefe Signal einer Lokomotive.

Frau Constanza staunte, Franziska, tief in Gedanken, bemerkte nichts, Dagmar erschrak, sie schrie auf. Ihre Sängerinnenstimme dröhnte wie Metall durch die Halle. Aber schon kamen die Menschen zurück, der Wachmann ging an der Spitze und stützte einen Bahnarbeiter, der seinen linken Fuß nachzog. Alles war in Ordnung, die Menschen verliefen sich. Ruhig glitt der Zug in den Bahnhof. Dagmar war immer noch sehr blaß und zitterte. Sie hielt ein weißes Tuch vor den Mund. »Und nun?! Weshalb hast du geschrien?« sagte die Constanza. »Das wird deiner Stimme gut tun. Geh jetzt augenblicklich heim und lege einen Dunstumschlag aus Kamillen um den Hals. Oder bleib hier, mir ist es gleich.«

Sie wandte sich an Franziska. »Was soll denn noch aus Dagmar werden? Sie ist ja doch viel zu hübsch für ihre schwache Stimme. Schwach und eine Altstimme. Traurig aber wahr. Nein, ich kann das gar nicht verstehen. Sie muß doch wissen, daß ihr Organ schrecklich empfindlich ist. Dem Bahnarbeiter ist gar nichts geschehen. Wenn aber die gute Dagmar von dem Schreien im Nebel in der staubigen Luft hier heiser wird und auf drei Monate ihre Stimme verliert, da habe ich noch die Sorgen für sie. Und ich habe doch eigentlich Sorgen genug.«

Ein junger, blasser, ziemlich eleganter Mann ging an ihr vorbei und sah sie lange an. Seine großen, grauen, etwas zu mädchenhaft geschnittenen Augen fielen Franziska auf. Constanza war immer noch wütend. »Und der da? Was will denn das Bürschchen von uns? Noch bin ich nicht im Panoptikum. Was denken sich eigentlich die jungen Leute, wenn sie einen so anstarren? Oder gilt das vielleicht gar Ihnen?«

»Ich kenne keinen Menschen in Prag«, sagte Franziska. Aber in diesem Augenblick erinnerte sie sich, daß sie dieses Gesicht doch kannte. Es war Erwin.

Sie fand es sonderbar, Erwin hier zu begegnen. Aber im Grunde war gar nichts sonderbar, an solch einem Tag war alles möglich.

»Wollen Sie mir noch etwas sagen, mein Kind?« sagte die Constanza. »Ich denke, es ist jetzt Zeit. Wir sehen uns ja gelegentlich wieder. Die Welt ist klein ...«; sie lächelte. »Überall trifft man Bekannte ... ich habe übrigens nichts dagegen, wenn Sie mir schreiben, und zwar nach Neapel. Man kennt dort meinen Namen, besonders am Konservatorium. Und also: leben Sie wohl! Von Herrn Einar und von Dagmar müssen Sie sich nicht eigens verabschieden. Nun, ist alles in Ordnung? Wo ist denn der junge Mann, der Sie vorhin so angeschmachtet hat? Es würde mir leid tun, wenn ich Sie gestört hätte. Ach nein, es ist ja nur Scherz. Ich weiß ganz genau, daß Sie vorhin nicht gelogen haben. Ich kenne ganz genau Ihre Vergangenheit. Aus Ihrem Spiel hört unsereins so manches heraus. Ja, um darauf zurückzukommen, Ihr Spiel war mir eine sympathische Überraschung, es war mir in der Tat sehr interessant. Nein –« (mit einer letzten Überwindung) »es war schön und hat mich ganz ordentlich mitgenommen. Aber das ist nur der Anfang, nicht wahr? Dann adieu, und Gott mit Ihnen!«

Der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Die Constanza stand auf dem leeren, staubigen Perron und winkte mit Dagmars weißem Tuch.

Erwin war nicht zu sehen.

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