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Franz Sternbalds Wanderungen

Ludwig Tieck: Franz Sternbalds Wanderungen - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleFranz Sternbalds Wanderungen
pages699-986
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1798
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Fünftes Kapitel

Am folgenden Morgen stand der junge Maler früh auf und durchstreifte die Säle des Schlosses. Er stand vor dem Bilde eines Mannes still, das ihm bekannt schien, der Abgebildete war in Rittertracht und das Gesicht desselben hatte einen anmutigen Ausdruck. Indem er noch sann, kam Rudolph zu ihm, welcher ihn aufsuchte, um auf einige Tage Abschied von ihm zu nehmen, weil er mit seinem dichterischen Vetter eine Reise in das Land tun wollte, um andre, noch entferntere Anverwandte zu besuchen. Franz machte ihn auf das Bild aufmerksam, und glaubte nach längerer Betrachtung jenen Mönch wiederzuerkennen, welcher ihn so angezogen hatte, doch Rudolph eilte nach seiner leichtsinnigen Art über diese scheinbare Entdeckung weg, und zog ihn zum Frühstück, nach welchem er sogleich abreisen wollte.

Franz trennte sich ungern von ihm, weil er sich im weitläuftigen Hause unter so vielen Menschen ohne ihn einsam fühlte. Die Gräfin ließ ihn rufen, um ihr Bild anzufangen. Sie war in einem leichten, reizenden Morgenkleide und kam ihm mit der lieblichsten Freundlichkeit entgegen. »Ich habe Euch darum so früh rufen lassen«, fing sie an, »weil ich wünsche, daß Ihr mein Bild, welches Ihr für mich malen wollt, mit der größten Lust ausführtet; ich habe aber immer geglaubt, daß auf die Kleidung, ihre Form und Farbe vieles ankomme, und darum will ich mit Euch wählen, welche Ihr mir am zuträglichsten haltet. Ihr, als Maler, müßt das am besten verstehn, und die Weiber, welche gefallen wollen, sollten die Künstler öfter zu Rate ziehn.«

Sie ging mit ihm in ein anstoßendes Zimmer, dessen Fenster von außen mit grünen verschränkten Zweigen bekleidet waren, und ein dämmerndes Licht, wie in einer traulichen Kapelle bildeten; hier erschien die Gräfin in ihren leichten und anmutigen Bewegungen noch reizender. Es waren Kleider von verschiedenen Farben ausgebreitet, Franz wählte ein grünes von Sammet, dessen Ausschnitte mit Gold reich und prachtvoll geschmückt waren; er entfernte sich wieder in den Saal, und nach wenigen Minuten stand sie vor ihm, das grüne Gewand weit und anmutig um sie fließend, Ärmel, Saum und Busen von Golde glänzend, und auf den schweren niederhängenden Locken ein goldenes Netz, das halb das Haupt von einer Seite nur bedeckte, mit grünem Bande, wie mit Laub durchzogen. Sie nahte ihm lächelnd, und Franz fühlte in diesem Augenblicke, welche wunderbare Macht die Schönheit über das Herz ausüben könne, denn eine plötzliche Entzückung traf ihn wie ein Blitz, und er fühlte sich wie ohnmächtig. Noch bestimmter glaubte er die Unbekannte in diesem Schmucke vor sich zu sehn. Er mußte sich mit ihr vor einen großen Spiegel stellen, und er meinte in ein Zauberreich hineinzuschauen, als ihn im Spiegel die edle Gestalt mit den leuchtenden Augen und frischen Lippen schalkhaft und vertraulich anlächelte. »Nun«, sagte sie, indem sie sich in einen Sessel warf, und den entblößten runden Arm mit seinem weißen Glanze auf seiner Schulter ruhen ließ – »wie findet Ihr mich so?« Sternbald konnte erst keine Antwort auf diese Frage finden, endlich sagte er: »Glaubt mir nur, schönste Frau, daß ich noch nie geschmeichelt habe, aber wie der, der plötzlich zum erstenmal die schönste Musik in seinem Leben hörte, nicht gleich würde sagen können, wie und warum sie ihn entzückte, und welche Töne ihn am meisten hinrissen, so ist es mir bei Eurem Anblick: ich bin zu sehr von diesem Glanz überschüttet und geblendet, um wissen zu können, wann Ihr am schönsten seid.«

Die Gräfin wurde still und nachdenkend, sie ließ den reizenden Arm herunterfallen und sah vor sich hin, so daß die langen finstern Augenwimpern die feinen Wangen beschatteten. »Warum nur«, sagte sie endlich, »immer wieder diese Freude an solchem Worte, und warum erschüttert es fast die Seele, wenn es so ernst und eindringlich gesprochen wird? Ich muß und will Euch glauben, daß Ihr nicht lügt – und doch – auch die Schönheit ist Lüge, Täuschung, Traum; sie flieht wie der Frühling, wie der Gesang, wie die Liebe, und nichts ist beständig, als diese unglückselige Unbeständigkeit.« Mit einem tiefen Seufzer entfernte sie sich, sie sang drinnen einige wehmütige Töne, und kam in einem schwarzen Atlaskleide zurück, indem noch ein Tränchen, wie eine Perle, in den langen Wimpern hing. Goldene Spangen umschlossen den Arm, Perlen glänzten auf dem weißen Halse, und goldene Ketten wiegten sich auf dem Busen. »Ich bin sehr ernst«, sagte sie, »und will nicht Euer Lob und Eure Bewunderung; zeichnet jetzt, bei der ersten Anlage des Bildes kommt es auch nicht so sehr darauf an, wie ich gekleidet bin.« Der Maler machte sich an die Arbeit. Der Ausdruck ihres schönen Angesichtes war jetzt ein sehnsüchtig schwermütiger. Indem er zeichnete, sah sie ihn oft lange stumm und bedeutend an, als wenn sie mit der Seele verlorenen Erinnerungen nachginge. Ihm wurde ängstlich zu Sinne, seine Hand irrte oft, und er war endlich froh, als die Sitzung geendigt war. »Morgen«, sagte die Gräfin, »wollen wir heiterer sein«, indem sie ihm die Hand zum Kusse reichte.

Am andern Morgen fand er die Gräfin auf einem Ruhebette in Tränen aufgelöst, ein dunkler Purpur umhüllte den schönen Leib, die reichen und lockigen Haare schwellten in lieblicher Verwirrung auf Nacken, Brust und Schultern: der junge Maler glaubte sie noch nie so schön gesehn zu haben, er war von dem Anblicke entzückt, aber doch von ihren Schmerzen innigst bewegt. Ein junges Mädchen saß neben ihr, die eine Laute in Händen hatte, worauf sie eben gespielt zu haben schien. Die Gräfin setzte sich aufrecht, strich ihr schweres Haar etwas zurück, und ließ das holdseligste Lächeln durch die weinenden Mienen scheinen. »Vergebt mir«, sagte sie, »meine Trauer, wodurch ich Eure Arbeit erschweren werde; es ist überhaupt wohl kindisch, daß ich dieses Bild wünsche, um mich daran zu erfreuen, mich sollte gar nichts mehr freuen, denn mein Leben ist verloren, und doch geben wir auch im höchsten Leid unser Herz immer wieder dem törichten Spiel der Lust, dem lügenden Trost, der gaukelnden Hoffnung hin, und vergessen, daß nur in des Schmerzes tiefster Innigkeit für uns die wehmütige Freude, der Himmel der ewigen Tränen wohnt.«

»Wie in Euch das Leid erscheint«, sagte Sternbald, »ist es etwas so Herrliches, daß ich mir wohl vorstellen kann, viele möchten wünschen, Euch diesen Zauber nachspielen zu können, und ich erlebe jetzt, was ich keinem Dichter geglaubt haben würde, daß die Schönheit alles in Schönheit verwandelt, und daß aus Tränen und Weh der Reiz so süß hervorblicken kann, als aus dem schalkhaften Glanze der Augen.«

»Ihr malt!« rief die Gräfin scherzhaft auffahrend, »ich fürchte, meine Gegenwart verdirbt Euch, da Ihr mit jedem Tage schlimmer schmeicheln lernt.« Indem Sternbald arbeitete, sagte sie nach einer Pause: »Singe jetzt, Kind, eins von den Liedern, die du kennst.« »Welches?« fragte das junge Mädchen. »Was dir zuerst einfällt«, sagte die Gräfin, »nur nichts Schweres, etwas Leichtes, Schwebendes, das nur in Tönen lebt.«

Das Mädchen sang mit zarter Stimme:

        »Laue Lüfte
        Spielen lind,
        Blumendüfte
        Trägt der Wind,
Rötlich sich die Bäume kräuseln,
        Lieblich Wähnen
        Zärtlich Sehnen
In den Wipfeln, abwärts durch die Blätter säuseln.

        Rufst du mich,
    Süßes Klingen?
    Ach! geheimnisvolles Singen,
    Bist nicht fremd, ich kenne dich!
        Wie die Tauben
    Zärtlich lachen, girren, kosen,
    Also mir im bangen Herzen
    Schlagen Fittge Lust und Schmerzen;
    Zu den dunkeln Dämmerlauben,
    Zu den Blumenbeeten, Rosen
    Wandl' ich, ruf ich, schau umher –
    Und die ganze Welt ist leer.

        In die dichte Einsamkeit
    Trag ich meiner Tränen Brand;
    Ach! kein Baum tut mir bekannt,
    Setz mich an des Bronnens Rand:
    Vogel wild die Töne schreit,
        Echo hallt,
    Hirschlein springt im dunkeln Wald.

        Und es braust herauf, herunter,
    Waldstrom klingt durch seine Klüfte,
    Seine jungen Wellen springen
    Auf den Felsenstufen munter,
    Adler schwingt sich durch die Lüfte: –
    Tränen, Rufen, Klagen, Singen,
    Könnt ihn nicht zurück mir zwingen?
        Garten, Berge, Wälder weit
        Sind mir Grab und Einsamkeit.«

Während des Liedes schien es dem Maler, als wenn eine Verklärung mit süßem Glanz durch alle Adern des Angesichtes sich verbreite und wie ein Licht aus der schönen Stirn hervordringe; alle Züge wurden noch sanfter und sinniger, er fühlte sich von dieser ausströmenden Klarheit wie geblendet. Aber die Töne gaben ihm Ruhe und Heiterkeit, er konnte mit Sicherheit arbeiten, indem die Schöne das Lied noch einigemal wiederholen ließ.

»Nun laßt des Malens für heute genug sein«, rief die Gräfin plötzlich, »es ermüdet nichts so sehr, als dieses starre Vor-sich-Hinblicken, ohne Gedanken und Unterhaltung. Kommt, mein junger Freund, und erzählt mir etwas von Euch, von Eurem Leben, von Euren Reisen, und daß es ja nur recht wichtig und lustig ist.«

Sternbalds Verlegenheit wurde erneuert, er fing an von Dürer, Sebastian und Nürnberg zu sprechen, dann von Florestan und ihrer Reise, und mühte sich ab, so erheiternde Gegenstände aufzufinden, als ihm seine Phantasie nur darbieten wollte. Die Gräfin hörte ihm freundlich zu, und nach einiger Zeit sandte sie die Sängerin mit einem Auftrage fort. »Wenn es Euch gefällt«, sagte sie, »wieder an die Arbeit zu gehen, werdet Ihr mich erfreuen, denn ich bin heut in der Stimmung, recht geduldig zu sitzen.« Franz fing wieder an zu malen, und bald ließen sich vom Garten herauf Waldhörner mit muntern und sehnsüchtigen Melodieen abwechselnd vernehmen. Sie wurde sehr nachdenkend, und verfiel nach einiger Zeit wieder in ihre erste Trauer. »Wie glücklich«, dachte Franz bei sich selbst, »sind doch die Reichen, daß Kunst und edler Genuß sie immerdar umgeben kann, daß ihr Leben sich in ein anmutiges Spiel verwandelt, daß sie das Antlitz der Not und die strenge drohende Miene des Lebens nur von Hörensagen und aus Erzählungen kennen: immer umduftet und umlacht sie ein heiterer Frühling; und das ist es auch wohl, warum die Sterblichen nach Schätzen geizen, und atemlos aber unermüdet der blinden Glücksgöttin nachrennen, um diese irdische Seligkeit zu erschaffen, obgleich die meisten nachher zu vergessen scheinen, weshalb sie ausgegangen waren.« Indem er wieder von der Arbeit aufsah, fand er die schöne Gestalt in Schmerzen aufgelöst; sie winkte ihm, zu endigen, er stand auf und verbeugte sich, aber als er in der Türe war, rief sie ihn zurück: »Kommt morgen um diese Zeit wieder«, sprach sie und reichte ihm freundlich die Hand, »aber das Bild wird nicht gelingen, denn niemals kann ich wieder fröhlich sein, in diesen Tränen und Klagen werdet Ihr mich immer finden.«

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